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Vergeßt Gott dabei nicht


Ein Interview mit Rabbi Zalman Schachter-Shalomi
von Amy Edelstein
 

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Einleitung



Rabbi Zalman
Schachter-Shalomi
Tantra im Westen, Zölibat in Christentum und Hinduismus, sexueller Yoga in Tibet, Klosterleben im Buddhismus ... als wir damit begannen, die so unterschiedlichen Zugänge zur Sexualität im spirituellen Leben zu diskutieren, stellte sich für mich auch die Frage, was wohl das Judentum zu diesem Thema zu sagen hätte. Ich war in einer Rekonstruktionssynagoge mit liberal-zionistischem Ansatz erzogen worden und daher von klein auf mit der Bedeutung, die Familie und Kinder für Juden haben, zutiefst vertraut. Aber gab es auch eine Lehre zur Sexualität selbst, abgesehen von diesem so überaus wichtigen Gebot, an das mich meine Angehörigen niemals zu erinnern vergaßen, nämlich fruchtbar zu sein und sich zu vermehren? Um das herauszufinden, rief ich Rabbi Zalman Schachter-Shalomi an. Rabbi Schachter ist bekannt dafür, Pionierarbeit für spirituelle Erneuerung und für die Schaffung eines interkonfessionellen Dialogs geleistet zu haben. Er wurde 1947 zum Rabbi geweiht, ist emeritierter Professor für jüdische Mystik und Religionspsychologie an der Tempeluniversität und hat derzeit den Lehrstuhl für Weltweisheit am Naropa-Institut inne. Reb Zalman, wie er liebevoll genannt wird, ließ vor unseren Augen die beeindruckende Lehre lebendig werden, die das Judentum zur Sexualität zu bieten hat.

Bei unserem ersten Gespräch sagte er zuerst einmal: "Eigentlich sollte es keine Frau sein, die einen Mann zu diesem Thema interviewt." Dem mußte ich beipflichten. Und dann überraschte mich Reb Zalman, denn er sprach weiter und beschrieb eine spirituelle Sicht der sexuellen Vereinigung, die so tief berührend, respektvoll und klar war, daß ich völlig erstaunt schließlich den Hörer wieder auflegte, denn aus dem Bild, das er gezeichnet hatte, gewann ich einen Einblick, in welcher Weise Sexualität tatsächlich heilig sein könnte.
Im traditionellen Judentum geht es darum, Gott mit einzubeziehen. "Vergeßt Gott nicht dabei!" sagt Reb Zalman, wenn er seine Bar-Mitzvah-Schüler über Sexualität unterrichtet. Im intimsten Kontakt zwischen Mann und Frau, insbesondere zwischen Ehegatten, wird Gott zur lebendigen Gegenwart, und diese Momente werden als eine Gnade gesehen. Die sexuelle Vereinigung ist Mitzwah, das Erfüllen eines göttlichen Gebotes, und muß so einfühlsam und respektvoll ausgeführt werden wie jede andere Handlung im Gottesdienst.

Im Judentum ist die Heirat die Schwelle zu aktiver Sexualität. Der Kontext wird zu Beginn festgelegt. Der Segen, der Braut und Bräutigam verbindet, beginnt so: "Schenke diesen liebenden Gefährten große Freude, so wie Du Adam und Eva Freude gabst", und weiter: "Gepriesen seist Du, oh Herr, der die Ursache dafür ist, daß Braut und Bräutigam sich aneinander freuen." Die Aufmerksamkeit des Paares wird von sich selbst als Quelle des Vergnügens weg gelenkt, hin zu jener Quelle, die weit größer ist als jedes Individuum, und was vielleicht das Allerwichtigste ist, ihr sexuelles Vergnügen wird geheiligt.

Durch Rabbi Schachter erfuhr ich von einer Abhandlung über Sexualität aus dem 13. Jahrhundert, von der man annimmt, daß sie von Rabbi Nachmanides stammt. In The Holy Letter definiert Nachmanides die geheiligte Sexualität und den großen Unterschied zwischen der Erfahrung des erotischen Genusses innerhalb - und außerhalb - der in der Torah festgelegten Grenzen. Er schreibt: "Wenn ein Mann seiner Frau in Heiligkeit anhängt, manifestiert sich die göttliche Gegenwart. Im Mysterium von Mann und Frau ist Gott. Wenn sie aber nur erregt sind, verläßt sie die göttliche Gegenwart, und es entsteht Feuer."

