Your email address is kept confidential, and will never be published, sold or given away without your explicit consent.

Thank you for joining our mailing list!

Close
















Erben des Holocaust


Drei Generationen nach Auschwitz von Dr. Ingo Jahrsetz
von Dr. Thomas Steininger
 


Einleitung

Dr. Thomas Steininger, leitender Redakteur der deutschsprachigen Ausgabe von What Is Enlightenment? ist davon überzeugt, dass der Artikel "Erben des Holocaust" von Dr. Ingo Jahrsetz das Potenzial hat, unser Verhältnis zu Auschwitz radikal zu verändern.

Wie stehen wir nun wirklich zu Auschwitz? Selten war unser ungelöstes Verhältnis zum Holocaust offensichtlicher als in den Jahren der Debatte rund um die Errichtung des Holocaust-Denkmals in Berlin. Welche öffentlichen Krämpfe und Kämpfe wurden damals in allen Medien ausgetragen! Und es waren nicht nur öffentliche Krämpfe–ich kann mich noch an meine eigene erste Reaktion erinnern, als ich zum ersten Mal von Peter Eisenmanns Entwurf hörte, dieses riesige, an einen Friedhof erinnernde Stelenmeer mitten in Berlin zu errichten. Ich war schockiert. Nach meinen Vorstellungen sollte ein solches Denkmal etwas Versöhnliches ausdrücken, etwas, das diesem unsäglichen Kapitel einen versöhnlichen Abschluss gibt. Eisenmanns Entwurf war jedoch eine ästhetische Provokation, der versprach, die tiefe Wunde, die Auschwitz in unsere Kultur gerissen hat, weiter offen zu halten. Diese Aussicht fand ich unerträglich. Aber meine damalige Reaktion auf Peter Eisenmanns Mahnmal war noch milde gegenüber dem, was ich in vielen Zeitungen las. Wir sind noch lange nicht im Reinen mit der damaligen Zeit. Dabei sind die deutschen Fernsehkanäle voll mit Dokumentationen über Josef Goebbels, Eva Braun, Hitlers Obersalzberg oder Sendungen mit dem Titel "Überleben im Versteck–Verfolgte, Juden und ihre Helfer". Wie kommt es, dass wir trotz dieser Fülle der Worte, Filme, Bücher und Artikel auch 60 Jahre danach nicht dazu in der Lage sind, unserer Geschichte interessiert und offen zu begegnen?

Diese Frage veranlasste mich, auch über meine eigene Beziehung zu Holocaust und Nazizeit vermehrt nachzudenken, und was ich hier fand, war nicht immer so schön und abgerundet wie gehofft. Mit all diesen Fragen stieß ich auf die Arbeit von Dr. Ingo Jahrsetz. Als Psychotherapeut und Leiter der Schule für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie organisiert Ingo Jahrsetz seit einigen Jahren mit seiner jüdisch-amerikanischen Kollegin Judith Miller Seminare zu dem Thema "Die Erben des Holocaust–drei Generationen nach Auschwitz". Was mich an seiner Arbeit so beeindruckt hat, war sein ungewöhnlicher Blickwinkel auf dieses Thema. Ingo Jahrsetz zeigt Auschwitz eben nicht nur als ein historisches Ereignis, sondern als Teil unserer seelischen Gegenwart. Wie könnte es auch anders sein, wie könnte ein derartig maßloses Verbrechen, in das fast ein ganzes Volk als Täter, Mitläufer oder Wegschauer beteiligt war, nicht tiefe Narben in der Seele und in der Kultur der nachfolgenden Generationen hinterlassen? Aber davon wird in der deutschen Öffentlichkeit nicht gesprochen. Auschwitz ist entweder jene grauenhafte Schuld, die unsere Vorfahren auf sich geladen haben, oder diese historische Altlast, die wir endlich hinter uns lassen sollten. Aber Auschwitz als Teil von uns? Auschwitz als Teil unseres heutigen Seins? Wer spricht davon?

