Your email address is kept confidential, and will never be published, sold or given away without your explicit consent.

Thank you for joining our mailing list!

Close
















Die Synchronizität kommt nach HOLLYWOOD


Auf der Suche nach einer postmodernen Religion am Drehort von The Celestine Prophecy: The Movie
von Ross Robertson
 

1 | 2 | 3 | 4 | 5



Teil II

ALL DIE IRONIEN UND KOMPLEXITÄTEN des spirituellen Lebens in Amerika reisen mit, als ich, Salzgebäck knabbernd, auf einem Flug von Albany nach Orlando noch einmal Die Prophezeiungen von Celestine lese. Ich bin auf dem Weg zu einem Drehort in der Mitte von Florida, wo ich James Redfield treffen werde, den Autor dieser populären spirituellen Saga, die die Nation vor einem Jahrzehnt erstmals im Sturm eroberte. Nach jahrelangem Drängen der Filmstudios bereitet er Die Prophezeiungen von Celestine nun endlich auch für das Kino auf, und er hatte uns eingeladen, ihn zu besuchen, um bei der Entstehung des Films dabei zu sein. Einen Monat lang hatte ich mich auf meine Reise vorbereitet. In dieser Zeit waren mir die Charaktere des Buches richtig ans Herz gewachsen: Der raubeinige Abenteurer Will, die Wissenschaftlerin Marjorie, von der man sich immer wünscht, sie würde etwas koketter sein, und der stille, stämmige Pater Sanchez. Vor allem aber war ich von dem Buch als kulturellem Phänomen fasziniert, von seiner beeindruckenden Größe, die vielleicht nur mit der, sagen wir einmal, der peruanischen Anden vergleichbar ist.

Die Prophezeiungen von Celestine–sind, vielleicht mehr als jedes andere New Age-Produkt–dafür bekannt, extreme Reaktionen hervor zu rufen: Entweder lieben die Leute das Buch oder sie hassen es von ganzem Herzen. Tom Butler-Bowdon, der Autor von ‚50 Lebenshilfe-Klassiker' beschreibt es so: "Die beiden häufigsten Reaktionen sind entweder ‚es veränderte mein Leben' oder ‚das ist totaler Schund'.“ Ich muss zugeben, dass ich mich früher im zweiten Lager befand, wobei meine Einstellung eher auf Unwissenheit als auf einer wohlüberlegten Meinung beruhte–meine Großmutter schenkte mir das Buch kurz nach seiner Veröffentlichung, aber gelesen hatte ich es nie. Ich war ein arroganter Student und dachte, das New Age wäre der Vorbote für das Scheitern der westlichen Zivilisation.

Damals nahm ich an, dass der beispiellose Erfolg von Redfields Erzählung für die Spiritualität einen Riesenschritt abwärts auf dem rutschigen Abhang der Pop-Kultur bedeutete. (Schließlich bin ich ein Kind der Generation X. Ich neige zu übertriebener Kritik am hypnotisierten amerikanischen Konsum, wohingegen mich meine eigene Teilhabe daran nicht im Geringsten stört.) Ob es für die Spiritualität ein Schritt abwärts war oder nicht, sei einmal dahingestellt, aber ich frage mich nun, ob es für die Pop-Kultur nicht auch ein gigantischer Schritt nach oben war. Nie zuvor war ein spirituelles Buch so tief in das zeitgenössische weltliche Massenbewusstsein eingedrungen, nie war Spiritualität dermaßen populär gewesen. Das New Age erlebte seine Blütezeit, und die gesammelte Weisheit der Jahrhunderte–von Buddha über Rumi bis hin zu Redfield–lag in den Schaufenstern fast aller Buchhandlungen. Auch ich war davon abhängig, denn ich folgte dem Pfad meiner eigenen spirituellen Interessen ebenfalls in erster Linie in den Buchregalen für Spiritualität.

Und jetzt komme ich in den Genuss einer Gelegenheit, um die mich Millionen von Celestine-Fans beneiden würden. Ich darf aus erster Hand einen–selten möglichen–Blick auf die nächste Episode der Entwicklung dieser modernen spirituellen Geschichte werfen. Und wenn ich mir eines sicher bin, dann ist es, dass an dieser Geschichte weit mehr sein muss, als das, was ich bisher gehört habe.

