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Kleine Wellen auf der Oberfläche des Seins


Ein Interview mit Eckhart Tolle by Andrew Cohen
 


Einleitung

Der leitende Redakteur Carter Phipps erinnert sich an das spirituelle Phänomen, das als Die Kraft der Gegenwart bekannt wurde, und verrät mehr über die Hintergründe des WIE-Interviews mit dem Autor Eckhart Tolle, das zu einem Klassiker wurde.

"Wir möchten nun Eckhart Tolle begrüßen, den Autor von JETZT! Die Kraft der Gegenwart, von dessen Buch bisher fast 100 000 Exemplare verkauft wurden!“

Es war im Jahr 1999. Ich besuchte eine Konferenz in La Jolla, Kalifornien, die von Inner Directions gesponsert wurde, ein Verlag, der die Bücher spiritueller Lehrer veröffentlicht, die philosophisch mit der Tradition nondualer Erleuchtung verbunden sind. Eckhart Tolle war das neue spirituelle Gesicht in der Szene und erst am Anfang seines raschen Aufstieg zu den Schwindel erregenden Höhen eines spirituellen Superstars.

Ich hatte über Mundpropaganda bereits an verschiedenen Orten Positives über Tolle gehört. Da hatte die amerikanische Talkshowgröße Oprah Winfrey dem Buch noch nicht ihre Billigung gegeben, und Meg Ryan hatte noch nicht begonnen, in Interviews davon zu schwärmen. Und JETZT! Die Kraft der Gegenwart war noch nicht der Verkaufserfolg, der es heute ist, mit über zwei Millionen verkaufter Exemplare und ein kleines Unternehmen in sich selbst.

Die Präsentation Tolles enttäuschte nicht. Mit seiner leisen, unaufdringlichen Gegenwart leitete er das Publikum still durch einen Vortrag darüber, was er mit der "Kraft der Gegenwart“ meinte. Seine Lehre war klar und vernünftig, ein frischer Ausdruck des zeitlosen Dharmas der nondualen Erleuchtung. Und insbesondere hatten seine Worte die Kraft, dies auch direkt zu vermitteln. Als er sprach, füllte sich der Raum mit einer fühlbaren Gegenwart, und die Luft um uns herum begann von tiefer Ruhe und Stille zu vibrieren–die Kraft der Gegenwart als lebendige Erfahrung in einem Hörsaal mit 500 Plätzen. Das Publikum war jede Minute des Abends begeistert dabei, und er verließ die Bühne als unangefochtener Star des Wochenendes.

Neugierig auf den Menschen, sowie auf seine Lehre beobachtete ich, wie er in den Pausen von Besuchern umringt wurde. Mit vollendeter Güte unterhielt sich Tolle mit seinen Fans, und drückte dabei Würde und Aufmerksamkeit aus, aber er schien alles andere als extrovertiert zu sein. Schüchtern, sensibel und still sah er aus, wie der Eremit, der er einst gewesen war, und es gab Momente, in denen ich fast erwartete, dass er plötzlich in eine meditative Stille hineintauchen könnte–von der er möglicherweise nicht zurückkehren würde. Um eine bekannte Metapher zu bemühen: Tolle war eindeutig in der Welt, aber nicht wirklich von ihr.

Ein paar Monate später war ich zurück im Büro von What Is Enlightenment? und sehr beschäftigt mit der Ausgabe die schließlich mit dem Titel "Was bedeutet es, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr?“ erschien. Als ich als Teil meiner Recherche mit der Lektüre von Tolles Mega-Bestseller befasst war, beeindruckte mich besonders sein offener Bericht über sein Erwachen. Das war nicht allein wegen der authentischen Beschreibung einer kraftvollen Erleuchtung, sie trat zudem in einem ungewöhnlichen psychologischen Kontext auf. "Bis zu meinem 30. Lebensjahr“, schreibt Tolle, "lebte ich in einem Zustand von beinahe ununterbrochener Ängstlichkeit, der sich mit depressiven Episoden mit suizidalen Neigungen abwechselte.“ Das klingt nun wahrlich nicht wie die Einleitung zu einem spirituellen Märchen, aber nichtsdestotrotz war es Tolles Depression und–in einer Schicksalsnacht–seine Entscheidung, dass er einfach nicht mehr länger "mit sich leben konnte“, welches der entscheidende Faktor für seine darauf folgende Erleuchtung war. Ohne Angst vor dem Tode, dem Selbstmord nahe, war Tolle bereit, von der Welt zu gehen, aber irgendwie schaffte er es, stattdessen direkt in die offenen Arme einer tiefgründigen spirituellen Erkenntnis zu gehen.