Ingo Jahrsetz zeigt in seinem Artikel, den wir erstmals 2004 in unserer deutschen Ausgabe veröffentlichten, wie die Nach-Auschwitz-Generationen von ihren Eltern eine ganze Kultur des Schweigens und der Kommunikationslosigkeit geerbt haben, eine Kultur des Schweigens, die viel mit der emotionalen Kälte in unseren Familien zu tun hat.

Betrachtet man die nationalsozialistischen Verbrechen auf diese Weise, dann stellt sich gar nicht erst die Frage, ob man diese alten Geschichten endlich auf sich beruhen lassen soll, denn diese Geschehnisse sind nicht alt–ob wir es wollen oder nicht–sie sind in uns lebendig.

Solange wir keine ehrliche Beziehung zum Terror unserer Vorväter finden, lebt dieser Terror in uns fort. Das ist die mutige und richtungsweisende Schlussfolgerung, die Ingo Jahrsetz in seinem Beitrag aufzeigt. Darum habe ich diesen Artikel für unsere Jubiläumsausgabe ausgewählt.

Dieses Thema hatte mich auch nach unserer ersten Veröffentlichung nicht mehr losgelassen. Daher folgte ich einer Einladung von Ingo Jahrsetz und Judith Miller, eines ihrer Sommerseminare zu besuchen, auf denen Deutsche und Juden versuchen, sich gemeinsam dieser historischen Last anzunähern, die beide Völker–die einen als Täter, die anderen als Opfer–so schicksalshaft miteinander verbindet.

Es waren vor allem drei Begegnungen auf diesem Seminar, die meine Beziehung zu den Ereignissen des 2. Weltkrieges radikal verändern sollten: Als ich nach einigen Tagen in diesem einwöchigen Retreat von meiner ehrlich gemeinten Bereitschaft sprach, für das, was damals geschehen war, Verantwortung zu übernehmen, konfrontierte mich eine junge russische Jüdin mit der Frage, wie ich denn wirklich Verantwortung übernehmen will für ihre Großmutter, die während der deutschen Belagerung von Leningrad elendig verhungert ist. Wer von uns weiß schon, dass während der 900(!)-tägigen Einkesselung von Leningrad durch deutsche Truppen in dieser nordrussischen Stadt über eine Million Russen schlicht verhungert sind, nachdem sie angefangen hatten, das Leder ihrer Schuhe zu kochen und zu essen. Da saß ich dieser jungen Russin gegenüber und wusste eigentlich nicht, wie ich ihr antworten konnte. Das Elend und den Schrecken dieser vergangenen Zeit konnte ich nicht einfach wegschieben. Diese junge Frau war von dieser gemeinsamen Vergangenheit genauso geprägt wie ich.

Eine andere Teilnehmerin lüftete erst ganz zum Ende dieses Seminars, und das nur unter sanftem Druck der Seminarleiter, ein Geheimnis, das sie den Großteil ihres bisherigen Lebens mit sich herumgetragen hatte. Als Kind hatte sie die Konzentrationslager überlebt. Seitdem lebt sie unter falschem Namen in Deutschland, weil sie noch immer Angst hat, die Leute könnten herausfinden, dass sie Jüdin ist.

Als eine junge Deutsche davon erzählte, dass ihr Großvater auch in Auschwitz gewesen sei, schloss sie den Satz mit: "Aber er war auf der anderen Seite". Ihr Großvater war einer der bekanntesten SS-Folterer, der später als Kriegsverbrecher bei den Frankfurter Auschwitzprozessen verurteilt wurde. Sie hatte viel zu erzählen, wie sehr die Kindheit in ihrer Familie vom Schweigen geprägt war. Dass jemand wie sie die seelische Stärke hat, dieses Schweigen zu brechen und versucht, mit ihrer eigenen Scham ein menschliches Verhältnis dazu zu finden, dass ihr Großvater war, wer er war, das machte Mut.

In diesem Seminar, mehr noch als durch Ingo Jahrsetz' Artikel, begann ich zu begreifen, dass wir, wenn wir von diesen schrecklichen Ereignissen sprechen, von realen Beziehungen sprechen, die wir als Menschen jetzt haben, als Deutsche zu Juden, als Deutsche zu Russen, als Deutsche zu Deutschen, dass wir, nur wenn wir eine ehrliche und offene Beziehung zu diesen schrecklichen Zeiten finden, eine ehrliche und offene Beziehung von Mensch zu Mensch und zu uns selber finden.

