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Von den Vielen zum EINEN


Erleuchtung für das 21. Jahrhundert
von Andrew Cohen
 






Andrew Cohen

"Ich denke, dass die Weisen die wachsende Spitze eines geheimen Impulses der Evolution sind", schreibt Ken Wilber in seinem Buch Eine kurze Geschichte des Kosmos. "Ich denke, sie bilden die Vorhut eines selbst-transzendierenden Antriebes, welcher immer über dasjenige hinausgeht, was ihm voranging... Sie verkörpern den Zug des Kosmos hin zu einer größeren Tiefe und zu einem sich ausdehnenden Bewusstsein... Sie eilen auf einem Lichtstrahl zu einem Rendezvous mit Gott."

Wie wird die führende Bewegung der Spiritualität im einundzwanzigsten Jahrhundert aussehen? In diesen heraus­fordernden Zeiten, in denen wir leben, sieht es so aus, als ob die Zeit selbst sich beschleunigen würde oder, wie manche sagen, als ob das Tempo der Veränderung so schnell wie noch nie zuvor ist. Für diejenigen an der Spitze der Bewegung wird es immer schwieriger, an alten Formen und Ideen festzuhalten. Das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen zwingt uns buchstäblich dazu, einen neuen Weg zu finden, einen neuen Weg, um uns philosophisch und spirituell an der Erfahrung unseres Lebendigseins neu zu orientieren. Der Kontext für diesen spirituellen Weg in der heutigen Zeit unterscheidet sich von allen Vor­herigen, weil es heutzutage für jeden mit einem erwachenden Herzen und Geist praktisch unmöglich ist, die gleichzeitig erregende und erschreckende Wirklichkeit unserer aufgerüttelten Welt zu vermeiden. Was werden wir tun, wenn die sich verändernden Lebensumstände uns dazu zwingen, einen neuen Weg zu finden? Und wohin und an wen wenden wir uns?

Zu Beginn der postmodernen Ära, also vor nicht allzu langer Zeit, begann eine große Anzahl von uns damit, jenseits der eigenen religiösen Traditionen nach spiritueller Nahrung zu suchen. Wir taten das, weil die Traditionen nicht mehr länger in der Lage zu sein schienen, die Bedürfnisse unserer gut ausgebildeten und pluralistischen Denkweise zu befriedigen. Als Kinder unserer eigenen Zeit und Kultur wussten wir bereits zu viel, um in der bisherigen Art und Weise einfach weiterzumachen. Und so machten sich ein paar tapfere Pfadfinder auf den Weg und auf die Suche nach Antworten, welche sie daheim nicht finden konntenund entdeckten die Erleuchtung. Sie fanden sie im Osten und brachten sie hierher, sodass auch wir Daheimgebliebenen an diesem großen Fest der befreienden Weisheit und des höheren Bewusstseins jenseits des Ego teilhaben konnten. Und das taten wir. Doch dann kamen wir ins Straucheln. Wir strauchelten, weil unsere östlichen Meister, trotz ihres außerordentlichen Wissens über die höheren Zustände, zutiefst in eine noch ältere Welt eingebunden waren als diejenige, der wir entfliehen wollten. Ihre Fähigkeiten uns zu helfen waren daher begrenzt, und als wir das herausfanden, wollten wir mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Wir wollten mit ihnen nichts mehr zu tun haben, weil wir erkannten, dass sie sich selbst, trotz ihres Wissens über die höheren Zustände, nicht wirklich kannten. Und mit der Zeit wurde uns klar, dass wir mehr wussten als sie. Wir schritten voran und bahnten uns kühn einen neuen Weg, den Weg der Vereinigung des Ostens mit dem Westen. Wir erstellten eine neue und vollständigere Landkarte des gesamten Bereiches der menschlichen Entwicklung, von den ersten psychologischen Wachstumsschritten bis hin zu den höchsten Bereichen des Bewusstseins. Evolution hatte tatsächlich stattgefunden und Geschichte war geschrieben worden.

