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Befreiung ohne Gesicht


Ein Interview mit Andrew Cohen
von Elizabeth Debold
 

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Einleitung

Feminismus ist die radikale Idee, dass Frauen menschliche Wesen sind. Vor Jahren habe ich mir auf einer Konferenz einen Button mit diesem Slogan gekauft, weil ich den Spruch sowohl bezeichnend als auch empörend fand – lustig, traurig und unerträglich. Oberflächlich betrachtet erschien er unsinnig. Natürlich sind Frauen menschliche Wesen. Musste das ausdrücklich gesagt werden? Ja, da lag der Hase im Pfeffer. Irgendwie musste es das. Für mich bedeutete es nicht, dass Männer das Geheimnis des „Menschseins“ hüteten. Aber in der Welt, in der wir alle lebten, hatte das, was Männer waren und was sie taten, auf eine sicherlich sehr wirkliche Art etwas, das für Frauen nicht galt.

Und ich stand auf ,Ground Zero‘, dem Zentrum eines Erdbebens, einer Welle rechtschaffener Wut und flammender Leidenschaft, die uns allen den Boden unter den Füßen wegziehen und das modrige Gewebe der Gesellschaft zerreißen und neue Verbindungen zwischen Frauen und zwischen Frauen und Männern schmieden würde, um eine völlig neue, unbekannte Möglichkeit, die für Frauen und Männer gleichermaßen bedeutsam sein würde, zu erschaffen. Nichts anderes als das war wichtig auf diesem Planeten. Das war die Frauenbewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre. Ich nahm daran teil. Ich war Feministin. Das war totale Revolution.

Das dachte ich jedenfalls. Auf dem Weg zur Revolution geschah allerdings etwas. Sie fand nicht statt. Es ist nicht so, dass die Gesellschaft sich nicht irgendwie verändert hätte, aber die radikale Verheißung der Frauenbewegung für die gesamte Menschheit wurde vom Status quo verschluckt, ohne mehr zu bewirken als hin und wieder ein paar Verdauungsstörungen. In meiner Naivität und meinem Eifer hätte ich das niemals vorausgeahnt. Noch weniger hätte ich vorhersehen können, dass es mich einmal begeistern würde, einen Mann zum Thema „Wahre Befreiung des Menschen jenseits des Geschlechts“ zu interviewen. Vor zwanzig Jahren hätte ich jemanden, der mir dies prophezeit hätte, ausgelacht – „Oh ja, klar!“ Erstaunlicherweise und sehr zu meiner Überraschung und Freude erfüllt Andrew Cohens Ruf nach völliger, absoluter Befreiung von Frauen und Männern die wahre Verheißung einer Revolution, auf das die Frauenbewegung nur hingedeutet hatte.

Feminismus ist die radikale Idee, dass Frauen menschliche Wesen sind. Ich weiß nicht, wann der Begriff „Feminismus“ erstmals gebraucht wurde, aber sowohl in der Boulevard-Presse als auch an meinem Gymnasium waren die Bewegung, die Ideologie und die Hoffnung für die Freiheit der Frauen als „Women’s Lib“ oder allzu oft auch als „Women’s Lip“ (Frauenlippe) bekannt. „Feminismus“ schien dem Wort „feminin“ neuen Schwung zu geben. Aber es entwickelte sich zwischen der Frauenbewegung und dem Feminismus ein Unterschied. In den letzten zwanzig Jahren wurde aus der Frauenbewegung, einer Bewegung für soziale Veränderung, der Feminismus, eine Ideologie. Während dieses Übergangs ist sie (genau wie ich) von den Straßen in die Akademien gezogen. Aus dem Flüstern auf der Damentoilette wurden endlose Vorlesungen über Geschlechterstudien, die nuancierte Erkenntnis einer gemeinsamen Erfahrung wurde zum aggressiven Individualismus, der durch die Persönlichkeitspolitik noch weiter fragmentiert wurde. Langsam wuchs in mir die Furcht, dass der Feminismus zusehends zu einem verwirrenden Bündel von Ideen würde, das uns als Menschen trennte. Irgendwie gab es keine Leidenschaft mehr in dieser Revolution.