Das macht diesen neuen Blickwinkel, den Ingo Jahrsetz in die Diskussion um die deutsche Vergangenheit einführte, so fruchtbar. Auschwitz ist wichtig, nicht nur weil dieses gewaltige Verbrechen sich nicht wiederholen darf, sondern auch, weil wir als heutige Deutsche im tiefsten Sinne unfähig sind, wirklich Mensch zu sein, solange wir uns unserer Geschichte nicht stellen.

Das stimmt für jeden Einzelnen, aber auch für die deutsche Nation als Ganzes. Vor einigen Monaten hatte ich mit Andrew Cohen, dem Herausgeber von What Is Enlightenment?, der auch mein spiritueller Lehrer ist, eine Diskussion darüber, was es denn für uns Deutsche bedeuten könnte, als Nation für die Verbrechen der Vergangenheit Verantwortung zu übernehmen. Andrew Cohen und ich hatten kurz vor dieser Diskussion das Holocaust-Mahnmal in Berlin besucht. Wir beide waren von der einfachen Ästhetik dieses Ortes beeindruckt, und davon, dass hier im Zentrum von Berlin, in unmittelbarer Nähe zu den Zentren der Macht–dem Deutschen Reichstag und dem Bundeskanzleramt–ein so eindrückliches und kraftvolles Mahnmal für diese Verbrechen errichtet wurde. Aber was bedeutet es, dass wir als Nation dafür die Verantwortung übernehmen? Im Laufe der Diskussion sprachen wir auch über die Situation im Sudan, wie die Weltöffentlichkeit anscheinend schon wieder genau wie in Ruanda wegsieht, dass in Darfur ein langsamer, aber systematischer Völkermord vollzogen wird.

Da überraschte Andrew Cohen mich mit einem provokanten Vorschlag: Was wäre, wenn die deutsche Regierung sich dazu verpflichten würde, bei jedem von den Vereinten Nationen festgestellten Völkermord unter dem Oberkommando der UNO deutsche Truppen in das Krisengebiet zu schicken, um diesen Völkermord, wenn nötig eben auch mit militärischen Mitteln, zu beenden. Wäre das nicht eine Antwort auf den Holocaust? Wäre das nicht eine Form, vor der Geschichte Verantwortung zu übernehmen?

Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet, ist doch die übliche Lehre, die wir Deutschen aus unserer Geschichte gezogen haben die genau umgekehrte–wir wurden alle Pazifisten, und weil wir nichts mit diesem verbrecherischen Krieg zu tun haben wollten, wollten wir mit keinem Krieg mehr etwas zu tun haben. Aber machen wir es uns da nicht zu einfach? Ich konnte das Argument nicht von der Hand weisen, dass die völkerrechtliche Verpflichtung, keinen Völkermord mehr zu dulden, auch nicht in Afrika, eine zutiefst menschliche Antwort auf das wäre, was Deutsche der Menschheit angetan haben.

Die Diskussion ist auf jeden Fall offen, wenn es darum geht, eine menschliche Antwort auf die Frage zu finden, was es im persönlichen wie im gesellschaftlichen Bereich bedeutet, dass Auschwitz ein Teil von uns ist.



[ zurück zum Inhalt ]




artikel drucken

email an die redaktion

artikel versenden

inserieren

nachdrucken
abonnieren abonnieren geschenk abo


home | aktuell | archiv | bestellen | über wie
herausgeber | kontakt | links | site map
WIE Ausgabe 22:
15 JAHRE WIE - JUBILÄUMSAUSGABE


Von den bescheidenen Anfängen hat sich What Is Enlightenment? zu einem Magazin mit internationalem Erfolg entwickelt und seinen Lesern in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine multidimensionale Erforschung der gegenwärtigen Spiritualität geboten.





full table of contents

buy this issue

Neues bei WIE
Letzte Neuigkeiten und Aktuelles!

E-Mail-Adresse hier angeben.