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KEN WILBER: PANDIT. Ein anerkannter Denker, der in der spirituellen Weisheit durch und durch zu Hause ist. Nach eigener Beschreibung "Verteidiger des Dharma, intellek-t-ueller Samurai". Er wird als "der Einstein des Bewusstseins" gepriesen und gilt heutzutage als einer der angesehensten lebenden Philosophen. Wilbers Werk bietet eine originale und umfassende Synthese der großen psychologischen, philosophischen und spirituellen Traditionen der Welt. Der Autor zahlreicher Bücher, darunter Eine kurze Theorie von Allem und Eros, Logos, Kosmos, ist Gründer des Integral Institute und regelmäßiger Mitwirkender bei WIE. ANDREW COHEN: GURU. Evolutionärer Denker und spiritueller Pionier. Nach eigener Beschreibung "Idealist mit revolutionären Neigungen". Cohen, Gründer des Magazins What Is Enlightenment?, ist spiritueller Lehrer und Autor und auf dem neuen Gebiet der evolutionären Spiritualität als richtungweisende Stimme weithin anerkannt. Während des letzten Jahrzehnts hat Cohen führende Denker aus Ost und West–Mystiker und Materialisten, Philosophen und Psychologen–auf den Seiten von WIE zusammengebracht, um die Bedeutung einer neuen Spiritualität für das neue Jahrtausend zu erforschen. Unter seinen Werken befinden sich Himmel und Erde umarmen und Erleuchtung leben. Dialog VIII Was bedeutet Erleuchtung für das einundzwanzigste Jahrhundert? In ihrem achten Dialog zeichnen Cohen und Wilber die Konturen der kulturellen Entwicklung nach und untersuchen, wie die sich entwickelnden Formen menschlicher Weltsichten auf die Erfahrung und den Ausdruck der zeitlosen spirituellen Offenbarung Einfluss nehmen. ANDREW COHEN: Ich möchte mit dir über die Beziehung zwischen Erleuchtung und kultureller Evolution sprechen. Meine fortwährenden Untersuchungen dieser Beziehung basierten sowohl auf meinem eigenen Erwachen zum ewigen, oder zeitlosen, Seinsgrund, als auch auf der Erkenntnis, dass die Welt, in der wir leben, sich ständig verändert. Unsere heutige Welt unterscheidet sich sehr von der Welt vor zweitausend, eintausend, ja selbst vor fünfhundert Jahren. Und wir– als sich entfaltende Menschen in einem postmodernen Kontext am Beginn des 21. Jahrhunderts–haben grundlegend andere Bedürfnisse als die Menschen früherer Zeiten. Als ich noch ein Suchender war, nahm ich mir alles, was mein Lehrer sagte, sehr zu Herzen. Nachdem ich dann selbst Lehrer geworden war, fand ich aufgrund eigener Erfahrungen heraus, dass vieles von dem, was man mir erzählt hatte, nicht notwendigerweise der Wahrheit entsprach. Zudem stellte ich fest, dass viele östliche Lehrer Probleme hatten, auf die spezifischen Bedürfnisse westlicher Suchender einzugehen, weil sie anscheinend die Dinge durch den Filter ihrer prämodernen Weltsicht betrachteten. Aus diesem Grund habe ich begonnen, viele Fragen zu stellen, mithilfe derer ich herauszufinden versuche, was der postmoderne Ausdruck der Erleuchtung ist. Wie kann die Offenbarung der Leere oder Nichtdualität mir dabei helfen, die Erfahrung des Menschseins am Beginn des 21. Jahrhunderts zu verstehen? So hatte ich meine Untersuchung begonnen, und so bin ich an alle bedeutenden Fragen herangegangen. In meiner eigenen Entwicklung wurde die Faszination der Erfahrung immer neuer Einsichten und Ideen von dem starken Drang abgelöst, tatsächlich einen neuen Kontext zu erschaffen–einen neuen kulturellen Kontext, eine erleuchtete Kultur. Ich möchte deshalb mit dir über die Beziehung sprechen zwischen der Erleuchtungserfahrung und dem Auftauchen dieses inneren Drangs, Neues zu erschaffen, und zwar basierend auf der Offenbarung des höheren unmanifestierten Potenzials, das man einen Augenblick lang erfahren hat. Woran mir–und ich glaube auch dir–vor allem gelegen ist, das ist eine evolutionäre Spiritualität, eine evolutionäre Erleuchtung–die spirituelle Transformation innerhalb eines evolutionären, entwicklungsorientierten Kontextes. Und gerade diese schöpferische Komponente in Beziehung zum Erwachen ist ja so überaus spannend, interessant und faszinierend. Es ist die Unterschiedslosigkeit zwischen der unmittelbar gesehenen, erfahrenen und gefühlten erleuchteten Perspektive und dem Auftauchen eines spontanen Drangs, das zu erschaffen oder zu manifestieren, was man in der direkten Erfahrung gesehen hat. Letzten Endes übt das, was als Ergebnis des Erwachens tatsächlich geschieht, eine größere Faszination auf uns aus als das Erwachen selbst. Und anstelle unserer eigenen persönlichen Entwicklung oder Befreiung rückt dieser ekstatische Drang, die Welt zu transformieren, nun ganz in den Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit. Vielleicht können wir auf dieser Grundlage unsere Diskussion führen. KEN WILBER: Nun, ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass der dem Erwachen folgende Schaffensimpuls, den jemand erlebt haben könnte, der vor zweitausend, eintausend oder auch vor fünfhundert Jahren eine Erleuchtungserfahrung hatte, sich auf der Gefühlsebene verändert, weil sich die Welt der Formen geändert hat. Hättest du also vor zweitausend Jahren gelebt und die exakt gleiche Erfahrung gemacht wie in deinem jetzigen Leben - diese nichtduale Erleuchtungserfahrung, welche, akademisch gesprochen, die Einheit von Leere und Form, von Himmel und Erde, von Nirwana und Samsara ist– dann, so denke ich, hättest du sie nicht als evolutionäre Spiritualität erfahren. Du ruhst ja weder ausschließlich im Nirwana, in der Leere, noch umarmst du einzig die Erscheinungswelt von Augenblick zu Augenblick in heidnischer Impulsivität. In deinem Erwachen liegt die Erkenntnis, dass beides Teil des Seinsgrundes ist, dass die Leere sich als Form manifestiert, und du verspürst einen gefühlten schöpferischen, spontanen und ekstatischen Drang, Kreativität auszudrücken. Aber vor zweitausend Jahren wäre dieses Erwachen hinsichtlich eines evolutionären Verständnisses ins Leere gelaufen. Du hättest das einfach nicht empfinden können. Vielleicht hättest du das Gefühl gehabt, deine Erkenntnis durch die Kunst auszudrücken, dann wärest du Maler geworden, oder es hätte dich zur Musik hingezogen und du wärest Musiker geworden.
