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Eine Volksrevolution der Erleuchtung: die KabbalaEine alte Geheimlehre kommt im Kabbalah Centre ganz groß raus von Maura R. O'Connor |
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EINE VOLKSREVOLUTION DER ERLEUCHTUNG: DIE KABBALA Eine alte Geheimlehre kommt im Kabbalah Centre ganz groß raus von Maura R. O'Connor Ich lege den Hörer auf und schalte das Aufnahmegerät aus. Ein Welle der Übelkeit überschwemmt mich. "So also fühlen sich völlige Niederlage und Demütigung an“, denke ich, fast erstaunt darüber, wie unerträglich dieses Gefühl ist. Ich habe gerade das zweifellos schlechteste Interview meiner gesamten, wenn auch erst kurzen, journalistischen Laufbahn geführt. Das an sich scheint eigentlich nicht der Rede wert zu sein, aber ich führte dieses Interview mit einem der–wie es heißt–heiligsten Weisen unserer Zeit: mit dem großen Rabbi Adin Steinsaltz. Das ist jener Mann, den das Time Magazin einen Gelehrten nennt, wie es ihn nur in tausend Jahren gibt. Er ist der Duchovny Ravin–der "spirituelle Führer“–des gesamten russischen Judentums, der Mann, der siebenunddreißig Bände Übersetzungen und Kommentare zum babylonischen Talmud veröffentlicht hat und an weiteren arbeitet–ein Vorhaben, das, wenn es vollbracht ist, fast seine gesamte Lebenszeit beansprucht haben wird. Rabbi Steinsaltz' tiefes Verständnis von den spirituellen Grundsätzen der Kabbala ist fast schon übernatürlich. Und ich habe gerade die Ehre, mit ihm sprechen zu dürfen, sabotiert, indem ich ihm eine oberflächliche Frage nach der anderen gestellt habe. Während des Interviews, als meine offensichtliche Unfähigkeit, einen intelligenten Dialog mit ihm zu führen, quälend deutlich wurde, erkannte ich, dass das Problem nicht auf eine mangelhafte vorbereitende Untersuchung dieser alten spirituellen Tradition zurückzuführen war. Immerhin hatte ich mich gerade drei Monate lang–selbst während ich aß, schlief und träumte–mit nichts anderem als der Kabbala beschäftigt. Ich hatte alle Bücher verschlungen, das ich in die Finger bekommen konnte und verliebte mich in die wunderbaren und überzeugenden Offenbarungen, von denen sie berichteten. Nein, das Problem war viel schlimmer. Im direkten Kontakt mit der lebendigen Verkörperung dieser altehrwürdigen Weisheit wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben mit meinem eigenen inneren Mangel an Tiefe konfrontiert. Für diesen Mangel an Tiefe war keine einzelne Ursache verantwortlich. Im Gegenteil, er schien vielmehr das Ergebnis einer ganzen Reihe miteinander konspirierender Elemente zu sein: meine Generation, meine Jugend, meine Bildung, meine Geburt an diesem besonderen, "postmodernen“ Zeitpunkt der Geschichte und auch die Tatsache, dass ich sehr "amerikanisch“ bin. Doch hinter diesen Lebensverhältnissen, über die ich, wie man einwenden könnte, kaum Kontrolle habe, erkannte ich noch etwas anderes, und zwar etwas ziemlich Erschreckendes: Ich selbst hatte diese heimtückische Oberflächlichkeit genährt, hatte sie unendlich attraktiv gefunden und war mein Leben lang von Äußerlichkeiten und Sensationsgier berauscht gewesen. Als ich mit Rabbi Steinsaltz sprach, trat das Ganze in aller Deutlichkeit zutage. Nach Worten, nach einem passenden Vokabular, nach einem Weg suchend, der zeitlosen spirituellen und intellektuellen Größe dieses ehrwürdigen Mannes angemessen zu begegnen, kam ich doch immer wieder nur seicht und substanzlos daher. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte nicht einmal die trügerische Tiefe heraufbeschwören, die mich durchs College gebracht hatte, die so viele meiner Freunde und ich als gemeinsame Währung benutzen, um uns durchs Leben zu mogeln, und die–wie ich nun mit dem Schock der echten Erkenntnis sehe–die Kultur durchdringt, in der ich lebe. Als ich in mein Büro zurückkam und den unvollendeten Artikel auf dem Bildschirm des Computers anstarrte, überwältigte mich ein merkwürdiges Gemisch aus Scham und Ironie.
DAVENEN MIT MADONNA Es gibt eine holländische Redewendung: "jodse kerk“. Wenn es irgendwo wie beim Zirkus zugeht–chaotisch und unorganisiert–dann sagt man: "Das ist wie eine jodse kerk!“–eine "jüdische Kirche“. Wer mit dem jüdischen Sabbat nicht vertraut ist, kann sich das nur schwer vorstellen. Aber wer ihn einmal selbst erlebt hat, versteht genau, was damit gemeint ist. In meinem Fall war es ein Samstag Morgen im Kabbalah Centre in New York City. Die Leute gingen ein und aus, polyphone Klingeltöne riefen nach Antwort und Frauen ließen ihre Babies auf dem Schoß hopsen, während sie lebhaft miteinander tuschelten. Unterdessen saßen ungefähr sechzig ganz in Weiß gekleidete Männer etwas abseits von uns zu meiner Linken. Viele hatten ihre Gebetsschals zu Kapuzen gefaltet, die ihre Köpfe und ihre jüdischen Gebetskäppchen, die Jarmulken, bedeckten. Hin und wieder legten sie ihre Arme um einander, was ihnen erlaubte, sich tiefer über ein einzelnes Buch zu beugen, in dem sie gemeinsam lasen, wobei sich ihre Scheitel fast berührten. Das synchrone An- und Abschwellen der gemeinsamen Gebete und Anrufungen dieser Männer und der sieben oder acht Rabbiner war faszinierend und beinahe magisch. Während die Rabbiner, unter ihnen auch Philip S. Berg, der Gründer des Kabbalah Centre und seine zwei Söhne Michael und Jehuda, von einer gewaltigen, kunstvollen Schriftrolle der Thora lasen, stieg die Tonhöhe der Männerstimmen für einen Augenblick an, um im nächsten Moment in eine tiefe Stille hinein zu verklingen. Es war ein religiöser Walzer, dessen Schritte ich nicht kannte, und innerlich erlebte ich kurze Momente der Verwirrung, wenn die dünnen Fäden der rituellen Ordnung, die offenbar verhinderten, dass Chaos ausbrach, über den Zerreißpunkt hinaus gedehnt schienen. Aber selbst, wenn ein übermütiges Kind am Gebetschal eines Rabbi zerrte und schlussendlich zu seinen Füßen auf dem Boden einschlief, schien das niemanden zu interessieren oder gar zu stören. Angesichts der Tatsache, dass dies mein allererster Sabbat war, mögen Sie vielleicht denken, ich sei nicht kompetent, mich dazu zu äußern. Aber selbst mein ungeschultes Auge konnte einige höchst ungewöhnliche Dinge an dieser Szene wahrnehmen. Zum Beispiel sah der Japaner zu meiner Linken, der eine Jarmulke und ein Gebetstuch trug, nicht gerade jüdisch aus. Tatsächlich gab es hier viele Menschen, die nicht sehr jüdisch aussahen–wie auch das Mädchen rechts neben mir, das eine kunstvolle, dreißig Zentimeter hohe Afrolook-Frisur zur Schau stellte. Auch hielt jeder eine Flasche mit "Kabbalah-Wasser“ in den Händen. Diesem, von Rabbi Philip Berg gesegneten Wasser wird nachgesagt, dass es Reinigung und Heilung fördere. Ungefähr alle zwanzig Minuten richtete vorn ein Rabbi aufgeregt das Wort an uns: "Trinken Sie jetzt einen Schluck Kabbalah-Wasser, bevor wir gemeinsam beten. Es wird Ihnen helfen, sich besser mit dem Licht zu verbinden! Trinken Sie nun bitte alle!“ Und alle taten es. Aber für mich war es der Moment schlechthin, als der schneidige Filmregisseur Guy Ritchie hereinschlenderte und sich zu den anderen Männern setzte. Anstelle der Jarmulke trug er eine elegante weiße Mütze. Ihm folgte seine sehr zierliche Ehefrau, Madonna. Sie setzte sich zu uns Frauen. Von Zeit zu Zeit hielt sie ihre Handfläche der Thora entgegen, um deren unsichtbare Energie zu empfangen. "Mein Gott“, dachte ich bei mir, "ich bete mit Madonna.“ Jetzt sagen Sie sich wohl: "Ach ja, vom Kabbalah Centre habe ich schon gehört!