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Jemand sollte sich mal das Wort "Sensationslust" vornehmen, es auf ein artikuliertes Glaubens- und Praxis-System beziehen und es der Liste beifügen, auf der zum Beispiel auch "Sozialismus" und "Islamischer Fundamentalismus" stehen. Die betroffenen Ideen und Aktivitäten gibt es schon, und sie warten nur darauf, formalisiert zu werden. Millionen von Menschen widmen ihr Leben von den Medien verursachten Sensationen – ihrer Verfolgung und Erschaffung. Warum sollte man das nicht amtlich machen? Die Sensationsbewegung ist enorm und vielschichtig, und mit jeder Erfindung in der Wiedergabe-Technologie verstärkt sich dies noch. Aber Filme sind grundlegend. Und wenn es darum geht, Sensationen durch filmische Darstellung von Gewalt zu schaffen, kann niemand es Quentin Tarantino gleichtun. Das macht seine Arbeit zu einem idealen Objekt der Reflexion für alle, die sich um die psychosozialen Auswirkungen von Gewalt in den Medien Gedanken machen – und damit meine ich nicht etwa ihren Einfluss auf Soziopathen, die ohnehin schon so gut wie bereit sind, Chaos zu schaffen, sondern die viel subtilere Frage, was hier über unsere Kultur ausgesagt wird. Es ist leicht, schlampige Darstellungen von Brutalität zu verurteilen, aber was sollen wir von denen halten, die, zumindest ihren eigenen Regeln nach, Meisterwerke sind? "Ihren eigenen Regeln nach" bedeutet hier: die Regeln des Films. Es bedeutet Filmgeschichte aller Arten von Filmen, aber insbesondere brutaler Filme – eine auf sich selbst bezogene Welt, in der die Tarantinier leben. Der Tarantinischen Ursprungs-Legende (das ist kein zu starker Ausdruck) zufolge, steht dieser Schulabbrecher und Popkultur-Süchtige hinter dem Tresen eines Videoarchivs in Manhattan Beach im Kalifornien der späten 80er Jahre. Da hält er fünf Jahre lang Hof, verteilt freizügig Analysen und Meinungen an einen immer größer werdenden Kreis von Stammkunden, einige mit Verbindungen zu Hollywood, viele fasziniert von seiner erstaunlichen Beherrschung der Filmkunde – eine allesfressende Autorität, die ohne Unterschied Genre und Perioden durchläuft, vom frühen Hitchcock und Film Noir der fünfziger Jahre bis zur französischen Avantgarde und obskurer Hong-Kong-Kampfkunst. Tarantino hat alles gesehen und erinnert sich daran. Das ist das Unglaubliche–Abspann, Musik, Dialoge, Kinematografie, Schnitt, Kulisse, Handlung – alles. Und er webt es in einen einzigen hyperenergetischen Diskurs, ein Gewirk von Nebeneinanderstellungen, der auf dem Bildschirm eines einzelnen Bewusstseins die Gesamtheit der filmkünstlerischen Erfahrung zu hinterlassen scheint. Kein Wunder, dass die bedeutenden Hollywoodgrößen, die er kennenlernt, ihn ernst nehmen, als er ihnen seine frühen Drehbücher anbietet. Dies ist kein Blödmann mit einem Manuskript – hier ist eine lebende Bibliothek, ein wandelnder Tribut an alles, was ihnen heilig ist. Tarantino wurde zu einem mythischen Wesen, einer Kultfigur, denn er vollbrachte eine Transformation, nach der sich seine Anhänger sehnen. In ihm wurde der ultimative Fan zum ultimativen Filmemacher. Dieser Angestellte eines Videoladens verteidigte den abgeschlafften Medien-Süchtigen, rechtfertigte seine Besessenheit – seine Vorlieben, seinen Sprachgebrauch, seine Werte, seine riesige Comic-Sammlung, seine Online-Spiele, seine Fantasie-Abenteuer – seine gesamte Investition in ein virtuelles Leben wurde eingelöst. Und Tarantino versteht das. Er bleibt seinen Wurzeln treu. Heute ist er ein beim Establishment angesehener Mann, der mit einem Jurystuhl in Cannes geehrt wird, aber er repräsentiert eine virtuelle Lebensweise, die die postmodernen Medien in weiter am Rand gelegenen Bezirken möglich gemacht haben – obwohl kein wahrer Tarantinier sich dabei erwischen lassen würde, über etwas so Umständliches wie die Postmoderne zu reden. Sensationslustige sind gegen solche Abstraktionen allergisch. Sie sind auf dogmatische Weise anti-intellektuell und unpolitisch. Sie ziehen diese Grenze um sich herum, um ihre Lebensweise vor der verständnislosen Geringschätzung der Erwachsenen dieser