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1 | 2 Einleitung
Deepak Chopra zieht einen breiteren Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft in seinen Bann als jeder andere östliche Guru vor ihm, der in den Westen gekommen ist (nur sein früherer Guru und Mentor Maharishi Mahesh Yogi kann sich mit ihm messen), und macht so den Dharma zum Teil des Mainstream, mit der Aura einer noch nie dagewesenen öffentlichen Glaubwürdigkeit. Er ist Arzt, war Oberarzt eines renommierten Krankenhauses in New England und kennt daher die Sprache der modernen Naturwissenschaft. Er versteht es wie kein anderer vor ihm, die esoterische Geisteslehre Tausenden von Menschen im Westen näherzubringen, die sich andernfalls wahrscheinlich niemals dafür interessiert hätten. Sein Gesicht, seine Botschaft, seine Bücher und Kassetten scheinen tatsächlich allgegenwärtig zu sein. (Seine Bücher wurden in fünfundzwanzig Sprachen übersetzt, und es wurden mehr als zehn Millionen Exemplare davon verkauft.) Inspirierte Zuhörer von Oklahoma bis Manhattan reagieren auf seine Vorträge mit Standing Ovations und stellen sich bis zu einer Stunde lang an, um ein Autogramm von ihm zu bekommen. Er beschäftigt ein Team von PR-Verantwortlichen, die seinen mit Vortragsterminen, Autogrammstunden und Seminaren vollgestopften Terminkalender führen, der die meisten Wahlkampagnen in den Schatten stellt. Es heißt, er habe Freunde in den höchsten Regierungskreisen verschiedener Länder, und Wirtschaftsbosse suchen seinen Rat; Chopra ist ununterbrochen unterwegs und inspiriert Tausende und Abertausende, zur Wahrheit ihrer geistigen Natur zu erwachen. Nachdem wir seine Karriere nachvollzogen, seine Bücher gelesen und ihn wiederholt bei öffentlichen Vorträgen gehört hatten, begannen wir, Deepak Chopra wirklich ernst zu nehmen. Nicht weil uns die Botschaft seiner Bücher Endlich das ideale Gewicht, Die unendliche Kraft in uns, Der Weg des Zauberers oder Creating Affluence (engl. Originaltitel) so sehr angesprochen hätte, sondern weil wir zu erkennen begannen, daß wir es hier nicht mit dem üblichen New-Age-Apologeten zu tun hatten. Chopra ist ein außergewöhnlich starker Mensch. Und in vielerlei Hinsicht ist er selbst ein starkes Zeugnis für seine Lehre. Nachdem wir einige Zeit über seinen sich immer mehr ausbreitenden Einfluß nachgedacht hatten, begannen wir uns ernsthaft zu fragen: Wer ist Deepak Chopra, was tut er wirklich? Wer ist dieser Mann, der vor dem nationalen Presseklub mit erstaunlichem Selbstvertrauen eine landesweit ausgestrahlte Rede hielt und die Erhabenheit des einen nicht-dualen Selbst predigte? Wer ist dieser Mann, der es mit manchmal geradezu heldenhaftem Mut wagt, die ewige Wahrheit Du bist Das! einem Massenpublikum so zu präsentieren, daß dieses geneigt zu sein scheint, ihn anzuhören? Und wie ist es möglich, daß er im Namen des Geistes ausgerechnet im Kernland des Materialismus soviel Macht und Einfluß gewinnt? Wir hatten uns monatelang mit diesen Fragen beschäftigt und stellten fest, daß es keine einfache Antwort gibt. Ein Anhaltspunkt dafür, daß Chopra mit Erfolg so viele Menschen aus den unwahrscheinlichsten Bereichen heraus zum spirituellen Leben verführt, könnte darin liegen, daß er sowohl die Kräfte des Materialismus als auch die des Narzißmus anspricht, welche beide so viele von uns vorantreiben. Er schreibt: Die physikalischen Gesetze des Universums sind tatsächlich der in Bewegung gesetzte Prozeß der Göttlichkeit. Wenn wir diese Gesetze verstehen und sie in unserem Leben anwenden, können wir alles erreichen, was wir wünschen, denn dieselben Gesetze, die die Natur gebraucht, um einen Wald, eine Galaxie, einen Stern oder einen menschlichen Körper entstehen zu lassen, können genauso unsere tiefsten Wünsche in Erfüllung gehen lassen. Chopra verspricht, daß wir uns alle weltlichen Wünsche erfüllen können Wünsche, von denen uns die großen Weisheitstraditionen immer wieder gesagt haben, daß sie die eigentliche Ursache von Leid und Unwissenheit sind Wünsche nach Unsterblichkeit, grenzenlosem Reichtum und nie endender Liebe all das ohne Anstrengung und Mühe. Er kündigt an: Wir werden gemeinsam Selbsterkenntnis und ein tiefes Verstehen der Beziehung zwischen Körper, Geist und Seele zum äußeren Universum suchen. Ausgestattet mit diesem Verständnis, werden wir die unendliche Kraft besitzen, alle