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Advaita 1x1


Einführung
 




DIE PHILOSOPHIE DES ADVAITA, ODER DES VEDANTISCHEN Nondualismus, ist neben dem Buddhismus zu einem der populärsten spirituellen Wege geworden, dem heutzutage an Erleuchtung Interessierte folgen. Durch die stetig anwachsende Popularität von Ramana Maharshi, der von vielen als der spirituelle Gigant des modernen Indien betrachtet wird, erlangte Advaita im Westen in den letzten drei Jahrzehnten immer mehr Anerkennung.

Zunächst kamen auch wir, wie so viele westliche spirituell Praktizierende, durch die Lehre des großen Ramana Maharshi in Kontakt mit der Advaita-Philosophie, der Hindu-Philosophie der Nondualität (Einssein, oder präziser gesagt Nicht-zwei-Sein). In dem Bemühen, ein tieferes Verständnis für den Hintergrund und philosophischen Zusammenhang dieser tief gehenden und stetig an Einfluss gewinnenden Lehre zu erhalten, sind wir bis zu ihrer Quelle zurückgegangen, zu dem Mann, der allgemein als ihr Begründer angesehen wird, dem Religionsphilosophen und Lehrmeister des achten Jahrhunderts namens Shankara. Advaita Vedanta wird als Kronjuwel indischer Philosophie angesehen und Shankaras mächtiger Einfluss ist in den meisten modernen Geistesschulen Indiens heute noch präsent. Zunächst einmal glaubten wir, er sei diese legendäre Gestalt, wie sie in den traditionellen Texten beschrieben wird: der erleuchtete, geniale Einzelgänger, der nicht nur die Vorrangstellung des Buddhismus und alle anderen, sich widersprechenden



religiösen Ansichten im indischen Mittelalter vernichtete, sondern auch die Glorie und Herrschaft der traditionellen vedantischen Doktrin im Alleingang wieder herstellte. Aber als wir uns mit der populären Interpretation von Shankaras Leben tiefer beschäftigten, erwies sich vieles von dem, was man über ihn sagt, als Stoff, aus dem Mythen gewoben werden - und tatsächlich sind die Kenntnisse über sein Leben bestenfalls sehr bruchstückhaft, und sogar Berichte über sein Geburtsdatum weichen bis zu 100 Jahre voneinander ab. Was wir aber wissen, ist, dass Shankara ein Meisterphilosoph und Weiser war, der großes Gewicht auf eine strenge Auslegung der vedantischen Schriften legte, auf genaue Übereinstimmung mit der Doktrin von Advaita oder der Nondualität. In der traditionellen Advaita-Philosophie (die man einfach als die Aussage aus den Upanishaden definieren kann, die besagt: Du bist jenes unsterbliche Absolute Selbst!) wurde spirituelles Wissen nicht so sehr durch yogische Erfahrungen gesucht, sondern eher durch die systematische Übung, zwischen dem Echten und dem Unechten zu unterscheiden, was durch ein Studium der Schriften unterstützt wurde.

Der bekannte Wissenschaftler Georg Feuerstein fasst die Advaita -Erkenntnis wie folgt zusammen: „Das vielfältige Universum ist in Wahrheit nur eine einzige Realität. Es gibt nur ein großes Sein, das die Weisen Brahman nennen, dem all die unzähligen Formen der Existenz innewohnen. Das große Sein ist höchstes Bewusstsein und Es ist die wirkliche Essenz, oder das Selbst (Atman), aller Lebewesen.“ Die besondere Glorie und die befreiende Macht dieser außerordentlich wichtigen Lehren der Nondualität (die als der direkteste Weg zur Erleuchtung bekannt sind) resultieren nicht nur aus ihrem Potenzial, den Suchenden in diesem Leben zu erleuchten, sondern vielmehr daraus, dass sie dem reifen Individuum die Möglichkeit bieten, sich augenblicklich von den Fesseln einer konditionierten Existenz zu befreien. In jüngerer Zeit gab es beeindruckende lebende Beispiele einer solch profunden Verwirklichung: der Weise und Heilige Ramana Maharshi, dann der beeindruckende, Zigaretten rauchende Jnani (ein selbstverwirklichter Mensch) Nisargadatta Maharaj aus Bombay, dann der kürzlich verstorbene abtrünnige Meister und „Löwe von Lucknow“ H. W. L. Poonja und der bescheidene Ajja, der mühelos in einem intensiven ununterbrochen glückseligen Gewahrsein des Selbst ruht und der in dieser Ausgabe von „Was ist Erleuchtung?“ der westlichen Welt zum ersten Mal vorgestellt wird.