Doch Evolution ist niemals eine einfache Sache. Um voranzuschreiten, war es für uns notwendig, die Stellung, Macht und Autorität in der Weltsicht unserer Meister herauszufordern. Wiran der Spitze der Bewegungmussten dies tun, weil wir entdeckt hatten, dass unsere Perspektive, obwohl sie nicht so tief war wie die der Meister, eindeutig umfassender war. Wir hatten ein größeres Bild, einen weiteren Blickwinkel, eine umfassendere Perspektive, welche ohne Zweifel ein weit größeres Spektrum menschlicher Erfahrungen umfasste. Und dessen waren wir uns bewusst. Doch nichts im Leben ist umsonst, und wir bezahlten einen Preis für unseren Einfallsreichtum. Wir wurden zu unseren eigenen Experten. Die östlichen Meister wurden durch westliche Lehrer ersetzt. Aber vor einem Hintergrund einer westlichen Erziehung und Ausbildung und als Kinder einer postmodernen Ära wurde unsere Erleuchtung durch die Beschränktheit unserer Sichtweise gehemmt. Es könnte sein, dass unsere Perspektive so umfassend wurde, dass wirohne es zu merkendie ehrfurchtgebietende transformative Kraft dessen negierten, was uns zuerst so sehr in seinen Bann zogdie Erleuchtung selbst. Warum? Weil die immer überwältigende und ohne Ende herausfordernde Wahrheit der Erleuchtung eine den Geist erschütternde und das Ego zerstörende Erkenntnis ist, die darin besteht, dass die Vielen durch das Eine ersetzt werden müssen. Daher stecken wir in einem schwierigen Dilemma. Wie können wir die Weite unserer Sicht aufrechterhalten, ohne die radikale Einfachheit des erleuchteten Geistes zu opfern? Wie transzendieren wir das Ego, bei gleichzeitiger herzlicher Umarmung der Komplexität unserer unsicheren Welt?

Vielleicht müssen wir auf eine tiefere Weise loslassen. An dieser Weggabelung müssen wir unsere Anhaftungen an die Beschränktheit unserer schwer erkämpften Perspektiven womöglich aufgeben, wenn wir unseren Weg fortsetzen wollen. Wenn wir unsere Entwicklung weiter vorantreiben möchten, müssen wir den Sprung wagen, den nur die Meister wagen. In unserem Fall heißt das, dass wir für einen solchen Sprung bereit sein müssen, der nicht nur über unser Ego hinausgeht, sondern ebenso über den wissenden Geist und die umfassenden Weltsichten, welche zu unserem lieb gewordenen "neuen Paradigma" geworden sind. Für jene an der Spitze der Entwicklung gilt es, auf dem Weg in die Zukunft über das, wo wir bereits angelangt sind, hinauszugehenso bedeutend das auch sein mag. Dies bedeutet gewissermaßen einen Gangwechsel unserer Perspektive, welcher uns in die Lage versetzt, die Vielen durch die Augen des Einen zu sehen. Es war diese nicht-reduzierbare, den Geist transzen­dierende Vision, welche unbewusst geopfert wurde, als unsere weite Perspektive für uns wichtiger wurde als das, was wir spirituell bereits erreicht hatten. Wir begannen, das Eine durch die Augen der Vielen zu sehen, ohne es selbst zu bemerken. Dies war die unvermeidbare Folge unserer Abwendung von den Meistern, ein notwendiger und unvermeidlicher Schritt in unserem kühnen Voranschreiten hin zu einem umfassenderen Verständnis menschlicher Erfahrungen.

Und jetzt, wo die Notwendigkeit zum Erwachen größer ist als jemals zuvor, stellt sich die Frage, ob mehr und mehr von uns den gleichen Sprung wagen werden, den alle wahren Meister wagtenden Sprung von den Vielen zum Einen. Vergessen wir dabei niemals, dass der erleuchtete Standpunkt, die Position des wahren Meisters, die "Vorhut eines selbst-transzendierenden Antriebes ist, welcher immer über dasjenige hinausgeht, was ihm voranging". Und dieser selbst-transzendierende Antrieb muss in mehr und mehr von uns befreit werden, damit unser kollektives Bewusstsein beginnt, den sanften Zug hin zu einem höheren, tieferen und tiefgründigeren Ruf zu spüren. Darin könnte unsere Rettung liegen.



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