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Erleuchtung für das 21. Jahrhundert


Plädoyer für einen neuen spirituellen Kanon
von Andrew Cohen
 




Wenn der spirituelle Impuls in einer säkularen Welt in Erscheinung tritt, dann ändert dies alle geltenden Regeln. Wenn dieser Impuls nämlich in unserem postmodernen Kontext – also frei von den prämodernen, traditionellen moralischen und philosophischen Einschränkungen – in unseren Herzen und Köpfen erwacht, dann befinden wir uns in einer einzigartigen Lage: Wir können uns buchstäblich jeden spirituellen Weg aussuchen, der uns gefällt. Von der immer größer werdenden Vielzahl populärer New Age-Lehrer und ihren Lehren bis hin zu der unerschöpflichen Schatztruhe der esoterischen Geheimnisse großer spiritueller Welttraditionen steht uns alles offen; nie zuvor hat der spirituelle Jahrmarkt so viele Möglichkeiten geboten wie am Anfang des 21. Jahrhunderts.

In diesem neuen Bereich ist eine faszinierende Entwicklung vor sich gegangen. Ob in den unzähligen, oft stark popularisierten spirituellen Büchern, die man in der Bestsellerabteilung der örtlichen Buchhandlung findet, oder in den neuen, hoch komplexen spirituellen Paradigmen, die an den alternativen Universitäten in Kalifornien gelehrt werden, eines ist klar: Die Trennung zwischen Religiösem und Weltlichem, dem Heiligen und dem Profanen, ist unschärfer geworden. In der Tat, bei dem Versuch, eine spirituelle Perspektive von größtmöglicher Authentizität einzunehmen, stellen viele fest, dass sie eigentlich nicht genau wissen, wo diese Grenzlinie verläuft, und einige fragen sich sogar, ob es eine solche Linie überhaupt gibt. Da wir bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage völlig auf uns allein gestellt sind, erscheint sie oft verwirrend – wir müssen die Regeln dabei nämlich selbst bestimmen. Viele sind davon überzeugt, dass uns das Freisein von Einschränkungen und von dem traditionellen mahnenden Zeigefinger bereits die Tür zu einer anderen, wahrhaft freien Zukunft öffnet. Doch ich frage mich, wie viele von uns tatsächlich frei und unabhängig genug sind, eine solche Zukunft zu erschaffen. Denn in Wahrheit sind wir, die wir in einem säkularisierten Kontext leben – ohne Regeln oder überlieferte Normen, ja, ohne Anleitung eines übergeordneten philosophischen und spirituellen Kanons – in einem viel höheren Maße, als wir es uns eingestehen wollen, von der enormen Aufgabe überfordert, den richtigen Weg selbst zu finden.

Ein anderes interessantes Phänomen ist, dass wir unsere Sehnsucht nach spiritueller Entwicklung oft eher durch die Ausübung einer spirituellen Praxis und den damit verbundenen direkten Eigenerfahrungen zu befriedigen suchen, als dass wir uns einer übergeordneten spirituellen Lehre verpflichten. Der subjektiven Erfahrung des Individuums wird tatsächlich ein fast heiliger Status zuerkannt, während andererseits die Vorstellung, etwas Höherem als der eigenen flüchtigen Intuition verbunden zu sein, unser Misstrauen weckt. Wir haben, so scheint es, jegliche Bindung an höhere oder tiefgründigere Prinzipien, welche über unsere eigene direkte Erfahrung hinausgehen, verloren. Und selbst, wenn wir es schaffen, überhaupt eine höhere Perspektive einzunehmen, also einen Einblick in eine tiefere und umfassendere Art des Sehens zu bekommen, dann gelingt es uns selten, dauerhaft Zugang dazu zu finden. Wir sind das Produkt unserer eigenen Zeit und Kultur, und unsere Aufmerksamkeit richtet sich allzu leicht immer wieder darauf, wie wir uns selbst empfinden. Es gibt nur wenige Menschen, die in einer alles umfassenden spirituellen Perspektive verwurzelt bleiben können, bei der ihre persönliche Erfahrung immer nur eine unterordnete Rolle spielt.

Es ist offensichtlich, dass wir vorankommen müssen. Und es ist ebenso augenfällig, dass wir dafür einen neuen moralischen, ethischen, philosophischen und spirituellen Kanon entwickeln müssen – einen Kanon, der es einer immer größeren Anzahl von uns, die wir an der vordersten Front dieser Entwicklung stehen, ermöglicht, der Zukunft gemeinsam zu begegnen. Damit dies geschehen kann, müssen wir laut darüber nachdenken, welches die fundamentalen Grundsätze eines solchen Kanons sein könnten. Wir müssen dazu bereit sein, unsere Fähigkeit zu nachdenklicher Betrachtung in einer Weise zu vertiefen, die nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch, viel wichtiger noch, die zu erschaffende Zukunft mit einschließt. Wir müssen die Fähigkeit kultivieren, über das, was wir bereits wissen, hinauszugehen, damit wir eine Zukunft entwickeln können, die noch jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.

Wenn dies getan ist, liegt die riesige Herausforderung für uns alle in der Frage: Wird es uns gelingen, unentwegt an einer gemeinsam erkannten übergeordneten Perspektive – einer höheren Wahrheit – festzuhalten? An einer Wahrheit, die vielleicht für die meisten von uns weit außerhalb ihrer eigentlichen Erfahrung liegt? Werden wir, die wir in dem postmodernen säkularen Kontext so tief verwurzelt sind und die eigene persönliche Erfahrung höher bewerten als jede andere Generation vor uns, die Demut aufbringen, in Übereinstimmung mit höheren Prinzipien und einer höheren Bestimmung zu leben – mit der notwendigen Bereitschaft zur Unterordnung einer Sache zu dienen, die größer und wichtiger ist als wir selbst?

Andrew Cohen, der Gründer und Chefredakteur von What Is Enlightenment? ist seit 1986 spiritueller Lehrer. Er ist Autor vieler Bücher, darunter Erleuchtet Leben und Himmel und Erde umarmen. Weitere Informationen finden Sie unter www.andrewcohen.org ».

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