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Die Zukunft der Schüler-Lehrer-Beziehung


definitiv keine bloße Rezension von Mariana Caplans Buch Do You need a Guru?
von Elizabeth Debold
 

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Wie wurde "Guru" zu einem Schimpfwort? "Auf einer Party zu erwähnen, man habe einen Guru, ist so, als würde man sagen: "Ich bin heroinabhängig", schreibt Mariana Caplan in Do You Need a Guru: Understanding the Student-Teacher-Relationship in an Era of False Prophets (London: Thorsons, 2002) Und das ist kein Witz. Denken Sie einmal darüber nach. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort "Guru" hören? Steigen verschwommene Bilder aus den "Goldenen 60er-Jahren" aufLiebes­perlen, lange Haare und all das? Von Menschenmassen in schrägen Klamotten, die sich zusammen rhythmisch hin- und herwiegen, während sie vor dem Konterfei eines lächelnden bärtigen Mannes in langen Gewändern Hare Krishna singen? Vielleicht sagen Sie mit halbem Lächeln: "Bin dabei gewesen, hab da mitgemacht"fest entschlossen, so etwas nie wieder zu tun. Oder Sie denken an Ihre Meditationslehrerin und würdigen, wie viel Hilfe Ihnen zuteil wurde. Aber sie ist doch kein Guruoder? Möglich, dass Sie sich vage an einen charismatischen Inder mit Rolls-Royce-Armada irgendwo in der Wüste erinnern. Vielleicht kommen Ihnen auch unheilvollere Gedanken in den Sinn, und Sie denken zurück an mit Zyankali versetzte Brause und andere Auswüchse von Sekten-Wahn. Seltsamwir haben keine Probleme mit Business-Gurus, mit Trainer-Gurus oder mit Finanz-Gurus, aber wenn es um spirituelle GurusGuru-Gurusgeht, dann fühlen wir uns plötzlich nicht wohl in unserer Haut.

Ja wirklich, ist es nicht interessant, dass kaum eine Frage in der heutigen spirituellen Welt so befrachtet ist wie diese: Was ist die Rolle der spirituellen Autorität bei unserer Suche nach Weisheit und Ganzheit? Bedenkt man, wie häufig wir von den Autoritäten in unserem Leben enttäuscht worden sind, dann ist es völlig verständlich, dass wir sehr misstrauisch sind. Das 20. Jahrhundert war eine Epoche der Desillusionierungunser Glaube an die Integrität aller Autoritäten, von den Eltern bis zur Polizei, von religiösen bis zu weltlichen Führern, wurde immer wieder zerstört. Nichtsdestotrotz ist es eine Tatsache, dass die Schüler-Lehrer-Beziehung in den verschiedensten Kulturen (einschließlich dem antiken Griechenland, der Wiege der westlichen Zivili­sation) seit Jahrtausenden buchstäblich das meist geschätzte und erfolgreichste Vehikel für eine grundlegende und dauerhafte Transformation gewesen ist. Historikern zufolge suchte selbst Christus die Lehrer seiner Zeit auf und ebenso Buddhaehe er den "Mittleren Weg" entdeckte, welcher die Spiritualität des alten Indien revolutionieren sollte. Selten findet mandamals wie heuteHeilige oder Weise, welche die letztendliche Wahrheit nicht durch eine wie auch immer geartete Form von Beziehung zu einem Lehrer erkannt haben. Und auch wir haben in unserem Alltagsleben keinerlei Schwierigkeiten zu realisieren, dass die effektivste Methode etwas zu lernenauf welchem Gebiet auch immerfür gewöhnlich die direkte Lehrer-Schüler-Beziehung ist. Auch heutzutage ist das wirkungsvollste Medium für persönliches Wachstum und Veränderung die Beziehung zu einem Psychotherapeuten oder vielleicht zu einem vertrauten Partner.

In unserem spirituellen Leben jedoch befinden wir unsso Caplanin einem "großen Dilemma". Denn obwohl die Lehrer-Schüler-Beziehung historisch gesehen immer der Hauptkontext war, in dem der Mensch grundlegende, echte Transformationen erlebte, haben uns doch sehr viele Gurus und spirituelle Lehrer herb enttäuscht. Und wir sind zu einem Zeitpunkt im Stich gelassen worden, wo die Menschheit spiritueller Führung dringend bedurft hätte. Die Zukunft, die uns ins Gesicht starrteine Welt der Gentechnologie, Massenvernichtungswaffen und Um­welt­zerstörungschreit laut nach einer neuen spirituellen Vision, nach einer Transformation des menschlichen Bewusstseins, die dem globalen Chaos und der Komplexität gewachsen ist, welche durch unsere technologische Vorstellungskraft freigesetzt wurde. Führt also ein Weg an diesem Dilemma mit den spirituellen Autoritäten vorbeiein Weg, die Lehrer-Schüler- oder, kann ich es zu sagen wagen, Guru-Schüler-Beziehung wieder zu belebender sowohl die verständliche Skepsis als auch unser Bedürfnis nach wahrer und vertrauenswürdiger Hilfe bei tatsächlicher Transformation berücksichtigt? Anders gesagt: Gibt es eine Möglichkeit, diesen so bedeutenden Lernkontext zu überarbeiten, sodass er nicht einfach ein Teil unserer Vergangenheit ist, sondern dazu dient, eine neue Zukunft zu erschaffen?

