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WÄR' DAS PARADIES AUF ERDEN…


Eine Pilgerreise zum Parlament der Weltreligionen 2004
von Carter Phipps und Craig Hamilton
 

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Die Religion befindet sich als solche derzeit nicht gerade auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte. Es gab immerhin einmal eine Zeit, als der Papst ein paar Worte sagen konnte und ganz Europa erbebte, eine Zeit, als der Islam über eine Kultur verfügte, die das Christentum barbarisch aussehen ließ, eine Zeit, als der Buddhismus gütig über ein friedliches Asien regierte und der Taoismus dazu beitrug, die subtile Ästhetik des orientalischen Geistes zu erwecken. Es gab auch eine Zeit, als der Berg Athos in Griechenland von der spirituellen Leidenschaft tausender Asketen in schwarzen Roben vibrierte, Zen-Klöster über die Hügel von Japan und China verstreut waren und die Buddha-Natur die Seelen der großen Patriarchen erhellte. Gemessen an diesem hohen Standard von Prestige und Einfluss, könnte man das Parlament der Weltreligionen, das im vergangenen Sommer in Barcelona stattfand, auf einem Totempfahl historischer Bedeutung ziemlich weit unten ansiedeln. Allerdings haben wir in unserer komplexen und chaotischen ‚schönen neuen Welt‘ nun wissenschaftliche Beweise für etwas, woran früher nur geglaubt werden konnte: Dass auch eine kleine Wellenbewegung, durch nur wenige Menschen verursacht, manchmal die Gezeiten der Geschichte beeinflussen kann. Wenn sich also neuntausend Menschen an der Ostküste Spaniens versammeln, dann mag das zwar nicht für eine größere Bedeutung der Religion in weltlichen Angelegenheiten stehen, doch wer weiß, welch unerwartetes Potenzial daraus entstehen kann, wenn Individuen über die Grenzen von Tradition, Ländern und Kulturen hinweg zusammenkommen, um die Rolle der Religion im 21. Jahrhundert auszuloten.

Im vergangenen Juli flogen eine Gruppe von Redakteuren und ein kleines Filmteam von What Is Enlightenment? nach Barcelona, um mehr darüber herauszufinden.

Das Parlament wurde 1893, ursprünglich als Teil der Weltausstellung in Chicago, erstmals einberufen. Damals war der Anblick eines hinduistischen Swami im christlichen Westen noch sehr exotisch. Ein besonders außergewöhnlicher hinduistischer Lehrer namens Swami Vivekananda verkündete damals seinen jetzt legendären leidenschaftlichen Aufruf zu interreligiöser Harmonie. Die Globalisierung – besser der Internationalismus, wie man es damals nannte –, erregte gerade die Aufmerksamkeit der Intellektuellen, und in dieser Zeit entstanden auch die verschiedensten transnationalen und interreligiösen Organisationen. Trotz dieser Initialzündung für den Geist der Ökumene blieb die gemeinsame Feier unterschiedlicher Glaubensrichtungen noch auf einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt, und es sollte noch viele Jahre dauern und noch viele Opfer erfordern, ehe sich das Ideal einer religiösen Gleichheit tiefer in der westlichen Psyche verankern konnte. Wenn wir also nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, unser Glas auf die Toleranz und die Vielfalt erheben, sollten wir dabei nicht vergessen, dass diese Werte, historisch gesehen, nicht unbedingt Teil der religiösen Haltung waren. Ob es nun politisch korrekt ist oder nicht, man kann sagen, im Kern fast jeder Religion ist eine Form der Exklusivität zu finden – das Konzept, dass der eigene Glaube den übrigen grundsätzlich weit überlegen ist, sei es nun theologisch oder kulturell begründet, widersteht noch immer beharrlich den vielen Bemühungen, diese Einstellung zu lockern.

Ein ganzes Jahrhundert verstrich, ehe das Weltparlament der Religionen endlich 1993 – wieder in Chicago – zusammentrat, danach 1999 gefolgt von einem Treffen im südafrikanischen Kapstadt. Was dieses Parlament auch unter anderen interreligiösen Gruppierungen der Gegenwart so einzigartig macht, ist, dass es trotz aller Betonung der Tradition ein progressives und unabhängiges Forum ist. In Spanien waren zum Beispiel keine "offiziellen" Vertreter der großen traditionellen Religionen anwesend, was einen offeneren, weil inoffiziellen Austausch zwischen den Teilnehmern ermöglichte. (Der Papst wäre natürlich willkommen gewesen, jedoch nur als Privatperson, nicht als offizieller Sprecher für den Katholizismus.) Das machte es auch möglich, die Gästeliste interessanter zu gestalten. Anders als auf dem UN-Friedensgipfel 2000, wo der Einfluss der Chinesen dominierte, war hier der Dalai Lama mehr als willkommen, er konnte jedoch leider aufgrund einer Erkrankung nicht teilnehmen. Und schließlich nahm auch ein großes Kontingent an Personen teil, die als nicht affiliierte transreligiöse Progressive bezeichnet werden könnten –
darunter Jane Goodall, Autor Deepak Chopra, der globale Vordenker Michael Beckwith und natürlich das What Is Enlightenment? Team –, die den Verlauf der Ereignisse dieser Woche mitformten.

