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KW: Ja, das denke ich auch. Was du hier ansprichst ist sehr wichtig. Es ist heutzutage üblich und auch verständlich, dass die Menschen einen Unterschied zwischen "religiös" und "spirituell" sehen. Sie sagen: "Ich bin spirituell, aber nicht religiös." Sie meinen damit natürlich, dass "Spiritualität" nicht dogmatisch ist oder auf einer Religion gründet, sondern auf persönlicher Erfahrung und persönlichem Verständnis und so weiter. Wenn jedoch jene Spiritualität sie überlebt und andere jenen spirituellen Zugang aufgreifen können, dann wird er zur Religion. Denn "Religion" bedeutet einfach: etablierte, organisierte Spiritualität. Wenn Menschen also sagen: "Religion mag ich nicht, aber ich bin spirituell", dann meinen sie damit nur, dass sie die organisierten Formen der Spiritualität ablehnen. Was sie aber tatsächlich damit sagen, ist, dass für sie nur ihre eigene persönliche Erfahrung zählt. Aber was geschieht, wenn sie eine bedeutsame spirituelle Erkenntnis haben oder wenn sie Teil eines praktizierenden Sangha oder einer Gemeinschaft sind, die eine wichtige spirituelle Erkenntnis bzw. Erfahrung hat? Wenn dies an nachfolgende Generationen weitergegeben werden soll, dann ist dies organisierte Spiritualität AC: Gott bewahre! KW: Die meisten Menschen haben eine Abneigung gegen Religion
Die vier Quadranten:
In Ken Wilbers integraler Philosophie besteht unser multidimensionaler Kosmos vollständig aus empfindenden Wesen, auch "Holons" genannt, die einen Bogen von den Atomen über die Amöben zu den Astronauten spannen. Alle Holons können von mindestens vier Grundperspektiven aus betrachtet werden. Im Diagramm der vier Quadranten repräsentiert der obere linke Quadrant ein individuelles, von innen her betrachtetes Holon, ("Ich" oder subjektiver Geist), und der obere rechte Quadrant stellt die Sicht dieses Holons von außen dar ("Es" oder objektiver Körper). Da kein Holon isoliert existiert, repräsentiert der untere linke Quadrant die Sicht aus dem Inneren eines Kollektivs von Holons ("Wir" oder intersubjektive Kultur), und der untere rechte Quadrant zeigt ein von außen betrachtetes Kollektiv ("Es" oder interobjektive Gesellschaft). Alle vier Dimensionen dieser Matrix, so glaubt Wilber, sind wesentliche Komponente eines jeden authentischen integralen Strebens. Du meintest, dass wir vielleicht eine neue Religion brauchen. Ich würde sagen, genau dies geschieht gerade, allerdings in sehr kleinen Gruppen oder praktizierenden Gemeinschaften, welche diese höheren Erfahrungen haben, die ich als Erfahrungen der Third-Tier-Ebene bezeichnen würde. Aber sie müssen diese sozusagen herunterbringen und ihnen Struktur geben. Sie müssen sie verkörpern, sie müssen sie institutionalisieren, sie müssen eine Möglichkeit finden, sie zu reproduzieren und weiterzutragen. Das findet vorläufig jedoch wohl nur in ganz kleinen Bereichen, in praktizierenden Sanghas statt Jenseits der Individualität AC: Um dies noch weiterzuführen: Mir scheint, dass dieser nächste Schritt, über den wir hier sprechen, über eine individuelle Erleuchtung hinaus weist Natürlich stellt ein derartiges Konzept für uns eine Herausforderung dar, denn diejenigen unter uns, die aus den privilegierten Bevölkerungsgruppen überall auf der Welt stammen KW: Oh, das denke ich auch. Meine Meinung ist natürlich, dass jedes Holon vier Quadranten hat, folglich hat jedes Bewusstsein eine intersubjektive Komponente. Auf den höheren Wellen, Ebenen oder Stadien der Entwicklung sind