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Es gibt keine "Gnade der späten Geburt", wie dies der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl einmal zu vertreten versuchte. Zwei Weltkriege, die das deutsche Volk im 20. Jahrhundert angezettelt hatte, der Völkermord an den Juden, die Vernichtung Andersstämmiger und Andersdenkender–all dies hat unser Leben seit über 50 Jahren tief beeinflusst. Wenn man heute vom Charakter der Deutschen spricht, gehört der Wahnsinn von Auschwitz ebenso dazu wie ihre philosophische und spirituelle Feinsinnigkeit und die jährliche Reise in die Sonne. Oder, in den Worten des früheren Hamburger Oberbürgermeisters Klaus von Dohnanyi: "Wer sagt: ,Unser Bach' und ,Unser Beethoven', der muss auch sagen: ,Unser Hitler'." In Sonntagsreden weisen Politikerinnen und Politiker immer wieder auf die Verbrechen der Vergangenheit hin, oder junge Menschen, die offensichtlich manchmal nicht wissen, wovon sie sprechen, rezitieren über die Gräuel des Nationalsozialismus. Dies sind beschwörende, ritualisierte Veranstaltungen, die dazu dienen können, das aktuell wirkende Erbe des Nationalsozialismus, den mehr oder weniger subtilen Faschismus im heutigen Deutschland zu decken. In meiner eigenen Erfahrung fanden viele Menschen, die hörten, dass ich mich hiermit beschäftige, das Thema anfangs sehr interessant–doch wenn ich mehr erzählen wollte, kam oft höfliches Ablenken. Diese Ambivalenz zwischen großem Interesse und gleichzeitigem Es-nicht-sogenau-wissen-wollen ist sehr bezeichnend und zeigt, wie emotional verstrickt und unmittelbar betroffen unsere Generation noch ist. Wir Kinder machen es wie unsere Eltern. Wir pendeln zwischen Aufdecken und Verhüllen. Dies fand Gabriele Rosenthal* in Familieninterviews mit drei Generationen jüdischer Überlebender und deutscher Nazitäter oder Mitläufer und ihren Angehörigen, als eine beiden Seiten gemeinsame Struktur heraus. Schweigen ist das Hauptsymptom unserer Eltern–der ersten Generation. In der zweiten und dritten Generation begünstigt dieses Schweigen eine Abwehr im Sinne politisch rechter Gruppierungen, welche die Vergangenheit deuten, als ginge sie nachfolgende Generationen nichts mehr an, bis hin zu einer aktiven Umgestaltung der faschistischen Vergangenheit ("Auschwitz-Lüge") durch neonazistische Gruppen, eine Umformulierung der Realität, die einen psychotischen, wahnhaften Charakter trägt. Das Schweigen über die eigenen Wurzeln begünstigt auch die Sozialisation von "Als-ob-Persönlichkeiten". Ein Mann drückte das so aus: "Ich glaubte, ich wäre wer, aber ich war keiner und musste so tun, als ob ich einer wär." "Als-ob-Charaktere" fallen durch ihre Sprachlosigkeit auf. Dies ist ihr wesentliches Symptom, sie ist typisch für die zweite und oft auch die dritte Generation. Ihr Schweigen kann sich oft in ununterbrochenem Reden zeigen, doch die Worte bleiben leer und ambivalent. In der ersten Generation schützen sich die Ehepartner in der Regel gegenseitig und relativ offensichtlich. Sie erteilen sich manchmal ausdrücklich Sprechverbot. So wohnte eine der von Rosenthal befragten Familien in unmittelbarer Nähe des KZs Sachsenhausen, von wo aus sich täglich Schlangen von Häftlingen in ein berüchtigtes Klinkerwerk begaben, in dem viele Juden während der Zwangsarbeit starben. Für die Menschen in der Nachbarschaft musste das unübersehbar sein. Doch im Interview verbot der Ehemann seiner Frau, darüber zu erzählen. Später sprach er selbst davon, allerdings gab er den Juden die Schuld an ihrer eigenen Vernichtung. Oft wird einem Ehepartner die Rolle des Verhüllens von schmerzhaften, scham- und schuldbeladenen Realitäten zugewiesen, dem anderen die Funktion des Aufdeckens. Diese Dynamik spielt sich auch zwischen den Generationen ab: Einem Kind wird die Rolle des Aufdeckenden zugewiesen. Entspricht es den Erwartungen, wird es bestraft, manchmal aus nichtigen Anlässen sogar verprügelt. Nicht selten bekommt