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Der Guru und der Pandit


Die Zukunft der Religion – eine Untersuchung
Andrew Cohen und Ken Wilber im Dialog
 

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KW: Ja, das denke ich auch. Was du hier ansprichst ist sehr wichtig. Es ist heutzutage üblich und auch verständlich, dass die Menschen einen Unterschied zwischen "religiös" und "spirituell" sehen. Sie sagen: "Ich bin spirituell, aber nicht religiös." Sie meinen damit natürlich, dass "Spiritualität" nicht dogmatisch ist oder auf einer Religion gründet, sondern auf persönlicher Erfahrung und persönlichem Verständnis und so weiter. Wenn jedoch jene Spiritualität sie überlebt und andere jenen spirituellen Zugang aufgreifen können, dann wird er zur Religion. Denn "Religion" bedeutet einfach: etablierte, organisierte Spiritualität. Wenn Menschen also sagen: "Religion mag ich nicht, aber ich bin spirituell", dann meinen sie damit nur, dass sie die organisierten Formen der Spiritualität ablehnen. Was sie aber tatsächlich damit sagen, ist, dass für sie nur ihre eigene persönliche Erfahrung zählt. Aber was geschieht, wenn sie eine bedeutsame spirituelle Erkenntnis haben oder wenn sie Teil eines praktizierenden Sangha oder einer Gemeinschaft sind, die eine wichtige spirituelle Erkenntnis bzw. Erfahrung hat? Wenn dies an nachfolgende Generationen weitergegeben werden soll, dann ist dies organisierte Spiritualitätund das ist Religion. Sie werden eine Religion ins Leben rufen müssen, eine Struktur, in der dies weitergegeben oder institutionalisiert wird

AC: Gott bewahre!

KW: Die meisten Menschen haben eine Abneigung gegen Religionsie haben einfach nur in einem Moment ihre eigene spirituelle Erfahrung und denken nicht darüber hinaus. Wenn jene spirituelle Erfahrung aber eine Bedeutung für irgendjemand anderen als nur für ihr eigenes Ego haben soll, dann wird sie weiter gegeben werden müssen. Das bedeutet, sie wäre, was ich eine "Vier-Quadranten-Angelegenheit" nenne. Sie muss also hinsichtlich sozialer Institutionen, d.h., Strukturen, die sie auch tatsächlich fortführen können, im unteren rechten Quadranten verankert sein (kollektives Äußeres). Sie muss eine unten links (kollektives Inneres) angesiedelte intersubjektive Weltsicht habeneine Reihe von Glaubenssätzen, Verstehens- und Interpretationsweisen, die anzeigen, wie man sich nach diesen eigenen Erfahrungen des höheren Potenzials ausrichtet. Und natürlich muss sie auch den oberen linken (individuelles Inneres) und den oberen rechten (individuelles Äußeres) Bereich haben.


4 quadrants Die vier Quadranten:

In Ken Wilbers integraler Philosophie besteht unser multidimensionaler Kosmos vollständig aus empfindenden Wesen, auch "Holons" genannt, die einen Bogen von den Atomen über die Amöben zu den Astronauten spannen. Alle Holons können von mindestens vier Grundperspektiven aus betrachtet werden. Im Diagramm der vier Quadranten repräsentiert der obere linke Quadrant ein individuelles, von innen her betrachtetes Holon, ("Ich" oder subjektiver Geist), und der obere rechte Quadrant stellt die Sicht dieses Holons von außen dar ("Es" oder objektiver Körper). Da kein Holon isoliert existiert, repräsentiert der untere linke Quadrant die Sicht aus dem Inneren eines Kollektivs von Holons ("Wir" oder intersubjektive Kultur), und der untere rechte Quadrant zeigt ein von außen betrachtetes Kollektiv ("Es" oder interobjektive Gesellschaft). Alle vier Dimensionen dieser Matrix, so glaubt Wilber, sind wesentliche Komponente eines jeden authentischen integralen Strebens.


Du meintest, dass wir vielleicht eine neue Religion brauchen. Ich würde sagen, genau dies geschieht gerade, allerdings in sehr kleinen Gruppen oder praktizierenden Gemeinschaften, welche diese höheren Erfahrungen haben, die ich als Erfahrungen der Third-Tier-Ebene bezeichnen würde. Aber sie müssen diese sozusagen herunterbringen und ihnen Struktur geben. Sie müssen sie verkörpern, sie müssen sie institutionalisieren, sie müssen eine Möglichkeit finden, sie zu reproduzieren und weiterzutragen. Das findet vorläufig jedoch wohl nur in ganz kleinen Bereichen, in praktizierenden Sanghas stattdeine ist ein Beispiel, und es gibt auch einige großartige buddhistische, taoistische und christlich-kontemplative Gemeinschaften, die alle auf ihre Weise versuchen, Zustände höheren Potenzials zu verkörpern und herunter zu bringen und sie zu strukturieren, damit sie fortbestehen. Und dies bedeutet, eine neue Religion zu erschaffen.


