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1 | 2 Die wahre Geschichte von Phoolan Devi ist uns entgangen. Die legendäre Königin der Banditen, deren Leben in einem beliebten indischen Film, den sie selbst ablehnte, verfälscht wurde, hat alle Begrenzungen des Geschlechts, der niederen Kaste und sogar der konventionellen Moral überwunden, um Gerechtigkeit für sich selbst, für Frauen und für alle Menschen ihrer "untergeordneten“ Kaste zu suchen. Was war die Quelle ihrer Stärke? Durch ihre moderne Weltsicht beschränkt, haben Journalisten und Biografen von Phoolan anscheinend ignoriert, was sie selbst über ihre tiefe Hingabe an Durga, die Hindu-Göttin der Gerechtigkeit, gesagt hat: "Seit Jahrhunderten ehrt jeder Dacoit (Bandit) die Göttin Durga“, sagte sie 1996 zu einem Reporter des Atlantic Monthly. In der Hindu-Tradition wird starke Hingabe zu einer Gottheit oft damit belohnt, dass man die Eigenschaften dieses Gottes oder dieser Göttin erwirbt. Phoolan Devis Hingabe war tief greifend: "Sie hat mich aufrecht erhalten. Was sie hat, habe ich auch. Was sie will, will ich auch. Und alle Männer meiner Bande halten mich für eine Reinkarnation von Durga.“ Dort, wo der Mythos von Durga auf die Legende der Phoolan Devi trifft, kann man eine neue Geschichte hören – eine Geschichte, die uns zwingt, Zeuge einer göttlichen Wut zu sein, die in ihr das wilde Verlangen zu siegen, den Mut, die Wahrheit zu sagen, und die ungezügelte Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit entfachte. Die Geschichte der Phoolan Devi Auf einem kleinen Flecken dieser Erde, nahe einer der tausend Biegungen des heiligen Flusses Yamuna, gab es eine kleine Stadt, die groß genug war, einen Namen zu haben, aber zu klein, um sie auf irgendeiner Landkarte Indiens zu finden. Hier lebten zwei Brüder, die in eine Kaste knapp über der Klasse der Unberührbaren (den Ausgestoßenen unterhalb des eigentlichen Kastensystems) geboren waren: Bihari, Vater von Söhnen, durchtrieben und listig, und Devidin, gutherzig, aber schüchtern, Vater von vier Mädchen und einem Jungen. Unverzüglich nach dem Tod des Vaters übernahm der verschlagene Bihari das Land der Familie. Mit seinem Wohlstand erreichte er einen Einfluss, der weit über seine Kaste hinausreichte. Dabei verbannte er seinen jüngeren, analphabetischen Bruder in eine Welt der Demütigungen und des Hungers, in der er sein Überleben verzweifelt einem welken Land abringen musste, das nichts anderes mehr als Gurken hervorbrachte. Devidins Ehefrau Mooli beklagte ihr Schicksal unentwegt – sie waren ihres Landes beraubt und mit Töchtern geschlagen, die später eine Mitgift brauchen, die sie sich kaum würden leisten können. Tag für Tag, Jahr für Jahr musste die zweite Tochter, Phoolan Devi, was "Göttin der Blumen“ bedeutet, zusehen, wie ihr Vater stets niedergeschlagener und ihre Mutter immer wütender wurde, während sie sich abmühten, eine Familie zu ernähren, die zu groß und zu weiblich war. Klein, dunkel und mit einer breiten, flachen Nase, wie die ihres Vaters, hatte Phoolan Devi den Zorn ihrer Mutter geerbt. Er glitzerte in ihren Augen, trieb ihre lebendige Intelligenz an und verlieh ihr eine beängstigende Zuversicht. Eines Tages konnte Phoolan Devi ihre ältere Schwester überzeugen, sie zu einem Besuch auf dem Land des Onkels zu begleiten – dem Land, das ihres hätte sein sollen. Lachend aßen die Mädchen dort rohe Kichererbsen vom Feld des Onkels und zogen die Aufmerksamkeit und den Zorn ihres viel älteren Cousins Maiyadin auf sich. Phoolan verspottete ihn, als er verlangte, dass sie "sein“ Land verlassen sollten. Als Maiyadin und sein Diener mit Gewalt versuchten, sie zu entfernen, biss Phoolan ihren Cousin in die Hand, stellte ihm ein Bein und beobachtete mit Genugtuung, wie er in den Schlamm fiel und dabei seine strahlend weiße Kurta ruinierte. Er schlug mit einem Ziegelstein auf sie ein, bis sie bewusstlos war. Am nächsten Tag kam Maiyadin mit der Polizei. Für die Demütigung durch die Mädchen schlugen sie den Vater und die Mutter mit Knüppeln. Phoolan Devi, die als Mädchen mit einer schweren Last in ein Leben geboren wurde, in dem die Angehörigen ihrer Kaste schlechter als Tiere behandelt wurden, betete zur Göttin ihres Vaters, Durga, und flehte sie an, "mir zu zeigen, wie man Dämonen schlachtet, so wie sie es getan hat, und mir auch einen Knüppel zu geben, damit ich mich wehren kann“. Phoolan Devi war zur Rache geboren. Als die Götter sahen, wie die Göttin aus ihrem gemeinsamen Glanz erstand, frohlockten sie. Jeder der Götter gab ihr seine einzigartige Macht und Waffe. Shiva gab ihr einen Dreizack, der aus seinem eigenen entstanden war. Vishnu gab ihr eine Wurfscheibe und Brahma Gebetsperlen und den Wasserschlauch eines Asketen. Himalaja, der Herr der Berge, schenkte ihr den Löwen, der ihr Reittier war. Ein Schwert und ein Schild, eine undurchdringliche Rüstung, eine Girlande aus Schlangen, Edelsteine, Lotusblüten und vieles, vieles mehr waren weitere Geschenke der Götter. In jedem ihrer vielen Arme hielt Durga eine Waffe und lachte herausfordernd. Mahishasura sah, wie Himmel und Erde bebten, die Ozeane sich auftürmten und die Berge sich erhoben, als die Devi wieder und wieder laut brüllte. Schreiend vor Wut eilte er zur Quelle des Lärms. Dann erblickte er sie: Ihr Glanz durchdrang alle drei Welten – die Erde erbebte unter ihren Füßen, ihre Krone kratzte den Himmel und ihre tausend Arme reichten in alle Richtungen. Mahishasura schickte seine Dämonenkrieger in den Kampf mit der Devi – Millionen und Abermillionen. Aber Durga metzelte sie nieder, als wäre es ein Kinderspiel. Während die tausend Arme ihre Waffen führten und die Dämonen in den Tod schickten, blieb sie ruhig und heiter. Und jeder Seufzer, der ihren Furcht erregend schönen Lippen entsprang, erschuf Scharen von Kriegern, die sich in die Schlacht stürzten. Eines Tages, als Phoolan etwa elf Jahre alt war, spielte sie mit ihrer kleinen Schwester am schlammigen Ufer des Flusses. Plötzlich erschien ihre Mutter und zerrte sie an den Haaren zurück ins Dorf. Die Mutter und andere Dorffrauen zogen Phoolan die Mädchenkleider aus, badeten sie fünfmal mit verschiedenen Essenzen und schoben dann silberne Reifen auf ihre Arme und Ringe auf ihre Zehen. Sie wurde in einen Sari gewickelt, und ihr Kopf war verhüllt, sodass sie nichts sehen konnte. Das war ihre Hochzeit. Phoolan ließ die Zeremonie befremdet über sich ergehen und bemerkte, wie ihre winzigen Finger von der großen, fetten und verschwitzten Hand ihres zukünftigen Ehemannes umschlossen wurden – eines Mannes, der fast 25 Jahre älter war als sie und den sie nur einmal vorher gesehen