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editorial Welche Beziehung besteht zwischen Sexualität und spiritueller Freiheit? An welcher Stelle paßt Sex in das Streben nach Transzendierung des Egos, in die Suche nach vollkommener Erleuchtung? Als wir vor sechs Monaten mit den Recherchen für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? begannen, hatten wir keine Ahnung, wie weit uns unsere Reise führen würde. Unsere Begegnung mit der überwältigenden Vielfalt an Möglichkeiten in der heutigen spirituellen Szene, sich mit Sexualität auseinanderzusetzen, sollte sich als wildes, oft schockierendes und manchmal surreales Unterfangen erweisen. Sie stellte jedenfalls immer unsere Konzepte in Frage und läßt uns auch jetzt noch, während wir diese Zeilen schreiben, schwindlig werden. Fast jeder hat zu Sex etwas zu sagen. Tatsächlich waren wir zu Beginn unserer Recherchen verblüfft darüber festzustellen, daß die überzeugendsten Gedanken zu Sexualität von zeitgenössischen Soziologen, Anthropologen, Psychologen und Feministinnen kamen, deren Bestreben, festgefahrene kulturelle Ansichten bei ihrer Suche nach der Wahrheit über Sexualität in Frage zu stellen, sie manchmal zu provokanten und sogar revolutionären Einsichten geführt hat. Und obwohl dies für anhaltende Lektüre und zahlreiche bis spät in die Nacht dauernde heiße Diskussionen sorgte, erkannten wir doch sehr bald, daß wir, wenn wir uns auf das eigentliche Thema konzentrieren wollten, etlichen Versuchungen würden widerstehen müssen, um nicht noch einen weiteren, sicher auch faszinierenden, aber eben doch nur Randbereich in Angriff zu nehmen. Es war klar, um herauszufinden was Sex wirklich mit Geist zu tun hat, mußten wir spirituelle Lehrer und Denker auswählen, die Einsicht und Erfahrung auf diesem Gebiet besitzen. Wir brauchten auch nicht lange zu suchen; in der spirituellen Welt von heute ist Sex ein heißes Thema. Workshops über "Heiligen Sex" gibt es in Hülle und Fülle. Dutzende von Büchern, Kassetten und Videos mit Darstellungen der alten östlichen Praktiken von Tantra und Taoismus findet man praktisch in jeder Buchhandlung. Und beliebte spirituelle Magazine bringen regelmäßig Bilder von lächelnden Paaren in liebevoller Umarmung, die die Kraft der sexuellen Begegnung als spirituellen Weg anpreisen. Obwohl wir alle mit der eigentümlichen Kultur von Sex-meets-Spirit, die heutzutage so modern ist, vertraut waren, konnten wir uns erst in dem Moment, als wir mit beiden Beinen in die Sache hineinsprangen, ein Bild davon machen, wie seltsam der Versuch tatsächlich sein kann, Sex mit Geist zu verbinden. Zum einen war da Pater Andrew Greeley, katholischer Priester, Soziologe, Zeitungskolumnist, Stimme für eine Reform der Kirchenpolitik und Autor von mehr als vierzig sexuell freizügigen Liebesromanen. Dann eine deutsche Talk-Show mit einer lebhaften Diskussion zwischen Dr. Ruth, zwei Tantra-Therapeuten, einem Pornostar, einem katholischen Priester, der in der Zwischenzeit eine Karriere als Schauspieler begonnen hatte, und einem protestantischen Geistlichen, der sich mit einhelliger Entrüstung konfrontiert und gezwungen sah, seine offensichtlich frevelhafte Meinung, "nichts versäumt zu haben", verteidigen zu müssen, als er zugab, daß er nie mit einer anderen als seiner eigenen Frau geschlafen hatte. Und dann sahen wir eines Abends das Video Heiliger Sex. Es ist ein Insiderbericht über das eine Woche dauernde "Learning-by-doing" Tantra-Intensiv-Seminar in Maui und bringt auch Interviews und Demonstrationen einiger zur Zeit führender Spezialisten auf dem Sektor heiliger Sex, einschließlich des früheren Pornostars Annie Sprinkle, deren an Nachtclub-Shows erinnernde sexuelle Unterweisung, die nichts der Phantasie überläßt, auf offener Bühne in einem finalen Orgasmus für den Weltfrieden gipfelt. Danach schien es geradezu konservativ, als Margot Anand während des rituellen Vorspiels ihrem Freund von oben bis unten Wein über den Körper spuckte. Wir fragten uns, ob eine derartige Experimentierlust nicht einfach vielleicht ein Ergebnis der sexverblendeten modernen Welt ist, und schlugen in den Geschichtsbüchern nach. Wir erfuhren darin bei der Lektüre des Buddhistischen Vinaya, der Mönchsregeln, daß es der Buddha für notwendig befunden hatte, klare Regeln aufzustellen, um Verhaltensweisen einzuschränken, die bei weitem unglaublicher waren als alles, was in einem modernen Tantra-Workshop gelehrt wird - einschließlich Geschlechtsverkehr mit Tieren, Totenschädeln und Leichen. Schon begannen wir zu vermuten, daß wir ein Kapitel in unserem Studium über die alten religiösen Praktiken ausgelassen hätten. Wir wandten uns an die buddhistische Gelehrte Miranda Shaw, die unsere Vermutungen bestätigte und uns darüber informierte, daß im traditionellen tibetischen Tantra von den männlichen Übenden erwartet wurde, sich geehrt zu fühlen, wenn sie, in einem Akt der Hingabe und Anbetung, sich