"Ich denke, dass die Weisen die wachsende Spitze eines geheimen
Impulses der Evolution sind", schreibt Ken Wilber in seinem Buch
Eine kurze Geschichte des Kosmos. "Ich denke, sie
bilden die Vorhut eines selbst-transzendierenden Antriebes,
welcher immer über dasjenige hinausgeht, was ihm voranging...
Sie verkörpern den Zug des Kosmos hin zu einer größeren Tiefe
und zu einem sich ausdehnenden Bewusstsein... Sie eilen auf
einem Lichtstrahl zu einem Rendezvous mit Gott."
Wie wird die führende Bewegung der Spiritualität im
einundzwanzigsten Jahrhundert aussehen? In diesen
herausfordernden Zeiten, in denen wir leben, sieht es so aus,
als ob die Zeit selbst sich beschleunigen würde oder, wie manche
sagen, als ob das Tempo der Veränderung so schnell wie noch nie
zuvor ist. Für diejenigen an der Spitze der Bewegung wird es
immer schwieriger, an alten Formen und Ideen festzuhalten. Das
Ende einer Ära und der Beginn einer neuen zwingt uns
buchstäblich dazu, einen neuen Weg zu finden, einen neuen Weg,
um uns philosophisch und spirituell an der Erfahrung unseres
Lebendigseins neu zu orientieren. Der Kontext für diesen
spirituellen Weg in der heutigen Zeit unterscheidet sich von
allen Vorherigen, weil es heutzutage für jeden mit einem
erwachenden Herzen und Geist praktisch unmöglich ist, die
gleichzeitig
erregende und erschreckende Wirklichkeit unserer
aufgerüttelten Welt zu vermeiden. Was werden wir tun, wenn die
sich
verändernden Lebensumstände uns dazu zwingen, einen neuen
Weg zu finden? Und wohin und an wen wenden wir uns?
Zu Beginn der postmodernen Ära, also vor nicht allzu langer
Zeit, begann eine große Anzahl von uns damit, jenseits der
eigenen religiösen Traditionen nach spiritueller Nahrung zu
suchen. Wir taten das, weil die Traditionen nicht mehr länger in
der Lage zu sein schienen, die Bedürfnisse unserer gut
ausgebildeten und pluralistischen Denkweise zu befriedigen. Als
Kinder unserer
eigenen Zeit und Kultur wussten wir bereits zu
viel, um in der
bisherigen Art und Weise einfach
weiterzumachen. Und so machten sich ein paar tapfere Pfadfinder
auf den Weg und auf die Suche nach Antworten, welche sie daheim
nicht finden konnten
und entdeckten die Erleuchtung.
Sie fanden sie im Osten und brachten sie hierher, sodass auch
wir Daheimgebliebenen an diesem großen Fest der befreienden
Weisheit und des höheren Bewusstseins jenseits des Ego teilhaben
konnten. Und das taten wir. Doch dann kamen wir ins Straucheln.
Wir strauchelten, weil unsere
östlichen Meister, trotz ihres
außerordentlichen Wissens über die höheren Zustände, zutiefst in
eine noch ältere Welt eingebunden waren als diejenige, der wir
entfliehen wollten. Ihre Fähigkeiten uns zu helfen waren daher
begrenzt, und als wir das herausfanden, wollten wir mit ihnen
nichts mehr zu tun haben. Wir wollten mit ihnen nichts mehr zu
tun haben, weil wir erkannten, dass sie sich selbst, trotz ihres
Wissens über die höheren Zustände, nicht wirklich kannten. Und
mit der Zeit wurde uns klar, dass wir mehr wussten als sie. Wir
schritten voran und bahnten uns kühn einen neuen Weg, den Weg
der Vereinigung des Ostens mit dem Westen. Wir erstellten eine
neue und vollständigere Landkarte des gesamten Bereiches der
menschlichen Entwicklung, von den ersten
psychologischen
Wachstumsschritten bis hin zu den höchsten Bereichen des
Bewusstseins. Evolution hatte tatsächlich stattgefunden und
Geschichte war geschrieben worden.
Doch Evolution ist niemals eine einfache Sache. Um
voranzuschreiten, war es für uns notwendig, die Stellung, Macht
und Autorität in der Weltsicht unserer Meister herauszufordern.
