Your email address is kept confidential, and will never be
published, sold or given away without your explicit consent.
Thank you for joining our mailing list! Close |

|
|||||||||||||
Verschiedene noch lebende Lehrer aus dem Osten, von denen ich damals sehr tief beeinflußt war, betonten, wie wichtig es ist, den Geschlechtstrieb zu transzendieren und/oder die sexuelle Energie zu bewahren, um im Streben nach spiritueller Erleuchtung fokussiert und ungeteilt zu bleiben. Ich wurde mir auch der Tatsache bewußt, daß es in der Menschheitsgeschichte spirituelle Giganten gegeben hatte, die sich aus dem einen oder anderen Grund zum Zölibat entschlossen hatten. Als meine spirituelle Sehnsucht wuchs, begann ich langsam aber sicher die romantisch-sexuelle Erfahrung als lästige Ablenkung zu empfinden. Je mehr meine Leidenschaft und Aufmerksamkeit von dieser grenzenlosen und unerkennbaren Quelle in meinem Inneren angezogen wurde, desto weniger war ich daran interessiert, die emotionale Intensität und den persönlichen Focus zu ertragen, die das romantisch-sexuelle Drama praktisch immer mit sich bringt. Und als ich dann meine Erfahrungen im allgemeinen zunehmend genauer betrachtete, wurde mir klar, daß die verführerischen Versprechungen, die der sexuell-romantische Impuls stets gab, selten erfüllt wurden. Und selbst wenn es so war, erwies sich auch das als eine Ablenkung von der Sehnsucht nach spiritueller Vereinigung, die immer dann wieder ins Zentrum meines Bewußtseins rückte, wenn die Intensität des romantisch-sexuellen Zwischenspiels nachließ. Ich sehnte mich nach Einfachheit. Ich sehnte das Ende dieser endlosen Verwirrung und Ablenkung herbei, wovon die romantisch-sexuelle Erfahrung stets begleitet zu sein scheint. Und da ich mich gegenüber dem Geschlechtstrieb - was auch immer das war - eher als konditionierte Marionette denn als ein freier Mensch empfand, beschloß ich, eine Zeitlang enthaltsam zu leben. In den drei Jahren meines Zölibats erfuhr ich mehr über Sexualität als während all meiner früheren sexuellen Erfahrungen. Ich erfuhr die ungeheure Macht, die Sexualität gegenüber dem Geist hat. Das Wichtigste, was ich lernte, waren zwei Dinge: Erstens erfuhr ich dadurch, daß ich meiner inneren Erfahrung immer mehr Aufmerksamkeit schenkte, daß das meiste von dem, was wir über sexuelle Erfahrung zu wissen glauben, sehr wenig mit den Tatsachen zu tun hat, und zweitens erkannte ich immer und immer und immer wieder, daß an sexuellen Gefühlen absolut nichts Persönliches ist. Diese Erkenntnisse waren, sind und bleiben sehr befreiend. Für den Menschen, der wirklich nach Befreiung von Unwissenheit sucht, stellt sich natürlich folgende Frage: Wie kann man es schaffen, diesem überaus machtvollen Trieb gegenüber objektiv zu sein, der wie kein anderer in der Lage zu sein scheint, uns zu täuschen? Im Laufe der letzten zwölf Jahre machte ich die Erfahrung, daß diese Frage selten gestellt wird, auch nicht von Menschen, die eigentlich ein Interesse daran haben sollten, einen gewissen Grad an Vernunft gegenüber dieser explosiven Dimension des menschlichen Lebens zu entwickeln. Und warum ist das so? Weil es ein Faktum ist, daß für den Großteil der Menschen, die sich als aufrichtige Sucher betrachten, Sex wichtiger ist als Gott. Es verblüffte mich immer wieder, daß die meisten von uns entsetzt darüber sind, die überwältigende Bedeutung, die wir unserer sexuellen Erfahrung blind beimessen, in Frage zu stellen - auch wenn sie gar nicht so toll ist! Sex ist in der Tat die heilige Kuh, deren elementare Wichtigkeit wir selten zu hinterfragen wagen, weil wir Angst davor haben, feststellen zu müssen, daß es nicht das ist, was wir uns vorgestellt haben, und möglicherweise nichts übrigbleiben würde, keine Zuflucht mehr vor dem Elend und der Qual des nahezu unaufhörlichen existentiellen Zweifels. Das war so faszinierend für mich, weil nämlich genau die Personen, die Interesse an der spirituellen Dimension der Wirklichkeit bekunden, diejenigen, die von sich überzeugt sind, einen offenen Geist zu haben, sich dieser Frage in den allermeisten Fällen nicht nähern würden, selbst wenn zehn Pferde sie dort hin zögen. Wie oft spürte ich die unbestreitbare Präsenz eines tief aus dem Bauch empfundenen Nein der mir gegenüber sitzenden Zuhörerschaft, wenn ich mit einfachsten, ehrlichsten und menschlichsten Worten auf dieses Thema zu sprechen kam - und ich bin doch ein verheirateter Mann! Wie oft sah ich Schock und Entsetzen auf den Gesichtern von ansonsten freundlichen Menschen, wenn sie hörten, daß manche meiner Schüler sich entschlossen hatten, einige Jahre lang enthaltsam zu leben? Es ist eine Tatsache, daß das Klima der spirituellen Welt von heute entgegen allem Anschein tief konservativ ist. Dieser Konservativismus drückt sich in einer kollektiven Bereitschaft zur Rebellion aus, die automatisch alle "Ge-" und "Verbote" als Manifestation eines patriarchalischen und faschistoiden Gottes verurteilt. Gleichzeitig wird kaum zur Kenntnis genommen, daß dieser Widerstand selbst die eigentliche Starrheit und Übersimplifizierung der menschlichen Erfahrung ausdrückt, die uns immer blind macht gegenüber der radikalen Tiefe, die zu befreiender Einsicht führt. Ist Sex wichtiger als Gott? Solange er es ist, wird es uns nicht nur unmöglich sein, klar zu sehen, sondern auch unmöglich ein menschliches Leben zu führen, das von tiefer Vernunft geprägt ist. Es ist immer ein Fehler, die überwältigende Täuschungskraft des Sexualtriebs zu unterschätzen. Solange nicht das unfaßbare Mysterium allein unsere einzige und letzte Zuflucht in diesem unserem Leben als Mensch ist, werden wir nicht in der Lage sein, unseren Weg durch die immer subtilere Komplexität der sexuellen Erfahrungen zu navigieren, ohne dabei Spuren zu hinterlassen.
|
|||||||||||||