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Das Paradies, das wir suchen


Die Pfarrerin Dr. Cynthia Bourgeault über den christlichen Weg zum Tod des Egos und der Entdeckung des wahren Selbst
Auszüge aus einem Interview
von Maura R. O´Connor
 




"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht."

(Joh. 12, 24)

Die kreative und immer wieder neue Metapher Jesu von der Saat, die in die Erde fällt und stirbt, ist das Herz des christlichen Weges. In der Tat findet sich in dieser besonderen Lehre Jesu die Vorstellung von Kenosis oder "Selbstentleerung". Kenosis ist im Grunde vergleichbar mit den klassischen spirituellen Lehren des Ungebundenseins oder des Nichtanhaftens, aber Kenosis verfügt zusätzlich über eine dem innewohnende Wärme: Es bedeutet, das, woran man anhaftet, aktiv und willentlich loszulassen, so, als wenn man etwas anderem den Raum gibt, um zu sein. Das war die Praxis Jesu, sein Weg und seine einzigartige Vision davon, wie Bewusstsein transformiert werden kann. Es ist eine Praxis des Loslassens.

Immer wieder loszulassen ist eine Art Instrument der Wahrnehmung. Es lässt einen nicht nur zu einer freieren und besseren Person werden, sondern in Wirklichkeit befähigt es dazu, aus der tiefsten Erkenntnis heraus zu sehen, was das Eine ist. Loslassen ist keine Haltung, sondern ein innerer Ausdruck, der in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wenn spirituelle Lehrer dir also ständig sagen, dass du loslassen sollst, dann nicht, um netter und nützlicher für den Planeten zu werden, sondern weil es eine Art spirituelles Aerobic ist, das buchstäblich die Selbstempfindung transformieren wird, wenn du es gewissenhaft, unentwegt und geduldig in allen Lebenssituationen übst.

Für wahre spirituelle Meister, von denen Jesus sicherlich einer war, ist Sterben das Loslassen oder die Kenosis deines "egoischen Betriebssystems", das ständig die Selbstempfindung einer von anderen unterschiedenen und abgetrennten Person mit ihren Qualitäten, ihrer Einzigartigkeit, Besonderheit, ihrer persönlichen Geschichte und ihren Zielen ausspuckt. Für dieses Selbst bedeutet zu sterben das Sterben aller Selbstgespräche und der Projektion deines Selbst nach außen in die Welt. In der Tat ist das große Ziel in diesem Leben nicht, sich auf seinen physischen Tod vorzubereiten, sondern an der schrittweisen Überwindung des egoischen Antriebsmechanismus mitzuarbeiten und als Blüte der völligen Gegenwärtigkeit wieder geboren zu werden: als das wahre Selbst. Dieses Selbst weiß immer, was getan werden muss, es weiß immer, wann wir wahrhaftig sind und wann nicht, wann wir frei sind und wann nicht. Im Grunde genommen sagen alle spirituellen Lehrer der Welt, dass, wenn man gestorben ist und auf diese Weise wiedergeboren wurde, der physische Tod eigentlich etwas ist, das man nicht einmal mehr wahrnimmt.

Um das wahre Selbst jedoch zu manifestieren, musst du das Feld der gewöhnlichen Sprache komplett reinigen, weil in der gewöhnlichen egoischen Syntax das wahre Selbst etwas ist, was du "hast" und deshalb musst du es "finden". Aber das wahre Selbst ist nicht etwas, was du hast, sondern du bist es. Denk an die Flamme einer Kerze. Die Flamme ist nur eine Flamme, so lange sie brennt. Sie ist ein Prozess, und es würde keine Flamme mehr geben, wenn sie ihn stoppen würde und versuchen würde, ihr "Flamme-Sein" zu haben. Genau so ist es, wenn du anhältst und sagst: "Ich möchte mein wahres Selbst messen, ich möchte es definieren, ich möchte seine Eigenschaften auflisten, ich möchte es mit meinem falschen Selbst vergleichen." Dann hast du "das Spiel verloren", weil du eine Datei in dein Betriebssystem heruntergeladen hast, das naturgemäß nichts anderes kann, als das wahre Selbst zu karikieren.

Das falsche Selbst ist wie ein Schleier, der das Paradies verhüllt, das wir suchen. Am Ende seines Lebens wurde Moses ein Blick in das verheißene Land gewährt. Man brachte ihn auf einen Felsen und er konnte es sehen. Er hatte sogar eine Erfahrung davon, konnte es aber nicht betreten. Das ist eine Art Analogie zu dem, worüber ich spreche: So lange du alles durch das Ego verarbeitest, "hast" du lediglich mystische Erfahrungen. Aber wenn das falsche Selbst stirbt, betrittst du das Paradies. Und du kannst nicht das Paradies betreten, die mystische Einsicht plündern, zurückkommen und ein Buch schreiben, sodass die Leute sagen: "Oh, was für ein Ehrfurcht gebietender Mystiker." Du musst verschwinden, sodass nichts mehr übrig ist, was die Erfahrung zurück an einen anderen Ort tragen kann. Dann beginnt man schließlich in der Geschwindigkeit des Geheimnisses zu leben, das wir sind. Das ist die Frucht, von der Jesus sprach.

Pfarrerin Dr. Cynthia Bourgeault hat als Studierende, Geistliche der Episkopalkirche und als Einsiedlerin die letzten drei Jahrzehnte der Praxis des kontemplativen christlichen Weges gewidmet. Als leitende Lehrerin der Contemplative Society in British Columbia hat sie eng mit christlichen spirituellen Meistern wie Father Thomas Keating und Bruder Bruno Barnhart zusammengearbeitet. Zurzeit lebt sie abwechselnd in den Rocky Mountains, Maine und British Columbia.

Dieser Artikel wurde unterstützt vom Trust for the Meditation Process, einer gemeinnützigen Organisation, die kontemplative Praxis unter Christen unterstützt und den Dialog und die Kooperation mit allen kontemplativen Traditionen fördert.

Hören Sie das exklusive Interview mit Cynthia Bourgeault in voller Länge unter

wieunbound.org/bourgeault



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