solche Gewalt einen rituellen Charakter, der über die Grenzen der Familie hinausweist. Enkel haben manchmal in ihren Fantasien erstaunlich konkrete Bilder von dem, was ihre Großeltern taten oder was ihnen geschehen war. Aber auch sie bewegen sich in der Regel zwischen Aufdecken und Verhüllen. Häufig benutzen sie ihre inneren Bilder, um die Familienehre, die Würde der Großeltern zu rekonstruieren. Diese Struktur findet sich in Familien von Nazis oder Mitläufern wie auch in Familien Überlebender der Shoah. In den jüdischen Familien kann vor allem die Hilflosigkeit, die Passivität, sowie das Maß an Ausgeliefertsein der Eltern bzw. Großeltern innerhalb der Nazi-Vernichtungsmaschine nicht anerkannt werden. Die Leiden der jüdischen Opfer werden von den Angehörigen manchmal mit Kriegsleiden gleichgesetzt. Eine Enkelin sagte über ihre in Auschwitz im Gas ermordeten Großeltern: "Meine Großeltern sind im Krieg gestorben ... Als ich ein kleines Mädchen war, redeten wir nicht so viel darüber. Die meisten Leute dachten, dass die Juden nichts taten, um gegen diese Situation zu kämpfen." Im Gas umgebracht worden zu sein, bedeutet eine Situation extremer Hilflosigkeit, derer sich viele Juden schämen. Sie werfen sich vor, dass sie sich wie "Schafe zur Schlachtbank führen" ließen und nicht aktiv für sich selbst gekämpft hätten. Dies kann so intensiv sein, dass Angehörige der zweiten Generation den Selbstvorwurf übernehmen. Immer wieder heben diese ihre kämpferischen Qualitäten hervor. Dazu dienen vor allem die israelischen Kriege, wie der Sechstagekrieg 1967, in dem Israel seine Stellung im Mittelmeerraum militärisch ausbaute. Die industrielle Vernichtung schuldloser Menschen ist beispiellos in der Geschichte. Sie war keine militärische Aktion, wie z. B. der Atombombenabwurf über Hiroschima und Nagasaki. Sie war ein industriell geplantes Morden von Angesicht zu Angesicht. Millionen deutscher Biedermänner und -frauen wirkten dabei mit. Sie fühlten sich kaum schuldig, gaben vor, lediglich das Normale zu tun. Jedem und jeder der Ermordeten schaute irgendwann ein Täter ins Gesicht. Da gab es die Planer, die Bürokraten, die Wissenschaftler, die Sadisten in den Lagern, die Voyeure, die zusahen, wie Nachbarn und Freunde abgeholt wurden, die schweigende Masse, welche die Augen verschloss, als ein ganzer Teil der Bevölkerung entrechtet und gedemütigt wurde und mehr und mehr verschwand. Wenn jüdische Menschen und die Nachkommen der Nazis und Mitläufer heute noch Sprachlosigkeit empfinden über das, was geschah, dann wohl auch, weil sie es nicht begreifen können. Das Sprechverbot über die industrielle Vernichtung schuldloser jüdischer Menschen erkennt an, dass so etwas in der Geschichte der Menschheit bisher nicht vorstellbar war. Das Morden der Nazis übersteigt das Menschliche. Im politischen und pädagogischen Bereich wurde bisher viel unentbehrliche Arbeit geleistet, Kontakte zwischen Deutschen und Israelis geschaffen, historische Stätten, in denen Deutsche Juden vernichteten, gewürdigt. Doch beschränken sich diese Initiativen oft auf das Damals. Das Heute wird weiterhin tabuisiert: In welcher Weise ist das Heute vom Gas der Vernichtungslager betroffen und beeinträchtigt? Das Heute zu benennen, kann Angst machen sowie Scham- und Schulderfahrungen auslösen. Wesentlich ist heute z. B. die Frage, auf welche Weise das schreckliche Vermächtnis unserer Elterngeneration an uns Zweite weitergegeben wurde. Bleiben wir beim Erinnern stehen, müssen noch so gut gemeinte Aktionen zwangsläufig erlahmen. Doch geht es ums Heute, werden uns die Jungen helfen, die nicht abgetragenen Ruinen von Auschwitz zu entdecken. Die ungelösten Probleme der Geschichte werden von Generation zu Generation im Sinne einer karmisch zwingenden Kausalität weitergegeben. Allerdings wird der Ursprung der Traumatisierung in der dritten Generation immer unkenntlicher. Auffallend entwickeln die Enkel jedoch lebhafte und