Evolvierende Form Cohen: Der Grund dafür liegt darin, dass das Verständnis von Zeit damals zyklisch war und nicht auf einer evolutionären Sichtweise von "Tiefenzeit" basierte. Wilber: Genau. Und dies hat einen Bezug zu der Frage nach Erleuchtung und Kultur, weil sich mit der Veränderung einer Kultur auch die Form der Erleuchtung ändert. Wenn ich "Form" sage, dann meine ich dies wortwörtlich. Der formale Aspekt der Erleuchtung–also die Erscheinungsform– ist unterschiedlich. Erst seit der Moderne und der Postmoderne können wir uns eine evolutionäre Spiritualität überhaupt vorstellen und deshalb diese als die Form unseres Erwachens empfinden. Cohen: Aus diesem Grund vermittle ich inzwischen in meinen Vorträgen meist auch ein Grundverständnis der prämodernen Erleuchtung und erläutere, dass seinerzeit das ultimative Ziel darin bestand, nicht in diese Welt zurückzukehren, also keine neue Form anzunehmen. Anschließend gebe ich einen ganz kurzen Überblick über die "Tiefenzeit", die Perspektive der Zeit in Entwicklung, und beschreibe, wie lange es dauerte–vierzehn Milliarden Jahre–bis Materie die Fähigkeit erlangte, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Und wenn dies stimmt, so stelle ich heraus, dann kann der Sinn der Erleuchtung nicht darin liegen, diesem ganzen Prozess in genau jenem Moment zu entfliehen, wo das Universum beginnt, sich seiner selbst bewusst zu werden. Was seine Entwicklung angeht, so beginnt das Universum, soweit uns bekannt ist, gerade erst, sich seiner selbst bewusst zu werden–durch uns. Deshalb kann der letztendliche Sinn und Zweck dieser ganzen Tortur der Evolution–und schließlich auch der Erleuchtung selbst– nicht nur in der Transzendenz oder dem Entfliehen von der Welt, sondern vielmehr in ihrer aktiven Transformation oder Erleuchtung, liegen. Wilber: Ja, ich sehe es genauso: Ziel der frühen Formen einer aufsteigenden– yogischen und theravadanischen–Religion war, Samsara vollständig zu entkommen und hinüberzuwechseln in Nirvikalpa oder Nerode, also in die uneingeschränkte Leere, hinein. Cohen: Und dies galt selbst für die westlichen Traditionen, zumindest für das Christentum. Wer tugendhaft lebt und ein braves Kind ist, kommt nach dem Tod in den Himmel. Wilber: Richtig. Und dann, nach der Mahayana-Revolution im Buddhismus, gab es eine ganze Bewegung, die verstand, dass Leere nichts anderes als Form ist und Form nicht anderes als Leere, dass es eine nichtduale Sahaj Verwirklichung mit offenen Augen gibt. Anders gesagt: Vor tausend Jahren konnte man eine nichtduale, erwachte Verwirklichung des "einen Geschmacks" haben, aber es wäre immer noch nicht die Form der evolutionären Spiritualität gewesen, da es eine derartige Form weder im individuellen Geist noch in der gesamten Kultur gab. Hätte es sie gegeben, dann würden wir darüber in den Sutren und Tantren lesen– aber dort steht nichts darüber. Cohen: Genau. Wilber: : Vor dreihundert Jahren jedoch begann die Welt der Form, welche die Manifestation des Geistes auf der Ebene der Form ist–Geist wird sich seiner selbst auch im Bereich der Form bewusst–, ein Verständnis der evolutionären Formen ihrer eigenen Entfaltung zu entwickeln. Und an jenem Punkt betrat dieses Verständnis sozusagen die mentalen Sphären und war somit nicht nur den durchschnittlich Gebildeten verfügbar, sondern jedem, der in dieser Atmosphäre aufwuchs. Ein Verständnis der Evolution sickert also nun mehr und mehr in die ganze Welt. Und was geschieht, ist, dass die eigentliche Form der Manifestation sich ihrer selbst bewusst wird. Wenn man also in der heutigen Zeit die Erfahrung jenes "einen Geschmacks" macht–und nehmen wir um der Beweisführung willen an, es handele sich um die gleiche nichtduale Verwirklichung wie vor tausend Jahren–, dann wird diese sich zu einer evolutionären Spiritualität ausdehnen, weil diese jetzt eine adäquatere Form ist, um der Verwirklichung Ausdruck zu verleihen.
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