Für mich war es bei der (Frauen-)Bewegung immer um Leidenschaft gegangen. Schon in sehr jungen Jahren war mir völlig klar, dass zwischen Mann und Frau etwas nicht stimmte. Meine Mutter, so klug und stark sie auch war, war ein Opfer. Und mein Vater, wenn er auch noch so nett und lustig sein konnte, wollte es genau so – sogar so sehr, dass er Vergnügen aus seiner Dominanz zog. Auch wenn ich für meine Mutter Partei ergriff, blieb mir doch immer der Schmerz gegenwärtig, der von der dominierenden Haltung meines Vater herrührte. Die Frauenbewegung musste offensichtlich eine Bewegung sein, die Frauen und Männer von den Verzerrungen und Begrenzungen befreien würde, welche uns in gefährliche Fremde verwandelte, in ‚den Anderen‘ für einander. Aus meinem Blickwinkel war es nie ein Wettstreit zwischen Mann und Frau gewesen. Es war kein Nullsummen-Spiel: Wenn Frauen die Freiheit gewinnen, dann verlieren die Männer. Ja, wir waren oft aufgebracht (und manche von uns sind es unglücklicherweise noch immer), als uns klar wurde, wie tief dieses System geht und wie sehr es das unterdrückt, was so treffend „Patriarchat“ heißt. Und dieser Ärger richtete sich oft gegen Männer. Aber die radikale Idee des Feminismus besagte weder, dass Männer der Feind sind, noch, dass sie der Standard für menschliche Wesen sind. Für mich bedeutete sie, dass ich im tiefsten Innern wusste, dass sich das, was sich zwischen Männern und Frauen ereignete und wer Männer und Frauen waren, ändern musste und ändern konnte. Und das würde das Leben, wie wir es kennen, transformieren.

Aber wie würde diese Veränderung aussehen? Würde das bedeuten, dass Männer und Frauen einfach Menschen wären und es nicht mehr dieses Gefühl gäbe, Männer seien eine Gruppe und Frauen eine andere? Dann wären die Unterschiede unter Männern genauso ausgeprägt wie die zwischen Männern und Frauen. Oder würde das bedeuten, dass Frauen dann Zugang zu allem erhielten, was Männer hatten (was das Verhalten der Männer zum Standard für ein menschliches Wesen machen würde)? Würde das bedeuten, dass die Rolle der Frauen als grundlegender kultureller Wert geschätzt werden sollte, anstatt einfach in das Ghetto der Frauenarbeit verdrängt zu werden? Wenn ja, dann würde eine unvorstellbare Veränderung auf jeder Ebene der Gesellschaft stattfinden müssen.

Das war jenseits aller Vorstellungskraft. Wir versuchten, uns in etwas hineinzuwühlen, das so tief in unserem Innern verborgen war, dass wir es nicht sehen konnten. Wie sollten wir wissen, was von dem, was wir gelernt hatten, echt, wahr und authentisch war? Allmählich türmten sich die Widersprüche auf. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die an einem Fall arbeitete, der zum Meilenstein in der Geschichte häuslicher Gewalt zu werden versprach. Sie erzählte mir von einer anderen auch an dem Fall arbeitenden Anwältin, die schließlich zusammenbrach, weil sie fast jeden Abend nach der Arbeit von ihrem Ehemann schikaniert und geschlagen wurde. Oder an unseren ständigen Kampf, Frauen Priorität zu geben, während wir in einer Beziehung mit einem Mann waren. Oder an den endlosen, meist unausgesprochenen Konflikt und die Falschheit untereinander als „Schwestern“ – an die Klüfte zwischen uns wegen unserer Unterschiede in Rasse, Herkunft und Klassenzugehörigkeit. Je weiter wir uns vorwagten, desto größer wurde der Widerstand – und allzuoft lag dieser Widerstand in uns selbst. Die feministische Idee verlor ihre radikale Schärfe und ihre revolutionäre Leidenschaft, als wir alle herausfanden, dass es schwer war, sich zu ändern. Wir wollten das Bekannte. Wir fühlten uns sicher in unseren Beziehungsspielchen, in der Abhängigkeit von Männern und mit der Macht, die wir als Mütter hatten.