deutliche Fantasien, Träume und Bilder. Diese Bilder zeichnen oft in hellsichtiger Weise und sehr konkret verschwiegene Lebenssituationen der ersten und auch der zweiten Generation. In der Therapie entsteht die Gefahr, solche Bilder zu individualisieren, symbolisch als Ablösungskonflikte zu interpretieren und nicht als das, was sie sind: als Aufdecken des kollektiv Verdrängten. "Die Gnade der späten Geburt" ist nicht aus historischen, sondern aus psychologischen Gründen ein Trugschluss: weil es dieses unglaubliche Phänomen gibt, dass Menschen in der zweiten Generation, die mit den unmittelbaren Ereignissen selbst nicht in Kontakt standen, dennoch unter ihnen leiden, oder sich–etwa durch Verleugnung–entsprechend wehren. Viele entwickeln plötzlich Symptome, die, nimmt man die Spur auf, zurückführen in die Konzentrationslager der Mütter und Väter, die dort in Agonie die schwarze Sonne fixierten, in die Gettos und an die Leichengräben, wo die Väter mit Flammenwerfer und Gewehr Vernichtung übten. Und auch Bombennächte, Hunger, Vertreibung, Vergewaltigung und Versprengung traumatisierten die Generationen. Erlebt man diese unheimlichen Verbindungen nicht selbst, glaubt man es nicht: Geschichte setzt sich fort, nicht nur in dokumentierbaren Ereignissen, sondern in den Seelen–in den Vorstellungen der Menschen von sich selbst. Das Erbe, das in den Familien weitergegeben wird, charakterisiert sich durch ein Zuviel, ein Übermaß an dem, was ein Mensch und darüber hinaus, Menschen überhaupt, mit politischen und psychologischen Mitteln ertragen und verarbeiten können. Das Zuviel des Holocaust, der kollektive Übergriff auf die menschliche Seele, trug von Beginn an einen transpersonalen Charakter, weil er über das Personale hinausging. Falls es Deutschen einmal gelingt, von ihren jüdischen Opfern Verzeihung zu erbitten, falls es gelingt, dass Juden sich selbst verzeihen können, könnte das ein Schritt sein, der in seiner heilenden Wirkung über das Jüdische und Deutsche weit hinausgeht. Menschen hätten in ihrer Evolution gelernt, mit dem Bösen auf dieser Erde neu umzugehen; dies ist nicht nur eine Angelegenheit von Deutschen und Juden. In der Evolution des menschlichen Bewusstseins wehrten Juden wie Deutsche 1945 das kollektive Trauma zunächst gemeinschaftlich ab und (miss)brauchten dazu vor allem die Generation ihrer Kinder, die dieses kollektive Trauma dann individuell verarbeiten mussten. Die Einzelnen werden dabei oft verbraucht und müssen damit rechnen, dass sie in ihrem Leben scheitern werden. Die kritischen Orte des Scheiterns sind der Umgang mit der Kreativität und die Kompetenz zu intimer Beziehungsfähigkeit. Auf welche Weise wurden die Strukturen von der ersten an die zweite und dritte Generation weitergegeben? Nach der Kapitulation Deutschlands, Hitlers Selbstmord und der öffentlichen Aufdeckung des Völkermordes an den Juden brach für viele Deutsche ein Ideal zusammen. Statt der Erfüllung eines großen Versprechens gab es für viele Menschen narzisstische Zusammenbrüche, die von lebensnotwendiger Aktivität notdürftig aufgefangen wurden: Zerstörte Städte mussten aufgebaut, für Lebensmittel musste gesorgt werden. Angesichts der hoffnungslosen emotionalen Lage einer Mehrzahl der Deutschen war dies eine ungeheure Überlastung, die den ambivalenten Vorteil barg, nicht denken, nicht fühlen zu müssen. Da diese Überforderung der individuellen Leistungsfähigkeit ihre Quellen in der nationalsozialistischen gesellschaftlichen Praxis hatte, schien sie den meisten Menschen normal. Auf diese Weise konnte sich das narzisstische Trauma in der Gestalt allgemeiner Normalität präsentieren. Psychopathologische Symptome wie Pseudodummheit bis hin zur Pseudodebilität bei Kindern konnten gesellschaftlich vermehrt auftreten. Nicht-fühlen-zu-können, Sich-nicht-berühren-zu-lassen wurden zu verbreiteten Symptomen besonders bei Männern der zweiten Generation, die auf diese Weise oft lebenslang ihren