Ken Wilber braucht nicht erst vorgestellt zu werden. Dieser produktive Autor,
ein schon zu Lebzeiten anerkanntes Genie, findet breite Anerkennung für
seine innovative und kritische Synthese der östlichen und westlichen
Philosophien und wird von vielen als einer der brillantesten Vertreter
der modernen spirituellen Welt gelobt. Dank seines ständig wachsenden
Einflusses finden seine Ideen Anhänger in den unterschiedlichsten
ideologischen Lagern, während er als praktizierender Buddhist
entschieden auf seiner Unabhängigkeit beharrt und nur der Kraft seiner
eigenen Suche verpflichtet bleibt. Er scheut auch nicht das Risiko der
Kontroverse und mußte heftige Kritik wegen seiner offenen und mutigen
Hinterfragung der Lieblingsideen des modernen progressiven Status quo
einstecken. Doch genau diese Qualität, diese bedingungslose Passion für
das ursprüngliche Suchen eine Qualität, die leider in der modernen
spirituellen Welt immer seltener wird , ist es, die wir so belebend finden.
Im folgenden originellen Essay spricht Ken Wilber das aus, was ihm ein ureigenes
Anliegen ist, und appelliert an jeden von uns, die Herausforderung einer
„Spiritualität, die transformiert“, anzunehmen.
Hal Blacker, Redakteur bei „What is Enlightenment?“, hat das Thema dieser Sonderausgabe folgendermaßen beschrieben (Obwohl darin Aussagen wiederholt werden, die bereits an anderer Stelle in dieser Ausgabe zu finden sind, halte ich es für sinnvoll, seinen Kommentar in voller Länge abzudrucken.):
Wir wollen eine heikle Frage prüfen, die jedoch beantwortet werden muß die Oberflächlichkeit, die in weiten Teilen unsere aktuelle spirituelle Suche und Diskussion im Westen, insbesondere in den USA, prägt. Allzu häufig wird bei der Übersetzung mystischer Traditionen aus dem Osten (und von anderswo) in das amerikanische Idiom ihre erhabene Tiefe breitgeschlagen, ihre radikale Forderung verwässert und ihr Potential für revolutionäre Transformation zermalmt. Dies geschieht vielfach auf subtile Weise, da die Begrifflichkeit der Lehren häufig identisch ist. Doch wie durch einen Taschenspielertrick, der vielleicht den Kontext und daher letztendlich ihre Bedeutung impliziert, scheint die Botschaft der bedeutendsten Lehren offensichtlich häufig von einem glühenden Befreiungscredo in etwas verwandelt zu werden, das eher an das wohlige Blubbern eines kalifornischen Whirlpools erinnert. Auch wenn es diesbezüglich Ausnahmen gibt, gehen die radikalen Implikationen der bedeutendsten Lehren dadurch häufig verloren. Wir wollen diese Verdünnung der Spiritualität im Westen untersuchen und ihre Ursachen und Konsequenzen erforschen.
Ich möchte diese Aussage auf ihre wesentlichen Punkte hin untersuchen und diese so gut wie möglich kommentieren, da sich in ihrer Summe das eigentliche Wesen der Krise der amerikanischen Spiritualität kristallisiert.
K.W.
ÜBERSETZUNG CONTRA TRANSFORMATION
In einer Reihe von Büchern (z.B. Der glaubende Mensch und Halbzeit der Evolution) habe ich versucht zu zeigen, daß Religion für sich betrachtet schon immer zwei sehr wichtige, jedoch recht unterschiedliche Funktionen erfüllt hat. Zum einen fungiert sie als ein Mittel, um dem getrennten Selbst Sinn zu geben: Sie bietet Mythen und Geschichten, Legenden und Erzählungen, Rituale und Erweckungen, die zusammengenommen dem getrennten Selbst helfen, einen Sinn in den Fallstricken und Pfeilen des grausamen Schicksals zu sehen und diese zu ertragen. Diese Funktion der Religion ändert normalerweise nicht (und auch nicht notwendigerweise) den Grad des Bewußtseins eines Menschen. Sie führt zu keiner radikalen Transformation. Und sie sorgt auch nicht für eine umfassende Befreiung vom getrennten Selbst. Vielmehr tröstet sie das Selbst, baut es auf, verteidigt es, fördert es. Solange das getrennte Selbst an die Mythen glaubt, die Rituale ausführt, die Gebete spricht oder das Dogma annimmt, wird das Selbst so die glühende Überzeugung „gerettet“, entweder jetzt in Form der Errettung durch den barmherzigen Gott oder die Gnade der Göttin oder aber im Jenseits, das das Wunder der Ewigkeit sichert.
