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Come Together


Können wir zu einer Tiefe an Weisheit vordringen, die weit über das für den Einzelnen Erreichbare hinausgeht?
von Craig Hamilton
 

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Kapitel 1

EINE ANDERE ART DES WISSENS

Juli 2003. Fünfzehn Spitzenkräfte der Telecom haben sich auf einer kleinen Insel vor der Küste Maines zu einer Klausurtagung eingefunden. Zu Beginn des dreitägigen Gipfeltreffens über die Zukunft der Branche herrscht eine angespannte Atmosphäre. Seit Erscheinen des Internets und der drahtlosen Telekommunikationsdienste kämpfen die Gesellschaften darum, ihren Spitzenplatz in der Technologiekurve zu behalten–und inmitten des wachsenden Marktwettbewerbs hat sich deutlich gezeigt, dass dafür einige neue Denkansätze vonnöten sind.

In den ersten beiden Tagen verlaufen die Diskussionen recht frustrierend. Abwechselnd tauschen die Experten Theorien und Spekulationen aus, aber jeder bleibt reserviert. Am Morgen des dritten Tages schließlich wird auf Anraten eines der Teilnehmer ein “Gesprächsmoderator” eingeflogen, der die Gruppe zusammenbringen soll. Nach kurzer Vorrede, wie wichtig es sei, zuzuhören und auf Vermutungen zu verzichten, und der Bitte, sich das gemeinsame Ziel, das sie zusammengeführt hat, noch einmal vor Augen zu halten, beginnt das Gespräch. Die Atmosphäre im Raum hat sich bereits verändert. Die Leute in der Runde wirken entspannter und offener für einander. Kaum, dass die Diskussion begonnen hat, teilt der Generaldirektor eines der führenden Unternehmen unter den Funk-Providern seine Vision mit: “Ich denke, wir müssen damit aufhören, unsere Arbeit ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten”, stellt er fest und hält, nach Worten suchend, kurz inne. “Was wäre, wenn wir einander nicht nur als Konkurrenten bei der Jagd nach Marktanteilen ansähen, sondern vielmehr als Partner bei der Vereinigung der Welt durch die Technologie? Wenn wir wirklich einmal darüber nachdenken: Ist es nicht gewissermaßen unsere höhere Mission, eine Infrastruktur zu erschaffen, die es ermöglicht, das globale Dorf zu einer wirklichen Gemeinschaft werden zu lassen?” Seine Offenheit scheint alle zu überraschen, und zum ersten Mal an diesem Wochenende herrscht für einen Moment Stille. In diese Stille hinein beginnt eine zunächst kaum wahrnehmbare, pulsierende Energie zu wachsen und den Raum zu füllen. “Ich bin froh, dass Sie den Mut hatten, dies zu sagen”, erwidert nun ein anderer Firmenchef. “Ich denke, wir sind es alle Leid, nur finanziellem Gewinn hinterher zu jagen.”–“Auch ich stimme Ihnen zu”, meint ein anderer, “wenn es irgendetwas gibt, das diese Industriebranche derzeit benötigt, dann ist das eine Vision.”

Die Veränderung in der Gruppe wird nun spürbar, und mehrere Leute äußern sich dazu. Es liegt eine elektrische Schwingung in der Luft–jeder scheint von einer Art Energiefeld umhüllt zu sein. Immer mehr Teilnehmer beteiligen sich nun an dem Gespräch, und jedes Mal, wenn einer von ihnen spricht, scheint die Gruppe auf einer tieferen Ebene zu einer Einheit, nicht nur des Interesses, sondern auch der Vision, zu verschmelzen. Mehrere Leute beginnen gleichzeitig zu reden und brechen dann über die Entdeckung, dass sie spontan dieselbe Idee hatten, in Gelächter aus. Eine Kreativität scheint durch den Raum zu wirbeln und jeden mit sich zu reißen, und eine geheimnisvolle Erkenntnis dämmert der Gruppe: Sie agieren nicht mehr als getrennte Individuen, sondern denken tatsächlich vereint. Die Stunden vergehen, doch niemand möchte aufhören. Schließlich kommt das Meeting zu einem natürlichen Ende, und man sitzt noch für einige Minuten still zusammen. Niemand weiß, was genau geschehen ist, aber sie alle wissen, dass es von großer Bedeutung war.

