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Schlecht geschriebenes New-Age-Zuckerwerk für die Seele oder warum ich „Die Prophezeiungen der Celestine” hasse


Eine Buchbesprechung von Kenneth Moyle
 


Buchbesprechung

Eine Untersuchung über die in Amerika populäre Spiritualität wäre unvollständig, würde man nicht wenigstens einen kurzen Blick auf das Phänomen von James Redfields absolutem Bestseller Die Prophezeiungen von Celestine werfen. Als wir unsere kritische Untersuchung zu diesem allgegenwärtigen New-Age-Roman vorbereiteten, stießen wir auf die folgende Rezension des freischaffenden Schriftstellers Kenneth Moyle. Sein beißender Kommentar wirft ein grelles Licht auf das, was vielleicht die Quintessenz einer zweifelhaften Vermählung von esoterischer Spiritualität und Populärkultur sein könnte.
Das ist kein Roman, den man mit leichter Hand zur Seite legt; man sollte ihn mit voller Wucht in die Ecke schmeißen.“

Das schrieb Dorothy Parker über ein Buch, an das sie sich nur deshalb erinnerte, weil es ihr so sehr zuwider war. Ich hätte mir gewünscht, ich wäre derjenige gewesen, der diese Worte gefunden hat, und wäre ich es gewesen, dann hätte ich es am liebsten über James Redfields Die Prophezeiungen von Celestine gesagt. Natürlich könnte man nun fragen, warum ich kostbare Zeit und Speicherplatz vergeude und darüber schreibe, wenn ich meine, daß das Buch ein so schrecklicher Schund ist (und das finde ich), und wenn es so absolut entbehrlich ist (und das finde ich auch). Der Grund ist, daß es ein wunderbar bemerkenswerter Schund ist: bemerkenswert hinsichtlich der Sinnlosigkeit seiner Prosa und Philosophie und auch wegen des Umstands, daß es trotz seiner unsagbaren Nichtigkeit zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung achtundneunzig Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times war (nur noch von seinem Nachfolgeroman Die zehnte Weissagung geschlagen). Wenn ein Roman, der in seiner Ideologie so verrückt und künstlerisch so platt ist, so phänomenal erfolgreich sein kann, ist es sicher gerechtfertigt, sich die Sache genauer anzusehen. Es ist wirklich ein Kinderspiel, das Buch auseinanderzunehmen, und es ist so verlockend, es einfach einzustampfen, meine Metaphern dazu einzustreuen und anzufangen, es zu zerreißen, aber ich muß an die Ermahnung meiner Mutter denken, lieber gar nichts zu sagen, wenn ich nicht irgend etwas Gutes an einer Sache finden kann, das erwähnenswert wäre; also werde ich etwas Positives über Die Prophezeiungen von Celestine sagen, vor einigen anderen weniger hübschen Aussagen. Und aus Respekt vor den vielen Menschen, die diesen Roman zu dem Erfolg machten, zu dem er geworden ist, werde ich zum Schluß noch einige weitere nette Dinge sagen.

Das Buch Die Prophezeiungen von Celestine ist auf schönem festem Papier gedruckt. Das Schriftbild ist groß und klar, und der Zeilenabstand ist relativ großzügig. Redfield war so rücksichtsvoll, jedem Kapitel eine kurze Zusammenfassung der Einsichten voranzustellen, die in allen vorhergehenden Kapiteln beleuchtet worden sind, und sein Roman ist der erste, den ich in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren gelesen habe, der mich nicht in die Schwierigkeit versetzt hat, mich auch nur ein einziges Mal aus meinem Sessel zu erheben, um ein Wörterbuch zu holen. Das war’s: Ich habe etwas Positives gesagt, nun kann ich mit dem Segen meiner Mutter darangehen, darzustellen, warum mich diese Mißgeburt aus Redfields Geist so sehr irritiert.

