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Das Erwachen zur Geschichte des Universums


Teil I: Umfassendes Mitgefühl
von Susan Bridle
 

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Interview



Brian Swimme

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WHAT IS ENLIGHTENMENT:

Was ist, Ihrer Meinung nach, die größte Krise, der sich die Menschheit heute stellen muss? Was sind die planetarischen Themen, die wir erkennen und mit denen wir uns auseinander setzen müssen?

BRIAN SWIMME: Ich denke, was heute auf unserem Planeten passiert, wird am ehesten deutlich, wenn wir es im Sinne von Massenvernichtung betrachten. In regelmäßigen Abständen erlebt die Erde ein Aussterben der Vielfalt des Lebens. Innerhalb der letzten halben Milliarde von Jahren hat es fünf solcher Augenblicke gegeben. Noch vor zweihundert Jahren wussten wir nichts davon; wir hatten nicht die geringste Ahnung, dass die Erde so etwas durchläuft. Jetzt haben wir entdeckt, dass die Erde solche gewaltigen Katastrophen etwa alle hundert Millionen Jahre erlebt hat. Und erst in den letzten 30 bis 40 Jahren haben wir herausgefunden, dass die letzte große Katastrophe, welche die Dinosaurier, die Ammoniten (ausgestorbener Kopffüßler der Kreidezeit) und viele andere Arten ausgerottet hat, durch einen Asteroiden verursacht wurde, der in die Erde eingeschlagen ist. Das war vor 65 Millionen Jahren. Zu keiner Zeit in der Menschheitsgeschichte war man sich dieser Ereignisse bewusst. Schauen Sie sich die Bibel an, die Veden–nirgends steht es geschrieben. Und jetzt, wo wir das alles entdeckt haben, erkennen wir auch, dass wir dabei sind, eine solche Katastrophe selbst zu verursachen. Vor zwei Jahren hat das American Museum of Natural History eine Umfrage unter Biologen gemacht. Man stellte die einfache Frage: Befinden wir uns inmitten einer Massenvernichtung? 72 Prozent haben mit Ja geantwortet. Eine Massenvernichtung. Sie können das nicht einfach sehen, indem Sie die Augen öffnen. Bei dieser Entdeckung ist das Ganze involviert. Unsere Sinne sind dazu ausgebildet, mit dem Naheliegenden umzugehen, dies aber ist eine Schlussfolgerung, die den ganzen Planeten einbezieht.

Wir entdecken also gerade erst, dass wir uns inmitten einer Massenvernichtung befinden. Zufällig befinden wir uns genau an dem Zeitpunkt, wo das Schlimmste, was der Erde in 65 Millionen Jahren widerfahren ist, gerade geschieht. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir es verursachen, und darüber hinaus sind wir uns dessen nicht bewusst. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschheit ist sich dessen bewusst. Hier sind die Zahlen: Mindestens fünfundzwanzigtausend Arten sterben jedes Jahr aus. Wenn die Menschen anders agierten oder wenn es gar keine Menschen gäbe, dann würde nur alle fünf Jahre eine Art aussterben. Wir haben die natürliche Aussterberate um das etwa 100- bis 1000-fache erhöht.

Der springende Punkt ist: Wir sind nicht reif genug zu verstehen, was ein solches Aussterben bedeutet. Es gab so viele große Lehrer. Wir haben im Laufe der Zeit unglaublich intelligente Menschen hervorgebracht, aber Sie können sich alle Sutras anschauen oder Platos Dialoge, und nirgends ist von einem Aussterben die Rede. Genau genommen glaube ich nicht einmal, dass Plato oder Buddha in der Lage waren, sich eine solche Vernichtung überhaupt vorzustellen. Zu jener Zeit waren wir uns der Evolution noch nicht bewusst. Wir waren uns des ganzen Vorgangs nicht bewusst, und daher machte auch die Vorstellung eines Aussterbens für uns keinen Sinn. Und wenn Wissenschaftler oder andere Leute von Zeit zu Zeit bestimmte Knochen fanden, nahmen sie einfach an, dass jene Lebewesen noch irgendwo existierten, zum Beispiel in einem anderen Teil des Kontinents. Es gab also keine Vorstellung vom Aussterben. Erst jetzt müssen wir uns damit auseinander setzen, was es bedeutet, dass eine Lebensform wirklich ausgelöscht wird.

