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Der deutsche Mann


von Tom Steininger
 




WENN ICH EINEN TITEL WIE „Der deutsche Mann” lese, dann denke ich erst einmal an einen Film der 80er Jahre. Damals hatte Doris Dörrie mit ihrem Kinohit Männer dem neuen deutschen Mann ein Denkmal gesetzt. In dieser Filmkomödie stolpern zum Vergnügen der Zuschauer ein junger Heiner Lauterbach und ein damals ebenso junger Uwe Ochsenknecht mit viel unfreiwilligem Witz durch die Szenen, ohne so genau zu wissen, welche Rolle sie als Mann in unseren postmodernen Zeiten einnehmen sollen. Neben diesen Filmszenen der neuen männlichen Orientierungslosigkeit gibt es aber noch andere Bilder, die sich bei dem Titel „Der deutsche Mann“ aufdrängen. Das sind die alten Schwarz-Weiß-Filme der „Deutschen Wochenschau“ aus den 30er und 40er Jahren, die wir seit unserer Jugend in unzähligen Dokumentarfilmen immer wieder gesehen haben: gestählte deutsche Soldaten und SA-Männer beim Reichsparteitag in Nürnberg, braun gebrannte Sportler bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, dramatisch ins Bild gesetzt von Leni Riefenstahl, einer anderen großen deutschen Regisseurin, und dann sind da natürlich die Wochenschaubilder deutscher Panzer auf dem Weg Richtung Moskau – die Bilder von Stalingrad, dem brennenden Berlin, schließlich die Bilder von Auschwitz.

„Mannsein“ hatte in Deutschland zu einer Zeit Hochkonjunktur, an die sich niemand gerne zurückerinnert. Und in gewisser Hinsicht kann man Doris Dörries Filmkomödie Männer auch als eine Antwort auf die Männerinszenierungen einer Leni Riefenstahl verstehen. Die ganze Generation der heute 40- bis 60-Jährigen wurde von einer tiefen Verachtung gegenüber diesem alten Männlichkeitskult geprägt. Hatten diese „Hart wie Kruppstahl“-Männer uns nicht die Katastrophe des 20. Jahrhunderts gebracht? Die Zeit meiner Jugend war auch die Blütezeit des Feminismus. Mit meiner ersten Freundin las ich Simone de Beauvoir. Wir gingen gemeinsam auf Demonstrationen für das Recht auf Abtreibung. Wie viele meiner Freunde übernahm auch ich die Ideale der Frauenbewegung. In den Forderungen unserer Freundinnen nach einem neuen und sensiblen Mann sahen wir eine Befreiung von diesen düsteren Bildern unserer Vätergeneration. Wenn ich nicht mehr dieser alte faschistische Mann war, sondern ein neuer, sensibler und einfühlsamer Mann, dann hatte ich auch nichts mehr mit dieser dunklen Geschichte meiner Vätergeneration zu tun.Ein Buch, das wir alle damals an der Uni lasen, war Klaus Theweleits Männerphantasien. In einer groß angelegten Untersuchung zeigte Theweleit anhand der Literatur der rechtsradikalen Freikorps nach dem 1. Weltkrieg, wie diese Milizszene von sexuellen Fantasien geprägt war, in denen gestählte, aufrechte und abgehärtete Männer sich den „Fluten“ der anarchistisch-sexuellen und verweiblichten Weimarer Republik entgegenstellten.

Ernst Jüngers Verherrlichung des 1.Weltkriegs in seinem Bestsellerroman In Stahlgewittern war nur ein literarischer Höhepunkt dieses Zeitgeistes. Wir wussten, dass aus diesen Freikorps, die Klaus Theweleits in seinen Männerphantasien beschrieb, später die SA und SS hervorgehen sollten. Mit diesem faschistischen Männerbild wollten ich und meine Freunde nichts zu tun haben. Wir waren eine neue, eine andere Generation. In einigen Jahren meiner Universitätszeit ging ich sogar soweit, mir ab und zu einen Lidstrich unter meine Wimpern zu ziehen. Der neue Mann war weiblich, sanft und einfühlsam. Das stimmte natürlich nicht für alle meiner Altersgenossen, aber für die Machos hatten wir eigentlich nur jene Verachtung, die man für Menschen hat, die aus selbst verschuldeter Unwissenheit nicht sahen, dass die Zeit der Neandertaler ein für alle Mal vorbei war. In jenen bewegten Jahren geriet das traditionelle Männerbild in allen industrialisierten Ländern gehörig ins Wanken.

