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Vorwort von Ken Wilber zu
Andrew Cohens Buch „Erleuchtet Leben”


Wenn es um spirituelle Lehrer geht, dann gibt es solche, die vorsichtig sind, liebenswürdig, tröstend, besänftigend, fürsorglich. Und es gibt Outlaws, quasi „Geächtete” also, lebendige Unruhestifter, die groben Burschen und garstigen Frauen der Gottverwirklichung, die Männer und Frauen, die dir geradewegs ins Gesicht schauen, dich beunruhigen, dir Angst machenbis du schließlich dafür erwachst, wer und was du wirklich bist.
Und wenn ich das vorschlagen darf: Wähle deine Lehrer sorgfältig aus.

Falls du Ermutigung möchtest, ein freundliches Lächeln, Streicheleinheiten fürs Ego, sanfte Liebkosungen deiner sich ichhaft verspannenden Lebensweisen, Schulterklopfen und süße Trostworte, dann finde einen netten Kerl oder ein freundliches Mädchen, halte ihre Hand auf dem lieblichen Weg der Stressminderung und der Ich-Bequemlichkeit. Falls du jedoch Erleuchtung suchst, falls du aufwachen willst, falls du bereit bist, im Feuer der leidenschaftlichen Unendlichkeit geröstet zu werden, dann, so sage ich dir: Finde einen groben Burschen oder ein garstiges Weib, jemanden, in dessen Gegenwart dir ungemütlich wird, der dir einen verrückten Schrecken einjagt, der dich jederzeit aus heiterem Himmel öffentlich blamiert, der dich wünschen lässt, nie geboren worden zu sein, der dir nicht süßen Komfort bietet, sondern elende Furcht, keinen Trost-Süßstoff, sondern brennende Angstdenn dann, nur dann, bist du vielleicht wirklich auf dem Weg zu deinem eigenen ursprünglichen Gesicht.

Die meisten von uns, vermute ich, ziehen es vor, wenn unsere spirituellen Lehrer zur Kategorie der netten Kerle gehören. Weich, tröstlich, nicht bedrohlich, eine Quelle der Hilfe und des Beistands für eine abgekämpfte und müde Seele, ein sicherer Hafen im Sturm des Samsara. Dagegen spricht natürlich gar nichts; Spiritualität gibt es in so vielen Geschmacksrichtungen, und ich habe selbst etliche wirklich nette Kerle kennen gelernt. Wenn deine Geschmacksrichtung aber zur Erleuchtung tendiert statt zum Trost, falls sie sich von tröstlichen Träumen zum tatsächlichen Aufwachen verändert, falls sie auf eine Gott-Erfahrung hin rumpelt und nicht nach Verfestigung des Ego sucht, dann erfordert das einen brutalen, schockierenden Tod: tatsächlich einen Tod deines getrennten Selbst, eine schmerzliche, fürchterliche, beängstigende Auflösungeine wundersame Auslöschung, der du wirklich beiwohnen kann, während du dich in die grenzenlose, formlose und radikale Wahrheit ausdehnst, welche jede deiner Zellen durchdringt, dein ganzes Wesen bis zum Kern überflutet und das ausweitet, was du für dein Selbst gehalten hast, bis es die fernen Galaxien umfasst. Denn nur auf der anderen Seite dieses Todes ist Geist; nur auf der anderen Seite des geopferten Ego liegt das Gute und Wahre und Schöne. „Du wirst zur rechten Zeit erkennen, dass deine wahre Herrlichkeit dort ist, wo du aufhörst zu existieren”, erinnerte uns der strahlende Sri Ramana Maharshi immer. Deine wahre Herrlichkeit befindet sich auf der anderen Seite deines Todes, und wer wird dir das zeigen?

Nicht die netten Jungs und nicht die guten Mädchen. Sie möchten deine Gefühle nicht verletzen. Sie wollen dich nicht beunruhigen. Sie sind hier, um dir süße Nichtigkeiten in dein Ohr zu flüstern und dir Trostpreise in die ausgestreckten Hände der Ich-Verspannung zu geben und Balsam für ein kriegsmüdes Ego sowie Techniken, es wieder in seinem ständigen Kampf mit der Welt des Andersseins, der Spaltung, aufzubauen. In gewisser Weise ist es sehr leicht, ein Lehrer der Kategorie netter Kerl zu sein: kein Durcheinander, kein Wirbel, kein Ringen mit dem Widerstand des Ego und keine erschöpfende Konfrontation. Sei nett zum Ego, klopfe ihm auf die Schulter, lass es die Atemzüge zählen und ein paar Mantras summen.

