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Ewig dabei sein


Reinkarnation und Evolution

Ein Interview mit Jens Heisterkamp
von Thomas Steininger
 


Interview

WIE: Wir kennen Seelenwanderung und Wiederverkörperung vor allem vom Buddhismus. Aber es gibt einige Ausnahmen in der westlichen Tradition. Zum Beispiel bei Rudolf Steiner. Die Lehre der Reinkarnation hat ja in Steiners Anthroposophie einen wichtigen Stellenwert.

HEISTERKAMP: Ja, als Rudolf Steiner einmal gefragt wurde, was der Kern seiner Lehre sei, war seine Antwort: "Reinkarnation und Karma in den Westen zu bringen."
Er hat diesem Thema eine zentrale Rolle gegeben.

WIE: Gibt es denn zur Reinkarnation so etwas wie einen speziellen westlichen, einen abendländischen Zugang?

HEISTERKAMP: Ich denke, ja. Der traditionelle Buddhismus betrachtet den Gang durch die Verkörperungen eher als ein Übel, als etwas, das dem Menschen auferlegt ist, woraus er sich aber eigentlich befreien will und soll. Das ist sicherlich ein elementarer Unterschied zu der Reinkarnationsidee wie sie im Westen, zum Beispiel bei Lessing, auftaucht, wo Reinkarnation ganz positiv mit der Idee von Entwicklung verbunden wird und nicht nur als ein Weg des Abstiegs in die stoffliche und leidvolle Welt gilt.

WIE: Hat das damit zu tun, dass die Reinkarnationsidee hier in einem ganz anderen kulturellen Umfeld auftritt? Lessing lebte ja in einer völlig anderen Zeit als Gautama Buddha.

HEISTERKAMP: Ja. Die Bewusstseinsentwicklung der Neuzeit brachte im Westen eine starke Ausprägung des Individualismus, in dem das jeweils einzelne Leben sehr betont wird. Daraus bildete sich eine starke Wertschätzung des einzelnen Menschen. Doch mit dieser Entwicklung stellte sich auch die Frage: Macht es Sinn, wenn sich das individuelle Bewusstsein, das die Frucht einer so langen Entwicklung der Menschheit ist, wenn man stirbt, einfach ins Nichts auflöst?
Auch beendet, mit wenigen großen Ausnahmen, die überwiegende Anzahl der Menschen ihr Leben in einem sehr unvollkommenen Zustand. Wäre der Tod das Ende, dann würde diese Unvollkommenheit doch in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden. Die Idee der Wiederverkörperung eröffnet hier eine Möglichkeit der Vervollkommnung innerhalb der Welt. Das ist das wirklich Neue daran. Und das ist, nochmals zur Frage Ost-West, eine andere Akzentuierung als die Reinkarnationsidee in der traditionellen östlichen Spiritualität.

WIE: Sie eröffnet eine spezifische evolutionäre Perspektive, in der die Unvollkommenheit eines einzelnen Lebens nicht als Endzustand hingenommen wird.

HEISTERKAMP: Genau ... das geht dann in Richtung einer Entwicklung zum Universellen, denn hier verändert sich auch das Verständnis dessen, was dieses Individuum ist.
Unsere Fixierung auf die einzelne unwiederbringliche Biografie mit ihrem besonderen Wert hat ja die Frage nach dem Sinn des Ganzen enorm forciert. Das moderne Individuum ist plötzlich ohne irgendwelche transzendenten Bande ganz auf sich gestellt, aber dadurch ist das Leben auch irgendwo sehr sinnlos geworden. Ich habe das auch persönlich so erlebt, dass die Idee der Wiederverkörperung hier wirklich einen Durchbruch schaffen kann, dass man den Sinn dieses einzelnen Lebens plötzlich in einer unglaublich erweiterten Bedeutungsperspektive sieht.

WIE: Wie das?

HEISTERKAMP: Letzten Endes durch die Vorstellung, sozusagen in Ewigkeit aktiv dabei zu sein. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man sich auf diese einzelne Biografie festgelegt empfindet.

WIE: Es nimmt die einzelne Biografie aus dem persönlichen Zusammenhang heraus?

HEISTERKAMP: Das denke ich schon.

WIE: Da zeigt sich dann diese universelle Dimension. Wenn meine Biografie in Wirklichkeit eine Kette unzähliger Biografien ist, dann wird der Bedeutungszusammenhang, in dem ich stehe, riesig groß.

HEISTERKAMP: Ganz genau. Unsere Betonung der Individualität - und die damit einhergehende Vereinzelung - bedeutet ja in gewisser Weise auch einen Endpunkt. Durch die Idee der Reinkarnation wird unser einzelnes Leben plötzlich wieder als Teil einer ungeheuren Entwicklung gesehen: Wo kam das alles her? Die ganze Evolution der Natur gehört dann mit dazu. Unsere Individualität braucht ja diese verleiblichte Form, die erst ein selbstreflexives Bewusstsein ermöglicht, sie braucht die ganze Geschichte der Menschheit, elementare Formen von Kultur, eine Entwicklung des Bewusstseins aus kollektiven zu immer individuelleren Formen und so weiter.
Und dann führt das aber auch zu einem Blick nach vorne: Wo geht das Ganze hin, wie könnten zukünftige Existenzformen aussehen, wenn wir wieder in einem viel stärkeren Bewusstsein des kosmischen Zusammenhangs leben? Vielleicht geht die Entwicklung dahin, dass diese fest umrissene Form von Individualität ihre Konturen verliert und der Zusammenschluss unter freien Geistern eine viel größere Rolle spielt. Dass Menschen durch ein freies Sichzusammenschließen neue Formen des geistigen Daseins schaffen, gemeinsame geistige Felder bilden, das würde für mich aus dieser Verengung unserer heutigen Zeit wieder herausführen.

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