“, denn vermutlich haben Sie in letzter Zeit einmal einen Blick in die Boulevardpresse oder entsprechende TV-Sendungen geworfen. Aufgrund der unglaublich vielen Prominenten, welche die Kabbala als spirituellen Weg für sich entdeckt haben , kam es in den letzten Jahren nämlich zu einem regelrechten Ansturm des Medieninteresses, und es ist verwunderlich, dass die Paparazzi nicht gleich ein Basislager vor den Türen des Kabbalah Centre aufgeschlagen haben. Die Kabbala ist eine der rätselhaftesten mystischen Traditionen der Welt, deren Mysterien, so der Glaube, Adam von dem Engel Raziel empfing und deren geheime Gesetze in der Thora verschlüsselt wurden. Folglich konnten nur die spirituell höchst entwickelten Rabbis und Mystiker (ausschließlich Männer) diese Gesetze studieren–oftmals in kleinen, eng verbundenen Bruderschaften oder in der Beziehung zwischen einem Lehrer und einem sorgfältig ausgewählten Schüler. Ich selbst erfülle nicht eine einzige der von den Kabbalisten seit Jahrhunderten aufrecht erhaltenen traditionellen Voraussetzungen, die es mir ermöglichen würden, Zugang zu diesen Geheimnissen zu erhalten. Ich bin unverheiratet, zu jung (geschweige denn beschnitten) und nicht einmal jüdisch. Aber obwohl dies noch vor fünfundzwanzig Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach ein unüberwindliches Hindernis gewesen wäre, musste ich, die junge Nichtjüdin, nur einen einzigen Anruf im Kabbalah Centre tätigen, um an einem Sabbat teilnehmen und–wie ich vermutete–die alte Weisheit der Kabbala kosten zu können. Meine Anwesenheit an jenem Samstag ist der lebendige Beweis dafür, wie explosionsartig das Interesse an der Kabbala angestiegen ist und wie leicht zugänglich sie geworden ist. Aber wie kam es dazu? Wie wurde aus einer mystischen Tradition, die in vielerlei Hinsicht selbst in der jüdischen Kultur eher eine Außenseiterposition inne hatte, ein sehr populärer spiritueller Weg und interessanter Stoff für Boulevardpresse und Kabelfernsehen? Natürlich spielen die Prominenten zum Teil eine gewichtige Rolle bei diesem Prozess, aber es ist das Werk des Kabbalah Centre, dem es wunderbarerweise gelungen ist, Jahrhunderte im Verborgenen hinter sich zu lassen, um einen postmodernen spirituellen Weg zu offenbaren und zu erschaffen, von dem sich Tausende von Menschen angezogen fühlen. Ich wage sogar zu sagen, dass sie mehr getan haben, als die Kabbala populär zu machen–sie haben es geschafft, dass "Spirituellsein“ das begehrte Label "cool“ erhielt. Das gab es wirklich noch nie. Sogar der Rap-Star Jay-Z empfiehlt ein jüngst veröffentlichtes Buch des Kabbalah Centre mit den Worten: "Kabbala wird deine Welt erschüttern–du wirst die Art, wie du dein Leben siehst und lebst, total verändern. Du wirst ein Verstehen erlangen, wie du es nie zuvor gekannt hast.“ Oder nehmen wir Ashton Kutcher, Moderator von MTVs Punk'd und Star der That 70s Show: Ganz ungeniert meinte er kürzlich in einem Interview: "Ich würde sagen, dass ich ein äußerst spiritueller Mensch bin. Mein erster Sabbat war einfach unglaublich.“ Es ist eine Geschichte, die uns zurück ins Jahr 1962 führt, als ein Mann namens Philip Berg ins Heilige Land reiste und dort seinem spirituellen Lehrer begegnete, dem chassidischen Rabbi Yehudah Zvi Brandwein. Aber wenn Sie wirklich verstehen wollen, wie das alles begann, müssen Sie sich auf so etwas wie eine Reise durch die Geschichte begeben, die weit in die Vergangenheit zurück reicht. Ich nehme Sie nun mit ins frühe 20. Jahrhundert, als der brilliante Rabbi Yehuda Ashlag nicht ruhte, das kabbalistische Grundwerk, den Sohar, in modernes Hebräisch zu übersetzen; und noch zweihundert Jahre weiter zurück, als der charismatische Baal Shem Tov durch die Wälder Osteuropas reiste und seine ekstatische Gottesliebe in alle jüdischen Gemeinden brachte; zurück in die Zeit, als die Hügelstadt Safed in Galilea zur Heimat einer heiligen Bruderschaft und ihrer radikalen mystischen Offenbarungen wurde; noch weiter zurück, als Moses allein in der Hitze des brennenden Busches stand, während 600.000 Menschen aus seinem Volk seine Führung erwarteten; zurück zu dem Patriarchen Abraham und zu Adam und Eva und noch weiter zurück, als die ersten donnernden Vibrationen des Wortes Gottes in einem einzigen Blitz den kosmischen Raum erschufen. Und, ob Sie es glauben oder nicht, diese Geschichte führt uns sogar noch weiter zurück. EINE HIMMLISCHE HEIMSUCHUNG (ODER: WIE ICH DIE KABBALA NACH ALTER SCHULE LERNTE) Der Versuch, die Kabbala zu verstehen, ist, als würde man ein Labyrinth betreten. Ihre Essenz ist schwer zu erfassen und sorgfältig hinter hohen konzeptuellen Mauern und falschen Wegen des Verstehens verborgen. Besonders uns Banausen des 21. Jahrhunderts scheint es schwer zu fallen, nicht die Orientierung zu verlieren. Nacht für Nacht, Woche für Woche hatte ich das merkwürdige Gefühl, dass ich umso weniger verstand, je mehr ich über diese alte Tradition las. Doch eines Nachts, gerade als meine Frustration in bedrückende Verzweiflung abglitt, geschah etwas Wundersames. Regen schlug gegen meine Fenster, und gewichtige Kabbalabücher lehnten an wackligen Engeln auf meinem Schreibtisch. Meine Augenlider begannen zu flattern, versucht von einem süßen, unwiderstehlichen Schlaf. Als die Infrastrukturen meines Bewusstseins langsam um mich herum kollabierten, begann eine merkwürdige Vision Form anzunehmen. Als tauchte sie aus einem düsteren Nebel auf, sah ich die Gestalt eines Mannes näher kommen. Sein schlanker Körper war vom Alter gezeichnet, und ein vergilbter Bart umrahmte seine edlen Gesichtszüge. Es war ein einzigartiger Traum. "Weißt du, wer ich bin?“, sagte er mit tiefer, volltönender Stimme. Verwirrt sprudelte ich hervor: "Sollte ich wissen, wer Sie sind?“ Mit strahlenden Augen sah er mich an. "Liebes Kind, mein Name ist Moses de Leon.“ "Moses de Leon, der Kabbalist?“, rief ich ungläubig. "Das ist doch unmöglich. Sie sind ja seit nahezu achthundert Jahren tot.“ Unter seinem riesigen Bart zeigte sich ein breites Lächeln. "Nun, ich sehe, dass deine Studien letztendlich nicht vollkommen nutzlos waren. Wie dem auch sei, ich erwarte nicht, dass du verstehst, wie es möglich ist, dass ich vor dir erscheinen kann. Das ist etwas, das Sterbliche für gewöhnlich nur schwer begreifen.“ Es verschlug mir den Atem, so verwundert war ich angesichts der überwältigenden Würde dieses ätherischen Wesens dort vor mir. "Mein Kind, seit Tausenden von Jahren hat der Mensch darum gerungen, die unaussprechliche Ursache aller Ursachen zu verstehen. Aber das Universum ist ein heiliges Mysterium, das jenseits des Fassungsvermögens der meisten Menschen liegt, auch wenn sie noch so eifrig versuchen, es zu entschlüsseln. Weißt du, was Kabbala wirklich ist?“ "Nein, aber ich will es wissen“, sagte ich und schaute in sein runzliges Gesicht hinauf. "Kabbala ist die gesammelte Weisheit, die im Lauf der Geschichte von jenen Menschen zusammengetragen wurde, welche das Mysterium gelöst haben, jenen, die das Antlitz Gottes geschaut haben und lebten, um darüber zu berichten. Aus diesem Grund bin ich hier: um dir zu helfen, die größte Geschichte aller Zeiten zu verstehen–die Geschichte der Kabbala.