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Was der Buddha lehrte


Ein Interview mit Bhante Henepola Gunaratana
von Simeon Alev
 

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Interview

WIE: Als wir dieses Interview planten, meinten wir zum Scherz, daß wir im Idealfall tatsächlich ein Interview mit dem Buddha selbst haben müßten; aber es ist sicher die nächstbeste Lösung, mit Ihnen darüber sprechen zu können, was der Buddha lehrte.

Bhante Gunaratana: Ich würde mir wünschen, daß wir alle mit dem Buddha zusammensitzen und mit ihm diese Fragen erörtern könnten!

WIE: Es ist eine Tatsache, an der niemand vorbeigehen kann, der sich heutzutage für Buddhismus interessiert, daß der Buddha ein Mönch war und eine klösterliche Tradition begründet hat; und diese Tradition ist es auch, für deren Verbreitung im Westen Sie selbst so viel Zeit und Energie investiert haben. Warum war dem Buddha das Zölibat so wichtig? Warum glaubte er, daß es eine so große Bedeutung hat?

BG: Weil Menschen, die Befreiung von Dukkha, dem Leiden, finden möchten, bestimmte Prinzipien beachten müssen. In der Tat ist das Zölibat unerläßlich für Menschen, die ein klösterliches Leben zu führen wünschen. Denn wenn sie auf alle mögliche Art sexuell aktiv sind, unterscheiden sie sich nicht von Laien, die in den verschiedensten Problemen stecken, die auf die Sexualität zurückzuführen sind. Und ein Mensch, der sich für ein klösterliches Leben interessiert, strebt auch nach einem sehr einfachen Leben - das ist Sinn und Zweck aller monastischen Traditionen -, denn letztlich können wir einzig und allein dadurch, daß wir uns von Habgier, Lust und Verlangen befreien, Befreiung vom Leiden finden. Sehen Sie, wenn wir die Absicht haben, unser Leiden loszuwerden, dann müssen wir die Ursache des Leidens beseitigen, und Lust ist eindeutig die Ursache des Leidens. Wer also ein monastisches Leben zu führen wünscht, muß sie beseitigen, um so zu leben, daß er die Wurzeln der Begierde nicht weiter nährt.

WIE: Wäre es also richtig zu sagen, daß es für einen Menschen, der kein monastisches Leben lebt, also für einen Laien, sehr viel schwieriger oder sogar unmöglich wäre, das zu tun?

BG: Auch Laien müssen einer Disziplin im Leben folgen; sie müssen eine gewisse Beherrschung üben. Deshalb gibt es auch Vorschriften für Laien; aber normale Laien müssen nicht enthaltsam sein. Laien können bestimmte Stufen der Erleuchtung erreichen - wir nennen sie "Mitfließende" oder "Einmal-Wiederkehrende" - , bevor sie für sich selbst erkennen, daß sexuelle Aktivität unausweichlich Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt. Laien können sogar die dritte Stufe der Heiligkeit erreichen, wir nennen sie "Nie-Zurückkehrende". Aber sobald sie einmal diese Stufe erreicht haben, werden sie selbst aus ihrer eigenen Erkenntnis heraus entscheiden, daß eine Verstrickung in Sexualität den Fortschritt in ihrer spirituellen Praxis blockiert, und sobald sie das erkennen, werden sie ganz freiwillig aufhören, sexuell aktiv zu sein. Wie Sie sehen, ist Zölibat also nicht etwas, das mit Zwang oder durch ein Gebot auferlegt werden kann.

WIE: Könnten Sie etwas genauer beschreiben, warum Sexualität an sich transzendiert werden muß, damit Fortschritte auf dem spirituellen Weg gemacht werden können?

BG: Weil der Geist in Unordnung, getrübt und verwirrt ist, solange man sich damit beschäftigt, und weil man sich in Eifersucht, Furcht, Haß, Spannung usw. verstrickt - in all diesen Problemen, die aus der Lust entstehen. Wenn man also von alldem befreit werden möchte, muß zuerst die Lust beseitigt werden.

Nun gefällt vielen Menschen das Wort "beseitigen" nicht; manche bevorzugen Worte wie "transzendieren" oder "transformieren". "Klar", sagen sie, "man kann ,Lust' in ,Nicht-Lust' transformieren!"

WIE: Und wo ist der Unterschied zwischen "transzendieren" und "beseitigen"?