Der Feminismus hat keine Antwort auf die Frage: Welches Selbst ist es, das befreit wird? Unsere Vorstellungskraft ging niemals über das Bekannte hinaus – Männerrolle, Frauenrolle, traditionelle Maskulinität oder Femininität, oder auch eine Form der Androgynität, die beides zusammen ist. Ja. Feminismus mag wohl die radikale Idee sein, dass Frauen Menschen sind, aber die entscheidende Frage ist doch wohl: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? In den letzten zwanzig Jahren sind Feministinnen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen darüber gekommen, was dies bedeutet. Manche fangen gerade erst an, das laut auszusprechen, was sie privat nur geflüstert haben: Meine Güte, glaubst du, es könnte alles bloß biologisch sein? Dann wären wir alle nur intelligente Tiere, die dank ihrer enorm großen Gehirne in der Lage wären, ihre niedere Natur zu überwinden, aber es wäre nutzlos, jene biologischen Triebe zu bekämpfen, welche Männer und Frauen unterscheiden. Andere wiederum halten an der Sichtweise fest, dass wir alle nur soziale Konstrukte sind, dass alles, was wir sind – wie wir denken, wie wir gehen, was wir wertschätzen, wie wir uns selbst im Körper erleben – von der Kultur gelernt wurde. Es gibt nichts, was wirklich maskulin oder feminin wäre. Tatsächlich gibt es gar nichts an uns, das echt, wahr oder authentisch wäre, weil wir das Produkt unserer Gesellschaft sind. Mit dieser Sichtweise entsteht Freiheit, indem wir uns neu erschaffen – wir holen uns unsere eigene Baugenehmigung, reißen das alte Selbst ab und erschaffen, wer oder was wir sein wollen. Ein Gebilde ist so gut wie das andere, weil keine unserer Erfahrungen innewohnende Wahrheit oder Realität hat. Nach der postmodernen Geschlechtertheorie ist unser einziger Anhaltspunkt für diese Selbst-Erschaffung Genuss – das, was sich gut anfühlt, aufregend und verboten ist. Wir haben die Freiheit, Geschlechterrollen zu spielen oder darzustellen, zu tun, was wir wollen, ganz ohne Scham, nur um des Nervenkitzels willen. Keine dieser Sichtweisen hat für mich das Versprechen des Menschseins erfüllt, welches ich im Lebendigsein erfahren hatte. Keine bot eine wirkliche Befreiung für Männer und Frauen an.

Als ich Andrew Cohen traf, war ich an einem Punkt angekommen, wo mein Feuer für die Frauenbewegung vom Zynismus fast erstickt worden war. Durch meine eigenen Recherchen war ich mehr denn je davon überzeugt, dass Geschlechterrollen in Frage zu stellen bedeutete, die Wurzeln der Gesellschaft an sich anzuzweifeln. Die Fragen, welche von der Frauenbewegung vor zwanzig (und mehr) Jahren aufgeworfen worden waren, gingen an den Kern aller Facetten der Gesellschaft. Die Geschlechterrollen zeigen das Innerste einer Gesellschaft. Kein Wunder, dass es so schwer war! Mir waren die Mechanismen klar geworden, durch die wir psychologisch fast unlösbar an unserer Indentität als Mann oder als Frau festhalten. Aber wie stark unsere Identität von der kulturellen Konditionierung abhängt, war mir nicht bewusst. Denn durch unsere völlig verschiedenartigen Erfahrungen mit der Kultur werden unsere Psychen als Männer und als Frauen ganz unterschiedlich geformt, damit sie sich in die Kultur einpassen, und sie hat uns von daher so geprägt als stammten wir von verschiedenen Planeten.

Aber es gab anscheinend keinen Ausweg. Ich beobachtete, wie Freundinnen aus der Bewegung sich von bewusstseinserweiternden und kollektiven Aktivitäten abwandten, um sich einer beruhigenden, die Weiblichkeit ins Zentrum rückenden Art von Göttinnen-Spiritualität zuzuwenden. Ich stellte fest, dass ich mich selbst von Führungsaufgaben zurückzog, als ich bemerkte, dass der Feminismus zu einem achtbaren Beruf wurde – lediglich ein weiterer Job, durch den Frauen (vor allem miteinander) um Aufmerksamkeit und Macht wetteiferten. Die Kluft zwischen Frauen aus unterschiedlichen Klassen und Rassen, mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund, wurde tiefer als je zuvor. Ich verzweifelte an der Tatsache, dass ich niemals mit einer Gruppe von Frauen gearbeitet hatte, die sich wirklich unterstützten und einander vertrauten. So viele meiner Freundinnen waren entweder Hausfrau und Mutter oder sie hatten eine interessante Arbeit, waren aber hauptverantwortlich für die Kinderbetreuung. Sie meinten, es sei einfacher so, und außerdem hatten ihre Ehemänner sowieso kein wirkliches Interesse daran. Unsere Identität als Frau war so eingewachsen, so auf sich selbst ausgerichtet, dass wir uns mehr denn je damit identifizierten, Frau zu sein und an dem festhielten, was immer das für uns bedeuten mochte. Die Fragen waren noch immer sehr wichtig, der Einsatz so hoch, aber ich sah keine Antworten.