Grobe Burschen wissen es besser. Sie sind nicht hier, um zu trösten, sondern um zu erschüttern, nicht um es uns bequem zu machen, sondern um zu zerstören. Sie sind kompromisslos, brutal, wie ein Laser. Sie konfrontieren dich so lange, bis du dein ursprüngliches Gesicht erkennstso lange lassen sie einfach nicht locker, sie lassen dich einfach so lange nicht los, bis du losgelassen hastradikal, vollständig, umfassend, ohne zu zögern. Ihr Leben ist voll Mitgefühlechtes Mitgefühl, kein idiotisches Mitgefühl, und echtes Mitgefühl benutzt häufiger ein Schwert als eine Süßigkeit. Sie greifen das Ego von Grund auf an (und der Angriff ist umso heftiger, je größer das Ego). Sie leben als Wahrheit und überall begegnen ihnen Egos, aber sie bleiben kompromisslos bei der Wahrheit.

Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, pflegte zu sagen, dass keiner zum Therapeuten kommt, damit es ihm besser geht (obwohl die Menschen das immer sagen). In Wahrheit kommen sie, um ihre Neurose zu vervollkommnen. Genauso kommt keiner zum spirituellen Lehrer, um Erleuchtung zu erlangen (obwohl alle behaupten, das zu tun). Vielmehr kommen sie zu einem spirituellen Lehrer, um subtilere und intelligentere Egospiele zu erlernenhier also das Spiel „Schau doch mal, wie toll spirituell ich bin.”
Was ist es denn schließlich, was dich zu einem spirituellen Lehrer bringt? Es ist nicht der Spirit, der Geist in dir, denn der ist ja schon erleuchtet und braucht nach nichts zu suchen. Nein, es ist das Ego in dir, das dich zu einem Lehrer bringt. Du möchtest dich in der Gegenwart des spirituellen Spiels erleben, du möchtest dir morgen als einem erwachten Wesen begegnen. Einfach gesagt: Du möchtest, dass dein Ego bis in ein spirituelles Paradies hinein weiter besteht.

Was soll ein armer Lehrer machen, wenn er es mit solch gerissenen Egospielchen zu tun hat? Jeder, der zu einem spirituellen Lehrer kommt, wird vom Ego her motiviert. Und Lehrer haben zwei Möglichkeiten, um mit diesem Ansturm eines gespaltenen Bewusstseins, mit dieser Ansammlung innerer Widersprüchlichkeiten umzugehen: Sie können fürs Publikum spielen oder das gesamte Theatergebäude in die Luft jagen.

Andrew Cohen ist ein grober Bursche. Er ist nicht dazu da, Bequemlichkeit anzubieten. Er ist hier, um dich in ein paar tausend Stücke zu zerreißendamit die Unendlichkeit dich wieder zusammensetzen kann, damit Freiheit an die Stelle von Gefangensein tritt, damit die Fülle die Angst überstrahlt. Und das passiert einfach nicht, falls du nur Trost suchst, lindernde Gebete, störungsfreie



Plattitüden wie „Es wird schon alles gut werden.” Falls du nach Erleuchtung suchst, wird es nämlich keineswegs gut werden. Es wird vielmehr die Hölle sein, und nur grobe Burschen sind grob genug, dir das auch vorher zu sagen und dir auch zu zeigen, dass dufalls du die Grobheit überhaupt aushältstim Feuer bleiben kannst, so sauber verbrennst wie die Unendlichkeit und wie die Sterne strahlst.
Jeder tief erleuchtete Lehrer, den ich kennen gelernt habe, war ein grober Bursche oder ein garstiges Weibsbild. Die ersten groben Kerle waren natürlich die großen Zen-Meister, die, wenn sie wieder einem Ego gegenüberstanden, das behauptete, Erleuchtung zu wollen, einen großen Stock nahmen und dem Aspiranten geradewegs zwischen die Augen schlugen. Und das war nur der Anfang, das war leicht; die Dinge wurden schnell schlimmer. Aber am anderen Ende dieser Brutalität lag die allgegenwärtige Selbstverwirklichung, ein erschreckender, erschütternder Tod des Ichs und die strahlende Wiederauferstehung des unendliches Geistes als deines wahren eigenen Wesenssolange du mit der Hitze dabei fertig werden konntest. Grobe Burschen nehmen dich auf die übelste Weise ran, sie atmen Feuer, essen glühende Kohlen, machen dir Feuer unterm Hintern und braten dein Ego, bevor du noch weißt, wie dir geschieht. Sie lösen deine verspannte Ich-Angst auf und brennen deine gut angelegten Verteidigungsmechanismen niedersolange du mit der Hitze dabei klar kommst.

