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DIE GEBURT DER POP-KABBALA Es ist kaum zu glauben, aber es vergingen fast siebenhundert Jahre, ehe eine vollständige Übersetzung des kabbalistischen Kanons, des Sohar, veröffentlicht wurde. Im frühen 20. Jahrhundert schließlich, machte der sozialistische Chassidim Rabbi Yehudah HaLevi Ashlag diesen radikalen Schritt, den Sohar aus dem Althebräischen und Altaramäischen in modernes Hebräisch zu übersetzen. Im Laufe seines Lebens gelangte Ashlag zunehmend zu der Überzeugung, dass die Kabbala aus ihrem Elfenbeinturm, wo sie für Jahrhunderte hinter Schloss und Riegel verborgen war, herausgeholt werden und unter dem jüdischen Volk verbreitet werden müsste. Der Religionswissenschaftler Boaz Huss schreibt dazu: "Im Unterschied zu den meisten traditionellen kabbalistischen Bewegungen betrachtete Ashlag die Kabbala nicht als esoterische Doktrin. Er behauptete, dass in seiner Zeit eine neue Ära begänne, in der die Enthüllung kabbalistischer Geheimnisse gestattet wäre, und versuchte, die Kabbala in der zeitgenössischen säkularen jüdischen Öffentlichkeit zu verbreiten.“ Ashlags Übersetzung machte es möglich, dass der Sohar erstmals von anderen Leuten als den Kabbalisten selbst und einer Minderheit von Akademikern und Philosophen gelesen werden konnte. Es dauerte fast einhundert weitere Jahre, ehe eine zweite vollständige Übersetzung des Sohar veröffentlicht wurde: 2003 gab das Kabbalah Centre eine englische Ausgabe heraus. Dieser Zusammenhang zwischen Ashlag und dem Kabbalah Centre ist sicher kein Zufall–Ashlags Nachfolger, Rabbi Yehudah Zvi Brandwein, war der spirituelle Lehrer von Philip S. Berg, dem Gründer des Kabbalah Centre. Philip Berg traf Brandwein 1964, nachdem er New Yorks Stadtteil Brooklyn, seine Arbeit als Versicherungsvertreter, seine Ehefrau und acht Kinder verlassen hatte, um nach Israel zu reisen. Obwohl er in einem religiösen Elternhaus erzogen und zum Rabbi ausgebildet worden war, so war er doch "zutiefst desillusioniert“ vom Judentum und dem, was er als Mangel an Tiefe in dessen religiösen Institutionen erlebte. Trotzdem, so schreibt Berg, wurde er durch Brandweins Lehren so inspiriert, dass er alsbald dessen ergebener Schüler wurde und die nächsten sechs Jahre, bis zu Brandweins Tod, an seiner Seite verbrachte. Zu seinen Lebzeiten wurde Brandwein Zeuge sowohl des ersten, als auch des zweiten Weltkriegs. Als der Holocaust, der sechs Millionen Menschen seines Volkes das Leben gekostet hatte, endlich vorüber war, fühlte er, dass Ashlags Überzeugung sich als wahr erwiesen hatte–dass die Welt des 20. Jahrhunderts mit all ihren Gräueln und ihrer Düsternis das "Licht“ der Kabbala dringender benötigte als jede andere Epoche der Geschichte. Als Brandwein 1969 starb, erhob Berg Anspruch auf dessen Vermächtnis und auf die Leitung der Yeshiva Kol Yehuda, die er schließlich in "The Kabbalah Centre“ umbenannte. Binnen weniger Jahre weitete er den entscheidenden Grundsatz von Brandweins Lehren–dass die Kabbala zu allen Juden gebracht werden sollte–noch aus, indem er erklärte, dass die Kabbala selbst Nichtjuden zugänglich gemacht werden sollte, und die Verbreitung der Kabbala in der Welt wurde zu Bergs Überzeugung und Lebenszweck. Brandweins eigener Sohn, Avraham Brandwein, hat Berg wiederholt beschuldigt, das Vermächtnis sowohl seines Vaters, als auch das Yehuda Ashlags, widerrechtlich an sich gerissen zu haben. Tatsächlich behauptet Avraham, selbst die echte Yeshiva Kol Yehuda in Jerusalem zu leiten. Ein Sprecher der Schule äußerte kürzlich einem Reporter gegenüber: "Das ist nicht sein [Bergs] Platz, und er hat nichts mit uns zu tun, mehr noch, wir wollen keinerlei Verbindung mit diesem Mann. Unsere Yeshiva ist einzigartig in ihrer Bescheidenheit. Wir suchen nicht die Öffentlichkeit. Wir arbeiten so wie die Thora es uns befiehlt–geheim und zurückgezogen.“ Diese andauernde Fehde zwischen Berg und Avraham symbolisiert eine gewaltige ideologische Kluft, die nicht erst 1969 entstand, sondern buchstäblich Jahrhunderte alt ist. Wie Gershom Scholem schreibt: "Von Beginn an traten unter den Kabbalisten zwei einander entgegengesetzte Strömungen in Erscheinung. Die erste war bestrebt, die Kabbala als ein außerordentlich esoterisches System auf geschlossene Kreise zu begrenzen, die zweite wollte ihre Wirkung unter das Volk in seiner Gesamtheit verbreiten. Im Lauf der Geschichte der Kabbala, bis in unsere heutige Zeit hinein, lagen diese beiden Strömungen miteinander im Konflikt.