Meine erste wirkliche Begegnung mit Andrew Cohen kam zustande, nachdem ich vor einigen Jahren für dieses Magazin ein Interview gegeben hatte. Aus dieser Erfahrung wusste ich, dass Andrew sich der Freiheit der Frauen auf eine Weise verpflichtet fühlte, die sehr ungewöhnlich war. Ich besuchte ein eintägiges Retreat, das Andrew in New York leitete und hatte im Anschluss daran eine kurze Unterhaltung mit ihm. Während des Retreats sprach Andrew hin und wieder über das, was er über die Geschlechterkonditionierung herausgefunden hatte, und jedes Mal fuhr ich vor Aufregung beinah von meinem Sitz auf. Nie in meinem ganzen Leben war ich je aufgrund eines Treffens so aufgeregt gewesen wie bei diesem. Unsere Begegnung war ziemlich kurz – vor allem weil ich so unruhig war – aber sie hatte einen außergewöhnlichen Eindruck in mir hinterlassen. Während unserer Unterhaltung sprach Andrew leidenschaftlich über sein Engagement für eine wirkliche und tiefgreifende Befreiung der Frau. Er lud mich ein, an einem längeren Retreat mit ihm teilzunehmen, falls mich das, was er sagte, interessieren würde.

Ich fand das, was er sagte, mehr als interessant, es hatte etwas tief in meinem Innern bewegt. Als ich über unser Gespräch nachdachte, erkannte ich, welch eine enorm große Verpflichtung Andrew einging. Ich dachte über meine Erfahrungen mit dem Christentum und dem Buddhismus nach, und ich wusste, dass, obwohl Christus wie auch Buddha Männer und Frauen lehrten (was zu jener Zeit ausgesprochen radikal war), keines ihrer Vermächtnisse sich dazu verpflichtet, die Freiheit von Frauen zu gewährleisten. Ja, sogar in meiner eigenen Familie hatte ich beobachten können, wie das Christentum zur Begründung für die Akzeptanz von Unterdrückung wurde. Oh mein Gott, ging es mit durch den Kopf, er wird das wirklich auf sich nehmen. Ich war zutiefst bewegt. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die beiden Hauptkräfte in meinem Leben – Freiheit der Frauen und spirituelle Suche – auf eine echte und mysteriöse Weise miteinander verbunden sein könnten.

Später erkannte ich, dass meine Begegnung mit Andrew die erste war, bei der ich einen Mann (oder eine Frau) in einer Position mit Autorität getroffen hatte, die mich als Mensch respektierte und nichts anderes von mir wollte, als dass ich meine ganze Menschlichkeit zum Ausdruck bringe. Ich war tatsächlich überwältigt von dieser Erkenntnis. Andrew vertritt die radikale Auffassung, dass sowohl Männer als auch Frauen Menschen sind – und dass die Wahrheit über das Menschsein uns weit über alles hinausträgt, was ich mir je hätte vorstellen können. Aber diese Wahrheit ist jederzeit erfahrbar. Ich musste dabei sein. Ich erkannte, dass mein ganzes Leben zur Lüge würde, wenn ich mich Andrew in dieser Bewegung für die Freiheit der Frauen, und der Frauen und Männer zusammen, nicht anschloss.

Ich besuchte ein längeres Retreat mit Andrew (tatsächlich mehr als eines), und ich habe das außerordentliche Privileg, eine seiner Schülerinnen zu sein. Andrew hat uns als seine Schülerinnen dazu aufgefordert, als Frauen zusammen zu kommen und das Versprechen der Schwesternschaft, diese verlorene Seele der Frauenbewegung, einzulösen. Das erinnert mich oft an jene Erfahrung von erhöhtem Bewusstsein, die vor Jahren mein Empfinden von Isolation zum ersten Mal aufbrach. Nur indem man zusammenkommt, kann sich etwas ändern, denn unsere Trennung – sowohl aus der spirituellen als auch aus der kulturellen Perspektive gesehen – hält alles an seinem Platz. Und ich habe gelernt, meine eigene Erfahrung als die Erfahrung von Frauen zu betrachten, auf eine Weise, die mich – und diejenige, die ich immer zu sein glaubte – außerordentlich direkt betrifft. Weil Andrew sich der Freiheit von Frauen und Männern gleichermaßen verpflichtet hat, ist die Revolution nun schließlich lebendig, ein loderndes Feuer. Auf den folgenden Seiten offenbart Andrew weit mehr als nur eine radikale Idee. Er enthüllt eine radikale Wirklichkeit, die jeden von uns individuell und kollektiv dazu herausfordert, über unsere vertrauten Identitäten hinauszugehen in das revolutionäre Herz der unbekannten Möglichkeit, ein Mensch zu sein, welche die Trennung und das Anderssein vernichtet. Es mag sehr wohl sein, dass es nichts Wichtigeres gibt auf dieser Erde.

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