Als weiteres hat Religion aber auch immer normalerweise bei einer sehr, sehr kleinen Minderheit die Funktion der radikalen Transformation und Befreiung erfüllt. Diese Funktion der Religion stärkt nicht das getrennte Selbst, sondern zerschmettert es und bedeutet nicht Trost, sondern Zerstörung, nicht Einigelung, sondern Leere, nicht Selbstzufriedenheit, sondern Explosion, nicht Wohlbehagen, sondern Revolution kurzum, nicht konventionelle Stärkung des Bewußtseins, sondern eine radikale Transmutation und Transformation im tiefsten Innern des Bewußtseins selbst.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir diese beiden wichtigen Funktionen der Religion darstellen können. Die erste Funktion die der Schaffung von Bedeutung für das Selbst ist eine Art horizontale Bewegung; die zweite Funktion die des Transzendierens des Selbst ist eine Art vertikale Bewegung (höher oder tiefer, je nachdem, welche Metapher Sie verwenden). Die erste Funktion habe ich „Übersetzung“ genannt, die zweite „Transformation“.
Bei der Übersetzung erhält das Selbst einfach eine neue Art, im Hinblick auf die Realität zu denken oder zu fühlen. Das Selbst erhält einen neuen Glauben vielleicht holistisch statt atomistisch, vielleicht auch mit Vergeben anstelle von Anklagen, vielleicht relational statt analytisch. Das Selbst lernt dann, seine Welt und seine Existenz im Sinne des neuen Glaubens oder der neuen Sprache oder des neuen Paradigmas zu übersetzen, und diese neue und bezaubernde Übersetzung dient zumindest zeitweise dazu, den Terror leichter ertragbar zu machen bzw. zu vermindern, der dem Herzen des getrennten Selbst innewohnt.
Bei der Transformation wird jedoch gerade der Prozeß der Übersetzung selbst herausgefordert, aufgezeigt, untergraben und schließlich auseinandergenommen. Bei der typischen Übersetzung erhält das Selbst (bzw. das Subjekt) eine neue Art, über die Welt (bzw. die Objekte) zu denken; doch bei einer radikalen Transformation wird das Selbst an sich erforscht, geprüft, an der Kehle gepackt und im wahrsten Sinne des Wortes „erdrosselt“.
Um es noch einmal mit anderen Worten zu sagen: bei der horizontalen Übersetzung die mit Abstand die vorherrschendste, verbreitetste und am häufigsten praktizierte Funktion der Religion ist wird das Selbst zumindest zeitweise in seinem Verlangen glücklich, in seiner Versklavung zufrieden gemacht, es wird selbstgefällig angesichts des schreienden Terrors, der eigentlich sein ureigenster Zustand ist. Bei der Übersetzung geht das Selbst verschlafen hinaus in die Welt, stolpert benommen und kurzsichtig in den Alptraum des Samsara, erhält eine mit Morphium angereicherte Landkarte, um sich in der Welt zurechtzufinden. Und dies ist der gewöhnliche Zustand einer religiösen Menschheit, genau der Zustand, den radikale oder transformierende spirituell Verwirklichte herausfordern und schließlich zunichte machen.
Denn eine authentische Transformation ist keine Frage des Glaubens, sondern des Todes des Glaubenden, keine Frage der Übersetzung der Welt, sondern der Transformation der Welt, und auch nicht, wie man Trost findet, sondern wie man die Unendlichkeit jenseits des Todes findet. Das Selbst wird nicht zufriedengestellt; das Selbst wird ins Feuer geworfen.
Obwohl ich ganz offensichtlich der Transformation den Vorzug gegeben und die Übersetzung herabgesetzt habe, stimmt es, daß diese Funktionen im großen und ganzen beide ungemein wichtig und ganz und gar unentbehrlich sind. Die Menschen kommen in den meisten Fällen nicht erleuchtet zur Welt. Sie werden in eine Welt der Sünde und des Leidens, der Hoffnung und der Angst, der Lust und der Verzweiflung hineingeboren. Sie werden als ein Selbst geboren, das bereit und begierig ist, Händel einzugehen, als ein Selbst voller Hunger, Durst, Tränen und Entsetzen. Und sie beginnen schon sehr früh, verschiedene Verfahren zu erlernen, wie sie sich ihre Welt „übersetzen“ können, um sie zu verstehen, ihr eine Bedeutung zu geben und sich gegen den Terror und die Folter zu verteidigen, die immer ganz knapp unter der glücklichen Oberfläche des getrennten Selbst lauern.
