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Der neue Untertitel unserer Zeitschrift, Geist — Kultur – Kosmos, hat bei einigen unserer Leser lebhaftes Interesse gefunden. Eine junge Frau, die auch unsere amerikanische Ausgabe kennt, sprach mich vor einigen Wochen darauf an, dass dort der Untertitel Consciousness — Culture — Cosmos heißt. "Warum", so ihre Frage, "habt ihr denn in der deutschen Ausgabe das Wort 'Geist' statt 'Bewusstsein' verwendet?". Wir kamen schnell auf die vielen Bedeutungen des Wortes "Geist" zu sprechen, das in der deutschen Sprache ja eine sehr schillernde Bedeutung besitzt, und auch auf die deutsche idealistische Philosophie, die dieses Wort so nachhaltig geprägt hat. Große Geister wie Hegel, Schelling, Goethe oder Hölderlin haben hier in unserer Sprache tiefe Spuren hinterlassen, auch wenn uns von Begriffen wie Weltgeist und absoluter Geist nur mehr der Zeitgeist geläufig ist. Aber schwingt nicht immer, wenn wir das Wort Geist ein wenig bewusster hören, etwas von diesen vielen Bedeutungen mit? Geist ist nicht nur Bewusstsein. Er beinhaltet immer auch ein denkendes Erkennen. Er ist auch mehr als Verstand. Geist besitzt eine Tiefe, die der Verstand alleine nie erreicht. Und Geist ist aktiv, er gestaltet die Welt. Ein Ausdruck mit so vielen Dimensionen und einer so lebendigen Geschichte passt, so fanden wir, gut in den Untertitel von What Is Enlightenment?.
Oft sind wir uns aber gar nicht bewusst, wie sehr Begriffe wie Geist in unserer Sprache tief vom Denken manch großer Philosophen geprägt sind. Hören wir heute das Wort Zeitgeist, dann denken wir oft nur an belanglose Modeerscheinungen, an Zeitgeistmagazine und den jeweiligen Tagesgeschmack der Unterhaltungsindustrie. Zu Goethes und zu Hegels Zeiten meinte man damit aber nicht weniger als den tiefsten Ausdruck, den das menschliche Bewusstsein, der menschliche Geist, zu einer bestimmten Zeit gefunden hat. Der Geist, so die Idealisten, entfaltet sich auf seinem Weg durch die Menschheitsgeschichte zu immer höheren Ausdrucksformen der Kunst, der Philosophie, der Religion. Zeitgeist, das war Geist auf der Höhe der Zeit. Hegel machte als Erster die Evolution des Geistes zur Grundlage seiner Philosophie. Angefangen von der menschlichen Vorgeschichte, über die klassischen Kulturen, das mittelalterliche Christentum und die Aufklärung zeichnete Hegel ein Bild der Menschheit, die sich zu immer höheren Formen geistiger Integration emporentwickelte, mit nur einem Ziel: dass der Weltgeist sich durch den Menschen voll und ganz seiner selbst bewusst wird.
Dabei gab es zwischen den Idealisten auch heftigen Streit, wie man "Geist" zu verstehen hat. Für Hegel entwickelte sich der Geist hauptsächlich im Bewusstsein des Menschen. Für seinen jüngeren Zeitgenossen Schelling, der gemeinsam mit Hegel in Tübingen studiert hatte, gab es aber keine Trennung zwischen dem menschlichen Geist und den Kräften der Natur. Alles war nur Ausdruck der einen universellen Kreativität. Auch Goethe, ein Verehrer des viel jüngeren Schelling, der nicht nur Dichterfürst, sondern auch ein ernsthafter Wissenschaftler war, beschrieb in seinen Naturstudien die Evolution der Natur von "geistigen Formkräften" geprägt. Hölderlin, der Romantiker, auch er ein Studienkollege von Hegel und Schelling in Tübingen, suchte den Geist in der Dichtkunst und nicht in der Philosophie. Mehr als andere litt er persönlich unter der kalten und oberflächlichen Denkweise der materialistischen Aufklärung. In seinen Dichtungen versuchte er, eine Integration des modernen Denkens mit der Tiefe des menschlichen Empfindens zu finden. Seine Werke zählen bis heute zum tiefsten und schönsten, das je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Was die Idealisten und die Romantiker miteinander verband, war ihr Versuch, der platten, materialistischen Aufklärung auf integrale Weise eine neue, spirituelle Dimension zu geben. Als einige der Ersten haben sie erkannt, dass die westliche Aufklärung in eine Sackgasse geht, dass die Aufklärung mit den alten mythischen Religionsvorstellungen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat. Sie sahen aber auch, dass sie ein wichtiger Schritt in der Menschheitsgeschichte war. Wir konnten nicht einfach zurück. So gesehen war ihr Denken einer der ersten Versuche einer modernen Spiritualität. Es war echtes geistiges Neuland, das Goethe oder Hölderlin damals in ihrer Dichtkunst und Schelling oder Hegel in ihrer Philosophie betraten. Neuland, das noch immer Bedeutung hat. Letztlich war es die deutsche Geschichte, die das vielschichtige und in sich widersprüchliche Experiment der Idealisten und Romantiker zum Scheitern brachte. Es war keine vorgegebene Notwendigkeit, dass es in unserer Geschichte zum Nationalsozialismus kam. Viele Faktoren führten zu diesem fatalen Zusammenbruch einer ganzen nationalen Kultur. Aber dieser Zusammenbruch besiegelte auch für Jahrzehnte das Schicksal der idealistischen und der romantischen Geistesströmungen, nicht nur bei uns, sondern in der gesamten entwickelten Welt. Das 20. Jahrhundert gehörte mehr oder weniger dem modernen Materialismus. Auch die Renaissance der Spiritualität in den letzten 30 Jahren bezog sich mehr auf die spirituellen Traditionen Indiens, Chinas oder Japans. Unsere eigenen modernen Aufbrüche werden erst seit ein paar Jahren wiederentdeckt, vor allem in Amerika.