Die Frauenbewegungen der 70er Jahre hatten von San Francisco über Berlin bis Tokyo die alten patriarchalen Denkmuster über Bord geworfen. Sie prägten das kulturelle Klima und sie waren der Anfang eines historischen Bruchs: Die Emanzipation der Frau ist einer der größten kulturellen Umbrüche der Menschheitsgeschichte. Nach 7000 Jahren Patriarchat steht unsere Generation am Beginn einer Zeit, in der Mann und Frau dazu aufgerufen sind, die Zukunft als gleichberechtigte Partner zu gestalten. Wirft man einen Blick auf die geschichtlichen Zusammenhänge, dann ging alles rasend schnell. In der Bundesrepublik trat das Gleichberechtigungsgesetz erst vor 50 Jahren in Kraft. Damals konnte ein deutscher Familienminister noch ohne viel Widerspruch die Rolle der Frau darin sehen, dass sie voller „Selbsthingabe und Selbstverleugnung“ am Herd ihrer häuslichen Pflicht nachkomme. In nur einer Generation hat sich das Verhältnis der Geschlechter seither radikal geändert.

Kein Wunder, dass an unserem Selbstbild als Männer und Frauen nichts mehr stimmig war. In meiner Generation begleitete uns ständig die Frage: „Was heißt es heute, ein Mann zu sein?“ In Deutschland und Österreich kommt noch hinzu, dass das alte Männerbild mit den Katastrophen unserer Geschichte untrennbar verbunden ist. Unsere Väter kamen nicht nur als gedemütigte Verlierer aus dem Krieg zurück. Viele waren auch zu Verbrechern geworden. Sie hatten Europa in Schutt und Asche gelegt, und wir waren als ganze Nationen in dieses Verbrechen verstrickt. Wie sollte die Nachkriegsgeneration auf diese Väter reagieren? Was sollte sie von deren soldatischen Idealen halten? Wenn die deutsche Studentenbewegung 1968 auf den Straßen von München, Frankfurt und Berlin skandierte „Trau keinem über 30!“, dann hatte das natürlich auch diesen besonderen geschichtlichen Hintergrund.

Nach den wilden 70ern wurde die Zeit in den 80er Jahren weniger politisch. Wer an den Unis „in“ bleiben wollte, machte eine Therapie, und manche entdeckten einen neuen Zugang zur Spiritualität. In den Therapiegruppen lernten wir endgültig, unsere sanfte und empἀndsame Seite zu entwickeln. Manche meiner Freunde, die ich vorher auf Demonstrationen für Nicaragua und gegen die NATO-Nachrüstung getroffen hatte, traf ich jetzt in Selbsterfahrungsgruppen, in denen es um unsere Beziehung zu unseren Eltern und um unser inneres Kind ging und wo wir schon einmal in den Wald gingen, um einen Baum kräftig zu umarmen. Wir wurden einfühlsamer und aufmerksamer. Diese neue Achtsamkeitskultur, die wir damals gegenüber anderen und gegenüber der Natur entwickelten, wird, davon bin ich überzeugt, auch für die Zukunft ein bleibender Wert sein. Aber ist Sanftheit und Sensitivität wirklich alles, was wir brauchen?

Unsere Generation ist allem gegenüber, was man gemeinhin mit männlichen Tugenden verbindet, sehr verunsichert. Noch Mitte der 80er Jahre war ich in Wien Mitorganisator einer Demonstration, mit der wir forderten, den bekannten Heldenplatz vor der Wiener Hofburg in Friedensplatz umzubenennen, denn – so unsere Argumentation – wir brauchen keine Helden mehr. Worte, wie „Führer“ und „führen“ sind nicht ohne Grund fast völlig aus dem deutschen Wortschatz verschwunden. Aber brauchen wir nicht Eigenschaften wie Führungsqualität mehr denn je? Wie geht es uns mit Worten wie Wille, Opferbereitschaft und Standhaftigkeit? Die 30er Jahre müssen uns eine Lehre sein, dass wir heute neue Formen der Männlichkeit brauchen, nicht die alten. Aber wie gehen wir mit eigentlich positiven und wichtigen Eigenschaften um, die auch die damalige Zeit für sich reklamierte? Ich denke, wir müssen sie von ihrem alten Ungeist befreien und ihnen eine neue Bedeutung geben. Vor einigen Wochen hatte ich bei einem Geburtstagsfest ein Gespräch mit einem guten, vielleicht 10-15 Jahre jüngeren Bekannten – einem sensiblen, wachen jungen Mann. Wir unterhielten uns, wie verunsichert wir heute sind, Männer zu sein, und wie sehr es eigentlich Männer und Männlichkeit braucht. An einem Punkt meinte er in seiner unschuldigen, frechen Art: „Was wir brauchen, sind neue Krieger.“ Ich zögerte für einen Augenblick, ob so eine Formulierung nicht doch zu weit ginge, aber ich wusste genau: Was er meinte, hat nichts mit Leni Riefenstahl oder Ernst Jünger zu tun.



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