“ Statt einer Antwort nickte ich nur verwirrt. "Wenn du genau hinhörst, wirst du verstehen. Wie die alten Kabbalisten sagen, entstand das Universum im Anbeginn aus einem Abgrund aus reiner, unergründlicher Leere. Der einzige Weg, diese Leerheit vielleicht zu verstehen, wäre, jegliche Vorstellung zu verwerfen, bis sie alle ausgelöscht sind, doch selbst dann würde das vollkommene Mysterium dieser Leerheit sich dir entziehen. Diese Leerheit–die Kabbalisten nennen sie Ayin–existiert weit jenseits aller Worte oder Konzepte. Sie ist wie der reine Äther, den der Verstand niemals erfassen kann. Die Kabbalisten sagen, die Leere ist die Auslöschung aller Gedanken.“ "Aber glaubten die Kabbalisten nicht, dass Gott das Universum geschaffen hat?“, fragte ich ihn. "Mein Kind, du machst den Fehler anzunehmen, dass die Leere ohne Göttlichkeit war. Das ist nicht wahr: Die Kabbalisten waren der Auffassung, dass in dieser weiten Leere die verborgene Göttlichkeit kochte und brodelte. In der Tat ist die Leere das ultimative Mysterium, das Geheimnis der Ursache aller Ursachen, und aus ihr kam alles ins Sein.“ "Aber wie“, beharrte ich, "konnte das Nichts denn tatsächlich die Quelle von Allem sein?“ Während ich sprach, erhellte sich de Leons Gesicht vor glühender Begeisterung. "Diese Frage ist von größter Bedeutung! Um sie zu beantworten, muss ich dir von dem großen Rabbi Isaac Luria erzählen. Luria war ein unvergleichlicher Visionär: Er lebte im 15. Jahrhundert in der heiligen Stadt Galiläa, und obwohl er jung starb, war er einer der herausragendsten Kabbalisten aller Zeiten. Er verbrachte sein Leben mit der unermüdlichen Kontemplation der Quelle des Universums, der uranfänglichen Leere, die wir Ayin nennen. Er erkannte, dass eine gewaltige Kontraktion stattgefunden haben musste, damit die latente Göttlichkeit des Ayin ihr herrliches Potenzial für das Leben manifestieren konnte.“ "Eine Kontraktion?“, fragte ich. "Was bedeutet das?“ "Luria begriff, dass die absolute Natur dieser Leere so beherrschend war, dass nichts außer ihr existieren konnte. Damit sich Leben manifestieren konnte, musste eine ungeheure Kontraktion der Leere in sich selbst stattfinden, die einen Raum schuf, in dem die göttliche Emanation möglich war.“ Mein Verstand drehte sich, während ich de Leons Worte zu begreifen versuchte. Er fuhr fort: "Nach dieser immensen Kontraktion war Gottes erste kosmische Handlung das Aussenden eines einzigen perfekten Lichtstrahls. Dieser Strahl durchdrang die Leere und breitete sich in alle Richtungen aus. Stelle ihn dir als den ersten Atemzug Gottes vor, den er nach Äonen des Schlummers in den Abgrund hinein ausatmete, wobei er ihn mit Seiner Göttlichkeit füllte. Auf diese Weise wurde das Universum geboren.“ Für einen Moment wurde es still, bis ich endlich zu sprechen begann. "Hat Luria jemals gesagt, warum Etwas aus Nichts kam?“ Der alte Mann sah mich mit seinen durchdringenden Augen aufmerksam an und antwortete: "Wenn du über diese Frage wirklich angestrengt nachdenkst, wirst du schließlich die Bedeutung von wahrem Glauben erkennen.“ Ich begann zu spüren, dass de Leon eine Macht über mich hatte, die ich nicht vollkommen verstand. Jedes Wort schien mich, Schicht für Schicht, zu durchschneiden, bis das Geheimnis von allem, was er sagte, mein ganzes Sein vollkommen durchdrang. "Die Kabbalisten hatten einen Namen für diesen Gott, der beides, Leere und Fülle, Nichts und Alles ist“, sagte er, "Sie nannten ihn Ein Sof, was ‚ohne Begrenzungen' bedeutet. Aber dann kommt die Frage auf, wie ein grenzenloser Gott der Welt ihre Gestalt und Form gab–mit anderen Worten, ihre Begrenzungen? Hörst du ganz genau zu, mein Kind?“ "Ja, ich höre zu“, erwiderte ich. "Gott gab der Welt Gestalt und Form durch die Sprache“, erklärte er. Jeder einzelne Buchstabe und jede Zahl des hebräischen Alphabets ist eine messbare Manifestation der absoluten Gottheit, und jeder von ihnen erzittert durch die kraftvolle Konzentration Seiner allmächtigen Energie. Die Buchstaben der allerersten Worte, die von Gottes Lippen kamen, waren nichts anderes, als die Bausteine der Schöpfung. Diese Worte waren es, welche der Welt ihre Konturen und ihre Größe gaben. Und nicht nur das–sie wurden die Schöpfungsgeschichte der heiligen Schriften, der heiligen Thora selbst.“ "Ist das der Grund, weshalb die Kabbalisten sagen, die Thora sei wie ein Entwurfsplan?“ fragte ich ihn. "Aber ja! Die Thora ist der Entwurfsplan der kosmischen Schöpfung, aus der man nicht einen Buchstaben entfernen kann, ohne großen Schaden anzurichten.“ "Was meinen Sie mit ‚großem Schaden'?“, wollte ich wissen. "Weil die gesamte Schöpfung auf der Grundlage der göttlichen Rede erschaffen wurde, glauben viele, dass das Entfernen oder Hinzufügen eines Buchstabens diese Grundlage gefährden und zur Zerstörung der Welt führen würde.“ Er hielt inne. "Meine Teuerste, wenn wir diese Geschichte zu Ende bringen wollen, sollten wir jetzt weitergehen.“ Als ich mich umblickte, stellte ich erschrocken fest, dass uns eine pechschwarze, sternenlose Nacht undurchdringlich einhüllte. In welche Richtung ich auch blickte, meine Augen konnten weder Konturen, noch einen Horizont ausmachen, selbst der Boden unter meinen Füßen schien nicht fest zu sein. Es war, als würden wir in einem Vakuum schweben. Unbeeindruckt von dieser dramatischen Veränderung setzte der Meister seine Geschichte fort. "Als mein Leben sich dem Ende zuneigte, erhielt ich Besuch aus dem Jenseits. Es war Simeon bar Yohai, einer der größten Heiligen aller Zeiten und der Urvater der Kabbala. Nacht für Nacht segnete er mich durch sein stetes Wiedererscheinen, und er erzählte mir die Geschichte seines Lebens. Im zweiten Jahrhundert war Yohai von den heidnischen Römern verbannt worden, weil er die römische Regierung kritisiert hatte. Dreizehn Jahre lang war er gezwungen, zusammen mit seinem lieben Sohn Eleazar in einer Höhle zu leben. Jeden Tag kam der Prophet Elias vom Himmel herab und offenbarte ihnen die heiligen Geheimnisse des Universums.“ Als de Leon inne hielt, erkannte ich, dass ich mir wünschte, er möge weiter sprechen. Mit jedem Ton, jeder Bewegung seiner runzligen Hände, hatte er mich tiefer in sein mystisches Netz hinein gezogen. "Mit gütiger Stimme flüsterte Yohai der Weise mir diese Geheimnisse des Universums zu. Wann immer er sprach, hielt ich seine Worte auf Pergament fest. So ging das mehrere Jahre lang. Als seine Besuche endeten, hatte ich fast zweitausend Seiten geheime Weisheit angesammelt. Ich stellte diese Schriften unter dem Namen Sohar, ‚Buch des Glanzes', zusammen.“ "Ich habe von dem Buch Sohar gehört“, sagte ich. "Aber ich dachte, es wird das Buch der Erleuchtung genannt.“ "Manchmal wird der Sohar auch als Buch der Erleuchtung bezeichnet. Die Mysterien, die er enthält, vermögen das Herz und den Geist derer, die ihn lesen, für immer zu erleuchten. Das ist so, weil der Sohar die Seele der heiligen Thora, die Sod genannt wird, durchdringt. Wusstest du, dass es vier verschiedene Arten, die Schriften zu deuten, gibt?“ Ich schüttelte den Kopf. "Die höchste Ebene der Interpretation wird Sod genannt, das ist die ‚geheime' oder Seelenebene. Kabbala ist die Seele der Thora“, sagte er mit Nachdruck. "Und so, wie es keine Vollkommenheit des Körpers ohne die Seele geben kann, so gibt es auch keine Vollkommenheit der Thora ohne die Kabbala.“ Der Altehrwürdige starrte für einen Moment in die pechschwarze Leere, ehe er fortfuhr. "So groß ist die überirdische Weisheit des Sohar, dass im Laufe der Geschichte die Drucker gelegentlich sogar ihre Druckerpressen in heiligem Wasser reinigten, bevor diese mit dem Sohar in Kontakt kamen.