Gesellschaft zu schützen, an die sie schon so gewöhnt sind. Und Tarantino macht es ihnen leicht, diese Grenze zu verteidigen. Die Verzwicktheit seiner Handlungen und die Dichte seiner Anspielungen geben seiner Arbeit eine echte Komplexität – wenn nicht sogar so etwas wie (vergessen Sie's) Tiefe. Diese Komplexität, die dem Kenner so offensichtlich ist, bleibt anderen mehr oder weniger verborgen und spielt den Sensationslustigen daher einen Trumpf zu. Wenn es um Tarantino geht, kann man wirklich sagen, dass seine Kritiker ihn einfach nicht kapieren. Außerdem ist die Komplexität eines Tarantino-Films umso verlockender, weil sie unter einer fantastischen Oberfläche lauert, einem sinnlichen Vergnügungspaket voller Rätsel und Wissen. Die fesselnde Kinematografie, die Mischung von Schnitt und Ton, der Rhythmus, die Art, wie der gesamte Aufbau hyperreale Klarheit ausstrahlt, diese unverkennbare Textur findet man auch in Filmen von David Lynch. Dieser Hyperrealismus macht den wissenden Betrachter auf eine subversive Absicht aufmerksam, die diesem Fest der Oberflächen Gewicht verleiht. Er spricht die an, die den Schlüssel zum Königreich besitzen, schmeichelt ihnen mit einem Augenzwinkern und einem Nicken, das nur sie selbst entdecken können. Er lädt sie ein, endlos über knifflige Handlungen und Zeitabfolgen zu grübeln, sich in ein Netz von Andeutungen zu kuscheln, das so weitläufig ist, dass noch nicht einmal die informiertesten Fans wissen, ob sie seine Grenzen erreicht haben. Und das sorgt für unerschöpfliche Diskussionen auf Websites und in Weblogs. In Tarantino-Filmen erreicht die postmoderne Ästhetik des Flickwerks, des Mischens und Zitierens und Wiederverwertens ihre logische Grenze. Seine Filme handeln buchstäblich von Filmen (und TV Shows und Werbung und Pop Musik). Und das nicht einfach katalogartig. Tarantino lässt Färbungen und Stile auferstehen und manipuliert sie; Stimmungen, ja gesamte Genre werden heraufbeschworen, und das Spiel hört nie auf. Die Spaghetti-Western-Musik begleitet eine Zicke-haut-zu-Szene, die sich zu einem stürmischen Ninja-Ausbruch hochschaukelt, und da haben wir David Carradine (wie in seiner 70er Jahre Kung-Fu TV Serie) als Bill, eine schurkige Umkehrung des Originalcharakters, aber die gleiche Wirkung entfaltend, nur von einer Spur Sadismus gewürzt (und geschwächt), welcher (wiederum in der ersten – von John Ford inspirierten – Szene der zweiten Folge) in krassem Kontrast zur ach-so-authentischen Flöte steht (noch ein Carradine-Echo), die er noch immer bei sich trägt. Sogar ich könnte mit meiner Liste von Anspielungen fortfahren, und ich bin nur ein beiläufig teilnehmender Beobachter, weit davon entfernt, ein geborener Tarantinier zu sein. Nicht, dass ich das sein möchte. Ich kann mit meiner Zeit Besseres anfangen. Aber davon gleich mehr. Zurück zu den unterschwelligen Kontrasten. Sie sind äußerst bedeutend bei Tarantinos Stil der Anspielungen. Er zitiert nicht einfach, es geht ihm nicht um bloße Huldigung; er verwüstet seine Zitate. Er schafft es, dass sie passen, auch wenn sie nicht passen – und das ist seine außergewöhnliche Begabung, die auch die grundlegende Botschaft übermittelt: Es ist alles nur Spaß. Sensationslust ist die Ideologie des Spaßes im Allgemeinen, aber diese spezielle Art des Spaßes ist weit davon entfernt, unschuldig zu sein. Sie ist so angelegt, dass der Tarantinier uns immer einen Schritt voraus ist und alle, die vor solchen Darstellungen der Gewalt zurückschrecken, als unheilbar "daneben" entblößt werden. Sollte es uns nicht wachrütteln, wenn sich herausstellt, dass Pai-Mei (Großmeister der Kampfkunst, bei dem Bill die Mitglieder seines tödlichen Viper Exekutionskommandos trainieren lässt) alles andere als der ausgeglichene Sensei ist, den wir in dieser Rolle erwarten? Wenn klar wird, dass er eine verwöhnte Primadonna ist, jähzornig, eingebildet und boshaft, sagen die Tarantinier: Siehst du nicht, wie lustig das ist? Tödliches Viper Exekutionskommando? Hallo? Sollte uns das kein Hinweis darauf sein, welche Einstellung hier herrscht?
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