Jenseits der Individualität

AC: Um dies noch weiterzuführen: Mir scheint, dass dieser nächste Schritt, über den wir hier sprechen, über eine individuelle Erleuchtung hinaus weistweit über den persönlichen Bereich des Einzelnen hinaus auf das Erscheinen einer Art kollektiven oder intersubjektiven höheren mentalen Bewusstseins [engl. mind]. Ich spreche von einer Emergenz, die ein erwachtes Bewusstsein freisetzen würde, dessen Kraftquelle unmittelbar und wunderbarerweise aus der Verschmelzung des Einzelbewusstseins [engl. mind] jenseits des individuellen und kollektiven Ego kommt.

Natürlich stellt ein derartiges Konzept für uns eine Herausforderung dar, denn diejenigen unter uns, die aus den privilegierten Bevölkerungsgruppen überall auf der Welt stammeninsbesondere aus dem Westensind in einem kulturellen Klima aufgewachsen, das eine nicht authentische, auf dem Ego basierende Autonomie fördert. Hinzu kommt, dass mit dem Konzept der Erleuchtung generell noch bis vor kurzem eine individuelle Reise gemeint war. Nach meinem Dafürhalten sind wir aufgerufen, diesen Individualitäts-Kult um der Emergenz unseres eigenen höheren Potenzials willen hinter uns zu lassen. Es ist offensichtlich, dass dies zunächst in jenen konzentrierten Zusammenhängen geschehen würde, über die wir gerade gesprochen haben, doch die Implikationen sind für uns alle enorm. Hinsichtlich der Evolution des Bewusstseins scheint es mir, dass eine höhere Entwicklungsstufe auf die Emergenz einer geistigen Fähigkeit hindeutet, welche die Individualität buchstäblich transzendiert.


KW: Oh, das denke ich auch. Meine Meinung ist natürlich, dass jedes Holon vier Quadranten hat, folglich hat jedes Bewusstsein eine intersubjektive Komponente. Auf den höheren Wellen, Ebenen oder Stadien der Entwicklung sind alle Quadranten in gewisser Weise lebendiger und dynamischer, deshalb nimmt man sie leichter wahr. Ich meine, einerseits stimmt es, dass höhere Stadien eine gewisse Intensivierung des intersubjektiven Bewusstseins einschließen, aber andererseits werden die Menschen, die das erleben, paradoxerweise auch autonomer.

AC: Das ist absolut richtig.

KW: Es ist also keineswegs so, dass die Autonomie ab- und die Intersubjektivität zunimmt. Ich denke, dass beide lebendiger und wahrnehmbarer werden. Und in dieser Hinsicht sticht die Intersubjektivität auf eine Weise hervor, wie sie es auf früheren Stufen nicht tat.

AC: Ganz genau, denn auf diesen höheren Stufen gibt es einen viel höheren Grad an Egolosigkeit. Und im Gegensatz zu den Vorstellungen der meisten Menschen ist das natürliche Ergebnis der zunehmenden Egolosigkeit eine immer größere und authentischere Autonomie. Und wenn sich diese größere Autonomie jenseits des Ego in mehreren Menschen gleichzeitig manifestiert, dann erscheint der befreite Geist der Erleuchtung automatisch durch einen erleuchteten intersubjektiven Kontext und das auf eine Weise, wie dies durch einen Einzelnen einfach nicht möglich wäre.

KW: Ja, und zudem wäre dies auf früheren Entwicklungsstufen nicht möglich. Man kann dies auch noch auf andere Weise beschreiben: Waswie du ja nur zu gut weißtgeschieht, wenn man in diese höher entwickelten spirituellen Zustände kommt, ist, dass das Eine Selbst in den anderen immer offensichtlicher wird. Du kannst also da sitzen und einen anderen Menschen anschauen, und plötzlich erlebst du ein intimes Einssein mit seinem Inneren. Und gleichzeitig erlebt der Andere dasselbe, weil ihr beide in Resonanz mit dem einzigen Selbst seid, das im gesamten Universum existiert. Intersubjektivität wird also sozusagen eine Art harmonische Resonanz, die einfach hervorströmt.

AC: Und was wäre, wenn diese Art von Ereignis, das du gerade beschrieben hast, die Grundlage für das Erscheinen unseres eigenen höheren Potenzials würde? Anders ausgedrückt, glaubst du nicht, dass esangenommen wir überleben und sind in der Lage, all dies weiterzuführenin unserer Zukunft eine Entwicklungsstufe geben wird, wo der Unterschied zwischen autonomer Individualität und höherer Einheit immer geringer werden wird?