Ich habe oft gehört, das Lehrer der Kategorie nette Kerle sagen, dass Andrew Cohen grob ist, und ich denke mir dann dabei: „Du kennst nicht einmal die Hälfte.” Ich habe oft gehört, dass Menschen sagen, Andrew ist schwierig, verletzend, kantig, und ich denke: „Gott sei Dank.” Praktisch jede Kritik, die ich über Andrew gehört habe, ist eine Variation von „Aber er ist doch ein ziemlich grober Klotz, oder etwa nicht?” Und ich lächle dann über mein ganzes Gesicht. Wenn es die groben Burschen und garstigen Frauen der Gott-Erfahrung nicht gäbe, wäre der Geist ein seltener Gast in diesem merkwürdigen Land.

Andrews Magazin What Is Enlightenment? zum Beispiel ist die einzige Publikation, die ich kenne, die tiefgreifend, wahrhaftig und empörend grob ist. Das heißt, es ist das einzige Magazin, das harte Fragen stellt, das heilige Kühe schlachtet und sich mit der Wahrheit auseinandersetzt, ohne sich um die Folgen zu kümmern. Es bringt gerade jene Grobheit zum Ausdruck, die notwendig ist, um die ichbezogene Selbstzufriedenheit zu erschüttern, eine Ich-Zufriedenheit, die so krank und fett ist, so widerlich, erstickend, in ihrer eigenen Selbstgefälligkeit ertrinkend. Es ist schon ganz okay, wenn du dich von Andrew angegriffen und verletzt fühlst: Er ist tatsächlich verdammt grob.

Wirst du diese Hitze aushalten? Oder möchtest du lieber weichere und trostreichere Wort, mehr Bequemlichkeit, mehr Trostpreise anstatt einer Erleuchtung, die sich dir beständig entziehen wird? Möchtest du, dass man dir auf die Schulter klopft, oder bist du bereit, abgezogen und gebraten zu werden? Darf ich etwas vorschlagen? Falls du die Hitze aushältst, wirst du tatsächlich dazu gelangen zu erkennen, dass deine wahre Herrlichkeit dort ist, wo du aufhörst zu existieren, wo sich alle Ich-Verspannung im weiten Raum des All-Raums entspannt hat, wo dein gespaltenes Ich geröstet worden ist und durch eine leuchtende Unendlichkeit ersetzt worden ist, durch eine radikale Befreiung, die viel zu offensichtlich ist, als dass man sie sehen könnte, die viel zu einfach ist, als dass man daran glauben könnte, die viel zu nahe liegt, als dass sie erlangt werden könnte. Und dein wahres Selbst wird still aber sicher seine Gegenwart erklären, indem es ruhig das gesamte Universum umfängt und ganze Milchstraßen in sich aufnimmt.

Kurzum: Falls du bereit bist, dein ursprüngliches Gesicht zu erkennen, falls du fähig bist, inmitten eines rasenden Feuers zu stehen, das dein Herz schmilzt und für die Ewigkeit öffnet, dann bist du hier richtig. Auf den folgenden Seiten wirst du sehen, dass Andrew Cohen ist ein grober Klotz ist, der mit kompromissloser Integrität handelt, mit einer Integrität, die Mitgefühl für dein wahres Selbst hat und deinem Ego einen sehr großen Stock zeigt. Wenn du mit der Hitze klar kommst, dann gehe in die Küche deiner eigenen Seele, wo du nichts anderes als den strahlenden Gott des gesamten Kosmos finden wirst. Denn es ist der leuchtende Geist, der gerade jetzt aus deinen Augen schaut, der gerade jetzt mit deiner Zunge spricht, der die Worte hier auf dieser Seite liestgerade in diesem Augenblick. Dein wahres Selbst ist herrlicher, leuchtender Geist, in diesem und in jedem anderen Augenblick. Und es bedarf schon eines sehr, sehr groben Burschen, darauf hinzuweisen und dich damit so lange zu konfrontieren, bis du dein ursprüngliches Gesicht erkennst, das sogar hier und jetzt leuchtet.

Ken Wilber
Boulder, Colorado


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