Eltern loyal verbunden bleiben und dies an ihre eigenen Kinder weitergeben. Der Nationalsozialismus zeichnet sich durch ein Zuviel aus, ein Zuviel an Begeisterung, an Reizüberlastung, ein Zuviel an Missbrauch. Es war zu viel, was die individuelle Seele hätte verarbeiten müssen. So ist es zu verstehen, dass die erste Generation dies als Aufgabe an die zweite übertragen hat. Auch für mich als Angehörigen der zweiten Generation ist es oft zu viel. Mir wird mehr und mehr bewusst, dass es an dieser Stelle Grenzen gibt für ein Verstehen. Ich denke, es ist eine große Illusion, zu glauben, Nazischergen und jüdische Opfer individuell auf der Ebene des Common-Sense-Bewusstseins verstehen zu können. Verstehen zu können beruht immer auf der Möglichkeit eigener Erfahrungen. Ich glaube, dass für unsere Generation dieser Völkermord zu viel ist für ein Verständnis mit psychologischen Mitteln und dass wir sehr behutsam sein müssen, das Spirituelle, das Transpersonale als Hilfe zum Verstehen einzuführen. Nur eine Spiritualität, die sich auf Erfahrung bezieht, kann hier hilfreich sein. Spiritualität kann leicht missbraucht werden. Spirituelle Halbwahrheiten können leicht den unterschiedlichsten egoistischen Interessen nutzbar gemacht werden. Dies ist unsere heutige Erfahrung des New Age; ich glaube, dass der spirituelle Missbrauch sehr verbreitet ist und meistens unterschätzt wird. Es kann heute nicht mehr darum gehen, dass Menschen, die damals noch gar nicht geboren waren, immer wieder die Verbrechen der Vergangenheit beschwörend rezitieren. Auch das kann an spirituellen Missbrauch grenzen. WAS WIR TUN KÖNNEN? Wir können das Schweigen brechen, das heute zwischen Männern und Frauen liegt, zwischen Eltern und Kindern, Juden und Deutschen. Ich hatte einen Traum: Ich träumte, ein Nazi zu sein, ein Nazi in Auschwitz. Und ich träumte, sehenden Auges ein jüdisches Kind zu ermorden, Kinder von ihren Eltern zu trennen, Männer von ihren Frauen– die einen sofort ins Gas zu schicken, die anderen nach und nach, sehr bewusst und qualvoll umzubringen. Ich war in einem Gefühl zwischen Rausch und Pflichterfüllung. Ich erkannte, dass die Vernichtung von Millionen exakt bedeutet, Millionen Mal einen einzigen wehrlosen Menschen brutal wissend zu ermorden. Ich fühlte die Unendlichkeit des Leidens dieser Welt, die Endlosigkeit von Neid, von Rache und von Hass. Dann träumte ich, wie Neid, Rache und Hass, wie das Jüdische und Deutsche, wie alle unendlichen Entzweiungen und Trennungen sich auflösten. Hass und Leiden, beides verwandelte sich in strahlend weißes Licht. Die Entzweiung der Völker war beendet, die Entzweiung des Menschen von seiner Natur, die Entwürdigung der tierischen und pflanzlichen Wesen, das ewige Zerwürfnis zwischen Männern und Frauen, die Trennung des Menschen von sich selbst. Das Böse und das Gute ist. Beides ist in der Liebe im Paradox vereint. Ich möchte schließen mit einem Zitat des jüdischen Psychologen und Begründers der Existenzanalyse und Logotherapie Victor Frankl, der 1944 und 1945 in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz war: "Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es nur wenige gewesen sein, sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen menschlichen Verhältnissen so oder so zu verhalten." *Rosenthal, Gabriele (Herausgeber): Der Holocaust im Leben von drei Generationen. Familien der Überlebenden der Shoah und von Nazitätern. Gießen 1997 (Psychosozial Verlag) Ingo Benjamin Jahrsetz ist Psychotherapeut und Leiter der Schule für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie in Freiburg. Mit seiner Kollegin Judith Miller leitet er auch das "Projekt zur Evolution des Bewusstseins–Gibt es eine Versöhnung zwischen Deutschen und Juden?”, das sich mit den unverarbeiteten Folgen der Nazizeit in Deutschland und ihrem hemmenden Einfluss auf die spirituelle Entwicklung befasst.
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