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WIE: Diese "verzerrte Sicht", wie Sie es nennen, ist zwar zeitlos, scheint aber derzeit besonders vorzuherrschen. Ich meine damit den immer populärer werdenden Standpunkt, daß Sexualität an und für sich, wenn man es bis zum Ende verfolgt, der eigentliche Ausdruck von Erleuchtung ist - und daß man eigentlich nicht wirklich hoffen kann, das letztendliche Ziel zu erreichen, wenn man der Sexualität in irgendeiner Weise aus dem Weg geht, da sie der Weg zur Befreiung ist. Wenn es möglich ist, würde ich Sie bitten, uns möglichst klar darzustellen, wie der Buddha auf diesen Standpunkt reagiert hätte. BG: Damit bin ich ziemlich gut vertraut. Er sagte - ich übersetze aus dem Pali: "Egal, was du tust oder erlangst - du kannst in einer Höhle oder an einem abgeschiedenen Ort leben, und du magst alle Sutras auswendig gelernt haben; du magst ein gelehrter Redner sein; du magst auch Moral üben und so weiter und so fort - egal, was du sonst noch tun magst, solange du Lust, Haß und Unwissenheit nicht losgeworden bist, wirst du niemals Erleuchtung erlangen." Das lehrt der Buddha. Je mehr man also sexuell aktiv ist, desto tiefer geht man in Lust, Verwirrung und Eifersucht hinein. Wenn ein Mensch, Frau oder Mann, gleichzeitig mit mehreren Personen sexuellen Verkehr haben will, dann wird er oder sie in gleicher Weise auf unterschiedlichste Art leiden: aus Eifersucht, Angst, Spannung, Kummer. Das ist ein sehr ungesundes, sehr ungesundes Leben. Wenn jemand daran denkt, mit allen möglichen Personen die ganze Zeit auf verschiedenste Art und Weise sexuellen Verkehr zu haben, dann wird dieser Mensch als Ergebnis solch ungesunden Verhaltens sehr bald tot sein. Nun muß man aber auch verstehen, daß in der gleichen Weise eine mäßige, kluge und gesunde sexuelle Betätigung durchaus vertretbar ist. Aber Erleuchtung mittels Sexualität zu erlangen heißt nichts anderes als: man ergeht sich so lange in sexueller Aktivität, bis man stirbt! Und man wird tot sein, bevor man diese Erleuchtung erlangt hat! WIE: In welcher Weise kommt das alles im Kontext wirklicher spiritueller Übung zum Tragen? BG: Ich bin ein Theravada-Buddhist - das wissen Sie, nicht wahr? WIE: Ja. BG: Nun, manchmal bedaure ich es, diese Dinge sagen zu müssen, aber von Theravada-Buddhisten wird Tantra nicht als Buddhismus angesehen. In der buddhistischen Originalliteratur findet man nirgends "Tantrischen Buddhismus". Tantra ist eine spätere Entwicklung. Im ursprünglichen Buddhismus gibt es nichts im Sinne eines tantrischen Buddhismus. Es gab nie so etwas wie tantrischen Buddhismus. Tantra ist Tantra, Buddhismus ist Buddhismus, und diese beiden Dinge werden nie zusammenpassen. Aber manche Menschen, die sehr in Sexualität verstrickt waren und deren Wahrnehmung sehr verzerrt war, wollten die Sexualität glorifizieren, indem sie Buddhismus dazugaben. Und deshalb kombinierten sie Tantra mit Buddhismus. Wahrscheinlich werde ich dafür gehaßt, daß ich das sage, aber ich muß es trotzdem sagen. WIE: Wir haben im Laufe unserer Recherchen festgestellt, daß sich nicht nur der Begriff der geweihten Sexualität gesteigerter Beliebtheit erfreut, sondern auch, daß Menschen aus westlichen Kulturen dem Zölibat häufig mit sehr viel Furcht und Mißtrauen gegenüberstehen. Was, glauben Sie, könnte der Grund dafür sein? BG: Streng enthaltsam zu sein nützt nur dem, der es tut. Man kann kein Institut für Enthaltsamkeit eröffnen. Enthaltsamkeit kann nicht institutionalisiert werden. Sie kann nicht organisiert werden. Wir können keine Gesellschaft von zölibatär lebenden Menschen haben. Es ist eine absolut persönliche und individuelle Praktik. Wenn Menschen also Einwände dagegen haben, richten sich die Einwände vielleicht gegen das Organisieren von Enthaltsamkeit. WIE: Trotzdem scheint es, als müßte jede monastische Disziplin bis zu einem gewissen Grad organisiert