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Der Guru und der Pandit


Die Zukunft der Religion – eine Untersuchung
Andrew Cohen und Ken Wilber im Dialog
 

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KW: Das stimmt genau. Ich glaube wirklich, dass das der Fall ist. Und es ist gewissermaßen wechselseitig unterstützend, wenn die eigene innere Erkenntnis und die Erfahrung der Menschen dies bestätigen; denn es ist gewiss meine eigene Erfahrung, aber es ist augenscheinlich auch das Produkt einer philosophischen Orientierung. Und jetzt durchdenken wir gründlich, was einige dieser Sachen in Verbindung mit deiner eigenen spirituellen Praxis und deinem spirituellen Gewahrsein bedeuten.

AC: Bevor ich mit deinen Vorstellungen über dieses Thema vertraut war, hatte ich angenommen, dass diese Ebenen und das Potenzial, das ich intuitiv erfasste, bereits existierten. Und dann wurde mir klar: "Nein, sie existieren potenziell, und daher existieren sie noch nicht wirklich, weil nämlich noch nicht ausreichend viele Menschen jene Entwicklungsebene erreicht haben."

KW: Genau so sehe ich es auch. Und dieses Verständnis erlaubt uns, eine enorme Menge metaphysischen und ontologischen Ballast loszuwerden, der nicht nur überflüssig ist, sondern die spirituelle Orientierung hinsichtlich der modernen und postmodernen Welt beeinflusst. Denn die moderne und postmoderne Welt hat sehr starke Argumente gegen die Existenz ontologischer und metaphysischer Strukturen entwickelt. Und sie existieren ja auch tatsächlich nicht. Allerdings kann man immer noch wirklich alles, was man für eine umfassende integrale Spiritualität braucht, daraus ableiten, ohne jedoch jenen Ballast zu benutzen.

Wenn wir also die Ebenen, wie sie durch Spiral Dynamics definiert worden sind, als Beispiel nehmen, so können wir sagen: wenn die niedrigeren EbenenBeige, Purpur, Rot, Blau, Orange und Grünerst einmal aufgetaucht sind, Struktur annehmen und zu kosmischen Gewohnheiten werden, dann existieren sie unabhängig vom Individuum. Und in der heutigen Welt sind die Strukturen der niedrigen Ebenen so alt, dass jedes Kind diese Stadien durchlaufen muss. Man kann ihnen nicht entgehensie sind einfach da. Sie werden also real, und zwar auf eine sehr konkrete, gar nicht metaphysische Weise als tatsächliche Entwicklungsebenen unter wirklichen Menschen in einer realen Welt. Deshalb sind diese Ebenen oder Strukturen bis ungefähr zu Türkis hoch de facto ziemlich festgelegt. Und je älter sie werden, desto stärker werden sie zu kosmischen Gewohnheitenund umso schwerer ist es, sie zu durchbrechen.

Aber wenn man bis zu Türkis und Koralle* aufsteigtnun, diese Ebenen fügen sich gerade erst lose zusammen. An dieser Stelle steht also die derzeit höchste Stufe der Evolutionbei Türkis und Koralleund diese sind schaumig, kreativ und aufstrebend. Und alles, was wir jetzt im Moment tun, trägt mit dazu bei, wie jene Ebenen als kosmische Gewohnheiten festgelegt werden.

AC: Richtig.

KW: Das ist also sehr interessant. Und dann gibt es sogar noch höhere Ebenen, aber jene sind nur gewaltige Potenziale in den subtilen, kausalen und nichtdualen Bereichen.

AC: Was daran so faszinierend ist und das Ganze unendlich befriedigender macht als der traditionelle Zugang, ist die schockierende Erkenntnis, dass wir diese Bewusstseinsebenen tatsächlich erschaffen, und in einem evolutionären Kontext ist es natürlich unglaublich dringlich, dass wir dies tun. Es wird nicht von selbst geschehen, weil diese Ebenen noch nicht existieren!

KW: Völlig richtig.

AC: Und was könnte die Bedeutung des spirituellen Impulses klarer machen als die Erkenntnis, dass unsere bewusste Mitwirkung an der Entwicklung des Bewusstseins unabdingbar ist? Was könnte für den erwachenden Menschen auf der emotionalen, intellektuellen, philosophischen und spirituellen Ebene sinnvoller und überzeugender sein? Wenn wir annehmen, dass diese Ebenen bereits existieren, dann lassen wir die entscheidende Rolle, die wir bei der tatsächlichen Erschaffung dieser Ebenen spielen, vollkommen außer Acht. Und dies ist doch der faszinierendste Teil des Ganzendenn der Sinn der menschlichen Inkarnation offenbart sich am klarsten, wenn man erkennt: "Es hängt von mir ab."