VON DER BUCHSENSATION ZUM SUNSET STRIP

1993 ursprünglich im Selbstverlag als Paperback herausgegeben (Redfield verteilte diese erste Ausgabe von Hand aus dem Kofferraum seines Wagens), erreichte Die Prophezeiungen von Celestine binnen sechs Monaten eine Druckauflage von 100.000 Exemplaren. Bald darauf erklomm die bei Warner Books erschienene gebundene Ausgabe die Bestsellerlisten der New York Times, wo sie sich mehr als drei Jahre lang hielt. Alles in allem gibt es heute weltweit rund 12 Millionen gedruckte Exemplare in mehr als 40 Sprachen. Zählt man die Verkäufe aller Redfield-Bücher (einschließlich der beiden Fortsetzungen und einer Hand voll anderer) zusammen, kommt man auf die unglaubliche Summe von 20 Millionen. Das Buch wurde zudem–und dies ist noch bedeutsamer–zum Auslöser einer landesweiten Flut von Diskussionsgruppen in Kirchen, Seminaren in metaphysischen Buchhandlungen und Selbsterfahrungskursen wie "Deine Celestine-Reise–eine Abenteuerschatzsuche“. Die Liste ist endlos. Und nun setzt es seine offenbar vorbestimmte Reise fort–in ein Kino in Ihrer Nähe.

Für Fans der Prophezeiungen von Celestine kann es wohl kaum eine bessere Nachricht geben. Doch die größere Bedeutung dieses lang ersehnten Sprungs auf die Kinoleinwand liegt in der Tatsache, dass der Film mehr repräsentiert als nur sich selbst: Er steht nämlich stellvertretend für eine ganze popspirituelle Bewegung, die im heutigen amerikanischen Leben rasant großen sozialen und kulturellen Einfluss gewinnt. An und für sich ist das Ganze eine simple Abenteuergeschichte, die Geschichte eines jedermann (im Buch namenlos, im Film John Woodson genannt), der nach Peru reist, um nach einem antiken Manuskript zu suchen, das neun Erkenntnisse über ein neues erleuchtetes Bewusstsein zum Inhalt hat–Erkenntnisse, so Redfields Voraussage, die wir Menschen nach und nach verstehen werden, "derweil wir uns auf eine durchweg spirituelle Kultur auf Erden zubewegen“. Auf seinem Weg zum Machu Picchu und dem Höhepunkt der Geschichte–der Entdeckung der Neunten Erkenntnis - erlebt Woodson eine Reihe von Zufallsbegegnungen mit Freund und Feind (Suchern, Wissenschaftlern und rebellischen Priestern, die entschlossen sind, die Lehren der alten Schriften ans Licht zu bringen, Kirchenmännern, Regierungsbeamten und einem internationalen Kartell, das darauf versessen ist, jede einzelne der Befreiung bringenden Seiten zu zerstören).

Es ist aber auch eine spirituelle Parabel, die die innere Reise des Helden nachzeichnet–in diesem Fall seine Entdeckung einer richtungweisenden Intuition, welche sich durch Synchronizität oder bedeutungsvolle Zufälle manifestiert: zwei oder mehr Ereignisse, die ohne einen kausalen Zusammenhang miteinander geschehen, deren Beziehung aber deutlich jenseits der Möglichkeit reinen Zufalls liegt. "Was mir an der Geschichte gefällt“, sagt Schauspieler Matthew Settle, der die Rolle des John Woodson übernommen hat, "ist, dass Staunen und Wunder in das Leben dieses Menschen zurückkehren. John führt ein langweiliges und bedeutungsloses Leben, in dem er keinen Sinn für sich entdecken kann. Doch als er beginnt, sich der Zufälle gewahr zu werden und seiner Unsicherheit zu vertrauen, da findet er eine neue Art von Sicherheit, indem er nun dem Fehlen von Sicherheit vertraut, verstehen Sie? Er findet Vertrauen in das Leben, Vertrauen in eine Gottesmacht und gibt sich etwas hin, das anderenfalls ein beängstigendes Terrain gewesen wäre. Es ist ein Weg des Glaubens.“