Begrenzungen zu durchbrechen und eine Welt zu erschaffen, in der alle Träume wahr werden, wo jeder unserer Wünsche emotional, spirituell und, ja, auch materiell sofort erfüllt wird. Chopras Lehre ist eine paradoxe Verschmelzung der traditionellen östlichen Philosophien mit der Kernaussage, daß die persönliche und die materielle Welt irreal ist, und mit der modernen westlichen Weltsicht, die Individualität und Materialismus verherrlicht. Ein Großteil von Chopras Botschaft ist eine erhabene, expansive und transzendente Weisheit. Sie inspiriert, erhebt und fordert dazu auf, sich über die Begrenzungen des Weltlichen zu erheben. Viele Menschen haben, wenn sie ihn hören, das erregende Gefühl, einen Vorgeschmack von dem zu bekommen, was weit jenseits ihrer Vorstellung liegt. Aber dann, nur einen Atemzug später, gleitet Chopras Botschaft ab, dreht sich um und verlagert sich, plötzlich ist ihre Aufmerksamkeit auf eine neue, verbesserte Technologie gerichtet, mit der man alles erreichen kann, was unser Herz begehrt. Und innerhalb Chopras New-Age/Vedanta-Rahmens erhalten diese Wünsche einen neuen, aufregenden spirituellen Glanz. Chopra bewegt sich geschickt zwischen unserem Streben nach Selbstverwirklichung und unserer Genußsucht, zwischen unserer Sehnsucht nach Transzendenz und dem Frust unserer täglichen Routine. In seinem letzten Buch Lerne lieben, lebe glücklich, bewegt sich Chopra auf schwindelerregende Weise wie ein Wirbelwind von der mystischen Ekstase des Sufi-Dichters Rumi zur allseits bekannten Liebe auf den ersten Blick und wieder zurück. Und in Die sieben geistigen Gesetze des Erfolgs wird persönliche Macht zum Status einer religiösen Erfahrung erhoben: Die Macht, die man selbst hat basiert auf der Erkenntnis des Selbst. Und diese Macht hat bestimmte Merkmale. Sie zieht Menschen zu dir hin, und sie zieht auch Objekte an, die man haben möchte. Sie magnetisiert Menschen, Situationen und Umstände dahingehend, daß diese deine Wünsche unterstützen. Man nennt das auch Unterstützung durch die Naturgesetze. Es ist Hilfe durch das Göttliche; es ist Hilfe, die aus einem Zustand der Gnade entsteht. Wenn man nicht sehr genau aufpaßt, wird man mitgerissen in dieser sensationellen, unterhaltsamen und schwindelerregenden Fahrt, wo die Unterschiede zwischen Selbstlosigkeit und der Suche nach Selbstbestätigung mit voller Absicht verwischt werden. In dieser Zeit antiautoritärer Strömungen proklamiert Chopra oft und laut, daß er kein Guru ist. Er betont in aller Bescheidenheit, daß er nur ein Schüler des Bewußtseins ist; trotzdem hat er ein vollständiges Lehrsystem erarbeitet, das die richtige Art zu leben in praktisch jedem Aspekt darlegt. Er verläßt sich auf die Wirksamkeit der altehrwürdigen, religiösen Schriften, im speziellen der Hindu-Veden, um die Inspiration, die von ihnen ausgeht, innerhalb seines eigenen revisionistischen Rahmens zu interpretieren und darzulegen, aber mit derselben Sicherheit verzichtet er auf traditionelle Lehren, wenn sie seine New-Age-Thesen nicht unterstützen. So sagt er auch im folgenden Interview: In der spirituellen Literatur suche ich das, was mit meiner eigenen Erfahrung übereinstimmt wenn etwas nicht meiner Erfahrung entspricht, ignoriere ich es. Im Unterschied zu dem, was die größten Weisen gelehrt haben, sieht Chopra spirituelle Transformation nicht als ein Streben, das die allerhöchsten Anforderungen stellt, sondern er vertritt die Idee einer einfachen und angenehmen Spiritualität, in der die ewigen spirituellen Imperative von Verzicht und ausschließlicher Hingabe keine Erwähnung finden. Und anstatt zu betonen, daß spirituelles Leben den Tod des Ego bedeutet und immer bedeutet hat, lehrt Chopra, die Macht des Unendlichen dem eigenen Willen untertan zu machen. Man könnte sagen, daß das Werk Chopras für Tausende, die sich vielleicht zukünftig mit größerer Ernsthaftigkeit dem spirituellen Leben zuwenden werden, eine unbezahlbare Einführung in spirituelles Denken ist. Wir können uns aber doch nicht des Eindrucks erwehren, daß Chopras Art von Spiritualität sehr viel mit Fast Food zu tun hat; sie scheint satt zu machen, aber tatsächlich wird genau der Hunger betäubt, der die spirituelle Suche von Anfang an inspiriert. Susan Bridle interviewte Deepak Chopra über sein Autotelefon in La Jolla, Kalifornien.
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