Die Prophezeiungen von Celestine soll ein Roman sein. Es gibt eine Handlung (ein namenloser Sozialarbeiter macht während einer Karrierekrise eine Reise nach Peru, um ein altes Prophezeiungsmanuskript zu finden, das die peruanische Regierung und die römisch-katholische Kirche zu unterdrücken und zu vernichten versuchen), und es gibt fiktive Charaktere (die Phantasie reicht allerdings zu nicht mehr als zu einem lateinamerikanischen Priester Father Carl, einem peruanischen Beamten namens Hinton und dem skandinavischen Professor mit dem Namen Edmond Connor, ganz zu schweigen von einer ganzen Stadt von Maya, die in Peru leben und nicht, wie gewöhnlich, in den Lebensräumen der Maya in Mittelamerika). Aber das Buch ist in keiner Hinsicht ein Roman, sondern ein Traktat der New-Age-Religion. Die anspruchslose Handlung ist nicht mehr als ein Vorwand für die in Kapitel gegliederten Erklärungen des Autors zum menschlichen Schicksal und zur Natur des Kosmos. Die Charaktere (die mit der Hilfe eines guten Ghostwriters sogar zwei volle Dimensionen von Fleischlichkeit bekommen könnten) sind ausdruckslose Sprachrohre für die monotone Stimme des Autors. Natürlich zerstören eine schwache Story und substanzlose Charaktere noch nicht unbedingt einen Roman; es gibt viele Bücher, die ganz wunderbar zu lesen sind, einfach nur wegen der Brillanz des Ausdrucks, der Lebensweisheit oder der geistreichen Wortwahl (man denke an Werke von Douglas Adams, Oscar Wilde oder Dr. Seuss). Redfields Prosa aber ist monoton, formatlos, repetitiv und unbeholfen; eine durchschnittliche Fernsehprogrammzeitung ist oft besser geschrieben.

Angesichts des Umstands, daß Die Prophezeiungen von Celestine weder durch die Handlung noch durch die Charaktere besticht und die Qualität des Stils sich ebenfalls nicht über ein Basisniveau erhebt, was hat es dem Leser dann zu bieten? Als Akt der Barmherzigkeit nennen wir das Buch einen „Ideenroman“. Die Absicht Redfields ist es, die „Neun Einsichten“ zu transportieren, die ein anonymer Held in einem alten Manuskript der Maya findet (ein Dokument, das aus unverständlichen Gründen und ohne jede Erklärung in Aramäisch geschrieben ist). Jede der Prophezeiungen ist eine Offenbarung über das physische Universum, die menschliche Natur, die positiven Wirkungen des Gemüseverzehrs, über Konfliktbewältigung und schließlich die transkorporale Entwicklung unserer Spezies. Angesichts der metaphysischen Unwahrscheinlichkeit der Neun Prophezeiungen sollte man annehmen, es wäre beabsichtigt, daß man sich den Ideen dieses Romans so nähert wie einem Science-Fiction-Roman oder einer allegorischen Erzählung. Der Legion von Redfields Fans und Anhängern zuliebe wollte ich ihm das gerne zubilligen. Dann las ich Die Prophezeiungen von Celestine: eine Anleitung zur eigenen Erfahrung. Dieses rasch hingeworfene New-Age-Buch zur spirituellen Selbsthilfe, an dem Redfield selbst als Koautor mitarbeitete, läßt jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, daß er jedes Wort der Neun Prophezeiungen weit wörtlicher meinte, als ich mir das je vorzustellen gewagt hätte. In Die Prophezeiungen von Celestine haben wir es nicht mit einem Roman zu tun, sondern einfach mit einem kunstlosen Traktat, das die Hauptbotschaft des Autors an die versinkende Menschheit wiedergibt; nur aufgrund dieser Ideen sind dieses Buch und seine Popularität zu beurteilen.

Die Essenz der Botschaft Redfields ist, daß das Universum aus Energie besteht, die sich zu immer höheren Formen von Schwingungszuständen weiterentwickelt: reine Energie zu Wasserstoffatomen, zu vielwertigen Atomen, zu Molekülen, zu organischen Lebensstoffen, zu Menschen und letztlich zu einem Zustand transkorporalen Seins. Der letzte Zustand schließt Menschen ein, die in der Lage sind, diese Evolution bewußt zu steuern, indem sie lernen, die psychische Energie anzuzapfen, und sich mit der Urnatur verbinden, anstatt interpersonelle Konflikte auszutragen (zwischenmenschliche Konflikte kämen nur daher, daß Menschen um die psychische Energie der anderen miteinander im Wettstreit liegen). Die letzten fünfzig Jahre waren ein Präludium zum Aufdämmern dieses letzten Zustandes, da die Gesellschaft das spirituelle Bewußtsein wiedererlangt und die mystische und absichtsvolle Bedeutung des scheinbar Zufälligen erkennt.

