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Interview WHAT IS ENLIGHTENMENT?: Welchen neuen Entwicklungen und Trends gilt derzeit Ihre besondere Aufmerksamkeit? JOHN PETERSEN: Es gibt eine ganze Reihe technologischer Bereiche– wie die Biotechnologie, die Informationstechnologie, die Nanotechnologie und kognitive Technologien–in denen sich heute revolutionäre Neuerungen vollziehen. In allen diesen neuen Technologien gibt es rasante Fortschritte, und damit gewinnen wir Fähigkeiten, die wir nie zuvor hatten. Nehmen wir zum Beispiel die Biometrie: Mit Hilfe dieser Disziplin wird jemand voraussichtlich bald allein anhand seiner biologischen Eigenheiten identifiziert werden können. WIE: Meinen Sie damit so etwas wie den physischen Fingerabdruck? PETERSEN: Der Fingerabdruck ist die einfache Version. Aber die Biometrie hat auch mit solchen Dingen wie der Gesichtserkennung, dem Scannen der Netzhaut und neueren DNA-gestützten Technologien zu tun, oder mit solchen, mit deren Hilfe jemand aus weiter Entfernung allein an seinem Schritt, an der Gangart, identifiziert werden kann. Die Kombination dieser Technologien unter Zuhilfenahme von Kameras und anderen Apparaten ermöglicht es beispielsweise, eine Straße zu betrachten und dabei genau zu wissen, wen man gerade beobachtet. Die Menschen werden in keiner Weise mehr anonym bleiben können. Aber Amerikaner sind solchen Neuerungen gegenüber besonders misstrauisch. Sie haben eine eigenartige Vorstellung von Anonymität und von dem, was sie Freiheit nennen. Sie denken, es stehe ihnen zu, dass sie Dinge tun können, ohne dass andere davon wissen. WIE: Meinen Sie, eigenartig im Vergleich zu anderen Kulturen? PETERSEN: Nun, in Großbritannien zum Beispiel kann man Sie in Ihrem Auto aufspüren, wo immer Sie sich gerade befinden. In London gibt es überall Kontrollkameras–jede Straße wird elektronisch überwacht. Man hat das alles dort installiert, weil die IRA in Abfallbehältern Zeitbomben versteckte und sie dann in die Luft sprengte. Als ich in Europa einmal einen Vortrag über Privatsphäre und Sicherheit hielt, fragten mich die Presseleute hinterher: "Wovon reden Sie eigentlich? Wir alle haben hier Personalausweise, jeder weiß hier jederzeit, wo wir uns aufhalten. Wo liegt eigentlich das Problem?" WIE: Ich erinnere mich, vor einigen Jahren gelesen zu haben, dass beim Super Bowl das Gesicht jedes Stadionbesuchers elektronisch aufgezeichnet und mit einer Liste gesuchter Personen verglichen wurde. Glauben Sie, dass man so etwas in Zukunft häufiger machen wird? PETERSEN: Wissen Sie, es gibt heute eine neue Technologie, die mit hundertprozentiger Sicherheit an Ihrer Stimme feststellen kann, ob Sie die Wahrheit sagen. Niemand war je zuvor dazu in der Lage. Man hält damit noch ziemlich hinter dem Berg, aber sollte diese Technologie einmal breit eingesetzt werden, würde das unser Leben sehr verändern. Es gibt eine weitere Technologie, die darauf basiert, dass unser Gehirn von allem, was wir erleben, ein Muster aufzeichnet und speichert. Man kann also einen Gegenstand hochhalten und jemanden fragen: "Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?" Und an seinen Gehirnwellen lässt sich erkennen, ob derjenige diesen Gegenstand schon einmal gesehen hat oder nicht. So hätte man zum Beispiel im Fall O.J. Simpson den Handschuh hochhalten können, und er hätte einem nicht sagen müssen, ob er ihn vorher schon einmal gesehen hatte. Ein Monitor hätte es durch ein Ablesen seiner Gehirnwellen feststellen können. Es gibt auch einen neuen subkutanen Chip–einen Mikrochip, den man direkt unter die Haut platziert. Das Ding ist so klein, dass man es kaum sehen kann, aber man kann damit jeden Aufenthaltsort der betreffenden Person elektronisch aufzeichnen. Man weiß also sozusagen immer schon im voraus, wer zur Tür herein kommt. Es handelt sich hierbei um sehr signifikante, in die gleiche Richtung gehende Technologien, die alle darauf angelegt sind, heraus zu finden, wer du bist, was du tust, wie du es tust, ob du die Wahrheit sagst und was deine Motive sind. Und das ist doch ein großer Unterschied zu früher. WIE: Sie haben die Biotechnologie erwähnt. Wir alle hören ja eine Menge über die Genetik und über einige der wundersamen Dinge, zu denen wir bald fähig sein werden. Aber was bedeutet dies konkret für die nächsten fünf bis zehn Jahre? PETERSEN: Nun, es könnte zum Beispiel bedeuten, dass es dann keine zerebrale Kinderlähmung mehr geben wird. Alle möglichen genetisch bedingten Krankheiten wird man vermutlich heilen können. Auch im Nahrungsmittelanbau könnte die Genetik sinnvoll angewendet werden. Eine neue genetische Variante ermöglicht beispielsweise, bestimmte Gemüsesorten–ich weiß nicht mehr, ob Kohl, Salat oder Tomaten– in einem stark salzhaltigen Umfeld, wie dem Meerwasser, anzubauen. In einigen Dritte-Welt-Ländern, die am Meer liegen und wo Süßwasser knapp ist, wäre dies von überaus großem Nutzen. WIE: Selbstverständlich gibt es aber auch alle möglichen Befürchtungen, dass wir die Fähigkeit erlangen könnten, eine Super-Rasse zu erschaffen, eine besondere, genetisch veränderte Klasse von Menschen. PETERSEN: Ja, natürlich kann eine derartige Technologie missbraucht werden. Wenn man wollte, könnte man einfach besonders große, athletische Football-Spieler erschaffen. Die Technologie an sich ist jedoch neutral. Man kann sie für gute und für schlechte Zwecke einsetzen, je nachdem, welche Werte die Menschen haben, die sie anwenden. Man kann ein Messer dazu benutzen, sein Abendessen mundgerecht zu zerkleinern, man kann aber auch jemanden damit umbringen. Es ist dasselbe Prinzip. Allerdings gibt es einen neuen Makel: Einige der neuen Technologien sind derart machtvoll und von so folgenschwerer Tragweite, dass sie unserer Kontrolle entgleiten könnten. Es könnte etwas passieren, das wir nicht mehr im Griff haben, eine Situation, deren Auswirkungen wir nicht zu verstehen und deshalb auch nicht rechtzeitig zu erkennen in der Lage wären. Und dann hätten wir ein großes Problem. John Petersen ist Gründer und Präsident des Arlington Instituts, eines Forschungsinstituts im Einzugsbereich der amerikanischen Hauptstadt Washington. Er ist Autor von Out of the Blue: How to Anticipate Wild Cards and Big Future Surprises.
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