“ Er hielt inne, bevor er weiter sprach. "Nun habe ich eine Frage an dich. Mein Kind, hast du dich jemals wirklich danach gesehnt, Gott in deinem tiefsten Herzen zu kennen?“ Mir wurde klar, dass ich mir noch nie solch eine Frage gestellt hatte. "So wie meine kabbalistischen Brüder habe ich nichts anderes in meinem Leben gewollt. Aber wie können wir einen ewigen, unfassbaren Gott kennen? Die Kabbalisten wussten, dass dies nur durch die Attribute Gottes, die als die zehn Sefirot bekannt sind, möglich ist. Zusammengenommen stellen sie eine metaphysische Leiter dar, die sich vom Göttlichen zu den Menschen erstreckt. Weißt du, wie ein Kabbalist diese Leiter hinaufsteigt?“ "Nein“, sagte ich. "Durch jahrelanges Gebet, selbstloses Studium und stille Meditation über jedes der Attribute Gottes können wir diese Leiter hinaufsteigen, bis wir die Spitze erreichen, wo wir aus der unergründlichen Quelle der Leere trinken können und dadurch zur Ursache aller Ursachen, zur Wurzel aller Wurzeln, zum Ursprung allen Lebens zurückkehren. Das, meine Tochter, ist der Beginn unserer Gotterkenntnis. Die größten Kabbalisten erreichten diese mystischen Höhen, die ich dir gerade beschrieb, und empfingen eine Vision des Göttlichen, ein Bild, das so gut und rein war, dass es ihre Herzen für immer füllte und weitete. Mit überfließendem Herzen stiegen diese Männer dann die Leiter wieder herab und verbreiteten Gottes Heiligkeit auf der Erde.“ Moses de Leons Stimme erzitterte von einer neuen Leidenschaft, und ich bemerkte, wie ich mich näher zu ihm beugte und ihn drängte fortzufahren. "Dies ist in der Tat die heilige Lebensaufgabe des Kabbalisten, sein großes Werk: die Erde im Bilde unseres Schöpfers zu schmücken, unermüdlich, bis wahre Vollkommenheit erreicht ist.“ "Aber wie vervollkommnet man die Welt?“, fragte ich ihn. "Die Kabbalisten glauben, dass wir Vollkommenheit auf der Erde durch die ständige Einhaltung der 613 Gebote, der jüdischen Mitzvot, erlangen können. Jedes Gebot, das aus reinen Beweggründen und in ehrlicher Absicht beachtet wird, trägt zur Wiederherstellung oder Korrektur des unvollkommenen Zustands unserer Welt bei. Jede gerechte Handlung ist wie ein heiliges Geschenk an das Göttliche. Ihre Kraft und Energie steigt die Leiter der Sefirot empor zu den himmlischen Sphären, stärkt die Beziehung zwischen Himmel und Erde und trägt dazu bei, dass der Strom des Lebens zwischen den Menschen und Gott weiterfließt.“ "Was passiert aber, wenn ein Mensch eine Sünde begeht?“, fragte ich de Leon. "Solch eine Tat ist der äußerste Verrat an Gott, mein liebes Kind. Wenn der Mensch eine unmoralische Handlung begeht, wird deren Energie in die niederen Welten hinabsteigen und dort das Böse erwecken. Es ist äußerst wichtig, dass du das verstehst“, sagte er mit bedeutungsschwerer Stimme. "Das Böse hat keine unabhängige Existenz außerhalb des Menschen. Vielmehr wird es durch unsere Sünden erweckt. Und wenn es einmal erweckt ist, dann ist es wie ein Geschwür in der menschlichen Seele und sucht schließlich das Böse in anderen. Auf diese Weise gewinnt es an Eigendynamik und Kraft und wird zu einer tückischen bösen Macht im Universum.“ De Leon ließ seinen gewichtigen Worten Raum, bis sie im stillen Äther verklungen waren. Dann fuhr er fort: "Wenn du dich von all dem, was ich dir heute Nacht gesagt habe, nur einer Sache erinnerst, meine Tochter, dann soll es dies sein: Die Geschichte der Kabbala offenbart uns unsere wahre Bestimmung in Gottes Universum. Wir sind nicht nur hier, um die Früchte des Wissens zu ernten, sondern vielmehr, um nach diesem Wissen zu handeln! Erinnere dich, dass der Gott der Gerechten, unser Gott, auf uns angewiesen ist, um den Himmel auf Erden zu erschaffen. Gemäß der Kabbala ist der höchste Ruf an uns jener, der uns bittet, lebende Verkörperungen des Göttlichen zu werden. Und die höchste Verkörperung des Göttlichen ist der Tzaddik, der Gerechte.“ Bei de Leons Worten spürte ich mein Herz heftig pochen. Gerade wollte ich ihn drängen, doch weiter zu sprechen, als er plötzlich erklärte: "Ich muss jetzt gehen.“ "Aber“, protestierte ich, "was ist mit dem Rest der Geschichte? Das war doch noch nicht alles!“ "Ja, das ist wahr. Die Geschichte endet da nicht.“ Ich wollte ihn anflehen zu bleiben, aber mein Tagtraum begann zu verblassen, und ich konnte die Worte nicht schnell genug aussprechen. De Leon verschwamm vor meinen Augen und verschwand schließlich ganz, als ich wieder aufwachte. Wie ein Blitz löste sich der Traum auf und ich fand mich zwischen den riesigen Stapeln von Büchern wieder. Der Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, jeder Tropfen ein nachhallendes Mysterium in meinem Geist. DIE KABBALISTEN DES 21. JAHRHUNDERTS Am Morgen nach meinem visionären Traum suchte ich, kaum dass ich aufgewacht war, sofort ein Exemplar des Sohar aus meiner Bibliothek heraus. Als ich ehrfürchtig die Seiten durchblätterte, erinnerte ich mich daran, dass Moses de Leon den Sohar im Jahr 1287 vollendet hatte. Er starb achtzehn Jahre später im Alter von 55 Jahren. Während seines Lebens legte er das Fundament für die Kabbala, wie sie für viele hundert kommende Jahre existieren würde. Ihre Geheimnisse wurden von zurückgezogen lebenden Konklaven in ganz Europa untereinander ausgetauscht, von denen einige aus bis zu zwölf Männern bestanden, die meisten jedoch aus nicht mehr als drei. Es gab zwar geringfügige Variationen–plötzliche Ausbrüche von Neuerungen im Verlauf der Geschichte–dennoch blieb die Kabbala eine streng esoterische spirituelle Tradition, die selbst der Mehrheit der Juden fremd blieb. Im 18. und 19. Jahrhundert dann breitete sich die chassidische Bewegung in den jüdischen Gemeinden Osteuropas wie ein munteres Lauffeuer aus. Baal Shem Tov, der Begründer des Chassidismus, und seine Nachfolger wollten dem jüdischen Volk ihre ekstatische Liebe zu Gott nahe bringen, indem sie ihre unmittelbare Erfahrung der Wahrheiten der Kabbala mit ihnen teilten. Innerhalb von fünfzig Jahren wurde Kabbala zu einem Lebensstil für Tausende von Juden–statt nur das Eigentum gebildeter und zurückgezogen lebender Mystiker zu sein. Sowohl die traditionelle Kabbala als auch der Chassidismus gedeihen noch heute, aber Studium und Praxis der Kabbala wurden im 21. Jahrhundert pluralisiert, breiter gefächert und modifiziert und haben dabei Begrenzungen überschritten, wie es Moses de Leon oder die Chassiden der Vergangenheit wohl nie für möglich gehalten hätten. Unter allen Variationen der modernen Kabbalisten lassen sich vier Hauptgruppen ausmachen: die "Traditionalisten“, die "Akademiker“, die "Progressiven“ und zuletzt die "Popularisierer“ der Kabbala. Die Mitglieder der ersten Kategorie, die "Traditionalisten“, finden sich hauptsächlich innerhalb der kabbalistischen Jeshiwas (jüdische Seminare). Obwohl es heutzutage zahlreiche Jeshiwas gibt, vor allem in Israel und den USA, überrascht es nicht, dass man nichts darüber erfährt. Wie ihre mittelalterlichen Vorfahren legen ihre Oberhäupter nämlich großen Wert auf Zurückgezogenheit und Verschwiegenheit und behalten auch die traditionellen Voraussetzungen und Einschränkungen im Zusammenhang mit dem Studium der Kabbala bei. Diese Jeshiwas und die Gemeinschaften, die sie umgeben, sind "geschlossene Systeme“ und widmen sich weiterhin einer fundamentalistischen Interpretation und Praxis der Kabbala. Der Patriarch der "Akademiker“–der zweiten Kategorie–ist der außerordentlich brilliante Gelehrte Gershom Sholem, der 1982 starb. Durch seine Pionierarbeit in der Übersetzung