Was mag es für einen spirituellen Durchbruch bedeuten, so fragte ich mich, dass sein Ausgangpunkt eine Neigung zum Selbstmord gewesen ist? Welchen Einfluss würde dies auf die daraus erwachsenen Schlussfolgerungen haben, in Bezug darauf, wie man sich auf die Welt bezieht? Darüber hinaus war Tolle nicht der Einzige mit einer derartigen Biografie.

Seine Geschichte hat Parallelen mit der von Byron Katie, der Hausfrau, die zu einer bekannten spirituellen Lehrerin geworden ist und die ebenfalls auf der Konferenz in La Jolla sprach. Katie, die über die Jahre ebenfalls eine wachsende Anerkennung erlangte, und im Jahr 2001 als eine der hundert wichtigsten spirituellen Personen im TIME Magazine genannt wurde, erlebte ebenfalls ein Erwachen, als sie mit Depressionen und Selbstmordgedanken in einer Einrichtung für Alkoholkranke lebte. Sowohl Tolles als auch Katies Erleuchtungserfahrungen waren innig, tiefgründig und veränderten ihr ganzes Leben. Und beide waren gekommen, um einen spirituellen Weg zu lehren, in dem Transzendenz stark betont wurde und der Sinn des Lebens in der Welt letztendlich darin bestand, sich vom Leiden zu befreien.

Also was bedeutet es tatsächlich, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr? Unsere eigenen Nachforschungen bezüglich dieser alles entscheidenden Frage wurden nicht nur durch meine Beobachtungen auf der Konferenz inspiriert, sondern durch einen breiteren Trend, den das Redaktionsteam in der spirituellen Subkultur der Begegnung von Osten und Westen sah–einen Trend, an dem Tolle und Katie großen Anteil hatten. Als sich immer mehr differenzierte Erleuchtungslehren und Techniken in der westlichen Kultur herausbildeten, hatten mehr Menschen als je zuvor Gipfelerlebnisse, kraftvolle Erweckungen und echte Einblicke in erleuchtetes Bewusstsein. Und als Ergebnis davon geschah etwas sehr Interessantes. Viele der Lehren, die sich als so effektiv dabei erwiesen, Individuen in höhere Bewusstseinszustände zu katapultieren und ungewöhnliche Erfahrungen einer Realität jenseits von Zeit und Raum hervorzurufen, erwiesen sich gleichzeitig als ungeeignet, die Fragen anzusprechen, die unvermeidlich mit einem solchen Erwachen entstehen: Wie lebe ich? Wie beziehe ich mich auf die manifeste Welt?

Das ist eigentlich keine neue Frage. Tatsächlich ist es auf den meisten Top-10-Listen der spirituellen und religiösen Fragen ein Dauerbrenner. Aber viele der zeitgenössischen spirituellen Lehrer weichen diesem Thema aus. Erkenne die Einheit, erkenne das Sein, erkenne dein wahres Selbst, sagen sie uns häufig, und der Rest wird sich schon von alleine erledigen. Und unsere religiösen Traditionen geben auch ein eher verwirrendes Bild ab, wenn es zu dieser entscheidenden Frage kommt. Einige sagen, dass wir die Welt umarmen sollen, und alles von Sex bis hin zum höchsten Bewusstsein als eine Manifestation des Göttlichen anerkennen. Einige sagen uns, dass wir der Welt entsagen und sie im Grunde als nicht real, sondern als einen Sirenengesang betrachten sollen, der uns in ein egozentrisches Leben aus Abhängigkeit und Begierde lockt. Andere wiederum flehen uns an, den Pfad der Transzendenz zu beschreiten, in der Welt zu leben, aber unberührt und unbeteiligt zu bleiben, immerzu auf der Hut davor, uns nicht zu innig in das Schicksal und in solch unbeständige Dinge wie Zeit, Raum und physikalische Form, hineinziehen zu lassen. Und schließlich vertreten andere verschiedene Varianten dieser drei Möglichkeiten.

