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Interview WIE: Wir kennen Seelenwanderung und Wiederverkörperung vor allem vom Buddhismus. Aber es gibt einige Ausnahmen in der westlichen Tradition. Zum Beispiel bei Rudolf Steiner. Die Lehre der Reinkarnation hat ja in Steiners Anthroposophie einen wichtigen Stellenwert. HEISTERKAMP: Ja, als Rudolf Steiner
einmal gefragt wurde, was der Kern
seiner Lehre sei, war seine Antwort:
"Reinkarnation und Karma in den Westen
zu bringen." WIE: Gibt es denn zur Reinkarnation so etwas wie einen speziellen westlichen, einen abendländischen Zugang? HEISTERKAMP: Ich denke, ja. Der traditionelle Buddhismus betrachtet den Gang durch die Verkörperungen eher als ein Übel, als etwas, das dem Menschen auferlegt ist, woraus er sich aber eigentlich befreien will und soll. Das ist sicherlich ein elementarer Unterschied zu der Reinkarnationsidee wie sie im Westen, zum Beispiel bei Lessing, auftaucht, wo Reinkarnation ganz positiv mit der Idee von Entwicklung verbunden wird und nicht nur als ein Weg des Abstiegs in die stoffliche und leidvolle Welt gilt. WIE: Hat das damit zu tun, dass die Reinkarnationsidee hier in einem ganz anderen kulturellen Umfeld auftritt? Lessing lebte ja in einer völlig anderen Zeit als Gautama Buddha. HEISTERKAMP: Ja. Die Bewusstseinsentwicklung
der Neuzeit brachte im Westen
eine starke Ausprägung des Individualismus,
in dem das jeweils einzelne Leben
sehr betont wird. Daraus bildete sich
eine starke Wertschätzung des einzelnen
Menschen. Doch mit dieser Entwicklung
stellte sich auch die Frage: Macht es Sinn,
wenn sich das individuelle Bewusstsein,
das die Frucht einer so langen Entwicklung
der Menschheit ist, wenn man stirbt, einfach
ins Nichts auflöst? WIE: Sie eröffnet eine spezifische evolutionäre Perspektive, in der die Unvollkommenheit eines einzelnen Lebens nicht als Endzustand hingenommen wird. HEISTERKAMP: Genau ... das geht dann in
Richtung einer Entwicklung zum Universellen,
denn hier verändert sich auch das Verständnis
dessen, was dieses Individuum ist. WIE: Wie das? HEISTERKAMP: Letzten Endes durch die Vorstellung, sozusagen in Ewigkeit aktiv dabei zu sein. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man sich auf diese einzelne Biografie festgelegt empfindet. WIE: Es nimmt die einzelne Biografie aus dem persönlichen Zusammenhang heraus? HEISTERKAMP: Das denke ich schon. WIE: Da zeigt sich dann diese universelle Dimension. Wenn meine Biografie in Wirklichkeit eine Kette unzähliger Biografien ist, dann wird der Bedeutungszusammenhang, in dem ich stehe, riesig groß. HEISTERKAMP: Ganz genau. Unsere Betonung der Individualität - und die damit einhergehende Vereinzelung - bedeutet ja in gewisser Weise auch einen Endpunkt. Durch die Idee der Reinkarnation wird unser einzelnes Leben plötzlich wieder als Teil einer ungeheuren Entwicklung gesehen: Wo kam das alles her? Die ganze Evolution der Natur gehört dann mit dazu. Unsere Individualität braucht ja diese verleiblichte Form, die erst ein selbstreflexives Bewusstsein ermöglicht, sie braucht die ganze Geschichte der Menschheit, elementare Formen von Kultur, eine Entwicklung des Bewusstseins aus kollektiven zu immer individuelleren Formen und so weiter.Und dann führt das aber auch zu einem Blick nach vorne: Wo geht das Ganze hin, wie könnten zukünftige Existenzformen aussehen, wenn wir wieder in einem viel stärkeren Bewusstsein des kosmischen Zusammenhangs leben? Vielleicht geht die Entwicklung dahin, dass diese fest umrissene Form von Individualität ihre Konturen verliert und der Zusammenschluss unter freien Geistern eine viel größere Rolle spielt. Dass Menschen durch ein freies Sichzusammenschließen neue Formen des geistigen Daseins schaffen, gemeinsame geistige Felder bilden, das würde für mich aus dieser Verengung unserer heutigen Zeit wieder herausführen.
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