“ In traditionellen kabbalistischen Texten fand ich zahllose Warnhinweise in Bezug auf die Verbreitung der Kabbala unter denjenigen, die ihrer Weisheit nicht würdig sind. Selbst Moses de Leon warnte im Sohar, dass "jener, der die Geheimnisse unvorschriftsmäßig offenbart, die Macht der Sitra Ahra (‚der anderen Seite') und anderer böser Geister stärkt.“ Aber viele der Warnungen, die ich las, bezogen sich darauf, wie vorbereitet und reif ein Schüler ist, um die Ehrfurcht gebietende Herrlichkeit der mystischen Offenbahrung zu empfangen, eine Erfahrung, die, so behaupteten die Kabbalisten, voller Gefahren ist. Der Kabbalist Ezra von Gerona warnte im 13. Jahrhundert: "Der Gedanke kann nicht höher steigen als seine Quelle ... Wer auch immer es wagt, über das nachzusinnen, bis zu dem die Gedanken sich nicht ausdehnen oder aufsteigen können, der wird eine von zwei Folgen erleiden: Entweder wird er seinen Geist verwirren und seinen Körper zerstören, oder es wird aufgrund der mentalen Obsession begreifen zu wollen, was er nicht begreifen kann, seine Seele aufsteigen und getrennt werden ... und zu ihrer Wurzel zurückkehren.“ Um sicher zu gehen, dass jemand nicht im kabbalistischen Labyrinth verloren geht und Schaden an seiner eigenen Seele verursacht oder einfach stirbt, mussten die Kabbalisten alles in der Thora Geschriebene beachten und den Gesetzen und Geboten folgen, die Moses am Berg Sinai empfangen hatte. Mit anderen Worten, sie mussten moralisch unfehlbar werden. Das ist der Grund, weshalb das Studium der Kabbala so viele Voraussetzungen fordert, wie verheiratet zu sein, ein bestimmtes Alter erreicht zu haben (manchmal sogar vierzig oder fünfzig Jahre), sowie männlich und beschnitten zu sein. Und dann war da noch die Notwendigkeit, jüdisch zu sein. Nichts von all dem ist heute noch gültig. Dies ist das 21. Jahrhundert, und wer etwas über die Kabbala erfahren will, muss nur auf www.Kabbala.com gehen und sich für einen Online- Kurs anmelden. (Und er wäre damit einer von 30.000 Menschen, die genau das jeden Monat tun). Wenn sie persönlich mit einem Kabbalisten sprechen wollen, dann rufen sie einfach 1-800-KABBALAH an, wo ein Rabbi darauf wartet, alle ihre Fragen, die sie über die Geheimnisse des Universum haben mögen, zu beantworten, und das vierundzwanzig Stunden am Tag. (Der Rabbi wird sie nicht fragen, ob sie in letzter Zeit die Thora gelesen haben.) Philip Berg hat es mit Hilfe seiner zweiten Frau Karen und seiner Söhne Michael und Yehuda geschafft, nichts Geringeres als ein Kabbala-Imperium zu errichten. Sein Territorium reicht–in Form von über fünfzig Kabbalah Centres–von Moskau bis nach Santiago. Sie haben sogar ein Satellitenzentrum in Ruanda, und ihr 4,5 Millionen Dollar teures Zentrum in Tel Aviv bietet Tausenden von Menschen seine Dienste an. Nach Angaben des Kabbalah Centre sind bereits 3,9 Millionen Menschen durch seine Pforten gegangen, um spirituelle Führung zu erhalten. Dieses erstaunliche Wachstum wurde dadurch ermöglicht, dass genau jene Einschränkungen entlarvt wurden, welche die Kabbalisten über Jahrhunderte hinweg mit Nachdruck geltend gemacht hatten. Philip Berg tat dies, indem er verkündete, dass die Kabbala allen Religionen vorausgehe und aus diesem Grund nie als jüdisch gemeint war. Er schreibt in seinem Buch Kabbalistic Astrology: "Kabbala ist die älteste Tradition der Geheimlehren. Vom Anbeginn der Schöpfung an wurde sie direkt von Gott an Adam, Abraham, Sarah, Rachel, Moses und andere biblische Urväter und Urmütter weitergegeben. Die Kabbala geht jeder Religion oder säkularen Organisation voraus. Sie ist das Erbe und das Geburtsrecht der ganzen Menschheit.