Wir
an der Spitze der Bewegung
mussten dies tun, weil wir entdeckt hatten, dass
unsere Perspektive, obwohl sie nicht so tief war wie die der
Meister, eindeutig umfassender war. Wir hatten ein größeres
Bild, einen weiteren Blickwinkel, eine umfassendere Perspektive,
welche ohne Zweifel ein weit größeres Spektrum menschlicher
Erfahrungen umfasste. Und dessen waren wir uns bewusst. Doch
nichts im Leben ist umsonst, und wir bezahlten einen Preis für
unseren Einfallsreichtum. Wir wurden zu
unseren eigenen
Experten. Die östlichen Meister wurden durch westliche Lehrer
ersetzt. Aber vor einem Hintergrund einer westlichen Erziehung
und Ausbildung und als Kinder einer postmodernen Ära wurde
unsere Erleuchtung durch die
Beschränktheit unserer Sichtweise
gehemmt. Es könnte sein, dass unsere Perspektive so umfassend
wurde, dass wir
ohne es zu merken
die
ehrfurchtgebietende transformative Kraft
dessen negierten, was
uns zuerst so sehr in seinen Bann zog
die Erleuchtung
selbst. Warum? Weil die immer überwältigende und ohne Ende
herausfordernde Wahrheit der Erleuchtung eine den Geist
erschütternde und das Ego zerstörende Erkenntnis
ist, die darin
besteht, dass die Vielen durch das Eine ersetzt werden
müssen. Daher stecken wir in einem schwierigen Dilemma. Wie
können wir die Weite unserer Sicht aufrechterhalten, ohne die
radikale Einfachheit des erleuchteten Geistes zu opfern? Wie
transzendieren wir das Ego, bei gleichzeitiger herzlicher
Umarmung der Komplexität unserer unsicheren Welt?
Vielleicht müssen wir auf eine tiefere Weise loslassen. An
dieser Weggabelung müssen wir unsere Anhaftungen an die
Beschränktheit unserer schwer erkämpften Perspektiven womöglich
aufgeben, wenn wir unseren Weg fortsetzen wollen. Wenn
wir unsere Entwicklung weiter vorantreiben möchten, müssen wir
den Sprung wagen, den nur die Meister wagen. In unserem Fall
heißt das, dass wir für einen solchen Sprung bereit sein müssen,
der nicht nur über unser Ego hinausgeht, sondern ebenso über
den wissenden Geist und die umfassenden Weltsichten, welche zu
unserem lieb gewordenen "neuen Paradigma"
geworden sind.
Für jene an der Spitze der Entwicklung gilt es, auf dem Weg
in die Zukunft über das, wo wir bereits angelangt sind,
hinauszugehen
so bedeutend das auch sein mag. Dies
bedeutet gewissermaßen einen Gangwechsel unserer Perspektive,
welcher uns in die Lage versetzt, die Vielen durch die Augen
des Einen zu sehen. Es war diese nicht-reduzierbare, den
Geist transzendierende Vision, welche unbewusst geopfert wurde,
als unsere weite Perspektive für uns wichtiger wurde als das,
was wir spirituell bereits erreicht hatten. Wir begannen, das
Eine durch die Augen der Vielen zu sehen, ohne es selbst zu
bemerken. Dies war die unvermeidbare Folge unserer Abwendung von
den Meistern, ein notwendiger und unvermeidlicher Schritt in
unserem kühnen Voranschreiten hin zu einem umfassenderen
Verständnis menschlicher Erfahrungen.
Und jetzt, wo die Notwendigkeit zum Erwachen größer ist als
jemals zuvor, stellt sich die Frage, ob mehr und mehr von uns
den gleichen Sprung wagen werden, den alle wahren Meister
wagten
den Sprung von den Vielen zum Einen. Vergessen
wir dabei niemals, dass der erleuchtete Standpunkt, die Position
des wahren Meisters, die "Vorhut eines selbst-transzendierenden Antriebes ist, welcher immer über dasjenige hinausgeht, was ihm voranging". Und dieser selbst-transzendierende Antrieb muss in mehr und mehr von uns befreit werden, damit unser kollektives Bewusstsein beginnt, den sanften Zug hin zu einem höheren, tieferen und tiefgründigeren Ruf zu spüren. Darin könnte unsere Rettung liegen.