Vor dem Hintergrund unserer postmodernen Rastlosigkeit und des geradezu sprichwörtlichen Sinnverlusts kann diese Erzählung über Woodsons Weg des Glaubens als Geschichte einer allgemeinen Massenbewegung gelesen werden, deren Umfang die bereits sehr ansehnliche Celestine-Domäne noch bei weitem übertrifft. Da wären zum Beispiel der unnachahmliche Deepak Chopra (er schrieb 35 Titel, die ebenfalls weltweit 20 Millionen mal verkauft wurden) mit seinem kürzlich erschienenen The Spontaneous Fulfillment of Desire: Harnessing the Infinite Power of Coincidence; oder Self-Empowerment Guru Dr. Wayne Dyers The Power of Intention: Learning to Co-Create Your World Your Way, in diesem Jahr druckfrisch erschienen (Dyers bisherige Bilanz: 21 Titel, 30 Millionen verkaufte Bücher). Dann ist da noch Paulo Coelhos Klassiker Der Alchimist (1988), der es auf Schwindel erregende 27 Millionen Exemplare in 56 Sprachen gebracht hat und in dem Ruf steht, Madonnas Lieblingsbuch zu sein. An der Peripherie dieses Territoriums befinden sich noch Dutzende, wenn nicht gar Hunderte weiterer Schriftsteller, deren bekannteste Vertreter Neale Donald Walsch und Richard Bach sind. Walsch ist Autor der Buchreihe Gespräche mit Gott (7 Bände, 7 Millionen Exemplare), deren erster Band zweieinhalb Jahre auf der New York Times Bestsellerliste stand. Und Bachs Buch Illusionen (1977), das sich in 27 Jahren 15 Millionen mal verkaufte, ist immer noch so erfolgreich, dass Hampton Roads Publishing erst im letzten August einen Begleitband, The Messiah's Handbook, herausgab.

Dies sind die Megastars eines Trends im Verlagsgeschäft, der keinerlei Anzeichen von Rückläufigkeit aufweist. Ihre Botschaften, die sie für weltweit mindestens 50 Millionen Sucher bereithalten, haben eine bemerkenswerte Übereinstimmung, aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Es stimmt, außer den Prophezeiungen von Celestine sind noch andere weltlich spirituelle Parabeln auf dem Weg nach Hollywood. Der Celestine-Produzent Barnet Bain wird sich als nächstes Illusionen vornehmen, und Laurence Fishburne arbeitet derzeit an einem Drehbuch für Der Alchimist, in dem er–neben Jeremy Irons und (wer hätte es gedacht) Madonna–auch eine Hauptrolle übernehmen wird. Aber Die Prophezeiungen von Celestine werden als Erstes erscheinen, und es könnte gut sein, dass sie den Beginn einer neuen Epoche in Hollywood einleiten: der New Age-Filmproduktion.

"Als Nachwirkung eines Erfolgs wie Mel Gibsons Die Passion Christi“, sagt Bain, "bekommt das Marktpotenzial eines Publikums, das sich für religiöse oder spirituelle Werte interessiert, nun erneut große Beachtung. Und wenn man ein bereits bestehendes Markenzeichen hat, das in der Kultur so sehr gewürdigt wird wie Die Prophezeiungen von Celestine, dann kommt dabei etwas viel Größeres heraus als die Summe der Teile. Illusionen und Der Alchimist könnten sicherlich zur selben Kategorie gehören. Wenn man in der Geschichte der New Age-Bewegung ungefähr 20 oder 25 Jahre zurückschaut, dann findet man nur drei, vielleicht vier Erzählungen, die als glaubwürdige Geschichten gelten, und das sind genau diejenigen, über die wir hier sprechen. Sie bilden die Vorhut in der Erforschung einer gerade erst entstehenden persönlichen spirituellen Philosophie. Sie sind Rorschachtests.“

Sollte sich The Celestine Prophecies: The Movie auch nur annähernd als so erfolgreich erweisen, wie es einige aus der Filmbranche voraussagen, dann wird seine spirituelle Thematik eine beispiellose Schar von Kinogängern erreichen. Vielleicht wird dies ja der größte Schritt dahin sein, die kritische Masse zu erreichen, die Redfield und viele andere für notwendig befinden, um auf breiter Basis einen evolutionären Umschwung in der Kultur auszulösen. (Und falls alles gut läuft, dann möchte ich wetten, dass neben Illusionen und Der Alchimist die Verfilmung von Redfields Folgebänden The Tenth Insight und Das Geheimnis von Shambala gewiss nicht lange auf sich warten lassen.) Ob diese Aussichten nun freudige Aufregung oder eher Unbehagen auslösen, sie sind Anlass genug, dass wir einmal innehalten und uns fragen: Kann die Pop-Spiritualität uns retten?



[ zur nächsten Seite ] 1 | 2 | 3 | 4 | 5




artikel drucken

email an die redaktion

artikel versenden

inserieren

nachdrucken
abonnieren abonnieren geschenk abo


home | aktuell | archiv | bestellen | über wie
herausgeber | kontakt | links | site map




full table of contents

buy this issue

Neues bei WIE
Letzte Neuigkeiten und Aktuelles!

E-Mail-Adresse hier angeben.