Ich habe mich gefragt, wie man den Menschen helfen kann, das besser zu verstehen. Die Christen denken seit 2000 Jahren über die Kreuzigung Jesu nach. Wenn Sie damals zufällig dabei gewesen wären–zum Beispiel in Alexandria, einer weltoffenen Stadt mit den neuesten Nachrichten von überall–und Sie hätten dann gehört, dass irgendein jüdischer Rabbi getötet wurde–na und? Das hätte Sie wohl kaum beeindruckt. Doch dann kommt es–christliche Theologen denken 2000 Jahre lang darüber nach. Was ich mir also überlegt habe ist: Vielleicht werden die Menschen in den nächsten Millionen Jahren darüber nachdenken, was es wirklich bedeutet, dass die Erde einen solchen Prozess der Auslöschung durchläuft. Es könnte wirklich so lange dauern, bis wir das vollständig und mit allen seinen Auswirkungen verstanden haben. Ich verstehe es nicht. Es geht weit über meine Vorstellungskraft hinaus. Ich glaube, wir sind noch nicht reif genug, um wirklich zu verstehen, was das bedeutet. Für uns ist es schon etwas Gewaltiges, auch nur eine Ahnung davon zu bekommen. Das ist alles, was ich mir erhoffe. Wenn wir in der Lage sind es zu erahnen, dann können wir beginnen auf einer angemessenen Ebene darüber nachzudenken, um richtig damit umzugehen.

WIE: Was wäre Ihrer Meinung nach die Antwort auf diese Krise?

SWIMME: Wir müssten uns als Gattung neu erfinden und fähig werden, in Beziehungen miteinander zu leben, in denen wir uns gegenseitig unterstützen. Einander unterstützende Beziehungen–nicht nur zwischen Menschen, sondern zwischen allen Lebewesen–sodass unser Handeln wirklich die ganze Welt bereichert. Im Augenblick wird durch unseren Einfluss alles entwertet.

Sehen Sie, die Karikatur unserer Zivilisation ist, dass wir alle Materialisten sind und keinen Sinn für höhere Werte haben–Werte, die über uns selbst hinausgehen. In unserer materialistischen westlichen Kultur geht es in erster Linie nur um das Individuum. Um das Individuum und um Ansammlung–von was auch immer. Vielleicht Ruhm? Vielleicht Geld? Wir machen das zum Grundstein unserer Zivilisation. So haben wir alles organisiert. Es gibt hier sicher auch mildernde Aspekte, aber ich stelle ja eine Karikatur vor. Was wir wirklich verstehen müssen ist, dass die Wurzel aller Dinge Gemeinschaft ist. Das ist im tiefsten Sinne der Ursprung aller Dinge. Wir entstehen aus Gemeinschaft. Wie können wir also unsere Wirtschaft so organisieren, dass sie auf Gemeinschaft basiert und nicht auf Anhäufung? Und wie können wir unsere Religion so organisieren, dass sie uns Gemeinschaft lehrt? Und wenn ich "Gemeinschaft" sage, dann meine ich damit die ganze Erdengemeinschaft. Das ist der allerheiligste Bereich–die Erdengemeinschaft.

Ich glaube, dies ist die Richtung, in die wir uns bewegen werden: Wie organisieren wir unsere Technologien so, dass wir mit ihrer Anwendung die Gemeinschaft fördern? Das ist eine schwierige Frage. Solange wir eine Weltsicht vertreten, in der die Erde einfach ein Ding, leeres Material ist, und das Individuum das Wichtigste, werden wir fortfahren, sie ganz nach unserem Belieben zu benutzen. Der Punkt ist also, davon wegzukommen, die Erde als ein Warenlager zu betrachten und sie stattdessen als unsere Matrix zu sehen, als Grundlage unserer Gemeinschaft. Das ist das Großartige an Darwin. Darwin zeigt uns, dass wir alle verwandt sind. Wenn das keine spirituelle Erkenntnis ist! Wir sind auf der Ebene der genetischen Beziehung alle miteinander verwandt. Eine andere, einfache Art und Weise, das zu sagen ist: Lasst uns eine Zivilisation schaffen, die auf der Realität unserer Beziehungen basiert. Wenn wir uns Menschen als die Spitze einer gewaltigen Pyramide betrachten, dann ist alles, was unter uns ist, wertlos und wir können uns willkürlich daran bedienen. In der Vergangenheit war das nicht so leicht ersichtlich, weil unser Einfluss geringer war. Aber inzwischen sind wir zu einer planetarischen Macht geworden. Und plötzlich wird uns der Fehler dieser Haltung durch die Auswirkungen unserer Handlungen deutlich.