BG: Einige Begriffe kommen der eigentlichen Bedeutung etwas näher, und andere könnte man euphemistisch nennen, also Begriffe, die nicht so negativ sind. Diese Leute sagen lieber "transzendieren" oder "transformieren" als "beseitigen", weil sie Worte brauchen, die eine Zuckerglasur haben und ihnen deshalb vom Gefühl her angenehmer sind.

WIE: Aber worüber wir wirklich sprechen, ist das Beseitigen der Lust?

BG: Richtig. Aber wenn man "beseitigen" sagt, dann ist das so stark, so negativ, daß sich die Leute fragen: "Wie kann ich etwas beseitigen?" Wenn man aber sagt: "Transformieren wir es in etwas anderes", dann können sie damit etwas anfangen.

WIE: Wurde in der Lehre des Buddha die Sexualität als von Grund auf negativ angesehen?

BG: Der Buddha lehrte, daß solange der Mensch sexuell aktiv ist, er kein Interesse an der Praxis des spirituellen Lebens hat; die beiden Dinge passen einfach nicht zueinander. Aber in seiner Lehre über die schrittweise Erleuchtung sagte er auch, daß das Empfinden von Lust und Sexualität Genuß beinhaltet. Er verleugnete den Genuß nicht. Genuß ist dabei. Aber, sehen Sie, dann verändert sich dieses Vergnügen in Mißvergnügen, und allmählich, langsam, sobald sich das anfängliche Feuer der Lust abgenutzt hat, beginnen die Menschen zu kämpfen. Denn aus Lust erwächst Furcht; aus Lust erwächst Habgier; aus Lust erwachsen Eifersucht, Zorn, Haß, Verwirrung und Kampf; all diese negativen Dinge erwachsen aus der Lust. Und deshalb sind all diese negativen Dinge in der Lust beinhaltet. Und, wissen Sie, wenn wir das sehen möchten, dann brauchen wir gar nicht weiter zu schauen als in unsere eigene Gesellschaft. Machen Sie nur die Augen auf und sehen Sie sich um. Wie viele Millionen Menschen kämpfen? Und das ist nur in ihrer Lust und Gier begründet - Ehemänner mit Ehefrauen; Freunde mit Freundinnen; Freunde mit Freunden; Freundinnen mit Freundinnen - usw., nicht wahr? Es macht keinen Unterschied, ob die Menschen heterosexuell, homosexuell oder bisexuell sind, das ist ganz egal. Solange du darin verstrickt bist, ist es unvermeidlich, daß du diese Probleme hast - Kampf, Enttäuschung, Zorn, Haß, Töten - all das ist damit verbunden.

Weil also der Buddha das Problem sah, das der Sexualität innewohnt, sagte er, daß es besser ist, die Sinne zu disziplinieren und zu kontrollieren, um ein ruhiges und friedvolles Leben zu haben. Aber das muß schrittweise erfolgen, langsam, begründet auf Verstehen, nicht unvermittelt. Es kann nicht erzwungen werden. Es muß allmählich geschehen und mit tiefem Verständnis. Wenn Menschen es nicht verstehen und versuchen, ganz unvermittelt damit Schluß zu machen, werden sie nur noch mehr Frustration, Furcht usw. haben. Und deshalb sagte er in seiner schrittweisen Lehre, daß es zuerst Genuß schenkt, sexuell aktiv zu sein, dann aber gibt es Nachteile, dann gibt es Probleme. Und erst dann, wenn man die Probleme sieht, beginnt man zu erkennen, daß diese Nachteile und diese Negativität der Sexualität innewohnen - sie sind davon nicht zu trennen. Die Lust beinhaltet diese Schwierigkeiten und Probleme.

WIE: Besonders in der heutigen Zeit würde das als ein sehr radikaler Standpunkt angesehen werden.

BG: Oh, sicher. Aber wissen Sie, nur wenn Menschen sich von diesen Dingen abwenden, nur wenn sie sich von dieser Art von Lehre fernhalten und räumlich und zeitlich Millionen von Meilen weit weg sind und sich dann umdrehen und auf die Wurzeln ihres Problems sehen, dann erscheint es radikal. Sie haben sich so lange abgewandt und in Raum und Zeit so weit entfernt, daß sie denken, wenn sie zurückschauen: "Um Himmels willen, wie kann ich das jetzt beseitigen? Ich habe mich so weit darauf eingelassen und ich bin jetzt darin so verstrickt." Deshalb erscheint es ihnen radikal. Klar ist es radikal!

