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Einleitung
Noch vor vier Stunden hatte ich in einem vollen Café in Larkspur, Kalifornien, gesessen, hatte einen Spirulina-Algen-grün-getönten Fruchtshake geschlürft, meinen Kassettenrecorder getestet und vor dem Treffen mit Anand noch einmal meine Notizen durchgesehen. Es war zum Lachen - gerade zu der Zeit, als ich gedacht hatte, ich sei dem paradiesisch blauen Himmel, der verhalten beiläufigen Zurschaustellung von Reichtum und dem sanften New-Age-Lächeln von Marin County, Kalifornien, entkommen, hatte es mich wieder zurückgeholt. Es ist schon ein seltsames Land, wo es sowohl die meisten BMWs als auch die meisten Meditationskissen pro Kopf in den Vereinigten Staaten gibt, wo praktisch jeder einen spirituellen Lehrer, einen spirituellen Therapeuten, eine spirituelle Gesundheitsdiät oder einen spirituellen Lebensstil hat. Erleichtert war ich nach fünf Jahren, in denen ich mit gemischten Gefühlen in Marin gelebt hatte, an die Ostküste gegangen und hatte mich endlich wieder aufs Land zurückgezogen, wo man zwar geräucherten Tofu oder Arugulapesto nicht unbedingt im Laden an der Ecke findet, wo die Dinge allerdings sehr viel mehr - und erfrischend und direkt - so sind, wie sie zu sein scheinen. Es hatte schon einer Margot Anand bedurft, um mich zurückzuholen. Anand, eine Pionierin der Bewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die alten esoterischen Praktiken tantrischer Sexualität einem breiten westlichen Publikum nahezubringen, war eine der ersten Personen, die wir in Vorbereitung dieser Ausgabe von Was Ist Erleuchtung? für ein Interview in Betracht gezogen hatten. Ihre Bücher The Art of Sexual Ecstasy und The Art of Sexual Magic, von denen 200.000 Stück verkauft worden waren, bieten eine der klarsten und methodischsten zeitgenössischen Annäherungen an Tantra, die derzeit im Druck vorliegen. Sie hat ein einzigartiges System sexueller Praktiken entwickelt, sie nennt es "Sky Dancing Tantra", das Elemente von tibetisch-buddhistischen, taoistischen und hinduistischen Tantralehren mit humanistischer und transpersonaler Psychologie verbindet. Seit Anand in den 70er Jahren zu lehren begonnen hatte, sind Hunderte von Büchern, Workshops und Videos wie Pilze aus dem Boden geschossen und auf ein waches Interesse gestoßen, die Tantra sowohl als einen Weg zu spiritueller Erleuchtung als auch zu einem besseren Sexualleben darstellen. Während dieser ganzen Zeit blieb Anand selbst eine der kühnsten und populärsten Stimmen zu diesem Thema. Sie hat in acht Ländern Sky Dancing Tantra Institute errichtet und etwa hundert Personen ausgebildet, die ihr Programm "Training für Liebe und Ekstase" unterrichten. Und zur Zeit arbeitet sie an ihrem dritten Buch. Im Café denke ich über die drei zurückliegenden Wochen nach, in denen ich dieses Interview vorbereitet habe. Eine Erfahrung, die meinen Geist geweitet hat - nicht nur deshalb, weil Anands Zugang zum spirituellen Weg so ungewöhnlich ist, sondern auch, weil ihre Bücher mit Akribie einige sehr unkonventionelle Praktiken beschreiben. Für Anand sind "Sex und Seele eins"; Sex ist sowohl das Tor zu mystischer Erfahrung als auch ein Ausdruck der spirituellen Kraft selbst. Nun ist Anand nicht die einzige, die das so sieht, aber wie sie damit umgeht, ist absolut originell. In The Art of Sexual Ecstasy beschreibt sie den Höhepunkt der Tantrapraxis als "Orgasmus des Gehirns". Sie schreibt, daß diese Erfahrung "eine Brücke zwischen rechter und linker Hemisphäre entstehen und so den Intellekt der linken Hemisphäre mit der Intuition der rechten verschmelzen läßt. Dieses Verschmelzen schafft die Erfahrung von Ekstase, an der Körper, Geist, Herz und Seele teilhaben." Und in The Art of Sexual Magic schreibt sie: "In tiefer sexueller Vereinigung steht der Geist still. Eigentlich f..... man sich im wahrsten Sinne des Wortes das Hirn heraus. Das Bewußtsein wird klar, unschuldig, frisch." Als Anleitung zu diesen "ekstatischen Zuständen" liefert Anand ein ausführliches (und explizites) Handbuch - sie nennt es ein "Menü" - exotischer Sexualpraktiken. Anand ist in der Pariser High Society aufgewachsen und hat ein Psychologiestudium an der Sorbonne abgeschlossen. Dann reiste sie ausgiebig durch die ganze Welt und lernte und praktizierte Tantra mit einer ganzen Reihe verschiedener Lehrer. Ihre eigene Philosophie ist sicher am stärksten von dem bekannten "Sexguru", dem verstorbenen Bhagwan Rajneesh (jetzt Osho) beeinflußt, dessen Schülerin sie viele Jahre lang war und der ihr den Namen Margo Anand, "Weg zur Glückseligkeit" gab. Osho hatte sie dazu ermutigt, die tantrischen Methoden zu lehren, in denen sie sich zur Spezialistin entwickelte. Anand ist eine ungewöhnliche Frau, die sich ihr Leben lang dafür entschieden hatte, einem Ruf zu folgen, der sie aus den ausgetretenen gesellschaftlichen Pfaden herausgeführt hat, jemand, der sich nicht davor scheut, Risiken auf sich zu nehmen. Die Auseinandersetzung mit der sexuellen Kraft und ihre Nutzung haben ihr ungewöhnlich viel Vertrauen und ein Gefühl von persönlicher Kraft gegeben. Und manchmal ist es kühn, unverschämt und sogar schockierend, wie sie sexuelle Tabus herausfordert. The Art of Sexual Ecstasy, Anands erstes Buch, führt den Leser Schritt für Schritt durch eine Reihe von Übungen, die dazu dienen sollen, sexuelle Hemmungen zu durchbrechen, Vertrauen und Kommunikation zwischen den Partnern zu steigern und sexuelle Yogafertigkeiten zu entwickeln. Sie spricht zwar in ihrem Buch immer wieder in regelmäßigen Abständen spirituelle Themen an, es ist aber doch in erster Linie eine Sammlung von Therapietechniken zur Verbesserung der psychologischen und sexuellen Befindlichkeit. Ihr zweites Buch The Art of Sexual Magic warf für mich die meisten Fragen auf. Sie kombiniert darin sexuelle Techniken mit kreativer Visualisation, wodurch sich persönliche Wünsche materialisieren sollen. Sie hat eine einzigartige Methode entwickelt, um im Moment des Orgasmus ein visualisiertes Wunschobjekt in das "astrale Netzwerk" zu projizieren. Sie schreibt: "In diesen Momenten, wenn das Bewußtsein erweitert ist, ist es möglich, eine Vision des eigenen Zieles, die eigene Schöpfung, in das uns umgebende harmonische Geflecht des Universums zu senden. In Ekstase kommt man der universellen Quelle, dem Schoß der Schöpfung sehr nahe, aus dem alle Dinge entstehen. Gibt es einen besseren Moment für Magie?" In dem ganzen Buch gibt sie immer wieder Beispiele für die Anwendung dieser Technik, um sich nebst anderen Dingen einen neuen Job, ein neues Haus oder sogar einen neuen Geliebten zu verschaffen. Anand meint, daß ihr System der sexuellen Magie ein Mittel ist, um Zugang zu höheren Bewußtseinszuständen zu finden und mehr von der spirituellen Dimension in ihre Arbeit einzubringen; sie beschreibt es oft als eine spirituelle Praxis. Beim Lesen ihres Buches, das ich durchaus informativ und innovativ fand, stellte sich für mich jedoch immer wieder die Frage: "Was hat dies alles in Wirklichkeit mit dem spirituellen Weg zu tun?" Als ich in ihrem sonnigen Haus am Hügel ankam, begrüßte mich Anand mit großer Liebenswürdigkeit, und als wir uns zum Interview hinsetzten, schaute ich mir die Einrichtung an. Die Wände waren mit Thankas dekoriert (tibetische religiöse Kunst), die männliche und weibliche Gottheiten in Liebesumarmung darstellten. Kristalle, pastellfarbene Decken und Kissen, Glocken, Kerzen und zahlreiche Ritualgegenstände waren sorgfältig im ganzen Raum verteilt. In der Luft lag ein leichter Duft von Räucherstäbchen. Sie legte eine Kassette mit beruhigender New-Age-Musik ein, um Atmosphäre zu schaffen, und sagte mir, daß sie am Vortag in einem "sehr erleuchteten Space" gewesen wäre, den sie als günstig für das Interview angesehen hätte - der aber gestört wurde, weil sie heute in etliche frustrierende und schwierige Begegnungen involviert war. Wir sprachen einige Stunden lang, und die ganze Zeit über war sie charmant, lebhaft und großzügig.
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