werden. Tatsächlich waren wir fasziniert, ja schockiert darüber, als wir beim Lesen in den Patimokkha-Regeln zur Ausbildung von Mönchen feststellten, daß der Buddha offensichtlich eine ganze Reihe von Regeln aufstellen mußte, die seinen Mönchen untersagten, sexuellen Kontakt mit - um nur einige Beispiele zu nennen, die Ihnen ganz sicher vertraut sind - Totenschädeln, Leichen, Tieren … darum geht es da, zu haben. Unseres Wissens gibt es dieses Verhalten heute nicht mehr - davon gehe ich aus, obwohl das nicht unbedingt stimmen muß! - daher fragten wir uns nur: Reagierte der Buddha mit dem Erlassen dieser Regeln auf Sachen, die die Leute tatsächlich machten? - Sogar seine eigenen Schüler und Anhänger? BG: Genau. Wenn der Buddha eine Regel einführte, fanden die Mönche damals bald eine andere Möglichkeit, um dasselbe wieder zu tun. Sie wollten sich irgendwie sexuell betätigen. Wenn der Buddha also eine Regel aufstellte, brachen sie diese Regel nicht, aber sie fanden einen anderen Weg für die sexuelle Aktivität. Und dann mußte Buddha eine weitere Regel aufstellen, um ihnen Einhalt zu gebieten. Es ist wie bei der Polizei und den Verbrechern - wo es ein Gesetz gibt, werden Verbrecher einen Weg finden, es zu umgehen und das Verbrechen zu begehen, und dann brauchen wir ein neues Gesetz. Das geschah auch zu Buddhas Zeiten. Als immer mehr Menschen in den Orden kamen, begannen sie alles mögliche zu tun, und für alle diese Dinge mußte er Regeln aufstellen. Deshalb existieren diese Regeln. Er griff mit diesen Regeln nicht der Zukunft vor. WIE: Und jetzt sind wir hier in der Zukunft, und da Sie sich aufgemacht haben, um die monastische Tradition des Buddha in den Westen zu bringen, frage ich mich, wie Sie die Menschen aus dem Westen erleben, die um Ihrer Lehre willen kommen. Wie verhalten sich moderne westliche Menschen einem monastischen Leben gegenüber? Haben sie Ihrer Meinung nach mehr Probleme damit als zum Beispiel Menschen aus Ihrer eigenen oder einer anderen Kultur? BG: Das ist eine gute Frage, wissen Sie. Wir durchleuchten die Leute gründlich, bevor wir sie für das klösterliche Leben akzeptieren. Wir stellen sie zwei Jahre lang auf eine Art Probe, um festzustellen, ob sie wirklich aufrichtig und ernsthaft daran interessiert sind, sich darauf einzulassen. Denn manchmal kommen Leute nur so zum Spaß, und weil es bei uns sehr ruhig, friedlich usw. ist, glauben sie, daß es ihnen hier vielleicht gefallen könnte und sie Mönche werden möchten. Aber später ändern sie dann ihre Meinung. Und deshalb möchten wir auch nicht leichtfertig damit umgehen; wir wollen wissen, ob sie wirklich aufrichtig und ernsthaft sind. Wenn sie ernsthaft sind, dann nehmen wir sie auf. Aber das sind nur wenige. Viele kommen, viele schreiben uns - und heutzutage schicken sie uns sogar E-mails! - und bitten uns darum, ihnen zu gestatten, Mönche zu werden und hier im Kloster zu leben. Aber wir akzeptieren sie nicht alle, denn wir wissen, daß sie später das Interesse verlieren werden. Es gibt aber auch ein paar aufrichtige Menschen, die tatsächlich Mönch oder Nonne werden wollen. Und das ist kein neues Phänomen. Auch früher gingen von Millionen von Menschen nur einige wenige in die Klöster. Auch heute gehen in buddhistischen Ländern nicht alle ins Kloster. In einigen Ländern wie Thailand, Burma, Laos, Kambodscha usw. gibt es in der Tradition einen Brauch: man geht für kurze Zeit ins Kloster. Aber von denen, die für kurze Zeit ins Kloster gehen, legen die meisten die Robe wieder ab und gehen wieder. Nur eine Handvoll Leute bleibt wirklich. In den westlichen Ländern, wo es diese Traditionen nicht gibt, sind es noch weniger, die ins Kloster kommen. Und von ihnen werden noch weniger beim Klosterleben bleiben. Aber das ist mehr oder weniger überall auf der Welt dasselbe und war zu allen Zeiten so. Wissen Sie, im Westen können immer weniger Menschen den Druck ertragen, den die