Im orthodoxen Judentum erhält der Mann eine genaue Beschreibung und Instruktionen, wie er seiner Frau Freude schenken kann. Er muß ihr Genuß geben, indem er ihr sorgsam seine Zuneigung und sein Begehren zeigt, so daß sich die Frau nicht ungeliebt, unbegehrt oder als Lustobjekt fühlt. Wenn sie den Liebesakt miteinander ausführen, wird der Mann angewiesen, sanft mit seiner Frau zu sprechen und durch seine Worte ihre erotische Leidenschaft zu erregen. Er muß mit ihr auch über Höheres sprechen und ihre Gedanken zu spiritueller Kontemplation erheben. Der große Rambam (Moses Maimonides, 1134-1204) sagt: "Zuerst muß die Atmosphäre geschaffen werden und du mußt so zu ihr sprechen, daß ihr Herz zu dir hingezogen wird, sie befriedigen und glücklich machen und so ihre Gedanken an die deinen binden. Du mußt ihr Worte sagen, die sie erregen und Liebe und Begehren erwecken, und Dinge, die in ihr die Inspiration himmlischer Verzückung und frommes bescheidenes Verhalten entstehen lassen." Und es ist dem Mann ausdrücklich verboten, zu dieser Zeit mit seiner Frau über andere Dinge zu sprechen, denn das würde sie beide ablenken und ihre Erregung und ihren Genuß vermindern. Er wird auch aufgefordert, sich mit ihr vor Antritt einer Reise in Liebe zu vereinen und ebenso, wenn er von der Reise zurückkehrt. Warum? Weil sie ihn während seiner Abwesenheit vermissen wird.

"Stimmt es, daß orthodoxe Juden Geschlechtsverkehr durch ein Loch in einem Tuch hindurch miteinander haben, um die erotische Erfahrung möglichst zu begrenzen?" fragte ich den Rabbi und bezog mich dabei auf eine Erzählung, die ich von Altersgenossen in meiner jüdischen Jugendgruppe gehört hatte. "Ganz und gar nicht", berichtigte mich Reb Zalman. "Ganz im Gegenteil. Die Lehre besagt, daß das Paar völlig unbekleidet sein muß. Es darf nichts zwischen ihnen sein, so wie es keine Distanz zwischen uns und Gott geben sollte." Was Reb Zalman mir sagte, ist sicher wahr. Ich fand eine Passage aus einem der größten rabbinischen Kommentare, dem Shulchan Aruch, das in diesem Gebot noch einen Schritt weitergeht: "Wenn ein Mann sagt: ‚Ich möchte nur bekleidet Geschlechtsverkehr haben' - muß er sich von ihr scheiden lassen und ihr die Summe Geldes geben, die im Ehevertrag festgelegt worden war. Denn die Torah verlangt ausdrücklich körperliche Nähe."

Im Judentum wird eine Sinnlichkeit des gesamten Körpers zum Ausdruck gebracht, angefangen mit der Reichhaltigkeit melodischer Gebete aus dem "Lied der Lieder", über das Schwingen und Verbeugen im Gebet versunkener Juden und den süßen Düften der Gewürznelken und Orangen am Ende des Sabbat, bis letztlich zur Bestimmung des Sabbat als eine dem Liebesakt besonders geweihte Zeit. Praktisch gesehen ist der Abend des Sabbat eine entspannte und ruhige Zeit für die intime Begegnung - die Arbeit der Woche ist abgeschlossen und beiseite gelegt, das Haus ist geputzt, die Mahlzeiten sind vorbereitet; der Tag der Ruhe steht bevor. Der Sabbat ist symbolisch die Braut Gottes. In wunderschöner Bildhaftigkeit und in Gebeten, die am Freitagabend gesungen werden, locken die frommen Verehrenden die Braut herbei, die Sabbat-Braut. Und genauso umwirbt der Mann seine Frau, hält das Versprechen, das er ihr im Ehevertrag gegeben hat, und ehrt die Königin des Sabbat.