WIE: Während Sie sprachen, ertappte ich mich bei dem Gedanken, daß Sie den Genuß in der Sexualität so kurz besprachen, all ihre Nachteile aber so ausführlich; viele Leute -

BG: Ja, genau! So viel Schmerz wegen ein bißchen Genuß, nicht wahr?

WIE: Genau.

BG: Aber Sie haben recht. Die Menschen möchten nicht daran denken. Die Menschen möchten immer das hören, was sie gerne hören. Aber das wollen wir nicht sagen! Ob es den Menschen nun gefällt oder nicht, wir wollen die Wahrheit sagen. Und wir sollten uns nicht davor fürchten, die Wahrheit zu sagen. Ob die Welt sie nun akzeptiert oder nicht ... das ist dann wieder etwas anderes. Was kann man da machen?

WIE: Als wir nach einem Zitat des Buddha suchten, das seine Einstellung zur Sexualität wiedergibt, stießen wir auf diese Passage aus Das Leben des Buddha: "Irregeführter Mann, der du schon so weit weg bist, es wäre besser für dich, dein Glied würde in den Mund einer abscheulichen giftigen Viper eindringen als in eine Frau. Es wäre besser für dich, dein Glied würde in einen Haufen brennender, heißer und glühender Kohlen eindringen als in eine Frau. Warum ist das so? Im ersten Fall würdest du den Tod oder ein tödliches Leiden riskieren, aber du würdest nicht, wenn sich der Körper nach dem Tode auflöst, in einen Zustand von Elend wiedergeboren, in ein unglückliches Schicksal, in Verdammnis, vielleicht sogar in die Hölle."

Ich glaube, daraus erhält man einen recht deutlichen Eindruck davon, welche Einstellung der Buddha zur Sexualität hatte. Aber wie Sie wissen, werden im Westen heute viele Variationen des Buddhismus gelehrt und praktiziert, und viele Praktizierende im Westen scheinen die Behauptung des Buddha nicht zu teilen, daß Lust - die er, wie Sie vorhin sagten, als Manifestation der Begierde sah - per definitionem transzendiert werden muß, um Erleuchtung zu erlangen. Noch dazu tendiert das liberale Klima des heutigen Amerika dazu, Sexualität als etwas sehr Gutes, sehr Gesundes und als einen sehr natürlichen Ausdruck nicht nur unseres Menschseins, sondern sogar unserer
Spiritualität zu sehen. Was hätte der Buddha Ihrer Meinung nach dazu gesagt?

BG: Bevor ich darauf antworte, möchte ich dieser Übersetzung noch eine kleine Fußnote anfügen. Sie wissen, daß der Buddha, wenn er vom Zölibat sprach, nicht nur vom Zölibat für Männer, sondern auch für Frauen sprach. Wenn er also zum Beispiel sagte, es sei besser, eine glühende Eisenkugel zu schlucken, als sexuell aktiv zu werden, dann gilt das auch für Frauen. Das muß klar sein; sonst könnten sich Frauen brüskiert fühlen. Sie würden sonst vielleicht denken, daß der Buddha Frauen haßte, aus diesem Grund Männer von Frauen fernhalten wollte und deshalb von Männern verlangte, enthaltsam zu sein. Wenn aber eine Frau enthaltsam sein möchte, dann muß sie sich aus demselben Grund von Männern fernhalten. Das ist der erste Punkt, den ich klarstellen wollte.

Der zweite Punkt ist, daß das Leben innerhalb der Familie mit einem Ehegatten usw. vom Buddha nicht verurteilt wurde; ein gesundes Sexualleben innerhalb der Ehe ist Laien gestattet, auch wenn es, wie ich schon sagte, niemals zu voller Erleuchtung führen kann.

Um Ihre Frage zu beantworten: nicht nur in der Gesellschaft von heute, sondern genauso zu Buddhas Zeiten gab es Menschen, die glaubten, daß Sexualität etwas Heiliges, Edles, Geweihtes und Wunderbares ist. Das ist also nicht nur ein soziales Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Mentalität der Menschen hat sich seit unerdenklichen Zeiten nicht geändert, bis heute nicht, und sie wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Es gibt immer Menschen, die meinen, daß sie mittels Sexualität Befreiung finden könnten; wir nennen das eine verzerrte Sicht, ein verzerrtes Denken.

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WIE Ausgabe 2:
Unsere Ausgabe zum Thema Sex & Spiritualität?


Interviews mit: Miranda Shaw, Margot Anand, Barry Long, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, Pater Thomas Keating, Bhante Henepola Gunaratana, Swami Chidananda




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