und Kommentierung unbekannter kabbalistischer Texte im frühen 20. Jahrhundert hat er im Alleingang erreicht, dass die Kabbala eine anerkannte akademische Disziplin wurde. Heute gibt es nur fünfzig oder sechzig Gelehrte in der ganzen Welt, die sich dem Studium der traditionellen Kabbala widmen. Diese eng miteinander verbundene Gruppe hält sich abgeschieden in den Gemäuern der akademischen Institutionen, und ihre Aktivitäten behalten sie weitgehend für sich. Aufgrund ihrer konservativen Neigungen haben diese "akademischen“ Kabbalisten viel mit den "Traditionalisten“ gemeinsam. Die dritte Kategorie der Kabbalisten ist vielleicht die unklarste. Diese Kategorie umfasst eine Gruppe progressiver Einzelner, die sich von den Traditionalisten und Akademikern insofern distanzieren, als dass sie sowohl rigorose Gelehrte als auch leidenschaftlich Praktizierende sind. Diese Gruppe befasst sich weniger mit der Aufrechterhaltung konventioneller Normen, als vielmehr mit der Anerkennung der mystischen Grundsätze der Kabbala und deren Realisierung in der Welt. Sie versuchen, das Wesen und die Tiefe der Tradition zu bewahren und gleichzeitig ihre Relevanz zu fördern. Die vierte Gruppe ist die der "Popularisierer“. Sie setzt sich aus jenen Autoren, Lehrern und Organisationen zusammen, welche die Kabbala im großen Rahmen in der Welt verbreiten wollen. Zu diesem Zweck treiben sie eine ausgesprochen exoterische Form der Kabbala voran, welche die breite Masse anspricht. Man muss nur einmal durch die spirituelle Abteilung einer x-beliebigen Buchhandlung gehen und wird dort Kabbala-Bücher aller Art finden, die allesamt auf den modernen Leser des 21. Jahrhunderts, auf die New Age-Empfindsamkeiten und so weiter zugeschnitten sind. Neuerdings ist es sogar möglich, in vielen liberalen Synagogen des Landes wöchentliche Kurse über Kabbala zu besuchen, so etwas wäre noch vor fünfzehn Jahren ziemlich unerhört gewesen. Das Kabbalah Centre gehört dieser vierten Kategorie an, aber es ist auch legitim zu sagen, dass es eine Kategorie für sich darstellt–denn was die Verbreitung der Kabbala betrifft, so macht das niemand in größerem Umfang und erfolgreicher als das Kabbalah Centre. DIE GEBURT DER POP-KABBALA Es ist kaum zu glauben, aber es vergingen fast siebenhundert Jahre, ehe eine vollständige Übersetzung des kabbalistischen Kanons, des Sohar, veröffentlicht wurde. Im frühen 20. Jahrhundert schließlich, machte der sozialistische Chassidim Rabbi Yehudah HaLevi Ashlag diesen radikalen Schritt, den Sohar aus dem Althebräischen und Altaramäischen in modernes Hebräisch zu übersetzen. Im Laufe seines Lebens gelangte Ashlag zunehmend zu der Überzeugung, dass die Kabbala aus ihrem Elfenbeinturm, wo sie für Jahrhunderte hinter Schloss und Riegel verborgen war, herausgeholt werden und unter dem jüdischen Volk verbreitet werden müsste. Der Religionswissenschaftler Boaz Huss schreibt dazu: "Im Unterschied zu den meisten traditionellen kabbalistischen Bewegungen betrachtete Ashlag die Kabbala nicht als esoterische Doktrin. Er behauptete, dass in seiner Zeit eine neue Ära begänne, in der die Enthüllung kabbalistischer Geheimnisse gestattet wäre, und versuchte, die Kabbala in der zeitgenössischen säkularen jüdischen Öffentlichkeit zu verbreiten.“ Ashlags Übersetzung machte es möglich, dass der Sohar erstmals von anderen Leuten als den Kabbalisten selbst und einer Minderheit von Akademikern und Philosophen gelesen werden konnte. Es dauerte fast einhundert weitere Jahre, ehe eine zweite vollständige Übersetzung des Sohar veröffentlicht wurde: 2003 gab das Kabbalah Centre eine englische Ausgabe heraus. Dieser Zusammenhang zwischen Ashlag und dem Kabbalah Centre ist sicher kein Zufall–Ashlags Nachfolger, Rabbi Yehudah Zvi Brandwein, war der spirituelle Lehrer von Philip S. Berg, dem Gründer des Kabbalah Centre. Philip Berg traf Brandwein 1964, nachdem er New Yorks Stadtteil Brooklyn, seine Arbeit als Versicherungsvertreter, seine Ehefrau und acht Kinder verlassen hatte, um nach Israel zu reisen. Obwohl er in einem religiösen Elternhaus erzogen und zum Rabbi ausgebildet worden war, so war er doch "zutiefst desillusioniert“ vom Judentum und dem, was er als Mangel an Tiefe in dessen religiösen Institutionen erlebte. Trotzdem, so schreibt Berg, wurde er durch Brandweins Lehren so inspiriert, dass er alsbald dessen ergebener Schüler wurde und die nächsten sechs Jahre, bis zu Brandweins Tod, an seiner Seite verbrachte. Zu seinen Lebzeiten wurde Brandwein Zeuge sowohl des ersten, als auch des zweiten Weltkriegs. Als der Holocaust, der sechs Millionen Menschen seines Volkes das Leben gekostet hatte, endlich vorüber war, fühlte er, dass Ashlags Überzeugung sich als wahr erwiesen hatte–dass die Welt des 20. Jahrhunderts mit all ihren Gräueln und ihrer Düsternis das "Licht“ der Kabbala dringender benötigte als jede andere Epoche der Geschichte. Als Brandwein 1969 starb, erhob Berg Anspruch auf dessen Vermächtnis und auf die Leitung der Yeshiva Kol Yehuda, die er schließlich in "The Kabbalah Centre“ umbenannte. Binnen weniger Jahre weitete er den entscheidenden Grundsatz von Brandweins Lehren–dass die Kabbala zu allen Juden gebracht werden sollte–noch aus, indem er erklärte, dass die Kabbala selbst Nichtjuden zugänglich gemacht werden sollte, und die Verbreitung der Kabbala in der Welt wurde zu Bergs Überzeugung und Lebenszweck. Brandweins eigener Sohn, Avraham Brandwein, hat Berg wiederholt beschuldigt, das Vermächtnis sowohl seines Vaters, als auch das Yehuda Ashlags, widerrechtlich an sich gerissen zu haben. Tatsächlich behauptet Avraham, selbst die echte Yeshiva Kol Yehuda in Jerusalem zu leiten. Ein Sprecher der Schule äußerte kürzlich einem Reporter gegenüber: "Das ist nicht sein [Bergs] Platz, und er hat nichts mit uns zu tun, mehr noch, wir wollen keinerlei Verbindung mit diesem Mann. Unsere Yeshiva ist einzigartig in ihrer Bescheidenheit. Wir suchen nicht die Öffentlichkeit. Wir arbeiten so wie die Thora es uns befiehlt–geheim und zurückgezogen.“ Diese andauernde Fehde zwischen Berg und Avraham symbolisiert eine gewaltige ideologische Kluft, die nicht erst 1969 entstand, sondern buchstäblich Jahrhunderte alt ist. Wie Gershom Scholem schreibt: "Von Beginn an traten unter den Kabbalisten zwei einander entgegengesetzte Strömungen in Erscheinung. Die erste war bestrebt, die Kabbala als ein außerordentlich esoterisches System auf geschlossene Kreise zu begrenzen, die zweite wollte ihre Wirkung unter das Volk in seiner Gesamtheit verbreiten. Im Lauf der Geschichte der Kabbala, bis in unsere heutige Zeit hinein, lagen diese beiden Strömungen miteinander im Konflikt.“ In traditionellen kabbalistischen Texten fand ich zahllose Warnhinweise in Bezug auf die Verbreitung der Kabbala unter denjenigen, die ihrer Weisheit nicht würdig sind. Selbst Moses de Leon warnte im Sohar, dass "jener, der die Geheimnisse unvorschriftsmäßig offenbart, die Macht der Sitra Ahra (‚der anderen Seite') und anderer böser Geister stärkt.“ Aber viele der Warnungen, die ich las, bezogen sich darauf, wie vorbereitet und reif ein Schüler ist, um die Ehrfurcht gebietende Herrlichkeit der mystischen Offenbahrung zu empfangen, eine Erfahrung, die, so behaupteten die Kabbalisten, voller Gefahren ist. Der Kabbalist Ezra von Gerona warnte im 13. Jahrhundert: "Der Gedanke kann nicht höher steigen als seine Quelle ... Wer auch immer es wagt, über das nachzusinnen, bis zu dem die Gedanken sich nicht ausdehnen oder aufsteigen können, der wird eine von zwei Folgen erleiden: Entweder wird er seinen Geist verwirren und seinen Körper zerstören, oder es wird aufgrund der mentalen Obsession begreifen zu wollen, was er nicht begreifen kann, seine Seele aufsteigen und getrennt werden ... und zu ihrer Wurzel zurückkehren.