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Das Verschwinden Des Äusseren


Ein Interview mit Andrei Codrescu
von Simeon Alev
 

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Einleitung



Andrei Codrescu
Ich hörte zum ersten Mal von Andrei Codrescu, als mich jemand fragte, jemand fragte, ob ich seinen Dokumentarfilm Road Scholar aus dem Jahr 1992 gesehen habe, in dem der in Rumänien geborene amerikanische Dichter und Radiokommentator in einem roten offenen Cadillac durch Amerika fährt und an den verschiedensten, unvorhersehbaren Zielen Halt macht, um den spirituellen Puls seines adoptierten Heimatlandes wie ein ernsthafter, aber amüsierter Landarzt zu fühlen. Nein, ich hatte Road Scholar nicht gesehen, nicht einmal davon gehört; aber als Mitglied einer radikalen spirituellen Gemeinschaft standen die Chancen gut, daß, wenn ich den Film sehen würde, dies in einer Gemeinschaft geschähe, die zumindest oberflächlich denen ähneln würde, die Codrescu besucht und gefilmt hatte. Und so machte ich an einem Abend im letzten Winter in einem improvisierten Kinosaal in Gesellschaft vieler meiner engsten Freunde Bekanntschaft mit Andrei Codrescu.

Road Scholar erwies sich als unterhaltsam und fesselnd. Codrescus ungewöhnliche Perspektive als ehemaliger Bürger des totalitären, poststalinistischen Rumänien und als scharfsinniger Kritiker der totalitären Oberflächlichkeit des modernen Amerika gibt der Erzählung ihre feine Ironie. In seiner komplexen Sensibilität kämpfen Zynismus und Idealismus um Vorherrschaft, ohne daß einer je endgültig gewinnt (zumindest nicht in seinem Film). Diese Spannung erzeugt eine Transparenz, durch die sich diejenigen, mit denen er interagiert, bereit fühlen, ganz offen zu sein. Und gleichzeitig ist Codrescu durchaus dogmatisch, ohne sich dafür zu entschuldigen, und seine Off-Kommentare sind von trockenem, aber tödlichem Witz. An einem Punkt bemerkt er: „Ich fühlte, daß ich all diese Leute irgendwie kannte. Sie waren die etwas alt gewordenen Freunde, die ich in den Sechzigern und Siebzigern an Gurus verloren hatte… Sie beunruhigten mich. Stimmt etwas nicht mit uns anderen? … Wahrscheinlich – für mich gesprochen. Und doch andererseits: Die Merkwürdigkeit einer theokratischen Hierarchie hier, inmitten einer parlamentarischen Demokratie, ist nicht gerade etwas, was dazu angetan ist, mich irgendwie besser zu fühlen.“ Als die Vorführung vorbei war und die Lichter wieder angingen, sah ich mich im Saal um und fragte mich: „Was würde Andrei Codrescu wohl über uns denken?“

Als diese Ausgabe von „Was ist Erleuchtung?“ Formen anzunehmen begann, gewann diese Frage an neuer Bedeutung. Der triumphale kommerzielle Erfolg populärer Spiritualität im Westen war ein Phänomen, das wir einer rigorosen Untersuchung unterziehen wollten. Als Grundlage sollten dabei die großen Anstrengungen und das enorme Potential dienen, das die höchsten spirituellen Lehren kennzeichnet. Wir hofften, ein Forum zu schaffen, in dem es möglich sein würde, die unglaubliche Vielfalt von Wegen und Herangehensweisen, die heute im Namen transformativer Spiritualität und Erleuchtung propagiert werden, deutlich zu unterscheiden. Und wir waren sicher, daß die originellen Einsichten eines Gesellschaftskritikers wie Andrei Codrescu uns helfen konnten, einige der kulturellen Faktoren zu verstehen, die zu der fast schon epidemisch auftretenden Verwischung wesentlicher Unterschiede beitragen. Aber ich fragte mich, ob wir eine gemeinsame Sprache finden würden?

