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Sex ist neutral


Eine Untersuchung von Sexualität und ihrer Beziehung zur multidimensionalen Natur wahren Menschseins
von Andrew Cohen
 


Artikel

Sex ist weder positiv noch negativ
Die unglaubliche Kraft der Sexualität und ihre Macht, im menschlichen Geist Verwirrung zu schaffen, ist enorm. Die große Intensität des Begehrens, die die sexuelle Kraft in Körper und Geist des Menschen hervorruft, läßt tatsächlich fast immer ein Gefühl der Unsicherheit im Individuum entstehen. Die Gegenwart von Unsicherheit - in welcher Erscheinungsform auch immer - ist oft erschreckend. Viele Menschen verlieren angesichts überwältigenden Begehrens ihr Gleichgewicht und aufgrund der damit einher gehenden Unsicherheit versucht der Mensch, sich dem zu entziehen.

Man kann gegenüber der überwältigenden sexuellen Kraft zwei grundsätzliche Standpunkte einnehmen. Der eine ist der, daß Sex positiv ist - Gut, Gesund und Natürlich. Der andere ist, daß Sex negativ ist - Schlecht, Schmutzig und Böse. Beide Standpunkte stellen eine Form der Unsicherheit dar, die durch die überwältigende Macht des sexuellen Begehrens im Menschen entsteht. Die Form des Auswegs, von dem ich spreche, ist die Festlegung auf einen Standpunkt. Und diese Festlegung auf einen Standpunkt ermöglicht es dem Individuum, der unvermeidlichen Konfrontation mit seinem Menschsein auszuweichen, die durch das Aufleben der Sexualkraft immer gefordert ist.

Die Sexualkraft an sich ist weder positiv noch negativ. Aber die ungeheure Unsicherheit, die entsteht, wenn sie sich im Menschen manifestiert, und der Wunsch, dieser Unsicherheit zu entgehen, sind der Grund dafür, daß fast jeder diese Kraft, die von ihrem Wesen her neutral ist, entweder als positiv oder als negativ wahrnimmt. Die Sexualkraft ist Ausdruck der unpersönlichen Schöpfungskraft selbst. Die unpersönliche Schöpfungskraft kümmert sich nicht um den einzelnen. Sie ist in Hinsicht auf das Individuum immer neutral und kann auch nur neutral sein, denn die Sexualkraft ist blind, sie ist die Schöpfungsenergie, die weder Bewußtsein noch Individualität kennt. Es ist allein der Wunsch des Menschen, ihrer überwältigenden Intensität zu entkommen, der eine Illusion von Polarität schafft, wo es in Wahrheit nichts dergleichen gibt.


Sex ist neutral
Kann ein Mensch eine positive sexuelle Erfahrung haben und trotzdem die Neutralität, die das Wesen von Sexualkraft ist, direkt wahrnehmen? Kann ein Mensch eine negative sexuelle Erfahrung haben und trotzdem die Neutralität, die das Wesen von Sexualkraft ist, direkt wahrnehmen? Nur wenn der Mensch in der Lage ist, der sexuellen Kraft so gegenüberzustehen, daß ihre inhärent neutrale und unpersönliche Natur immer gegenwärtig bleibt, dann kann er oder sie die lähmende Verwirrung und das fast unausweichliche Leiden vermeiden, welche das Ergebnis mangelnder Klarheit in diesem Bereich sind.

Um die notwendige Klarheit zu erreichen, die Stürme der Verwirrung zu überstehen, die mit dem Auftauchen überwältigender Begierde auftreten, muß man einen sehr hohen Preis zahlen. Dieser Preis ist die Bereitschaft, die Erfahrung intensiver Verunsicherung zu ertragen, ohne der Versuchung zu erliegen, die Sexualkraft als etwas anderes zu sehen als das, was sie wirklich ist.

Nur selten nimmt ein Mensch das Aufleben der ungeheuren Kraft der Sexualität in sich wahr, ohne sofort emotionale oder psychologische Zuflucht bei der einen oder der anderen Polarität zu suchen. Die Schlußfolgerung, zum Beispiel, daß die wahre Natur der Sexualkraft immer positiv ist - Gut, Gesund und Natürlich - befreit den Menschen automatisch von der enormen Last, welche die Gegenwart von Sexualität der Persönlichkeit aufbürdet. Die umgekehrte Schlußfolgerung, das wahre Wesen der Sexualkraft sei immer negativ - Schlecht, Schmutzig und Böse - gestattet es dem Menschen ebenfalls, der Tatsache auszuweichen, daß er in jedem Augenblick mit der wahren Natur der machtvollen Schöpfungsenergie zu Rande kommen muß. Das ist sehr wichtig. Warum? Wenn unsere Beziehung zu diesem mächtigsten aller Instinkte je die furchtlose Integrität zum Ausdruck bringen soll, die eine vollkommene Reife unserer Menschlichkeit verlangt, dann ist es ganz und gar unerläßlich, die wahre Natur der Sexualkraft als das zu sehen, was sie tatsächlich ist.


Sexuelle Erfahrung ist multidimensional
Es ist von essentieller Bedeutung, die wahre und inhärent neutrale Natur der Sexualkraft ständig wahrnehmen zu können, um sie klar zu sehen. Aber noch wichtiger ist, daß die Betrachtung der Sexualkraft weder allein vom negativen noch allein vom positiven Pol aus die multidimensionale Natur der menschlichen Erfahrung - also physisch, psychologisch, emotional und sogar spirituell - umfassen kann, die von sexuellen Gefühlen hervorgerufen wird. Der Mensch erlebt den sexuellen Instinkt niemals statisch, sondern auf ständig wechselnde Weise. Und weil die menschliche Erfahrung von Sexualität vielschichtig ist und sich immer ändert, wird - solange diese Tatsache nicht berücksichtigt wird - die Perspektive, die der einzelne Mensch in bezug auf die sexuelle Erfahrung hat, niemals alle Aspekte seiner eigenen, ganz menschlichen Erfahrung mit einschließen.

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WIE Ausgabe 2:
Unsere Ausgabe zum Thema Sex & Spiritualität?


Interviews mit: Miranda Shaw, Margot Anand, Barry Long, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, Pater Thomas Keating, Bhante Henepola Gunaratana, Swami Chidananda




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