“ Um sicher zu gehen, dass jemand nicht im kabbalistischen Labyrinth verloren geht und Schaden an seiner eigenen Seele verursacht oder einfach stirbt, mussten die Kabbalisten alles in der Thora Geschriebene beachten und den Gesetzen und Geboten folgen, die Moses am Berg Sinai empfangen hatte. Mit anderen Worten, sie mussten moralisch unfehlbar werden. Das ist der Grund, weshalb das Studium der Kabbala so viele Voraussetzungen fordert, wie verheiratet zu sein, ein bestimmtes Alter erreicht zu haben (manchmal sogar vierzig oder fünfzig Jahre), sowie männlich und beschnitten zu sein. Und dann war da noch die Notwendigkeit, jüdisch zu sein. Nichts von all dem ist heute noch gültig. Dies ist das 21. Jahrhundert, und wer etwas über die Kabbala erfahren will, muss nur auf www.Kabbala.com gehen und sich für einen Online- Kurs anmelden. (Und er wäre damit einer von 30.000 Menschen, die genau das jeden Monat tun). Wenn sie persönlich mit einem Kabbalisten sprechen wollen, dann rufen sie einfach 1-800-KABBALAH an, wo ein Rabbi darauf wartet, alle ihre Fragen, die sie über die Geheimnisse des Universum haben mögen, zu beantworten, und das vierundzwanzig Stunden am Tag. (Der Rabbi wird sie nicht fragen, ob sie in letzter Zeit die Thora gelesen haben.) Philip Berg hat es mit Hilfe seiner zweiten Frau Karen und seiner Söhne Michael und Yehuda geschafft, nichts Geringeres als ein Kabbala-Imperium zu errichten. Sein Territorium reicht–in Form von über fünfzig Kabbalah Centres–von Moskau bis nach Santiago. Sie haben sogar ein Satellitenzentrum in Ruanda, und ihr 4,5 Millionen Dollar teures Zentrum in Tel Aviv bietet Tausenden von Menschen seine Dienste an. Nach Angaben des Kabbalah Centre sind bereits 3,9 Millionen Menschen durch seine Pforten gegangen, um spirituelle Führung zu erhalten. Dieses erstaunliche Wachstum wurde dadurch ermöglicht, dass genau jene Einschränkungen entlarvt wurden, welche die Kabbalisten über Jahrhunderte hinweg mit Nachdruck geltend gemacht hatten. Philip Berg tat dies, indem er verkündete, dass die Kabbala allen Religionen vorausgehe und aus diesem Grund nie als jüdisch gemeint war. Er schreibt in seinem Buch Kabbalistic Astrology: "Kabbala ist die älteste Tradition der Geheimlehren. Vom Anbeginn der Schöpfung an wurde sie direkt von Gott an Adam, Abraham, Sarah, Rachel, Moses und andere biblische Urväter und Urmütter weitergegeben. Die Kabbala geht jeder Religion oder säkularen Organisation voraus. Sie ist das Erbe und das Geburtsrecht der ganzen Menschheit.“ Wie andere spirituelle New Age-Bewegungen, die den Anspruch erheben, Zugang zu spirituellen Wahrheiten zu haben, die für das Universum so fundamental sind, wie, sagen wir, das Gesetz der Schwerkraft, so beansprucht auch das Kabbalah Centre für sich, eine ewig gültige Spiritualität anzubieten. Und weil die spirituellen Wahrheiten, die es seinen Schülern vermittelt, prähistorisch sind, haben sie mit organisierter Religion nichts gemein, weswegen sie folglich von diesen auch nicht verfälscht wurden. Dieser Anspruch ermöglichte den Bergs, etwas zu tun, das zuvor undenkbar war: Sie haben nicht nur Tausende weltlicher Juden, die sich von ihrem Glauben entfremdet hatten, angezogen, ein Großteil ihrer Schüler–manche sagen, es seien nicht weniger als vierzig Prozent–sind nicht einmal jüdisch. Die Bergs haben eine Kabbala für alle geschaffen, die keine soziale, rassische oder religiöse Unterschiede macht. Es ist, wie sie sagen, eine wahre "Volksrevolution der Erleuchtung“. Passenderweise wurde diese Revolution vornehmlich auf den Seiten von Boulevard-Magazinen wie W, Vanity Fair und People ausgespielt. Fotos Prominenter, die rote Bändchen am Handgelenk tragen–eine mittelalterliche jüdische Praxis, die den Träger vor dem "bösen Blick“ schützt–bringen hohe Verkaufszahlen. Tatsächlich ist das rote Bändchen zu einem der begehrtesten Modeaccessoires des Jahres 2004 geworden. Die Warenhauskette Target hat sie in ihr Sortiment aufgenommen, ab sofort können Sie also in einen ihrer neonbeleuchteten Megastores, zum Beispiel in Alabama oder Ohio, gehen und sich eines kaufen. Madonna hatte kürzlich in ihrem Video Die Another Day einen Tefillin umgeschnallt, und auf ihrer Re-Invention Tour gab es Büchertische, wo nach dem Konzert Literatur des Kabbalah Centre zum Verkauf angeboten wurde. Umgekehrt ist das Kabbalah Centre dafür bekannt, Songtexte von Eminem in ihren Büchern zu verwenden, um bestimmte kabbalistische Grundsätze zu illustrieren. Die Grenze zwischen gutgläubigem spirituellem New Age-Weg und Pop-Kulturphänomen hat sich aufgelöst, und herausgekommen ist eine der interessantesten kulturellen Kreuzungen der postmodernen Ära: Pop-Kabbala. Das Phänomen Pop-Kabbala verdankt einen Großteil seines Erfolgs den außergewöhnlichen Marketingstrategien der Familie Berg. Jedes Center bietet vielfältige Produkte an, wie Kabbalah Gesichtscreme, Kabbalah Wasser, T-Shirts , Schlüsselanhänger, Räucherwerk, Kerzen und mit Brillianten und hebräischen Buchstaben besetzte Halsketten. Zu jedem Buch (und es gibt Dutzende) ist ein ganzes Sortiment an begleitenden Videos, DVDs und Kassetten erhältlich. Das Kabbalah Centre weigert sich zwar, die Zahl zu bestätigen, doch einige Medienquellen haben berichtet, dass 2003 allein das Center in Los Angeles Einnahmen von sechsundzwanzig Millionen Dollar hatte. Die popularisierte, zur Handelsware gemachte und damit gut zu vermarktende Kabbala der Bergs (und ihr Erfolg auf der Weltbühne) hat einen Aufschrei der Empörung gleichermaßen bei Akademikern, Rabbinern, Sektenbeauftragten und den Medien ausgelöst. "Das Kabbalah Centre wird von jedem angegriffen“, teilte mir ein bedeutender Rabbi von seiner kabbalistischen Gemeinde in Israel aus mit. "Man attackiert sie mit Skandalen, mit jedem Gerücht, mit jeder nur erdenklichen Angriffsform, die es auf Erden gibt.“ Diese Kritiker nennen die Pop-Kabbala oft "McMysticism“ oder "Dolce und Kabbala“. "Das ist nur eine weitere Modetorheit Hollywoods, die sich selbst Kabbala nennt“, sagt Rabbi Jeremy Rosen, "sie ist Vergleich zu der echten Kabbala so etwas, wie ein Supermann-Comic im Vergleich zu Milton oder Tolstoi.“ Rabbi David Wolpe vom Conservative Sinai Temple in Los Angeles sagte vor kurzem über die Praktiken des Kabbalah Centre: "Insofern, als hier tiefe spirituelle Wahrheiten in einen Mixer geworfen und als seichte Kost serviert werden, erweist man einer großen Tradition einen Bärendienst–das ist nicht besser als spirituelle Quacksalberei.“ Viele halten das, was das Kabbalah Centre lehrt, für ein Sakrileg. Rabbi Immanuel Schochet, ein sehr produktiver Gelehrter und Lehrer der Kabbala, sagte einmal: "Was da gelehrt wird, ist Ketzerei. Ihr Ansatz ist, Religion dahingehend zu manipulieren, dass Gott ein Werkzeug in deinen Händen wird, und wenn du weißt, welche Knöpfe du drücken musst, kannst du bekommen, was immer du brauchst.“ Wenn die Anschuldigungen dieser Kritiker richtig sind, gibt es keine schlimmere Gesetzesübertretung im gesamten Judentum, denn seit alters her haben die religiösen Juden eindringlich gemahnt: "Verwende die Thora nie als deine Schaufel!