„Das ist genau mein Ding“, sagte mir Codrescu am Telefon, nachdem ich ihm meinen Interviewwunsch in sein Büro am Englischlehrstuhl an der Louisiana State University geschickt hatte. „Ich habe ein Buch über dieses Thema geschrieben, das Sie vielleicht lesen sollten, The Disappearance of the Outside (Das Verschwinden des Äußeren).“

Das Verschwinden des Äußeren (untertitelt: „Ein Manifest zur Flucht“) ist anders als die zahllosen, kaleidoskopischen Ausgaben von Gedichten, Erinnerungen und oft sehr witzigen gesellschaftskritischen Kommentaren, die Codrescu ebenfalls publiziert hat. Es ist eine profunde, ausgeklügelte und wohldurchdachte Anklage an die heutige westliche Gesellschaft, in der er aufzeigt, wie die kulturelle Ökonomie des kapitalistischen Westens genauso zerstörerisch mit dem menschlichen Geist umgeht, wie es die an Orwell erinnernden Regimes des sowjetischen Ostblocks taten, in dem er aufwuchs. Das Versprechen, das die westliche Demokratie den osteuropäischen Ländern, die sich gerade neu diesem Einfluß öffnen, zu geben scheint, ist trügerisch und gefährlich, stellt Codrescu fest. Trügerisch und gefährlich nicht nur für die Bürger Osteuropas, sondern für die gesamte Menschheit. Warum? Weil das kollektive Bewußtsein des Westens, das nun mehr und mehr die dominante geistige Kraft in der Welt zu werden droht, ganz unnatürlich mit Bildern durchzogen ist. Bilder, die darauf ausgerichtet sind, die Menschen von dem unfaßbaren Geheimnis loszulösen, das Codrescu das „Äußere“ nennt.

„Die Schwierigkeit einer Unterscheidung zwischen den Illusionen unserer Bequemlichkeitskultur und der Realität quält die Kunst unserer Zeit. Das Gedächtnis, nie sehr zuverlässig, wird leicht getäuscht. Die Kopie kann nicht vom Original unterschieden werden. Wenn die Erinnerung an das ’Reale‘ verblaßt, mag das Abbild nicht einmal mehr Ähnlichkeit mit dem Original haben ... Wir werden in einer abstrakten Welt leben (wenn wir dies nicht schon längst tun). Das Reale wird völlig mythisch geworden sein. Wir werden das Verschwinden des Äußeren nicht einmal mehr bemerken, oder unseren Mangel an Verlangen nach ihm.“

Codrescus Analyse hilft, unsere regelmäßige Verwunderung zu erklären, wenn wir mit so vielen populären und mutmaßlich überzeugenden Wegen zu einem spirituellen Leben konfrontiert werden, die in dem Moment dubios zu werden beginnen, wenn man sie im Kontext dieser seltenen, aber äußerst realen Errungenschaft betrachtet, diesem unschätzbaren Kleinod: einer wahren menschlichen Verkörperung des perfekt Guten, dessen, was wirklich heilig ist. In seiner aufschlußreichen Beschreibung Amerikas als „einer ununterbrochenen Sammlung von Modeerscheinungen, die einander in immer kürzeren Zeitspannen ablösen“ erkennt man leicht die Verfassung des Großteils der modernen spirituellen Welt wieder, und es gibt mehr als genug Hinweise darauf, daß generell die Dinge genauso schlimm sind, wie Codrescu konstatiert.

Im Verlauf unserer Unterhaltung gab Codrescu bereitwillig zu, daß eine Jugend im Schatten einer kommunistischen Diktatur ihn zu der festen Überzeugung geführt hat, daß das vollkommen Gute weder anstrebenswert noch möglich ist und daß schon allein das Streben nach seiner Verwirklichung nur durch das Verlangen motiviert sein kann, sich selbst und anderen einen Moral- und Verhaltensstandard aufzuerlegen, der verdächtig absolut und fast unausweichlich unterdrückerisch ist. Aber gleichzeitig strahlt Codrescu eine augenscheinliche Freude aus. Eine Freude, die er aus seinem klarsichtigen Blick hinter die wuchernde Oberflächlichkeit amerikanischer Kultur gewinnt; und seine ungewöhnliche Bereitschaft, der Realität direkt ins Auge zu schauen, spiegelt eine inspirierende Verpflichtung zur Aufdeckung der Wahrheit und zur Bewahrung des Geheimnisvollen wider.

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WIE Ausgabe 1:
Unsere Ausgabe zum Thema: Das moderne spirituelle Dilemma


Werden die großen östlichen Weisheitslehren verwässert, um sie unserem westlichen Konsum-Denken anzupassen? Dieses Heft beinhaltet einen Artikel von Ken Wilber und Interviews mit Georg Feuerstein, Talk-Radio Gastgeberin Dr.Laura Schlessinger, Deepak Chopra und dem Sozialkritiker, Poeten und Mitarbeiter des National Public Radio (NPR), Andrei Codrescu.
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