Da sieht sich der integrale Philosoph Ken Wilber in der Tradition des deutschen Idealismus, und Steve McIntosh, einer der neuen Theoretiker in der amerikanischen integralen Szene, erklärt locker Hegel zum ersten integralen Denker. Langsam spricht es sich herum, dass die Amerikaner unsere Geistesgeschichte neu entdecken. Was wundert es da, dass Ken Wilber in keinem Land außerhalb der USA eine solche Resonanz findet wie bei uns. Auch wenn wir nicht mehr das Land der Dichter und Denker sind, haben die Dichter und Denker offensichtlich bei uns Spuren hinterlassen. Ich werde im Ausland öfter darauf angesprochen, wir Deutsche seien so philosophische Köpfe. Andrew Cohen, der Gründer und Herausgeber von What Is Enlightenment? spricht manchmal davon, dass das Publikum in Deutschland bei seinen Vorträgen und Intensives auf eine andere Art zuhört, dass die Fragen hier tiefer und fundierter sind. Betrachtet man Deutschland auf eine oberflächliche Art und Weise, ist von unseren geistigen Aufbrüchen nicht viel übrig geblieben. Unsere spirituelle Subkultur ist eine mehr oberflächliche Spielart der großen östlichen Traditionen, und das deutsche Denken hat sich anscheinend darauf zurückgezogen, die Welt mit teuren und effizienten Autos zu beglücken. Deutschland ist heute das Land der Ingenieure, nicht das Land der Philosophen. Die Wiederentdeckung einer integralen und evolutionären Spiritualität erreicht uns heute vor allem aus Amerika. Dort werden heute die Vorarbeiten der idealistischen und romantischen Philosophie in neuen Formen weitergedacht. In Deutschland wagen wir es anscheinend noch nicht direkt, an diese wichtigen Strömungen unserer Geistesgeschichte anzuschließen. Zu sehr steht noch im Raum, was in diesem Land passiert ist. Wir sind jedoch interessiert und begeistert, wenn andere dort weitermachen, wo die deutsche Philosophie die Dinge unverrichtet stehen ließ. Aber ist es nicht an der Zeit, den Ball, der uns hier aus Amerika zugespielt wird, aufzunehmen und selbst diese neuen Impulse für eine moderne Spiritualität und eine integrale und evolutionäre Philosophie weiterzudenken und weiterzuführen? In diesem Herbst wollen wir als What Is Enlightenment? unseren eigenen kleinen Beitrag dazu leisten. In unserer diesjährigen Herbstakademie, die wir wieder gemeinsam mit der anthroposophischen Zeitschrift Info 3 und der Integralen Initiative Frankfurt veranstalten, stellen wir die Frage, wie man eine integrale und evolutionäre Spiritualität heute denken und leben kann. Neben vielen modernen spirituellen Denkern wollen wir im Oktober auch einen G.W.F Hegel und die deutschen Idealisten mit in die Diskussion einbeziehen. Ich denke, das geschieht zum ersten Mal wieder in diesem Land – nach vielen Jahren.
Ich bin überzeugt, es ist mehr als an der Zeit hier einen neuen Anfang zu setzen. Die deutsche Geschichte umfasst eben diese wichtigen Aufbrüche des menschlichen Geistes, aber auch einen der dramatischsten Zusammenbrüche der menschlichen Zivilisation — ein Zusammenbruch, dessen Auswirkungen die ganze Welt zu spüren bekam. Einfach gesagt: wir schulden der Welt etwas. Welch befreiende Wirkung würde es haben, wenn wir uns in Deutschland auch dem positiven Erbe unserer Geschichte stellen, um dort anzuknüpfen, wo der Idealismus und die Romantik auf der Suche nach einer modernen und evolutionären Spiritualität schon einmal einen Anfang gemacht haben? DR. TOM STEININGER studierte Philosophie an der Universität Wien und beschäftigte sich eingehend mit Themen der Bewusstseinsevolution. Er unterrichtet ein Universitätsstudium in Conscious Evolution in Connecticut, USA und ist Chefredakteur der deutschen Ausgabe von What Is Enlightenment?.
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