In einer Welt, in der viele von uns immer noch zu der Annahme neigen, dass es nichts wirklich Neues unter der Sonne gibt, scheint es dennoch so, dass an der vordersten Front unserer kollektiven Entwicklung ein neues Phänomen in Erscheinung tritt. Überall, hier im Land und weltweit, folgen–von den Vorstandsetagen bis zu den Expertenkommissionen für soziale Veränderungen–Menschen dem Impuls, zu gemeinsamen Erkundungen zusammenzukommen, und in der Mitte ihrer Gesprächsrunden wird etwas Wunderbares geboren. “Wenn die Gruppe ein bestimmtes Maß an Kohärenz erreicht, dann tritt für gewöhnlich eine für alle deutlich wahrnehmbare höhere Ordnungsebene auf den Plan”, erläutert der Organisationsberater Robert Kenny. “Es ist, als ob sich etwas verändert hätte. Die Menschen hören auf, um ihren Luftraum zu kämpfen, und stattdessen entwickelt sich eine Art Gruppenintuition. Es ist beinah so, als würde die Gruppe als Ganzes zu einer Stimmgabel für das Einströmen von Weisheit.”

Kollektives Bewusstsein, Teamsynergie, Ko-Intelligenz oder Gruppenintelligenz, wie man es auch nennen mag–immer mehr Menschen entdecken aufgrund eigener Erfahrungen, dass Ganzheiten tatsächlich weit mehr sind als die Summe ihrer Teile. Wenn nämlich Menschen mit einer gemeinsamen Intention in einem förderlichen Umfeld zusammenkommen, dann kann etwas Geheimnisvolles entstehen, etwas, das Kapazitäten und eine Intelligenz aufweist, die jene der einzelnen Beteiligten bei weitem übersteigen.

“In diesen Gruppenerfahrungen haben wir Zugang zu einem Wissen, das weit über das normalerweise bei einem Zusammentreffen von Menschen Übliche hinausgeht”, beschreibt die Autorin und Forscherin Carol Frenier das Phänomen. “Man ist sich der Gegenwart des Heiligen bewusst und spürt, dass es den anderen in der Gruppe ebenso ergeht. Man empfindet eine aufmerksame Offenheit gegenüber Etwas, das größer ist als man selbst. Die Fähigkeit zu kommunizieren scheint ausgeprägter als sonst. Besonders faszinierend ist, wie viel Kreativität in einer derartigen Situation in Erscheinung tritt. Die ganze Gruppe kreiert gemeinschaftlich, weiß aber nicht genau, wie sie das macht.”

Wie Frenier, Kenny und ein wachsender Kader an Forschern auf diesem Gebiet herausfinden, scheinen in dem Raum zwischen uns unerwartete höhere kollektive Potenziale auftauchen zu können, die, im direkten Vergleich, selbst unsere größten Einzelleistungen unbedeutend aussehen lassen. Die Implikationen dessen, für unser Selbstverständnis und für die Art und Weise unserer Zusammenarbeit, sind ebenso verblüffend wie profund. Juanita Brown, Autorin des in Kürze erscheinenden The World Cafe: Bringing Conversation to Life, beobachtet: “In diesen Situationen bringt man tatsächlich das Neue hervor. Das macht die Teilnahme daran für uns Menschen so aufregend. Man erschafft die nächste Entwicklungsstufe–sei es nun tiefer, höher oder weiter–und die Menschen spüren, dass dies etwas enorm Wertvolles ist. Manchmal kommt es in der inneren– individuellen oder kollektiven–Erfahrung als ein Aha-Erlebnis zum Vorschein. Ein anderes Mal verfallen alle in Schweigen, weil jeder über das soeben Enthüllte reflektiert. Es ist beinah so, als würde sich eine Art Offenbarung selbst zu erkennen geben.”

Sollten Sie bisher noch kein Buch über diese “kollektive Intelligenz” gelesen haben, so stehen Sie damit nicht allein. Trotz ihres weit verbreiteten Auftretens ist sie ein Phänomen, welches bis vor kurzem noch dem Blickfeld der Sozialwissenschaften fast gänzlich entgangen ist. Während der letzten rund zehn Jahre hat diese aufkeimende soziale Strömung im Hintergrund unserer Kultur still vor sich hin geköchelt und langsam, aber stetig Druck für jenen Moment angesammelt, in dem sie voll hervorbrechen würde–ein Moment, der möglicherweise jetzt gekommen ist. Dank der energischen Stimmen von einigen wenigen, die hierfür die Triebfedern sind, hat dieses neu entdeckte Potenzial nun das Interesse einer wachsenden Gruppe innovativer Denker geweckt, die von der Möglichkeit begeistert sind, die kreative Kraft des Kollektivs für die Lösung unserer komplexesten Probleme nutzbar zu machen.