Nun, offensichtlich würde ich dies nicht schreiben, wenn ich nicht glaubte, dass es einen Weg aus diesem Dilemma tatsächlich gibt. So wie Caplan habe auch ich selbst einen Guru, weshalb mein Interesse an diesem Thema auch nicht nur rein theoretisch ist. In ihrem neuen Buch bietet Caplan einen aktualisierten Zugang zu diesem heiklen Thema an, einen, der den Staub von des Gurus Kleidern abschüttelt, der ganzen Beziehung eine dringend benötigte Veränderung verpasst und ihr in unserem psychologisch cleveren, selbstbestimmten Leben Bedeutung verleiht. Zu Zeiten, wo die Frage, ob man einen spirituellen Lehrer haben sollte, überhaupt keine Frage istweil die Antwort lautet: "Auf gar keinen Fall"rollt Caplan das gesamte Thema wieder auf, wobei sie eine brandaktuelle spirituelle Sichtweise auf diese altehrwürdige Tradition vermittelt. Doch seien wir uns darüber im Klarenob geliftet oder nichtdie Beziehung zu einem spirituellen Lehrer ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Do You Need A Guru? bietet praktische Hilfe für jene, die versuchen, Sinn und Zweck der Beziehung zu einem Lehrer zu verstehen und die erfahren wollen, was dazugehört, damit diese auch heutzutage funktioniert. Caplan, Psychotherapeutin und Schülerin des spirituellen Lehrers Lee Lozowick, entwickelt ein neues Modell für eine verbindliche Beziehung zur spirituellen Autoritätsie nennt es "bewusste Schülerschaft"indem sie tief in die Skandale der Vergangenheit hineinblickt und jene Qualitäten umreißt, die sowohl Lehrer als auch Schüler mitbringen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Sie untersucht auch die "heißen Themen" wie Gehorsam, Verrat und skandalöses Guruverhalten. Indem sie die damit verbundenen Fallstricke und Versprechen nie außer Acht lässt, bietet sie einen wachen, zeitgemäßen Blick auf diese Beziehung, die seit Jahrtausenden die Feuerprobe menschlicher Transformation gewesen ist.

Doch die Frage "Braucht man einen Guru?" ist nicht nur praktischer Natur. Schauen wir genauer hin, so finden wir uns einigen der hartnäckigsten Plattitüden der Postmoderne gegenüberjenen heiklen Glaubenssätzen darüber, wer wir sind, was menschlich machbar ist und wie wir miteinander umgehen sollen. Ich meine, selbst die relativ simple Frage: Wieso sollte man heutzutage eine verbindliche Beziehung zu einem spirituellen Lehrer eingehen?kann bereits für ziemlich hitzige Stimmung sorgen. Direkt unter der scheinbar ruhigen Oberfläche verstecken sich oft einige feste Annahmen. Denn in Wirklichkeit bedeutet die Frage "Wieso sollte man einen Lehrer haben wollen?" für gewöhnlich so viel wie: "Ach geh, sind wir nicht längst viel zu aufgeklärt und gebildet, um uns in eine derartige Abhängigkeit zu begeben?" Oder, um es einmal weniger höflich auszudrücken: "Geht es bei dieser ganzen Guru-Frage nicht eigentlich darum, sich vor der eigenen Verantwortung zu drücken und nach der perfekten Mami oder dem perfekten Papi Ausschau zu halten?" Und das verzwickte an der Sache ist, dass beides stimmtwir sind zu aufgeklärt, um die Rolle des Abhängigen in einer autoritären Beziehung anzunehmen, und nur allzu oft ist der Wunsch nach einem Lehrer tatsächlich mit all unseren anderen Motivationen vermischt, welche mehr mit Bequemlichkeit und Trost zu tun haben als mit echter Transformation.

Ja, wir sind zu egalitär und psychologisch zu smart geworden, um dieselbe Art Beziehung zu einem Lehrer zu haben, die man in Indien oder Tibet antrifft. "Hinterfrage Autoritäten" und "Erfahre dich selbst" waren die Zwillingsslogans der Sechziger, Slogans, die mittlerweile in die Atmosphäre des postmodernen Lebens eingegangen sind. Die Sechziger griffen die traditionelle Autorität anAnti-Kriegsproteste, Bürgerrechtskämpfe, der Kampf um die Gleichstellung der Geschlechtersie knackten die Hierarchien, welche die starren Positionen von Herrschaft und Abhängigkeit, die seit dem Mittelalter bestanden, geschaffen hatten. Wir hinterfragten und stellten dabei fest, dass unsere Autoritäten den Erwartungen nicht gerecht wurden. Deshalb ernannten wirgemäß einem glorreichen Ideal von Gleichheit und Freiheit für alleuns selbst zu ultimativen Autoritäten. Zum vermutlich ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hatte eine gesamte Generation die Möglichkeit, aus den Begrenzungen von Tradition und Erwartung herauszutreten und neue Handlungsstränge für unsere Lebensgeschichten zu erschaffen. Anstatt bei den Autoritäten nach Antworten zu suchen, wurde die Frage gestellt: "Wie machen wir uns frei, unser eigenes Leben zu leben?" Und so wurde die psychologische Untersuchungdie Erforschung unserer eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Motivationenunser Leitfaden zur Erfüllung in diesen sehr persönlichen Erzählungen. Die Psychologie gab uns die erforderlichen Kenntnisse, uns zu autorisieren, unser Leben selbst zu schreiben, indem wir in uns selbst nach Führung suchten.

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