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Der Geist der Utopie


Über den menschlichen Impuls, eine neue und bessere Welt zu erschaffen

Ein Interview mit Fritzie P. Manuel
von Jessica Roemischer
 

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Einleitung

MENSCHEN SIND VON NATUR AUS UTOPISTEN.Wir träumen und hoffen, und seit dem Beginn unserer Zivilisation haben uns Vorstellungen eines idealen und vollkommenen Lebens beschäftigt. Aber wie sich die Menschen Utopia vorgestellt haben, hat sich im Laufe der Zeit dramatisch gewandelt: vom beschaulichen Garten Eden zu Platos Republik der Philosophenkönige, von Thomas Morus' Inselparadies Utopia zu den Gemeinschaften von Freidenkern im Amerika des 19. Jahrhunderts und den Kommunen der Protestbewegungen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber gleich, welche Form sie auch angenommen haben, die utopischen Ideale haben doch immer dazu beigetragen, einen Entwicklungsprozess der Erneuerung voranzutreiben, bei dem die Menschheit durch Vision und Experiment nach einem neuen und besseren Leben suchte. Tatsächlich sind utopische Visionen und die gesellschaftlichen Experimente, die durch sie ausgelöst wurden, ein Ergebnis der freiesten schöpferischen Fähigkeit, die wir besitzen, nämlich der menschlichen Vorstellungskraft. Sie sind Ausdruck des universalen Dranges, das Neue zu erschaffen – der Kultur und selbst dem Bewusstsein eine neue Form zu geben.

Bei den Recherchen für diese Ausgabe von What Is Enlightenment? über das Phänomen der Utopie lasen wir uns durch Umfragen, zusammenfassende Analysen, Aufsätze, Kritiken und Kommentare und entdeckten dabei, wie sehr dieser immer wiederkehrende Drang des Menschen die Aufmerksamkeit von Historikern, Künstlern, Philosophen und Kulturkritikern gleichermaßen auf sich gezogen hat. Aber es gab ein herausragendes Beispiel der Utopieforschung. Die maßgebliche Untersuchung zu diesem Thema ist bis heute Utopian Thought in the Western World, welches in jahrelanger Arbeit von dem Forscherpaar Fritzie P. Manuel und Prof. em. Frank E. Manuel zusammengetragen wurde. Dieses umfangreiche Buch umspannt fünf Jahrtausende, von den frühesten sumerischen Mythen von einem Paradies auf Erden bis hin zu Teilhard de Chardins strahlender Vision eines universalen menschlichen Bewusstseins. Selten findet man ein historisches Werk von solcher Breite und Tiefe, ganz zu schweigen davon, dass es durch seine genaue Kenntnis und Sensibilität verblüfft, womit es eine der wesentlichsten und beständigsten Besonderheiten der menschlichen Natur erhellt.

Als ich Fritzie Manuel anrief, um sie zu fragen, ob ich ein Interview mit ihr führen könne, gab sie zu bedenken, dass sie seit der Veröffentlichung ihrer 900 Seiten langen Untersuchung im Jahr 1979 bezüglich der neuesten Entwicklungen im utopischen Denken nicht mehr auf dem Laufenden sei. Sie gestand, dass sie wahrscheinlich einer von den wenigen Menschen sei, die immer noch keinen Computer haben. Als wir eine Woche später persönlich miteinander redeten, gelang es ihr dennoch auf beeindruckende Weise, den utopischen Impuls zum Leben zu erwecken, wie auch zu erklären, in welcher Weise er sich im Lauf der Zeit verändert hat – und machte dabei menschliche Geschichte lebendig. Fritzie Manuel saß an ihrem antiken Esstisch, an dem sie und ihr Mann Entwürfe ausgetauscht, Textpassagen redigiert und die Zeichensetzung in ihrem Buch ausgehandelt hatten. Sie sprach über die historische und die menschliche Bedeutung der Utopie und sprang dabei mit bemerkenswerter Leichtigkeit in den Jahrhunderten vor und zurück, wobei eine fast unheimliche Verbundenheit mit den von ihr beschriebenen Lebensumständen und historischen Realitäten zum Ausdruck kam.

Während wir über das winterliche Boston schauten, erfuhr ich, dass den wahren Historiker mit dem wahren Utopisten sehr viel verbindet. Fritzie Manuel schrieb, beide seien gleichzeitig "an die Zeit gebunden und frei von jeglicher Zeit, an einen Ort gebunden und frei von jeglichem Ort". Unter ihren Händen werden 5.000 Jahre Geschichte, durch die Linse des utopischen Denkens betrachtet, zu einer Geschichte unserer sich entwickelnden Menschlichkeit – unserer Hoffnungen, unserer Träume und der Evolution unseres Bewusstseins. Am Ende des Interviews dachte ich sowohl über die Vergangenheit als auch über die Zukunft nach: Was für ein neues und besseres Leben kann – und muss sogar – entstehen, damit wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden können? Mir waren die globalen Probleme bewusst, vor denen wir stehen, und es wurde mir klar, dass, wie die Manuels schreiben, die Vision des nächsten Utopia vielleicht tatsächlich unsere größte Verpflichtung, unser größter Auftrag und nichts weniger als das "moralische Bedürfnis des Zeitalters" ist.



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