alle Quadranten in gewisser Weise lebendiger und dynamischer, deshalb nimmt man sie leichter wahr. Ich meine, einerseits stimmt es, dass höhere Stadien eine gewisse Intensivierung des intersubjektiven Bewusstseins einschließen, aber andererseits werden die Menschen, die das erleben, paradoxerweise auch autonomer. AC: Das ist absolut richtig. KW: Es ist also keineswegs so, dass die Autonomie ab- und die Intersubjektivität zunimmt. Ich denke, dass beide lebendiger und wahrnehmbarer werden. Und in dieser Hinsicht sticht die Intersubjektivität auf eine Weise hervor, wie sie es auf früheren Stufen nicht tat. AC: Ganz genau, denn auf diesen höheren Stufen gibt es einen viel höheren Grad an Egolosigkeit. Und im Gegensatz zu den Vorstellungen der meisten Menschen ist das natürliche Ergebnis der zunehmenden Egolosigkeit eine immer größere und authentischere Autonomie. Und wenn sich diese größere Autonomie jenseits des Ego in mehreren Menschen gleichzeitig manifestiert, dann erscheint der befreite Geist der Erleuchtung automatisch durch einen erleuchteten intersubjektiven Kontext und das auf eine Weise, wie dies durch einen Einzelnen einfach nicht möglich wäre. KW: Ja, und zudem wäre dies auf früheren Entwicklungsstufen nicht möglich. Man kann dies auch noch auf andere Weise beschreiben: Was AC: Und was wäre, wenn diese Art von Ereignis, das du gerade beschrieben hast, die Grundlage für das Erscheinen unseres eigenen höheren Potenzials würde? Anders ausgedrückt, glaubst du nicht, dass es KW: Ganz bestimmt. AC: Und dass sich durch diese größere nichtduale Intimität unvorstellbare Möglichkeiten eröffnen werden? Zu vielen von ihnen hast du selbst, so denke ich, durch deine eigene Arbeit ja bereits Zugang. KW: Ja, ich glaube, das ist richtig. Und ich denke, dass obwohl auf einer AC: Richtig! Denn wenn sich das Geschlecht mehr mit dem au-thentischen Selbst und weniger mit dem Ego identifiziert, dann tritt Singularität in Erscheinung. KW: Aber es ist kein Zusammenschmelzen. Das ist das Interessante daran. Anders gesagt wird man sowohl maskuliner als auch femininer AC: Genau! KW: AC: Ja, und ich glaube, das Bedeutsame daran ist, dass aus diesem erleuchteten Kontext nichtdualer Intersubjektivität eine vollkommen neue Möglichkeit entsteht Kreative Evolution AC: Weißt du, ich hatte schon seit Jahren eine intuitive Wahrnehmung von diesen Arten von höherem evolutionärem Potenzial, für die mir aber der objektive Beweis fehlte. Ich nahm sie einfach intuitiv vor meinem inneren Auge wahr und fand mich auf mysteriöse Weise gezwungen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit sich dieses Potenzial in meiner Schülerschaft manifestieren könnte. Das war oft irritierend, denn wenn du etwas siehst, von dem du sicher bist, dass es existieren kann und mit Sicherheit existieren wird, wenn du nur alles dafür gibst, du aber weiterhin keinen Beweis dafür zu erbringen in der Lage bist, dann kannst du dich schon manchmal selbst für ein wenig verrückt halten. Aber nachdem ich nicht aufgegeben und ständig enormen Druck ausgeübt hatte, begannen genau diese Potenziale schließlich wirklich in Erscheinung zu treten. Was du über die "postmetaphysische Spiritualität", wie du sie nennst, geschrieben hast, war in meinen Augen zum Einen eine Bestätigung meiner eigenen Erfahrungen, zum Anderen hat es auch mein Verständnis diesbezüglich erhellt. So wie ich es verstanden habe, hatte ich intuitiv etwas gesehen, das noch nicht existierte
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