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Das höhere WIR


von Andrew Cohen
 






Andrew Cohen

Das Ego ist ein wirklich großes Problem. Es ist tatsächlich das einzige Problem. Für die nächste Stufe menschlicher Entwicklung, für die Evolution des Bewusstseins, für die Evolution der Erleuchtung selbst, ist das Ego das einzige Problem. Und ich glaube, dass wir vergessen haben, welch mächtiger Widersacher das Ego für die höhere Entwicklung tatsächlich ist. Aber das ist verständlich, denn in dem kleinen persönlichen Kontext, in dem die meisten von uns leben, ist das Ego das emotionale und psychische Fundament, mit dem wir uns identifizieren.

Was ist das Ego? Das Ego ist das tiefe Gefühl von Getrenntsein und Überlegenheit. Es ist wirklich ein emotionaler und psychischer Zwang, sich vom Anderen, von der Welt und vom ganzen Universum als getrennt zu empfinden und allem überlegen zu sein. Es ist der Ort, an dem das Empfinden der Individualität zugleich ein Empfinden der Entfremdung ist, wo die Erfahrung von Autonomie gleichzeitig Isolation bedeutet und wo sogar das Erleben von Freiheit im innersten Kern unseres Seins immer von einem tieferen Gefühl von Gefangensein, Begrenzung und Hoffnungslosigkeit überschattet ist.

In der postmodernen Zeit hat das Ego, von der Perspektive der Entwicklung her gesehen, als Individuation des Selbstempfindens seinen Höhepunkt erlangt. Nie zuvor in der Geschichte haben so viele Menschen einen so hohen Grad der Individuation erreicht. Nun, da es nicht mehr in den Überlebensinstinkt, in Stammesbewusstsein, religiöse Traditionen oder gar einen leidenschaftlich empfundenen Nationalismus eingebettet ist, hat das individuelle Selbstempfinden für viele endlich begonnen, sich aus seinen sozialen und kollektiven Bindungen zu lösen. Von einer großen evolutionären Perspektive her gesehen ist das in der Tat eine tief greifende Errungenschaft. Das einzige Problem dabei ist jedoch, dass gerade dieses Selbstempfinden nun zur Insel und sich selbst genug wurde. Für viele von uns ist die Individuation das Ende des Entwicklungsprozesses. Und als Ergebnis davon stecken viele, die sich auf dieser höchsten Stufe der Entwicklung, in dieser extremen Individualisierung, befinden, dort fest – und sind sich dessen größtenteils nicht einmal bewusst

Seit der kulturellen Revolution, die in den 60er Jahren begann, gab es ein wahrlich explosionsartiges Interesse an der Evolution des Bewusstseins. Östliche Spiritualität traf mit westlicher Psychologie zusammen, woraus eine Überfülle alter und neuer Methoden, Wege, Techniken und Therapien zur Transformation hervorgingen. Viele haben sich etabliert und andere entwickeln sich noch weiter. In diesem Kontext ist es schon fast eine Binsenweisheit, das Ego, oder das Getrenntsein, als grundlegende Ursache allen ungerechtfertigten individuellen und kollektiven Leidens und Elends zu verstehen. Aber ist uns wirklich klar, dass das Ego der Kern allen sinnlosen Leidens und Elends ist? Ich glaube nicht. 

Je weiter wir uns in unserem Verständnis des Menschen entwickeln und uns unseres Potenzials zur Freiheit bewusst werden, um so häufiger hört man die Ansicht, dass das Ego eigentlich überhaupt kein Problem sein müsse. Vonseiten vieler führender Stimmen auf dem Gebiet der East-meets-West-Bewusstseinsrevolution lautet der Refrain: „Je mehr du gegen das Ego kämpfst, desto mehr Macht gibst du ihm.“ Oder auch: „Je mehr du dich anstrengst, das Ego zu transzendieren, desto stärker identifizierst du dich mit eben dem, was du transzendieren willst.“ Im Allgemeinen wird uns vermittelt, dass der Weg über das Ego hinaus durch seine Akzeptanz hindurchführt oder durch so genannte Selbstakzeptanz: das Akzeptieren dessen, wer wir sind, wie wir sind und was ist etc. Wir hören auf, der Wahrheit dessen, wer wir wirklich sind, zu widerstehen, und aufgrund dieser grundlegenden Akzeptanz, die das Ego einschließt, wird dann die Transformation erfolgen.  