Es ist eine erstaunliche Erkenntnis, dass gegenwärtig jede Spezies auf dem Planeten vornehmlich durch ihre Wechselbeziehung mit dem Menschen bestimmt wird. Das war noch nie so. Drei Milliarden Jahre lang hat sich das Leben auf eine bestimmte Art und Weise entwickelt; die ganze Evolution hat in der Wildnis stattgefunden. Aber heutzutage sind es die Entscheidungen von Menschen, die bestimmen werden, wie dieser Planet in den nächsten hundert Millionen Jahren funktionieren und aussehen wird. Schauen Sie sich eine Eiche an, schauen Sie sich eine Wespe oder ein Nashorn an. In der Vergangenheit hat ein ganzes System der natürlichen Selektion die Schönheit dieser Formen hervorgebracht. Aber wie sie in Zukunft aussehen werden, wird vornehmlich durch ihre Interaktion mit uns bestimmt. Denn wir sind überall. Wir sind mächtig geworden. In solch einem Ausmaß sind wir die treibende Kraft auf unserem Planeten. Können wir uns dieser Tatsache bewusst werden und uns dann auf einer höheren Ebene von Wissen und Bewusstsein neu erfinden? Das ist die Besonderheit unserer gegenwärtigen Lage. Unsere Macht ist uns vorausgeeilt, sie ist unserem Bewusstsein vorausgeeilt. Das ist eine Herausforderung, der wir uns nie zuvor stellen mussten: wieder zu lernen, menschlich zu sein, auf eine Art und Weise, dass es für alle anderen Wesen wirklich förderlich und unterstützend ist. Wenn Sie sich einen Schrecken einjagen wollen, dann stellen Sie sich einfach einmal vor, Sie seien dafür verantwortlich, wie in einer Million Jahre Giraffen aussehen werden, oder der asiatische Elefant. Die Biologen sind davon überzeugt, dass der asiatische Elefant in der Wildnis nicht mehr vorkommen wird. Schon jetzt kann der Gepard in der Wildnis nicht mehr überleben. Das bedeutet, dass der asiatische Elefant in Zukunft hauptsächlich in unseren Zoos vorkommen wird, ebenso der Gepard. Die Art der Umgebung, die wir für sie schaffen, wird ihre Muskeln, ihr Skelett und alles andere formen. Ich spreche von einem Zeitraum von Millionen von Jahren. Das ist im Augenblick die besondere Herausforderung, weil die Erde zurzeit durch eine enorme Veränderungsphase geht–die treibenden Kräfte des Planeten sind dabei, sich durch unser menschliches Bewusstsein hindurch zu verwirklichen.

Ich bin deshalb überaus froh, dass Sie mir all diese Fragen stellen; ich bin davon überzeugt, dass Erleuchtung die Welt, den Planeten retten kann. Wir tun Dinge, von denen keiner von uns möchte, dass sie passieren. Und wir tun sie, weil wir nicht bewusst sind. Wenn wir jedoch erwachen und all unsere Kräfte darauf ausrichten, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass unsagbar schöne, heilende Dinge geschehen werden.

WIE: Sie sprechen oft darüber, dass wir an einem einzigartigen Scheideweg in der menschlichen Geschichte stehen, weil wir jetzt Kenntnis von den 14 Milliarden Jahren kosmologischer Evolution haben, die uns an diesen Punkt gebracht haben–und wissen, dass dies eine Verantwortung mit sich bringt, wie wir sie uns bisher nie vorgestellt haben. Können Sie uns einen groben Umriss von dem enormen Ausmaß dieser Entwicklung geben?

SWIMME: Es ist wirklich einfach. Hier kommt die ganze Geschichte in einem Satz. Dies ist von allen wissenschaftlichen Unternehmungen die größte Entdeckung: Man nehme Wasserstoff, überlasse ihn sich selbst und er verwandelt sich in Rosen, Giraffen und Menschen.

WIE: Das ist die Kurzversion.