Halten Sie sich vielleicht dieses Bild einmal vor Augen: Tausende von Menschen, aus allen möglichen von Menschen bewohnten Kontinenten der Erde, gehen durch eine Tür in ein einziges Konferenzzentrum hinein. Im Wesentlichen ist jede religiöse Tradition vertreten, von eingeborenen Schamanen, Shinto-Priestern, orthodoxen Mönchen, Imamen aus Pakistan, evangelischen Christen, zoroastrischen Gelehrten bis hin zu New Age-Lehrern. Hunderte von Diskussionsrunden, Präsentationen, Gesprächen, Meditationen, Workshops und Dialogen sind möglich. Sind Sie am Frieden interessiert? Dann können Sie "Pfade zum Frieden im Sikhismus" erforschen. Macht Ihnen der Fundamentalismus Sorgen? Wie wäre es mit "Schlacht um Gott" mit der Autorin Karen Armstrong und Rabbi Michael Lerner? Wollen Sie wissen, was die kommenden Jahre bringen werden? Versuchen Sie es mit "Weltspiritualität: Voran in die Zukunft". Sie wollen andere Religionen näher kennenlernen? Vielleicht können Sie an "Menschlich moralische Entwicklung in Christentum, Islam und Buddhismus" teilnehmen. Beunruhigt Sie die Geißel AIDS? Dann nehmen Sie an dem eintägigen AIDS-Symposium teil, das von Kashi gesponsert wurde, der Organisation der spirituellen Lehrerin Ma Jaya Bhagavati. Türmt sich all diese komplexe Theologie in ihrem Hirn langsam auf? Vielleicht kann sich Ihr Kopf durch "Morgenbetrachtungen"–
Hindu-Meditationen oder durch kontemplatives Gebet oder Labyrinth-Begehungen wieder klären. Und falls die vielfältige interreligiöse Begeisterung Sie hungrig gemacht hat, dann gehen Sie einfach hinunter ans Meer zu dem großen Zelt, in dem Hunderte von freundlichen und großzügigen Sikhs aus aller Welt eingeflogen sind, um den Parlamentsteilnehmern zweimal täglich Tausende von köstlichen Mahlzeiten zu servieren – völlig kostenlos.

Für Journalisten war dieses gesamte Ereignis ein Schlaraffenland. Wir saßen in Gegenwart großer Heiliger wie Mata Amritanandamayi aus Indien, diskutierten unsere prekäre Zukunft mit leidenschaftlichen Aktivisten wie dem Thai-Buddhisten Sulak Sivaraksa und erforschten das Wesen des Universums mit erleuchteten Lehrern wie Dadi Janik von Brahma Kumaris. Unter Tag nahmen wir am Parlament teil, in den Nächten hielten uns die aufgeworfenen Fragen zu Religionen, Evolution und Bewusstsein noch im Bann – in den Salons, die What Is Enlightenment? organisiert hatte. Wir luden einige der interessantesten Denker und spirituellen Lehrer ein, mit uns gemeinsam Fragen tiefer gehend auszuloten: Wie kann man an der vordersten Linie der religiösen Debatte die Aufmerksamkeit auf eine größere Synthese richten? Wo sind die Grenzen von Ökumene und Toleranz? Können wir erstarrte religiöse Strukturen aufbrechen und zum Licht einer universellen spirituellen Ethik finden? Brauchen wir eine gänzlich neue Religion, völlig frei von allen Fesseln der Vergangenheit? Und wir sprachen auch an, was jeden während dieser Woche beschäftigte: Können Parlamente wie dieses wirklich eine Auswirkung auf die Welt des 21. Jahrhunderts haben, auf eine Welt, die von einem auf den anderen Tag immer gefährlicher erscheint?

Auf diese Fragen war keine einfache Antwort zu finden. Man brauchte sich nur ein paar Minuten in dem relativ ruhigen Medienraum aufzuhalten, um zu erkennen, dass nicht gerade Religion die Tagesordnung diktiert, wenn es um die Organisation von Weltangelegenheiten geht. Trotz des rasanten Wachstums von Christentum und Islam in der Dritten Welt, sind es selten religiöse Persönlichkeiten, die wir in den Korridoren der Macht finden und bis auf wenige Ausnahmen ist es religiösen Institutionen nur in begrenztem und zunehmend geringerem Maße gelungen, die Ausrichtung unserer Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg mitzuformen. Es ist eine Tatsache, dass, wenn Religion schon einmal das öffentliche Interesse erregt, dies in unseren turbulenten Zeiten leider meist nicht als inspirierendes Beispiel für Glauben und Moral geschieht. Vielmehr zeigt sich in den verschiedenen Bereichen –
von Terrorismus und Pädophilie über die Stammzellenforschung bis hin zur Debatte über die Evolution – immer wieder das Versagen unserer prämodernen Vergangenheit, sich den wechselnden gesellschaftlichen Realitäten unserer zeitgenössischen Kultur anzunehmen. Und die zerstörerischen Konsequenzen dieser fundamentalen Spaltung werden nicht weniger. Religionswissenschaftler Mark Juergensmeyer stellte kürzlich fest, dass noch 1980, als das US-amerikanische Außenministerium anfing, Terroristenorganisationen auf der ganzen Welt unter Beobachtung zu stellen, sich nur einige wenige auf dieser Liste befanden, die sich als religiös definierten. Zwei Jahrzehnte später sind es bereits über 50%.



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