“ DIE GAR NICHT SO GEHEIMEN GEHEIMLEHREN DES KABBALAH CENTRE Obwohl das Kabbalah Centre es nicht immer klar ausdrückt, so basiert der Kern seiner Philosophie doch unmittelbar auf den Lehren Yehuda HaLevi Ashlags, Autor der ersten Sohar-Übersetzung und Philip Bergs spiritueller Lehrer. Ashlags erste Schriften leisteten eine außergewöhnliche Pionierarbeit, indem sie zwei grundlegende Kräfte aufzeigten, die im Universum wirken: das Verlangen zu geben und das Verlangen zu empfangen. Der Religionswissenschaftler Boaz Huss schreibt über Ashlag: "Die zentrale Vorstellung seines neuen kabbalistischen Systems ist, dass der Schöpfer, den er als den ewigen ‚Willen zu geben' definiert, in einem komplexen dialektischen Prozess der Emanation einen ‚Willen zu empfangen' schuf–die Zuwendung zu empfangen, die Er schenkt. Die Menschen stehen am Ende dieses Emanationsprozesses mit ihrem rein egoistischen Willen zu empfangen. Aber wenn sie ihre Situation erkennen (und Scham darüber empfinden) können die Menschen ihre Natur verändern und sich bemühen, ihren egoistischen ‚Willen zu empfangen' in einen Gott ähnlichen ‚Willen zu geben' zu transformieren.“ Diese Konzepte sind in vereinfachter Form im Buch von Philip Bergs Sohn Michael The Secret: Unlocking the Source of Joy and Fulfillment (2002) dargestellt. "Der einzige Weg, wahre Freude und Erfüllung zu erlangen ist, ein freigiebiges Wesen zu werden. Nun, nachdem Sie The Secret gelesen haben, mögen Sie sich fragen: Kann die Essenz des Lebens wirklich so einfach sein?“ Für das Kabbalah Centre kann und ist es das. Der entscheidende Punkt in der spirituellen Transformation ist der Moment, in dem wir die Entscheidung treffen, lieber zu geben statt zu nehmen, zum Wohle anderer zu leben, statt nur für uns selbst. Und wie Michael Berg in seinem Buch The Way schreibt: "Wahre Erfüllung, sagt uns die Kabbala, kommt durch Transformation: das heißt, von der Verbindung mit dem Licht des Schöpfers, indem wir unsere Natur und Seine Natur des Teilens und Gebens in ein und diesselbe verwandeln.“ Weiter hinten sagt er: "Das ultimative Ziel jeglichen Handelns ist die Transformation unserer Natur–und indem wir unsere Natur transformieren, transformieren wir die Welt.“ Das Kabbalah Centre bietet eine Lehre an, deren Schwerpunkt darauf liegt, unseren individuellen Egos das Rückgrat zu brechen. Für sie ist das Ego buchstäblich all das, was uns daran hindert, uns mit dem Licht des Schöpfers zu verbinden, und uns somit von unserem persönlichen Gefühl der Erfüllung trennt. "Wenn Ihr Ego aus dem Weg ist, dann gibt es keine Grenzen für das, was Sie erreichen können–Liebe, Geld, Gesundheit, Glück.“ Aber machen Sie sich keine Sorgen, falls das klingt wie aus einem der Selbsthilfebücher, welche die Regale der Buchläden überschwemmen. Michael Berg schreibt: "Kabbala ist mehr als eine persönliche Selbsthilfemethode.“ Und in vielerlei Hinsicht hat er Recht. Ähnlich der traditionellen Kabbala legt auch das Kabbalah Centre sehr großen Wert auf die ethische Dimension des Lebens–etwas, das in krassem Gegensatz zu der materialistischen selbstsüchtigen Kultur steht, in der wir heute leben. "Wahre Selbsterkenntnis führt unvermeidlich zu ganz spezifischen Folgerungen“, schreibt Michael Berg. "Wir erkennen, dass wir volle Verantwortung dafür übernehmen müssen, wer wir als Menschen sind und wo wir auf unserem Lebensweg stehen.“ Als Yehuda Berg während einer Online-Diskussion zu den Kernwerten der Kabbala befragt wurde, sagte er, es gäbe nur zwei. Der erste: "Übernimm Verantwortung. Für jede Situation, in der wir uns befinden, gibt es einen Grund, auch wenn wir sie uns nicht ausgesucht haben. Entscheidend ist die Frage, wir wir damit umgehen. Der zweite: "Gib niemals anderen Menschen oder äußeren Umständen die Schuld an dem, was in deinem Leben passiert.“ Sogar Madonna sagte vor kurzem treffend und ergreifend: "Als ich begann, die Kabbala zu studieren, habe ich Antworten gefunden. Ich erkannte, dass es auf all meine–guten wie schlechten–Worte und Taten stets eine Reaktion in der Welt gibt. Ich fühlte die Auswirkungen von persönlichem und globalem Karma.“ Es ist etwas zweifellos Bedeutsames an der Tatsache, dass Madonna mit dieser Botschaft hunderttausende Menschen erreicht, und dass viele von ihnen zustimmend mit dem Kopf nicken. Womöglich fällt es dadurch nicht mehr so leicht, den wachsenden Hunger nach Ethik und spiritueller Sinnhaftigkeit in unserer gegenwärtigen Kultur zu ignorieren. Die traditionelle Kabbala hat natürlich immer den Standpunkt vertreten, dass die Menschen ihre moralischen und spirituellen Zielsetzungen durch die jüdischen Gebote oder Mitzvot verwirklichen sollten. Das Kabbalah Centre hingegen erwähnt die Mitzvot so gut wie nie. Wie auch andere New Age-Bewegungen befürworten sie spezifische Praktiken anstelle von Gesetzen und Dogmen. Dieser Schwerpunkt führt in ihren Zentren zu einer ausgeprägten "Wenn-du-dies-tust-dann-bekommst-du-jenes“-Mentalität. Eine dieser Praktiken ist das "Scannen“. Die Schüler tasten die Seiten des Sohar mit ihren Augen und Fingern ab, statt sie tatsächlich zu lesen. Oder anders ausgedrückt: Die Schüler müssen weder der hebräischen noch der aramäischen Sprache mächtig sein, um die Weisheit und Kraft der Texte des Sohar zu empfangen. So schreibt das Kabbalah Centre auf seiner Website: "Der Sohar ist in erster Linie ein spirituelles Werkzeug ... Je mehr Sie den Sohar in ihr Leben bringen, desto stärker wird Ihre Verbindung mit dem Licht. Die Kabbalisten sagen, dass allein schon der Aufenthalt in der Präsenz dieser Bücher ein undurchdringliches spirituelles Schutzschild gegen die chaotischen und negativen Kräfte in der Welt kreiert.“ Eine andere Praxis im Kabbalah Centre ist der Gebrauch der "72 Namen Gottes“, eine kabbalistische Tradition, die bereits im 4. Jahrhundert erstmals dokumentiert wurde. In seinem Buch The 72 Names of God: Technology for the Soul [dt. Die 72 Namen Gottes: Eine Technologie für die Seele] schreibt Yehuda Berg: "Wenn man diese drei Kraftquellen nutzt–die drei Buchstaben eines jeden der Namen Gottes–und sie richtig zusammenbringt, dann erlangt man die Fähigkeit, die gesamte eigene Welt zu kontrollieren und positiv zu transformieren.“ Die Lehrer im Center bezeichnen die einzelnen Namen Gottes auch als "Nanoroboter“, und ihre transformativen Auswirkungen auf die Seele als eine Art "Nanotechnologie“. Für Gegner des Kabbalah Centre sind Praktiken wie diese besonders umstritten. Kritiker machen darauf aufmerksam, dass sie nicht nur sehr wenig ernsthafte Verpflichtung abverlangen ("jeder kann einen Sohar kaufen“), sondern auch ihre ursprünglichen kabbalistischen Quellen ins Lächerliche ziehen. Andere Praktiken, wie zum Beispiel das Tragen eines roten Bändchens am Handgelenk zur Abwehr des bösen Blicks, erscheinen in der Tat, zumindest dem Uneingeweihten, als hoffnungslos naiv. Und das wären sie natürlich auch: Diese Praxis, das rote Bändchen zu tragen, entstammt einer mittelalterlichen Kultur des Aberglaubens und der Magie, als man glaubte, dass böse Dämonen und übernatürliche Geister buchstäblich über die Erde streiften. Aber es gibt noch eine zweite Seite, welche die Kritiker oft allzu voreilig übersehen: Diese Praktiken scheinen zu wirken. Das Tragen eines roten Bändchens oder das Meditieren auf einen der Namen Gottes scheint die Absicht und Entschlossenheit der Schüler des Kabbalah Centre zu stärken und echte transformative Ergebnisse zu bewirken. Ich sprach mit dem Kabbala-Gelehrten und Autor Daniel C. Matt über diese Beobachtung. "Das ist wirklich verblüffend“, stimmte er zu. "Das Ganze mag sicher eine dubiose Seite haben, aber von den Menschen, die ihren Weg durch das Kabbalah Centre gegangen sind, wurden viele transformiert. Offensichtlich gibt es dabei ein ganzes Spektrum, aber die positive Seite dieses Spektrums ist phänomenal.