SWIMME: Das ist die Kurzversion. Ich mag diese Version, weil Wasserstoff als Gas geruch- und farblos ist; wir aber, vom Vorurteil unserer westlichen Zivilisation geblendet, betrachten ihn nur als etwas Materielles. Aber daran ist gar nicht soviel Materielles. Man nimmt einfach Wasserstoff, überlässt ihn sich selbst und er verwandelt sich in einen Menschen–das ist eine recht interessante Information. Die Sache ist die: Wenn Menschen spirituell sind, dann ist auch Wasserstoff spirituell. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, dem traditionellen Dualismus zu entkommen–Sie wissen schon, der Geist befindet sich da oben, Materie hier unten. Doch es ist anders. Sie finden überall Materie und Sie finden überall Geist. Deshalb liebe ich diese Kurzversion.

Na gut. Jetzt zur längeren Version: Nach neuesten Schätzungen ist das Universum vor dreizehn Milliarden Jahren als eine glühend heiße Ansammlung von Elementarteilchen entstanden–nicht nur einige Billionen Grad heiß, sondern auch mit einer millionenfach größeren Dichte als Blei. Das Universum entsteht also nicht als Feuer. Es entsteht als diese unvorstellbare Dichte und Hitze–wir können uns das nicht vorstellen, wir kennen nur ein paar Zahlen–und dann beginnt es, sich auszudehnen. Nach dreihunderttausend Jahren ist es genügend abgekühlt, um Atome zu bilden. Das sind die Wasserstoffatome. Und während die Materie fortfährt, sich abzukühlen und auszudehnen, zieht sie sich zu diesen enorm großen Wolken zusammen, die wir Galaxien nennen.

Als das Universum etwa eine Milliarde Jahre alt war, tauchten Galaxien auf–wuuusch,–wie umherwirbelnde Schneeflocken, einhundert Milliarden Galaxien. Ein unvorstellbarer Moment, der einzige Zeitpunkt in der Geschichte des Universums, in dem Galaxien entstehen können. Vorher war es viel zu dicht und zu heiß. Danach ist es zu ausgedünnt und verstreut. Stephen Hawking hat etwas Unvorstellbares entdeckt. Wenn man die Ausdehnung des Universums betrachtet, ist alles voller Energie, nicht wahr? Es explodiert in alle Richtungen und dennoch wird alles von einer bindenden Kraft zusammengehalten, der Schwerkraft. Sehen Sie, es gibt zwei einander entgegengesetzte Kräfte. Wäre die Schwerkraft auch nur um einen Hauch stärker gewesen, hätte sie das gesamte Universum in einer Million Jahren zu einem schwarzen Loch zerquetscht. Wäre sie aber schwächer gewesen, dann wäre das Universum in alle Richtungen explodiert und es hätten sich keine Galaxien gebildet. Es herrscht ein überaus feines Gleichgewicht. Der Unterschied ist eins zu 10 hoch 59–was ein Billionstel von einem Billionstel von einem Billionstel von einem Prozent ist. Das ist heikler, als auf des Messers Schneide zu tanzen.

Später werden die Galaxien komplexer, die Sterne selbst brennen, und um zu brennen, müssen sie die Elemente in ihrem Kern umwandeln. So wird Wasserstoff zu Helium. Und später–es wird noch viel heißer–da wird Helium zu Kohlenstoff, und so weiter. Jedes dieser Elemente wird inmitten eines Sterns hervorgebracht, der irgendwann explodiert. Und der nächste Stern, der sich dann bildet, entsteht aus diesen komplexeren Elementen, und damit besteht auch die Möglichkeit zur Planetenbildung. Alle Elemente unseres Körpers, jedes einzelne davon, sind aus einem Stern entstanden. Walt Whitman hatte eine intuitive Ahnung davon, als er sagte: "Ein Grashalm ist nichts weniger als das Werk reisender Sterne." Wundern Sie sich, wie er darauf gekommen ist? Nun, das nennt man Selbsterkenntnis. Mit anderen Worten: Aus einem Stern wurden die Elemente geboren, die sich dann in der Gestalt von Walt Whitman wieder zusammengefunden haben. Man könnte also sagen, dass Walt Whitman eine tiefe Erinnerung daran hatte, wo er herkam.



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WIE Ausgabe 22:
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