Kein Zweifel, Selbstakzeptanz wird uns helfen, uns damit besser zu fühlen, wer wir bereits sind . . . Aber ob dieser Ansatz uns tatsächlich befähigen wird, uns auf evolutionäre Weise zu einer höheren Bewusstseinsebene und auf eine tief greifend engagierte Beziehung mit dem Lebensprozess hin zu entwickeln, ist eine ganz andere Geschichte. Ich glaube, dass in dieser einzigartigen Zeit unserer Geschichte – ironischerweise – ein großer Teil des kollektiven Dilemmas gerade von unserem hohen Entwicklungsgrad bedingt wird. Das Ausmaß unserer Individuation (oder unseres Narzissmus), die in eine Weltsicht eingebettet ist, die nichts Höheres sieht und anerkennt als das eigene postmoderne Ego, macht es sehr schwierig, zu sehen, wie extrem unsere Identifikation mit dem Ego wirklich ist. Unter diesen Umständen wird selbst die Erfahrung höherer Bewusstseinszustände unsere Situation nicht unbedingt erhellen. 

Ich glaube, dass für die meisten von uns der einzige Ausweg aus dieser evolutionären Sackgasse, der einzige Weg zur Weiterentwicklung, im Bereich der menschlichen Beziehung liegt, einer Art der Beziehung, die auf dem Durchbruch zu einer miteinander geteilten Erfahrung und Erkenntnis eines Bewusstseins jenseits des Ego basiert. Natürlich bedeutet Bewusstsein jenseits des Ego immer den Zustand der Erleuchtung an sich. Wovon ich also spreche, ist die miteinander geteilte Erfahrung und Erkenntnis erleuchteten Bewusstseins, in der keinerlei Schatten von Ego oder getrenntem Selbstempfinden mehr vorhanden ist. In dieser Erfahrung des intersubjektiven Bewusstseins jenseits des Ego vollzieht sich ein enormer Sprung. Es ist ein Sprung vom Ich zum Wir, von der extremen Individuation zum lebendigen Kontext der intersubjektiven Nichtdualität – einem höheren Wir-Bewusstsein, in dem alle Beteiligten zugleich ihre eigene individuelle und eine kollektive Transparenz erleben, während sie dabei ganz und vollständig sie selbst bleiben.  

In diesem höheren Wir-Bewusstsein erkennen wir, vielleicht zum ersten Mal, warum das Ego tatsächlich das einzige Problem, das einzige Hindernis zur Erfüllung unseres uns innewohnenden evolutionären Potenzials ist. In einem lebendigen Kontext intersubjektiver Nichtdualität sticht das Ego wie ein unwillkommener Eindringling hervor – als eine selbstzentrierte Präsenz, die auf ein vereinigtes Feld erwachten Bewusstseins von Natur aus eine destruktive Wirkung hat. Von unserem gegenwärtigen Zustand extremer Individuation, oder des extremen Narzissmus, ist der Sprung zum höheren Wir der einzige logische Schritt für uns. Damit dieser entscheidende Sprung zur realen, beständigen Entwicklungsstufe wird, und nicht nur ein zeitweiser, vorübergehender Zustand bleibt, muss eine Bereitschaft kultiviert werden, das Ego wirklich zu transzendieren, die nur als heroisch bezeichnet werden kann. In Wahrheit sind die meisten von uns glücklich, die ekstatische Berauschtheit der Ego-Transzendenz als kurzen Ausbruch aus dem Alltäglichen, aus dem, was Buddha Samsara nannte, zu erleben. Aber nur wenige sind gewillt, den Preis zu zahlen, das Ego ein und für alle Mal und für immer loszulassen, damit das, was vielleicht einmal als kurzer Urlaub begann, zu einer Reise ohne Wiederkehr wird – Nirvana.  

In evolutionären Termini wird Ego als Trägheit definiert. In einem evolutionären Kontext, beim Sprung aus der extremen Individuation in diese miteinander geteilte Erfahrung des Bewusstseins jenseits vom Ego, zeigt sich diese Trägheit in der irrationalen Verweigerung, sich zu verändern, loszulassen, sich weiter zu entwickeln. In allen Menschen, ausgenommen die seltenen außergewöhnlichen Individuen, sitzen die Kräfte der Trägheit normalerweise sehr tief und sind oft hartnäckig. Deshalb bedarf es fast immer einer gewaltigen Krise und einer Selbstkonfrontation ultimativen Ausmaßes, um das Bewusstsein des Einzelnen aus seiner hypnotischen Versklavung an die Ängste und Wünsche des Ego frei zu schütteln.  

Solange die Ängste und Wünsche des Ego der grundlegende Bezugspunkt unserer Aufmerksamkeit bleiben und der evolutionäre Impuls nur ein schwaches Murmeln im Hintergrund unseres Bewusstseins ist, wird nichts Geringeres als überwältigende Macht nötig sein, um das Ego in die Knie zwingen. Welche Macht? Die Macht der unpersönlichen absoluten Liebe, die keinen Anderen sieht und nur sich selbst erkennt. Mit dieser Liebe wird unser höheres Gewissen erweckt, und das schreit unablässig nach unserer bedingungslosen, kompromisslosen Hingabe. Und es wird weiter schreien, bis wir alle den Drang, getrennt zu sein, endlich transzendiert haben.



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