KW: Ganz bestimmt.

AC: Und dass sich durch diese größere nichtduale Intimität un­vorstellbare Möglichkeiten eröffnen werden? Zu vielen von ihnen hast du selbst, so denke ich, durch deine eigene Arbeit ja bereits Zugang.

KW: Ja, ich glaube, das ist richtig. Und ich denke, dass obwohl auf einernennen wir es "sehr verfeinerten" Ebeneviele Unterschiede des endlichen, manifestierten Bereichs klarer, einfacher und offensichtlicher werden, paradoxerweise jedoch gleichzeitig all jene Unterschiede verblassen. Sie werden irgendwie farblosund nicht nur die Unterschiede zwischen dem Selbst und Anderen. Man erhält diese immerfort vibrierende, lebendige Intersubjektivität. Die klassischen Unterschiede zwischen maskulin und feminin verschwinden beispielsweise auch. Autonomie und Gemeinschaftes ist schwierig, sie zu unterscheiden. Es ist, als ob man von beidem mehr hätte, mehr an Gemeinsamkeit und mehr Autonomie zur selben Zeit.

AC: Richtig! Denn wenn sich das Geschlecht mehr mit dem au-thentischen Selbst und weniger mit dem Ego identifiziert, dann tritt Singularität in Erscheinung.

KW: Aber es ist kein Zusammenschmelzen. Das ist das Interessante daran. Anders gesagt wird man sowohl maskuliner als auch femininer

AC: Genau!

KW:sowie autonomer und stärker auf die Gruppe bzw. intersubjektiv ausgerichtetindem man auf diese sehr paradoxe Weise die Gegensätze transzendiert. Ich denke, das geschieht ganz eindeutig, und es geschieht auf ganzer Linie.

AC: Ja, und ich glaube, das Bedeutsame daran ist, dass aus diesem erleuchteten Kontext nichtdualer Intersubjektivität eine vollkommen neue Möglichkeit entstehteine andere Ordnung des gesamten menschlichen Potenzials. Ich meine, es ist buchstäblich wie eine neue Welt, diemit neuen Regelnin dieser vorhandenen auftaucht, weil sich jetzt der Kontext komplett geändert hat. Es ist die Zukunft, die jetzt erfahren wird. Es ist eine Welt oder ein Bewusstseinszustand jenseits des Ego, wo wir zusammenals einsbeginnen können, bewusst an der Evolution des Bewusstseins mitzuwirken.


Kreative Evolution

AC: Weißt du, ich hatte schon seit Jahren eine intuitive Wahrnehmung von diesen Arten von höherem evolutionärem Potenzial, für die mir aber der objektive Beweis fehlte. Ich nahm sie einfach intuitiv vor meinem inneren Auge wahr und fand mich auf mysteriöse Weise gezwungen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit sich dieses Potenzial in meiner Schülerschaft manifestieren könnte. Das war oft irritierend, denn wenn du etwas siehst, von dem du sicher bist, dass es existieren kann und mit Sicherheit existieren wird, wenn du nur alles dafür gibst, du aber weiterhin keinen Beweis dafür zu erbringen in der Lage bist, dann kannst du dich schon manchmal selbst für ein wenig verrückt halten. Aber nachdem ich nicht aufgegeben und ständig enormen Druck ausgeübt hatte, begannen genau diese Potenziale schließlich wirklich in Erscheinung zu treten.

Was du über die "postmetaphysische Spiritualität", wie du sie nennst, geschrieben hast, war in meinen Augen zum Einen eine Bestätigung meiner eigenen Erfahrungen, zum Anderen hat es auch mein Verständnis diesbezüglich erhellt. So wie ich es verstanden habe, hatte ich intuitiv etwas gesehen, das noch nicht existiertenicht im metaphysischen Sinne der Philosophia perennis*, nach der alle höheren Ebenen zuvor existierende ontologische Strukturen sind. Tatsächlich war das, was ich sah, nur ein Potenzial, nicht bereits eine real vorweg existierende Ebene, die man nur noch erreichen muss. Meine eigene Erfahrung bestätigt in der Tat deine Erklärung, dass jene neu in Erscheinung tretenden Bewusstseins- bzw. Seinsebenen bisher noch nicht mit genügend Beständigkeit aufgetreten sind, um aus sich heraus existierende Ebenen oderwie du sie genannt hast"kosmische Gewohnheiten" zu werden. Aber, und das ist das Faszinierendste dabei, sie werden tatsächlich zu existierenden Ebenen oder kosmischen Gewohnheiten in dem Maße wie wir mit dem Bewusstsein partnerschaftlich zusammenwirken, um diese Fähigkeit wechselseitig in uns zu entwickeln.
*Der Begriff weist auf den gemeinsamen Kern der größten Weisheitstraditionen dieser Welt hin.

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