alle Körperflüssigkeiten der Partnerin einverleibten. Wenn uns das alles zu kraus erscheint, um wahr zu sein, tun wir gut daran, uns zu erinnern, daß wir aber doch auch in einer Welt leben, in der der Star von American Gigolo und Auf der Suche nach Mr. Goodbar ein Verehrer des zweitberühmtesten im Zölibat lebenden Menschen auf der Welt ist. (Zu Hollywood sei noch zu sagen, daß wir einige Male versuchten, Madonna zu einem Interview mit uns zu bewegen, und angenehm überrascht waren zu hören, daß sie jetzt zwar zu beschäftigt sei, das Magazin aber "sehr aufschlußreich" finde und auch anbot, später einmal mit uns zu sprechen.) Während moderne Versuche, Sex und Geist unter einen Hut zu bringen, verblüffende Formenvielfalt annehmen, scheint die grundlegende und vorherrschende Ansicht in der spirituellen Szene unserer Tage zu sein, daß Sex, lange als Feind des Geistes betrachtet, nun ganz im Gegenteil sein Verbündeter ist. Diese dem Sex gegenüber positive spirituelle Haltung besagt, daß wir unsere Sexualität von den Ketten der Schuld, Scham und Verdrängung befreien müssen, um wirklich ganz werden zu können, und ihr gestatten müssen, als natürlicher, gesunder und sogar heiliger Teil des Lebens Ausdruck zu finden. Einer der wortgewaltigsten und beredtsten Verfechter dieses "neuen Paradigmas" ist Andrew Harvey, früher Verehrer von Mutter Meera, der sich zu einem Propheten der Leidenschaft gewandelt hat und in seinem Buch Die Rückkehr der Mutter feststellt: "Es ist tödlich und obszön, alte patriarchalische Ängste über Sexualität aufrechtzuerhalten. Wir müssen den Körper endlich als etwas Heiliges ansehen. Warum? Weil wir uns darin befinden. Warum wären wir hier, wenn nicht, um unsere Körper zu lieben und zu feiern und um festzustellen, daß Sexualität die physische Grammatik der Seele sein kann, die den Liebesakt vollzieht? … Wenn man schließlich lernt, Körper und Sexualität zu lieben und zu feiern, offenbart sich das ganze Wunder des Lebens." Diese Meinung ist so weit verbreitet, daß die spirituelle Praxis der Enthaltsamkeit - jahrtausendelang von Christen, Buddhisten und Hindus in gleicher Weise als tiefer, machtvoller und sogar entscheidender Aspekt des spirituellen Lebens betrachtet - einfach zur Seite gewischt wurde. Tatsächlich ist es gar nicht leicht, in aktuellen Diskussionen Erwähnungen über sexuelle Enthaltsamkeit zu finden, außer in Debatten darüber, ob das Zölibat für den katholischen Klerus nach wie vor ein Erfordernis sein sollte. Der Konsens unserer Zeit scheint zu sein, daß in einer psychologisch so gebildeten Kultur wie der unseren das Zölibat keine große Bedeutung mehr hat. Die meisten Tantriker sagen, daß Erleuchtung ohne sexuelle Praktiken ausgeschlossen ist. Andererseits sagen die meisten im Zölibat lebenden Personen, daß keine Chance auf Erleuchtung besteht, wenn man nicht gänzlich auf Sex verzichtet. Ist Sex wirklich ein Weg zu Erleuchtung? Oder ist es unerläßlich, auf Sexualität zu verzichten, um die höchsten spirituellen Zustände zu erreichen? Kopfüber wurden wir durch die Macht dieser und anderer Fragen ins Unbekannte katapultiert; oft mit Schlagseite, stolpernd, keuchend und lachend suchten wir unseren Weg durch diese labyrinthische, faszinierende und herausfordernde Recherchearbeit, aus der dieses Heft entstand. Wir sprachen mit außergewöhnlichen Menschen: Pater Thomas Keating, Swami Chidananda und Bhante Henepola Gunaratana, deren bewegende Darstellungen der Früchte der Enthaltsamkeit ein Gefühl von Erstaunen und Ehrfurcht entstehen ließen angesichts des Potentials, welches in der Einfachheit und Reinheit des Herzens liegt, die aus ihrer Praxis entstehen; Barry Long und Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, deren inspirierte Darstellungen der Essenz von heiligem Sex ein nachvollziehbares Gefühl davon vermitteln, wie spirituelle Vision in der Welt manifest werden kann; sowie Margot Anand und Miranda Shaw, deren glühendes In-Frage-Stellen sexueller Tabus auch die fortschrittlichsten unter uns zur Frage veranlassen könnte, ob wir nicht eigentlich weitgehend noch viktorianischen Wertvorstellungen unterliegen. Und wir erlebten, wie ein Konzept und eine Meinung nach der anderen erweitert und gedehnt wurden, da uns die Erfahrung immer wieder bewies, daß in diesem Bereich, mehr vielleicht als in jedem anderen, die Dinge selten tatsächlich so sind, wie sie zu sein scheinen. Wenn uns im Laufe der letzten vier Monate irgend etwas ganz klar geworden ist, dann sicher die Tatsache, daß Sexualität ein nicht zu negierendes Faktum im menschlichen Leben ist, daß es für jeden von uns eine große Herausforderung darstellt, in ihren oft stürmischen Gewässern zu navigieren, und daß sie für jeden, der die Absicht hat, ihren oder seinen Weg zu spiritueller Freiheit zu finden, eine mächtige Urkraft ist, die keinesfalls außer acht gelassen werden darf.
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