Diese poetischen Rituale sind Metaphern für die Liebe der Israeliten zu Gott und scheinen gleichzeitig perfekt dafür konzipiert worden zu sein, einige der häufigsten, wenn auch sehr oft unausgesprochenen Zweifel hinsichtlich intimer Beziehungen zu klären: Wie oft? Wann? Diese Fragen, die potentiell eine Quelle von Angst, Konflikt, Mißdeutung oder Projektionen sein können, werden von diesem Komplex von Geboten angesprochen. Die Rabbis gaben sogar Kommentare zur Häufigkeit und Einzelheiten der Regeln bezüglich sexueller Intimität, und erklärten, daß diese Gesetze intime Beziehungen weder beschränken noch verbieten wollen, sondern dazu da sind, Nähe und Heiligkeit in der Beziehung entstehen zu lassen.

Auf die Frage "Warum hat der Schöpfer ein so kompliziertes Gesetzeswerk geschaffen?", antwortete einer der rabbinischen Kommentatoren: "Weil der Mann das Interesse an seiner Frau verlieren könnte, wenn er sich durch ständigen Kontakt an sie gewöhnt. Also sagte die Torah, sie sollten (zeitweise) getrennt sein, damit sie für ihren Mann genauso begehrenswert ist wie damals, als sie unter den Hochzeitsbaldachin trat."

Ich war beeindruckt von der tiefen Menschlichkeit dieser Lehre, die eine sehr zärtliche und würdevolle Beziehung zur Sexualität und zum Partner erkennen läßt.

Im Judentum werden der sexuelle Wunsch und der Ausdruck der Sexualität akzeptiert und entmystifiziert, und so wird Sex zu einer Selbstverständlichkeit, einfach zu einem Teil der menschlichen Erfahrung. Und doch läßt die Lehre des Judentums auch gleichzeitig immer wieder ein Gefühl für das Wunderbare, das darin liegt, entstehen, weil dauernd auch auf das hingewiesen wird, was über die Beteiligten hinausgeht.

Verglichen mit der Liebe zum Detail der rabbinischen Kommentare in bezug auf die praktische Bedeutung der Gesetze der Torah für Männer und Frauen, ist über Esoterik und Mystik nur wenig schriftlich festgehalten. Die Kabbalah (die mystische Lehre im Judentum) spricht aber doch von einem Potential zur Transzendenz in der sexuellen Vereinigung, und das ist dem nicht unähnlich, was in östlichen tantrischen Traditionen beschrieben wird. Gott sollte nicht nur im Liebesakt präsent sein, sondern die sexuelle Vereinigung an sich wird als ein Mittel zum Erreichen von Transzendenz gesehen, wobei die Vereinigung von Mann und Frau - Yichud, die kosmische Verschmelzung - das Ziel der Kabbalah symbolisiert. Ich war davon fasziniert, daß ein Gesetzeswerk, das in seinem Kodex ethischen Verhaltens so genau ist, auch eine Lehre über die Auflösung der getrennten Existenz und die Verwirklichung absoluter Einheit enthält.

Durch die Wärme seiner Persönlichkeit und sein überschwengliches Wesen vermittelte Rabbi Schachter selbst sehr viel von dem Geist und der Menschlichkeit dieser Lehren. In jedem unserer Gespräche bot er großzügig seine eigenen Einsichten, Kontemplationen und Erkenntnisse dar. Seine offensichtliche Begeisterung, verbunden mit einem höchst inspirierenden traditionellen Kommentar, brachte eine weite und facettenreiche Sicht von Sexualität zum Erstrahlen und gab uns viel zum Nachdenken darüber, wie man sich nach jüdischer Ansicht in diesem komplizierten Bereich des Lebens am besten zurecht finden kann.

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WIE Ausgabe 2:
Unsere Ausgabe zum Thema Sex & Spiritualität?


Interviews mit: Miranda Shaw, Margot Anand, Barry Long, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, Pater Thomas Keating, Bhante Henepola Gunaratana, Swami Chidananda




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