Gesellschaft auf sie ausübt, sie sind müde - wirklich und wahrhaftig müde -, und deshalb wollen sie weg. Aber nur sehr wenige von ihnen werden bleiben, und die meisten werden wieder in die Gesellschaft zurückgehen. Aber das wußten wir, als wir unser Center errichteten, denn das ist schon immer und überall so gewesen. WIE: Wenn es möglich ist, würde ich gern etwas mehr über Ihr eigenes Leben als Mönch erfahren. Welchen Einfluß hatte zum Beispiel das Zölibat auf Ihre spirituelle Entwicklung? BG: Mein Freund, es schenkt mir enormen Frieden. Und ich sage das ganz ehrlich, wissen Sie. Denn ich kann mit allen Menschen ohne jedes Problem zusammenleben. Nicht eine spezielle Frau oder ein spezielles Mädchen, ein spezieller Junge oder ein spezieller Mann, denn mein Zölibat hilft mir, alle anderen Menschen auf gleiche Weise zu akzeptieren. Und es verhilft meinem Geist zu Frieden. Und ich glaube, so wünschte es der Buddha für uns - eine freundliche, friedliche Beziehung zu allen Lebewesen. Deshalb hat es eine so positive Wirkung auf mein Leben. WIE: Soweit ich verstanden habe, wurden Sie Mönch im Alter von - BG: Zwölf. Und jetzt bin ich siebzig. Seit achtundfünfzig Jahren trage ich diese Robe! WIE: Wenn Sie Menschen einen Rat geben sollten, die daran denken, das Enthaltsamkeitsgelübde abzulegen, was würden Sie sagen? BG: Ich würde sagen: "Wenn ihr ehrlich, aufrichtig und ernsthaft wünscht, ein friedvolles Leben zu haben, ein achtsames Leben, ein Leben ohne Probleme, ein Leben, das im Zeichen des unterschiedslosen Dienens für andere steht, dann ist ein zölibatäres Leben ein sehr gutes Leben, denn wenn man im Zölibat lebt, kann man wirklich wahre Liebe und Güte praktizieren, wahres Mitgefühl. Man kann alles schätzen, was einem begegnet. Der Geist kann gelassen und unvoreingenommen sein. Wenn man aber durch den einen oder anderen Menschen gebunden ist, ist all das nicht möglich. Daher, wenn ihr ernsthaft und aufrichtig diese Dinge praktizieren möchtet, dann ist das Zölibat ernstlich in Betracht zu ziehen." Aber es darf nie so sein, daß es aus gutem Glauben akzeptiert wird oder weil es von jemandem auferlegt wird. Man muß es wirklich verstehen und sehr gründlich über das Zölibat nachdenken, bevor man sich darauf einläßt. WIE: Man muß offenen Auges hineingehen. BG: Genau. WIE: Und muß der Mensch auch eventuell mit vielfachen Herausforderungen rechnen? BG: Sicher, sicher. Wenn man Enthaltsamkeit übt, begegnet man immer Herausforderungen. Es gibt so viele Menschen, die mit dir zusammensein wollen, so viele, die sich dir nähern und dein Zölibat brechen möchten. Denn die anderen wissen, daß du nicht korrupt bist. Du fällst nicht auf jeden Trick herein, du läßt dich nicht auf falsche Dinge ein, bekommst keine Krankheiten usw. Die Menschen verstehen, daß du ein sehr anständiger Mensch bist, ein ordentlicher Mensch. Und manche Menschen sind gerne mit einer sehr anständigen Person zusammen, und das ist eine Herausforderung. Dem muß man sich stellen. WIE: Sie sagten, Sie praktizieren seit achtundfünfzig Jahren Enthaltsamkeit. Wie hat sich ihre Erfahrung hinsichtlich dieser Entscheidung im Laufe der Zeit verändert oder vertieft? BG: Wissen Sie, zuerst war es sehr schwierig, sehr schwierig, besonders als ich jung war, als Teenager und bis in meine späten Zwanziger. Es war wirklich eine Herausforderung. Aber durch die Ausbildung, die ich erhielt, entwickelte ich ein gewisses Verantwortungsbewußtsein für meine Pflichten, meine Arbeit, meine Verpflichtung gegenüber dem Dharma, und hatte überdies Respekt für meine Lehrer und Eltern. Lehrer und Eltern, wir lieben sie sehr, und wir wollen nicht ungehorsam oder respektlos zu ihnen sein. So ging das jahrelang, bis ich wirklich vollständig zur Reife gelangt war. Und dann begann ich, die wahre Bedeutung des Zölibats aus mir selbst heraus zu verstehen.
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