KW: Ja, es ist tatsächlich ein Co-Kreieren, denn genau da, an der schäumenden, brodelnden, chaotischen, gerade in Erscheinung tretenden äußersten Spitze der Entfaltung des Geistes, da ist Leela, das kreative Spiel. Und das einzig Nötige ist natürlich, dass alles, was auftauchen mag, seine Vergangenheit transzendieren und einschließen muss, weil das vergangene Formen des Geistes sind. Moleküle tauchen auf, sie transzendieren und schließen Atome ein, Atome wiederum schließen Quarks ein und so weiter. Wir müssen also die Vergangenheit einschließen, und das wird Liebe genannt. Aber von der anderen Seite aus betrachtet bringt man jedes Mal, wenn man diese Art von Erfahrungen hat, die äußerste schöpferische Spitze herunter.

AC: Genau. Wenn wir davon sprechen, die schöpferische äußerste Spitze herunter zu bringenich habe da etwas sehr Profundes bemerkt, das einige meiner Schüler selbst erlebt haben, über das ich gern mit dir sprechen würde. Wenn man sich wirklich mit der Evolution des Bewusstseins in der Weise, wie wir es erörtert haben, befasst, dann entsteht da buchstäblich der Eindruck, dassGott, ich weiß nicht, mit welcher Metapher ich es beschreiben soll, aberes ist beinahe so, als wenn ein Dingwenn wir beim Bewusstsein von einem Ding sprechen könnenvon jenen, die es bewusst erkennen, "gegart" würde. Während sich jene Menschen in diesen Zustand bewusster Erkenntnis hinein- und wieder heraus bewegten, schien es, als ob es sich ihnen mitteilte und sie sich ihm mitteilten. Und später, wenn sie erneut zu diesem Zustand erwachten, schien es, als ob das Dingdas Bewusstsein selbstbuchstäblich in der Evolution vorangeschritten wäre.

KW: Ich glaube, genau so geschieht es.

AC: Ich habe diese Art von Erfahrung schon relativ lange, aber kürzlich haben viele meiner Schüler dieselbe Erkenntnis als ihre kollektive Erfahrung beschrieben. Sie stellen immer wieder fest, dass dieses Ding, wenn sie ihm ihre Aufmerksamkeit schenken, beginnt, sich ihnen mitzuteilen, und in Folge dessen entwickeln sie sich weiterund wenn sie sich ihm wieder zuwenden, sehen sie, dass dieses mysteriöse Fortschreiten in dem Ding selbst auch geschehen ist. Hierin kannst du tatsächlich intuitiv wahrnehmendu kannst nicht wirklich sagen sehen, weil es auf einer viel subtileren Ebene istaber was auch immer das Bewusstsein ist, du kannst beinahe sehen, wie es sich entwickelt, gerade so, wie wir darüber gesprochen haben.

KW: Das stimmt genau. Du kannst ein gedankliches Experiment machen, indem du fünfzigtausend Jahre zurückdenkst, wo jeder auf einer viel früheren Entwicklungsebene ist, etwa auf Beige oder Purpur. Purpur ist die evolutionäre Spitze jener Zeitphase, und dennoch gibt es kleine Gruppen von Menschen, die schon mit der nächsten Ebene Erfahrungen machen, das wäre dann Rot. Und Rot ist zu der Zeit noch nicht ganz ausgeformt, daher gibt es noch viele verschiedene Richtungen, in die Rot gehen kann. Es muss nur Purpur und Beige transzendieren und einschließendiesbezüglich ist es festgelegt, weil seine Vergangenheit bis zu einem gewissen Grad mitgenommen werden muss. Aber an der kreativen Spitze hätten weite Teile von Rot in eine Reihe verschiedener Richtungen gehen können. Und ich bin sicher, dass die ersten Pioniere des Bewusstseins, als sie in Rot vorstießen, ebensolche Erfahrungen machten, wie du sie beschrieben hast. Sie tippten irgendwie hinein, kehrten zurück und wunderten sich: "Du meine Güte, was war das denn?" Und dann versuchten sie es wieder, drangen wieder hinein und kehrten zurück. Und irgendwann begann es schließlich zu fließen, kam heraus und lagerte sich unten ab. Und je mehr Menschen eine Erfahrung machen, desto mehr wird sie zu einer kosmischen Gewohnheit, die auch anderen Menschen zugänglich wird, welche dann ebenfalls in diesen Bereich hineingehen können. Und dann, zehntausend Jahre später, wurde es eine solche kosmische Gewohnheit, dass die Menschen damals keine Wahl mehr hatten. Sie entwickeln sich automatisch durch Rot hindurch weiter auf dem Weg zur nächsten Ebene Blauso ist es einfach. Später dann, an der äußersten Spitze der kreativen Evolution, beginnen die Menschen auf der blauen Ebene erste Erfahrungen mit Orange zu haben. Das war eine sehr aufregende Zeitwestliche Erleuchtung genannt (mit Vorausschau auf das Auftauchen des frühen Griechenlands, wo fähige Köpfe dort ins Orange und höher vorstießen). Deshalb denke ich, dass genau das passiert. Und weißt du was? In tausend Jahren wird man auf all dies zurückblicken als "den Kindergartenkram", in den wir seinerzeit vorgestoßen sind. *Die höchsten Entwicklungsebenen, die noch von Spiral Dynamics identifiziert werden müssen.

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