Geben Sie in die Internetsuchmaschine Google einmal “collective consciousness” ein, und Sie erhalten über 64.000 Ergebnisse, “collective intelligence” bringt es auf 30.000 und “group mind” auf 20.000. Der Besuch auf einigen der aufgelisteten Websites enthüllt ein Heer von Organisationen mit Namen wie the Co-Intelligence Institute, the Collective Wisdom Initiative und community-intelligence.com, die sich alle der Aufzeichnung und Förderung unseres Verständnisses von Gruppenfunktionen einer höheren Ordnung widmen. In der neuesten Literatur über die innovative Organisationsentwicklung finden sich immer häufiger Hinweise auf Konzepte wie “Die Entwicklung der Gruppensynergie”, “Wie man den Gruppen-Mind anzapft”, “Die Freisetzung kollektiver Kreativität” und “Teamkoordination fördern”. In den verschiedensten Arbeitsbereichen, so scheint es, kommt die Stärke der Gemeinschaft zum Vorschein.

Die Tatsache ist natürlich nicht neu, dass koordinierte Teams, die mit einer gemeinsamen Aufgabe konfrontiert sind, Zugang zu höheren Funktionsebenen erlangen können. Machen Sie eine beliebige Stichprobe unter Soldaten, die gemeinsam mit ihrem Zug in einem Gefecht waren, ob sie je eine kollektive erhöhte Aufmerksamkeit oder gar jenen “Gruppen-Mind” erlebt haben, und Sie werden vielleicht überrascht sein, wie viele von ihnen ahnen, wovon Sie sprechen. Tatsächlich berichten Rettungsmannschaften, Sportteams, Tanztruppen und Musikensembles seit Jahren von bemerkenswerten Teamsynergie- oder Gruppenflow-Erfahrungen, in denen Koordination und Effektivität zu ungeahnten Höhen emporgehoben wurden. Addieren Sie mehrere Jahrtausende gemeinsamer Gottesanbetung und andere kollektive religiöse Praktiken hinzu, und Sie werden geneigt sein, zu fragen, was der ganze aktuelle Wirbel um das Thema denn eigentlich soll. Von einem gewissen Standpunkt aus könnte man behaupten, dass Einheitserfahrungen so alt sind wie die Menschheit. Neu an den gegenwärtigen Ereignissen scheint jedoch zu sein, dass dieses Phänomen nicht nur spontan weltweit in immer unterschiedlicheren Gruppen auftritt, sondern dass–so Otto Scharmer, Mitbegründer des MIT Leadership Lab–“immer mehr Menschen diese Art Erfahrung im Kontext ihrer täglichen Arbeit und ihres beruflichen Umfelds machen. Das ist das Interessante heutzutage: Diese Erfahrung tritt nicht vermehrt auf, wenn wir uns von unserer regulären Arbeit zurückziehen, sondern vielmehr mittendrin–und insbesondere dann, wenn die Arbeit einen Bezug zu tief greifenden sozialen Veränderungen und Erneuerungen hat. ”

Derzeit gibt es noch keine schlüssige Erklärung für dieses neue Phänomen. Vielleicht ist die heilige Dimension in unserer zunehmend säkularisierten globalen Kultur einfach gezwungen, innovative, weltlichere Kanäle zu finden, durch die sie sich der Welt zu erkennen geben kann. Möglicherweise steigt in unserer Spezies auch eine Art adaptiver Impuls als Reaktion auf die zunehmende Bedrohung unseres schieren Überlebens auf, der uns drängt, zusammenzukommen. Juanita Brown formuliert es so: “Vielleicht erwachen angesichts der kollektiven Gefahr, die wir gerade erleben, auch unsere kollektiven Überlebensinstinkte–wir suchen nach einer Möglichkeit, voranzukommen, die nicht selbstmörderisch ist.” Jene, welche diese Erfahrung bereits gemacht haben, sind jedenfalls der Ansicht, dass die Implikationen dessen, was auch immer es ist, das dieses kollektive Erwachen verursacht, ganz sicher evolutionär sind. Bill Veltrop, ehemaliger Geschäftsführer von Exxon und Gründer des International Center for Organization Design, drückt es folgendermaßen aus: “Wir sind vollkommen davon überzeugt, dass wir die Anfänge einer evolutionären Veränderung erleben, die größer ist als alles, was wir je zuvor erfahren haben ... als [eine] Gemeinschaft.”



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Unsere neue Ausgabe “Come Together! Die Kraft der kollektiven Intelligenz” stellt ein Phänomen vor, das viele als den nächsten Schritt in der menschlichen Evolution ansehen, und stellt die Frage: Könnte kollektive Intelligenz die Grundlage für die nächste soziale und spirituelle Revolution sein? Mit Ken Wilber, Duane Elgin, Howard Bloom, Michael Murphy und vielen anderen."



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