“ Das Kabbalah Centre scheint in Tausenden seiner Schüler positive Veränderungen hervorzubringen, aber interessanterweise betonen sie, dass dies nicht das ultimative Ziel ist. "Wenn schlussendlich eine ausreichend große Anzahl Menschen Erfüllung durch die Methoden der Kabbala gefunden hat, wird eine kollektive Transformation beginnen, die dem Chaos und Leid, die seit Adams Sünde der Menschheit Los waren, ein Ende setzen wird.“ (Hervorhebung von mir). Diese Art von utopischer oder messianischer Vision zieht sich durch viele Bücher des Kabbalah Centre. "Zwangsläufig wird es zum Weltfrieden kommen. Das ist unsere Bestimmung. Wie wir an dieses endgültige Ziel gelangen, hängt ganz und gar von uns ab“, steht in ihnen geschrieben. Ein Aspekt unseres zukünftigen Utopia wird, Philip Berg zufolge, die vollständige Vernichtung des Todes sein. In seinem Buch Immortality [Unsterblichkeit] schreibt er: "In der kabbalistischen Lehre gehört zu dem ‚Ende der Tage'–das ist unsere gegenwärtige Ära–auch der endgültige Todesstoß gegen die negativen Energien des physischen Körpers, wodurch der Engel des Todes höchstselbst zu Tode kommt. Dieses Ereignis kann durch spirituelle Entwicklung auf individueller Basis, aber auch global herbeigeführt werden, indem unter den Bewohnern der Erde eine kritische Masse an spiritueller Transformation und Erleuchtung erreicht wird.“ Historisch gesehen könnte man die Beziehung der Kabbala zu dem jüdischen Konzept eines zukünftigen Messias als ein stetes Auf und Ab bezeichnen. Die Sabbatianismus-Bewegung im späten 17. Jahrhundert war durch die Behauptung angeheizt worden, dass der Messias, ein Kabbalist namens Sabbatai Zevi, auf der Erde erschienen wäre. Diese Bewegung endete nach nur einem Jahr mit einem Desaster, als Zevi zum Islam konvertierte. Es war zum Teil die Folge dieses Fiasko, dass messianische Ideen in kabbalistischen Schulen und Texten oftmals abgeschwächt wurden. Nicht so im Kabbalah Centre. In Education of a Kabbalist schreibt Philip Berg: "Nur die Kabbala kann den Messias hervorbringen, und nur die Kabbala kann Frieden bringen.“ Ich fragte Yehuda Berg während eines Interviews im New Yorker Zentrum: "Basiert das Konzept des Kabbalah Centre von einem Messias auf der traditionellen Vorstellung, dass ein einzelner Erlöser uns irgendwann in der Zukunft retten wird?“ "Nein, ganz und gar nicht“, sagte er, "Messias nennen wir eine kritische Masse von Menschen, die erleuchtet sind. Das ist es, was wir mit dem Kabbalah Centre erreichen wollen: eine kritische Masse von Positivität und Erleuchtung, die das Universum transformieren wird. Wenn zwei Menschen erleuchtet sind, geschieht keine große Veränderung. Aber was wäre, wenn eine Milliarde Menschen erleuchtet wäre?“ Er lies diese Frage zwischen uns wirken, ehe er fortfuhr. "Wenn eine Milliarde Menschen erleuchtet ist, dann wird es eine große Veränderung geben. Dann wird es zu einer Veränderung im globalen Bewusstsein kommen.“ Philip Berg schreibt dieses Konzept des Messias seinem spirituellen Lehrer Yehuda Zvi Brandwein zu. "Nach Rabbi Brandweins Ansicht“, so Berg, "besteht der Unterschied zwischen dieser Generation und allen vorhergehenden darin, dass jetzt alle–nicht nur die privilegierten oder außergewöhnlichen Menschen–daran mitwirken werden, den Messias herbeizuführen.“ DIESE REVOLUTION WIRD IM FERNSEHEN GEZEIGT Ich gestehe es. Ich habe 1-800-KABBALAH angerufen, um mit einem Kabbalisten zu sprechen. Zweimal. Beim ersten Mal war ich mit einem Israeli namens Jonathan verbunden. Während unseres Gesprächs erklärte mir Jonathan, dass die Praktiken des Kabbalah Centre nichts mit Religion zu tun haben. Er sagte begeistert: "Es geht um die Energie und das Bewusstsein hinter allem, was man tut. Bedauerlicherweise ist nämlich die Religion der größte Feind der Spiritualität.“ Während meiner Zeit im Kabbalah Centre stellte ich fest, dass dies ein verbreiteter Kehrvers unter den Schülern und Lehrern des Kabbalah Centre ist. Yehuda Berg persönlich hatte zu mir gesagt: "Wir betrachten Religion als Ego-Bewusstsein, denn sie trennt die Menschen. Durch nichts kamen mehr Menschen zu Tode als durch Religion. Es geht immer um Empfindungen wie‚ das ist meine Religion, das ist mein Gott, mein Gott ist besser als dein Gott'. Aber jedes spirituelle System muss zum Ziel haben, Menschen zusammenzubringen. Das ist, worum es eigentlich geht–Gott ist Einheit, Gott ist allgegenwärtig, und wir können uns alle mit ihm verbinden.“ Die Ablehnung organisierter Religion ist ein Charakteristikum vieler spiritueller New Age-Bewegungen, und dieses Phänomen hat eine Debatte angestoßen, die so bald nicht zu einem Ende kommen wird. Der Oberrabbiner Großbritanniens, Jonathan Sack, schrieb kürzlich in einem Artikel: "Die organisierte Religion ist im Schwinden begriffen, aber die Suche nach Sinn, insbesondere, wenn sie exotische Formen annimmt, ist so stark wie eh und je ... Der gegenwärtige Kult der Spiritualität ist der Versuch, die Früchte der Religion ohne ihre Disziplinen, Gebote und Verpflichtungen zu erlangen. Das ist keine gute Nachricht. Es gibt keine Abkürzungen zum Himmel auf Erden.“ Seine Ansicht verdient eine ernsthafte Betrachtung: Wenn eine Organisation wie das Kabbalah Centre eine jüdische mystische Tradition vom Judentum trennt, verliert sie dadurch ihre eigentliche spirituelle und religiöse Basis, die sie während den letzten 800 Jahre für ihre Anhänger so zutiefst erleuchtend gemacht hat? Wie hoch ist der Preis für die Modernisierung und Zugänglichkeit? Das Kabbalah Centre ist nicht besonders interessiert an derartigen Fragen. Sein erklärtes Ziel ist die Demokratisierung der Erleuchtung, sie von den Randgebieten der spirituellen Kultur genau ins Zentrum der Pop-Kultur zu stellen, wo sie vielleicht am dringendsten gebraucht wird. Aus diesem Grund haben sie eine neue Kabbala geschaffen, die alle Merkmale der Postmoderne trägt: eine als Tiefe verkleidete Oberflächlichkeit, eine Verschmelzung von hoher und niedriger Kultur sowie eine Esoterik, die zuzeiten auf geradezu geistlose Weise öffentlich gemacht wird. Obwohl viele Menschen diese Eigenschaften für ein bedenkliches Problem halten, so sind doch gerade sie der wahre Grund dafür, dass es dem Kabbalah Centre so erfolgreich gelingt, seine Version einer Volksrevolution der Erleuchtung in eine weltliche Massenkultur zu bringen, in der Spiritualität eindeutig "out“ war. Die Menschen fühlen sich von den Lehren des Kabbalah Centre angesprochen, und umgekehrt scheinen diese Lehren die Menschen zu verstehen. "Mein Leben wurde vollkommen transformiert“, erklärt mir die Frau, die während des Sabbats im Kabbalah Centre neben mir sitzt, mir voller Inbrunst. "Keiner meiner Bekannten kann es fassen, wie sehr ich mich verändert habe. Ich bin ein vollkommen anderer Mensch, ein besserer Mensch, seitdem ich hierher komme.“ Während ich Madonna beobachte, die gegenüber von uns auf Hebräisch betet, ertappe ich mich–wider besseren Wissens–bei dem Gedanken, dass es vielleicht ja doch einige Abkürzungen zum Himmel gibt. Gott weiß, dass wir sie brauchen. |