Man brauchte nur einige Seiten aus JETZT! Die Kraft der Gegenwart zu lesen, um zu sehen, wo Tolle in dieser alten Debatte einsteigt: Transzendenz. Die Quelle des Leids, so stellt er fest, ist unsere irrtümliche Identifizierung mit unserem Verstand, der Zeit und dem Ego. Überwindet man diese Abhängigkeiten, wird man Frieden und Erleuchtung finden, und eine ganzheitliche Beziehung zur Welt wird von selbst folgen. Aber kann die innere Idee von Transzendenz in einer adäquaten Weise der praktischen äußeren Lebensrealität im 21. Jahrhundert begegnen? Schließlich gibt es heute doch die dringende Notwendigkeit, dass wir unser spirituelles Anliegen in einem größeren Kontext verstehen, in der die menschliche Entwicklung erfolgt. Vorausgesetzt, dass sich die Welt, wie wir sie kennen, schnell verändert und entwickelt und dass der Planet eine zum Teil durch unsere Handlungen verursachte, tief gehende Krise durchläuft, wird die Art, wie wir uns auf die Welt beziehen, nicht bloß das Ergebnis unseres persönlichen spirituellen Lebens bestimmen, sondern wird schließlich auch das Schicksal des evolutionären Experiments der Bewusstseinsentwicklung, an dem wir alle teilhaben, beeinflussen. Also was bedeutet es heute wirklich, in der Welt zu sein aber nicht von ihr? Unsere Erforschung dieser Frage in Form von acht ausführlichen Interviews wurde schließlich zu jener Ausgabe von WIE, die einen meiner beliebtesten Artikel enthält: "Kleine Wellen auf der Oberfläche des Seins“, ein Interview mit Eckhart Tolle von Andrew Cohen, dem Begründer von WIE.

Vieles hat sich in den sechs Jahren seit diesem Interview verändert. What Is Enlightenment? erscheint jetzt vierteljährlich, und bei unserer redaktionellen Recherche hat sich der Fokus von den ewigen spirituellen Fragen zur Untersuchung dessen verschoben, wie wir in einer Welt, in der das Wissen über die kosmische Evolution zugänglich geworden ist, Spiritualität neu betrachten können. Die Zeit war unserem Lieblingsmystiker der Kraft der Gegenwart mehr als gnädig. Tolle hat einige neue Bücher veröffentlicht, rund um die Welt Seminare mit Tausenden von Teilnehmern abgehalten und JETZT! Die Kraft der Gegenwart ist immer noch hoch oben auf der Bestsellerliste. Aber die grundlegende Frage, wie wir uns als spirituell interessierte Menschen auf die Welt um uns herum beziehen, ist möglicherweise wichtiger und dringlicher als je zuvor. Denn wie wir die manifeste Dimension der Realität betrachten und unsere grundlegende Position ihr gegenüber–sei es Verzicht, Transzendenz, Akzeptanz oder etwas ganz Anderes–wird sich unvermeidlich in all unseren Sichtweisen und unseren jeweiligen Reaktionen auf buchstäblich alles auswirken. Und es wird dazu beitragen, zu bestimmen, welche Auswirkungen–positiv oder negativ–wir auf diesen komplexen, sich entwickelnden Planeten haben, den wir unser Zuhause nennen.

Als die Zeit gekommen war, für diese Jubiläumsausgabe zur Feier von 15 Jahren What Is Enlightenment? einen Artikel auszuwählen, musste ich nicht lange überlegen. Meiner Ansicht nach steht "Kleine Wellen auf der Oberfläche des Seins“ für die Art von Artikel, die WIE seit Langem zu solch einem einzigartigen Forum macht. Zwei zeitgenössische Lehrer der Erleuchtung begeben sich in einen kontroversen Dialog über eine der wichtigsten Fragen, mit denen jeder Mensch mit spirituellem Interesse konfrontiert ist. Die Fragen sind herausfordernd, die Recherche ist authentisch und das Thema ist äußerst relevant. Mal erleuchtend, mal beunruhigend, erschüttert dieser Artikel unsere alten Vorstellungen und zwingt uns, neue zu erwägen. Wie alle Interviews in WIE ist es zugleich persönlich, praktisch und philosophisch. Und Sie werden einfach nirgendwo anders etwas Vergleichbares finden.

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