Ich schleppte mich durch die glühend heiße Wüste der Kultsprache, die der Roman von Redfield ist, mußte einen Hagel von brutal prosaischen Selbsthilfeklischees aus den 80ern nach dem anderen über mich ergehen lassen, zuckte unter den Blitzlichtern der glitzernden und changierenden New-Age-Platitüden zusammen und mußte mich immer wieder fragen: Was um Himmels willen finden die Menschen an dieser banalen und ärgerlichen Tirade? Als ich dann das Buch nach der letzten, sich immer wiederholenden Seite schloß, meinte ich verstanden zu haben, warum so viele von diesem schlecht geschriebenen New-Age-Zuckerwerk für die Seele inspiriert waren. Die Prophezeiungen von Celestine antwortet auf Unzufriedenheit mit reduktionistischem Denken und auf Unbehagen mit Materialismus (sowohl der philosophischen als auch der kommerziellen Art). Es bietet einen selten anzutreffenden und daher verführerischen Optimismus hinsichtlich der Zukunft und der menschlichen Natur. Es verspricht eine einfache und natürliche „spirituelle Selbstbestätigung“, die ohne Struktur, Disziplin und die in traditionellen Religionen erst spät einsetzende Belohnung zu erreichen ist. Und das Verlockendste ist vielleicht, daß Redfield verspricht, die Mühen und Unsicherheiten des Lebens und der Liebe im späten zwanzigsten Jahrhundert seien nur die Geburtswehen eines bevorstehenden spirituellen Erwachens. Fragen zu Existenz und Sinn, mit denen Denker, Künstler und Schriftsteller ein Jahrhundert lang gekämpft haben, werden in einer arglosen und direkten Alltagssprache beantwortet und mit dem Versprechen hochglanzverpackt, daß jeder das Ziel erreichen und hoffen kann.

Die Prophezeiungen von Celestine berühren wirkliche, allgemein empfundene Probleme: Überdruß am Rationalismus, ideologische Desorientierung, existentielle Angst, Hunger nach Mystik, Sehnsucht nach Gott, Wunsch nach Hoffnung, Sinn und menschlicher Güte. Redfield spricht in der Tat wichtige Fragen an, Fragen, die meine tiefe Sympathie besitzen, aber seine Antworten sind dünn und lächerlich. Und weil er von diesen Problemen in so simplen, leichtverdaulichen Begriffen spricht, hat er die Phantasie Tausender eingefangen, die vor Die Prophezeiungen von Celestine ihre Sorgen nie beleuchtet und formuliert gefunden hatten. Obwohl ich froh darüber bin, daß immer mehr Menschen über diese spirituellen und existentiellen Fragen nachdenken, habe ich doch die Befürchtung, daß auf jeden Menschen, der dazu in der Lage ist, hinter den Überlegungen Redfields gesündere spirituelle Weideplätze zu suchen, zehn kommen, die ihm entweder den substanzlosen Unsinn abkaufen oder die Fragen als Ganzes wieder weglegen.

Mit aller Fairneß muß ich zugeben, daß man durchaus etwas Schlechteres tun könnte, als den konkreten Lehren für den Alltag zu folgen, die in Die Prophezeiungen von Celestine enthalten sind: Liebe deinen Nächsten; iß mehr frisches Gemüse; reduziere den Konsum; meditiere; bewahre die natürliche Umwelt; wende dich den Menschen zu; reagiere auf Zorn oder Apathie nicht in gleicher Weise. Aber die Spiritualität oder Philosophie oder Kosmogonie oder was es auch immer ist, ist zu naiv, zu flach und zu phantastisch, um dauerhafte Nahrung bieten zu können.

Ich bin durch Die Prophezeiungen von Celestine nur deshalb nicht beunruhigt, weil es eine simple, leicht verständliche Auseinandersetzung mit komplexen Fragen ist. Jede Religion und jedes philosophische System sollte auch ein seichtes Ufer haben, wo Menschen planschen und ihre Füße eintauchen können, bevor sie in tiefere und schwierigere Gewässer gelassen werden, hineingelockt oder -gestoßen, wo tatsächlich Erleuchtung, Entwicklung und Kraft gefunden werden können. Ich finde Die Prophezeiungen von Celestine ärgerlich, weil dem Buch jedwede Tiefe fehlt; es ist ein philosophisches Planschbecken, voll von kindlichem Gelächter, glitzerndem Sonnenschein, hübschen Bildern von schönen Fischen und pipiwarmem Wasser.

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Unsere Ausgabe zum Thema: Das moderne spirituelle Dilemma


Werden die großen östlichen Weisheitslehren verwässert, um sie unserem westlichen Konsum-Denken anzupassen? Dieses Heft beinhaltet einen Artikel von Ken Wilber und Interviews mit Georg Feuerstein, Talk-Radio Gastgeberin Dr.Laura Schlessinger, Deepak Chopra und dem Sozialkritiker, Poeten und Mitarbeiter des National Public Radio (NPR), Andrei Codrescu.
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