“ Wie andere spirituelle New Age-Bewegungen, die den Anspruch erheben, Zugang zu spirituellen Wahrheiten zu haben, die für das Universum so fundamental sind, wie, sagen wir, das Gesetz der Schwerkraft, so beansprucht auch das Kabbalah Centre für sich, eine ewig gültige Spiritualität anzubieten. Und weil die spirituellen Wahrheiten, die es seinen Schülern vermittelt, prähistorisch sind, haben sie mit organisierter Religion nichts gemein, weswegen sie folglich von diesen auch nicht verfälscht wurden. Dieser Anspruch ermöglichte den Bergs, etwas zu tun, das zuvor undenkbar war: Sie haben nicht nur Tausende weltlicher Juden, die sich von ihrem Glauben entfremdet hatten, angezogen, ein Großteil ihrer Schüler–manche sagen, es seien nicht weniger als vierzig Prozent–sind nicht einmal jüdisch. Die Bergs haben eine Kabbala für alle geschaffen, die keine soziale, rassische oder religiöse Unterschiede macht. Es ist, wie sie sagen, eine wahre "Volksrevolution der Erleuchtung“. Passenderweise wurde diese Revolution vornehmlich auf den Seiten von Boulevard-Magazinen wie W, Vanity Fair und People ausgespielt. Fotos Prominenter, die rote Bändchen am Handgelenk tragen–eine mittelalterliche jüdische Praxis, die den Träger vor dem "bösen Blick“ schützt–bringen hohe Verkaufszahlen. Tatsächlich ist das rote Bändchen zu einem der begehrtesten Modeaccessoires des Jahres 2004 geworden. Die Warenhauskette Target hat sie in ihr Sortiment aufgenommen, ab sofort können Sie also in einen ihrer neonbeleuchteten Megastores, zum Beispiel in Alabama oder Ohio, gehen und sich eines kaufen. Madonna hatte kürzlich in ihrem Video Die Another Day einen Tefillin umgeschnallt, und auf ihrer Re-Invention Tour gab es Büchertische, wo nach dem Konzert Literatur des Kabbalah Centre zum Verkauf angeboten wurde. Umgekehrt ist das Kabbalah Centre dafür bekannt, Songtexte von Eminem in ihren Büchern zu verwenden, um bestimmte kabbalistische Grundsätze zu illustrieren. Die Grenze zwischen gutgläubigem spirituellem New Age-Weg und Pop-Kulturphänomen hat sich aufgelöst, und herausgekommen ist eine der interessantesten kulturellen Kreuzungen der postmodernen Ära: Pop-Kabbala. Das Phänomen Pop-Kabbala verdankt einen Großteil seines Erfolgs den außergewöhnlichen Marketingstrategien der Familie Berg. Jedes Center bietet vielfältige Produkte an, wie Kabbalah Gesichtscreme, Kabbalah Wasser, T-Shirts , Schlüsselanhänger, Räucherwerk, Kerzen und mit Brillianten und hebräischen Buchstaben besetzte Halsketten. Zu jedem Buch (und es gibt Dutzende) ist ein ganzes Sortiment an begleitenden Videos, DVDs und Kassetten erhältlich. Das Kabbalah Centre weigert sich zwar, die Zahl zu bestätigen, doch einige Medienquellen haben berichtet, dass 2003 allein das Center in Los Angeles Einnahmen von sechsundzwanzig Millionen Dollar hatte. Die popularisierte, zur Handelsware gemachte und damit gut zu vermarktende Kabbala der Bergs (und ihr Erfolg auf der Weltbühne) hat einen Aufschrei der Empörung gleichermaßen bei Akademikern, Rabbinern, Sektenbeauftragten und den Medien ausgelöst. "Das Kabbalah Centre wird von jedem angegriffen“, teilte mir ein bedeutender Rabbi von seiner kabbalistischen Gemeinde in Israel aus mit. "Man attackiert sie mit Skandalen, mit jedem Gerücht, mit jeder nur erdenklichen Angriffsform, die es auf Erden gibt.“ Diese Kritiker nennen die Pop-Kabbala oft "McMysticism“ oder "Dolce und Kabbala“. "Das ist nur eine weitere Modetorheit Hollywoods, die sich selbst Kabbala nennt“, sagt Rabbi Jeremy Rosen, "sie ist Vergleich zu der echten Kabbala so etwas, wie ein Supermann-Comic im Vergleich zu Milton oder Tolstoi.“ Rabbi David Wolpe vom Conservative Sinai Temple in Los Angeles sagte vor kurzem über die Praktiken des Kabbalah Centre: "Insofern, als hier tiefe spirituelle Wahrheiten in einen Mixer geworfen und als seichte Kost serviert werden, erweist man einer großen Tradition einen Bärendienst–das ist nicht besser als spirituelle Quacksalberei.“ Viele halten das, was das Kabbalah Centre lehrt, für ein Sakrileg. Rabbi Immanuel Schochet, ein sehr produktiver Gelehrter und Lehrer der Kabbala, sagte einmal: "Was da gelehrt wird, ist Ketzerei. Ihr Ansatz ist, Religion dahingehend zu manipulieren, dass Gott ein Werkzeug in deinen Händen wird, und wenn du weißt, welche Knöpfe du drücken musst, kannst du bekommen, was immer du brauchst.“ Wenn die Anschuldigungen dieser Kritiker richtig sind, gibt es keine schlimmere Gesetzesübertretung im gesamten Judentum, denn seit alters her haben die religiösen Juden eindringlich gemahnt: "Verwende die Thora nie als deine Schaufel!“
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