Und so sehr wir Sie und ich es auch wünschen, die bloße Übersetzung zu überwinden und zu einer authentischen Transformation zu finden, hat die Übersetzung nichtsdestoweniger an sich schon eine absolut notwendige und entscheidende Funktion für einen Großteil unseres Lebens. Diejenigen, die nicht angemessen übersetzen können mit einem ausreichenden Maß an Integrität und Präzision , enden schnell in schlimmen Neurosen oder sogar Psychosen: Sie verstehen die Welt nicht mehr die Grenzen zwischen dem Selbst und der Welt werden nicht überwunden, sondern beginnen vielmehr zu zerfallen. Dies ist kein Durchbruch, sondern Zusammenbruch, nicht Transzendenz, sondern Desaster.
Doch ab einem bestimmten Punkt innerhalb unseres Reifungsprozesses hört die Übersetzung an sich ganz gleich, wie angemessen oder zuversichtlich sie ist einfach auf, uns zu trösten. Keine neuen Überzeugungen, kein neues Paradigma, keine neuen Mythen, keine neuen Ideen lindern die übergreifende Qual. Kein neuer Glaube für das Selbst, sondern die Transzendenz des Selbst insgesamt ist der Weg, der sich anbietet.
Doch die Gruppe der Individuen, die bereit sind, diesen Weg zu gehen, war schon immer und wird wohl auch künftig eine sehr kleine Minderheit sein. Für die meisten Menschen wird religiöser Glaube vielmehr in die Kategorie der Tröstung fallen: Eine neue horizontale Übersetzung wird so etwas wie Bedeutung inmitten der monströsen Welt schaffen. Und Religion hat immer großenteils diese erste Funktion erfüllt, und zwar mit Erfolg.
Daher verwende ich auch den Begriff „Legitimierung“, um diese erste Funktion (d.h. die horizontale Übersetzung und Schaffung von Bedeutung für das getrennte Selbst) zu beschreiben. Und ein Großteil der wichtigen Aufgabe der Religion besteht darin, dem Selbst eine Legitimierung zu verschaffen, d.h. die Legitimierung seiner Überzeugungen, seiner Paradigmen, seiner Weltsichten und seiner Existenz auf der Welt. Diese Funktion der Religion, das Selbst und seine Überzeugungen zu legitimieren ganz gleich, wie befristet, relativ, nicht transformierend oder illusorisch , war immerhin die größte und wichtigste Einzelfunktion aller religiösen Traditionen der Welt. Die Fähigkeit einer Religion, horizontale Bedeutung zu schaffen, Legitimierung und Sanktion für das Selbst und seine Überzeugungen diese Funktion der Religion ist historisch gesehen das wichtigste „Bindemittel“, das eine Kultur haben kann.
Und man darf nicht leichtfertig oder unbefangen an dem grundlegenden Bindemittel herummanipulieren, das Gesellschaften zusammenhält, da wenn sich diese Übersetzung „zersetzt“ das Ergebnis im häufigeren Falle wie oben bereits erwähnt nicht Durchbruch, sondern Zusammenbruch bedeutet, nicht Befreiung, sondern soziales Chaos. (Weiter unten werde ich auf diesen entscheidenden Aspekt zurückkommen.)
Wo übersetzende Religion Legitimierung bietet, da bietet transformierende Religion Authentizität. Für jene wenigen Menschen, die bereit sind d.h. die dessen leid sind, woran das getrennte Selbst krankt und die der legitimen Weltsicht nicht mehr folgen können , wird der Ruf nach einer transformierenden Öffnung zu echter Authentizität, wahrer Erleuchtung, wirklicher Befreiung immer drängender. Und je nach ihrer Leidensfähigkeit werden sie früher oder später diesem Ruf nach Authentizität, nach Transformation, nach Befreiung am weiten Horizont der Unendlichkeit folgen.
Transformierende Spiritualität versucht nicht, eine vorhandene Weltsicht zu stärken oder zu legitimieren, sondern vielmehr durch Zerschlagen dessen, was die Welt als legitim erachtet, für echte Authentizität zu sorgen. Legitimiertes Bewußtsein wird sanktioniert durch Konsens, übernommen aufgrund des Herdentriebs, angenommen sowohl von der Kultur als auch der Gegenkultur, gefördert vom getrennten Selbst als der Weg, um diese Welt zu verstehen. Doch authentisches Bewußtsein schüttelt all das sehr schnell ab und findet sich statt dessen in einer Sichtweise wieder, die nur eine strahlende Unendlichkeit im Herzen aller Seelen sieht und nur die Atmosphäre einer Ewigkeit einatmet, die unglaublich einfach ist.
Transformierende Spiritualität, authentische Spiritualität ist daher revolutionär. Sie legitimiert nicht die Welt, sie zerbricht die Welt; sie tröstet nicht die Welt, sie zerschmettert die Welt. Und sie macht das Selbst nicht zufrieden, sondern richtet es zugrunde.
Und aus diesen Tatsachen ergeben sich mehrere Schlußfolgerungen.



|
 |