hatte. Ihr Ehemann Putti Lal hätte eigentlich noch warten sollen, bis er Phoolan Devi mit sich nach Hause nahm – sie war ja noch keine Frau. Die Armut ihrer Familie bekräftigte ihn aber darin, darauf zu bestehen, sie sofort mitzunehmen. Und Maiyadin unterstützte ihn dabei, denn er wollte seine energische Cousine loswerden. Mutter und Vater protestierten und weinten vergebens. Putti Lal setzte sich durch, und, obwohl es gegen das Gesetz war, dass Phoolan in solch jungen Jahren seine Ehefrau wurde, gaben ihre Eltern nach und hofften auf das Beste. Phoolan, die keine Ahnung hatte, warum ihre Eltern so verzweifelt waren, tröstete sie und beteuerte, dass sie bald zurück sein würde. Sie behielt Recht. Monate später erfuhr ihre Familie, dass sie krank war. Als ihr Vater kam, um sie abzuholen, war sie abgemagert bis auf die Knochen, ihr Haar fiel in Büscheln aus, ihr Körper war übersäht mit Geschwüren und sie hatte quälende Schmerzen im Bauch. Putti Lal hatte nicht darauf gewartet bis sie erwachsen war. Er hatte sie auf jede erdenkliche Art benutzt, sie ins Gesicht geschlagen, wenn sie schrie und immer wieder verprügelt. Ihre Seufzer, ihr Ächzen und ihre Schreie riefen aber keine einzige Menschenseele zur Rettung herbei. "Ich konnte nichts tun, um ihn aufzuhalten“ sagte Phoolan. "Aber der Göttin Durga, die das Blut der Dämonen trank, habe ich geschworen, dass er für die Schmerzen, die er mir verursachte, zahlen würde ... er hatte selbst gesagt, dass ich eines Tages erwachsen sein würde. Ich schwor mir also, dass ich überleben und meine Rache bekommen würde.“ Das Blut der Dämonen und ihrer Elefanten und Pferde rann in Flüssen durch die Himmel, als Durga und ihre Millionen sie alle vernichteten. Mahishasura verwandelte sich in seine Büffelgestalt und zertrampelte Durgas Legionen. Dann eilte er auf ihren Löwen zu. Mit seinen Hörnern warf er Berge in die Luft, während sein Schwanz wie eine Peitsche die Ozeane schlug, bis sie überflossen. Er riss die Wolken mit seinen Hörnern vom Himmel und zertrampelte die Erde unter seinen Hufen. Das machte Devi Durga blind vor Wut. Sie fing Mahishasura in ihrer Schlinge und er verwandelte sich in einen Löwen. Als sie den Kopf des Löwen abschlug, wurde er zu einem Mann mit Schwert. Nachdem sie ihn mit Pfeilen getötet hatte, wurde er zum Elefanten und packte mit seinem Rüssel ihren Löwen. Durga hackte seinen Rüssel ab und er nahm wieder seine furchtbare Büffelform an. Er schleuderte Berge auf sie, und sie verwandelte sie zu Staub. Er stampfte mit seinen Hufen bis alle Welten erzitterten. Und nachdem sie einen göttlichen Trank getrunken hatte, warnte ihn Durga, dass der Platz, wo er jetzt noch vor Wut schnaubend stünde, der Ort wäre, an dem die Götter über seinen Tod frohlocken würden. Sie sprang auf ihn und durchdrang ihn mit ihrem Speer. Mahishasura tauchte wieder kämpfend aus dem Maul des Büffels auf, aber Durga enthauptete ihn mit einem sauberen Schlag ihres Schwertes. Mit sechzehn Jahren hatte Phoolan Devi eine Schlacht nach der anderen mit
einem Dämon nach dem anderen verloren. Als sie die Tochter eines Dorfrats
ohrfeigte, weil das Mädchen ihre Mutter angegriffen hatte, peitschte der
Ratsherr Phoolan und ihre Schwester so lange aus, bis sie von Blut
überströmt waren.
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