(Ich bin) das Wesen Reinen Bewusstseins. Ich bin immer dasselbe für die Lebewesen, eins allein; (ich bin) das höchste Brahman, das wie der Himmel alles durchdringt, unvergänglich ist, gütig, ungebrochen, ungeteilt und aller Handlung entbehrt. Ich gehöre zu nichts, denn ich bin frei von jeder Anhaftung. (Ich bin) das höchste Brahman ... immer-leuchtend, ungeboren, eins allein, unvergänglich, unbefleckt, alles durchdringend und nondual - das bin ich, und ich bin auf immer befreit.

-Shankara, Die Upadesasahasri




Die profunde Inspiration und befreiende Macht von Advaita ist unbestritten, doch ihre Weltsicht findet auch Kritik. Obwohl die „moderne“ Advaita-Lehre die unteilbare Natur von Welt und Brahman, oder dem Absoluten Selbst, zu betonen scheint, hat die traditionelle Advaita-Philosophie ein „tiefes metaphysisches Vorurteilgegen die Welt...“ zum Ausdruck gebracht, wie der bekannte Religionswissenschaftler Lance Nelson betont. „Letztlich versagt die Advaita-Tradition darin, einen wirklichen Nondualismus von der Welt und dem Absoluten zu zeigen. Sie ist eher ein a-kosmischer Monismus. Sie erreicht ihre Nondualität nicht auf einschließende, sondern auf ausschließende Weise. Die empirische Wirklichkeit wird auf vorläufiger Basis zugelassen, aber letztendlich wird sie aus dem Absoluten, aus der Existenz, hinausgeworfen. Aus der höchsten Perspektive gesehen ist die Welt einfach nicht da. (Hervorhebungen d. Red.) Um es noch einmal zu sagen: Obwohl moderne Vertreter von Advaita die Welt in ihrer Vision von Nondualität scheinbar nicht ausschließen, wird die Welt in der klassischen Interpretation ganz klar entweder als völlig irreal oder nur teilweise als real angesehen. Und dafür wurde Advaita im Verlauf der Geschichte immer wieder kritisiert. Genau wegen ihrer Betonung der letztendlichen Unwirklichkeit und illusorischen Natur jeder körperlichen Existenz bietet sie überhaupt keine Lehre, die sich damit befasst, wie man in der Welt leben soll. Noch genauer gesagt, wendet sich die nonduale Lehre in keiner Weise der ethischen oder moralischen Dimension des Lebens zu. Und obwohl die moderne Advaita-Lehre in ihrer nondualen Sichtweise anscheinend die Welt nicht ausschließt, entbehrt sie immer noch einer Lehre, die sich mit der Realität des menschlichen Lebens befasst.

Interessanterweise scheint es, dass Advaita, historisch gesehen, ethische oder moralische Fragen deswegen nicht anspricht, weil - so sagt Nelson - die höchsten nondualen Lehren „niemals für die Allgemeinheit bestimmt waren - oder eine Philosophie sein sollten“. Tatsächlich stellt er fest, dass sie „von und für eine kleine spirituelle Elite von männlichen Brahmins (Angehörige der höchsten Priesterkaste) formuliert wurden, die hauptsächlich Sannyasi (Entsagende) waren, die man für qualifiziert genug hielt, sich diese Lehre anzueignen.“ Das bedeutet praktisch, dass derjenige, dem die absolute Lehre offenbart wurde, bereits die erforderliche moralische und ethische Eignung für eine Schülerschaft besaß. Und nicht nur das - Shankara erklärt selbst, dass eine Eignung zur Schülerschaft auch noch ein ganz außergewöhnliches Maß an Loslösung und Transzendenz von weltlichen Begierden verlangt:
Der Schüler muss allen sterblichen Dingen leidenschaftslos gegenüberstehen. ... (Er hat bereits) den Wunsch nach Söhnen, Wohlstand und nach der Welt aufgegeben und ist mit Selbstkontrolle (und) Barmherzigkeit ausgestattet, er ist ein Brahmin, der innerlich und äußerlich rein ist, dessen Gedanken ruhig sind, der Ruhe gefunden hat. ... (Deshalb) lass ihn zu einem spirituellen Lehrer gehen, der ein Gelehrter der Schrift ist und verwurzelt im Brahman.

Die Upadesasahasri





Es gibt heute auf dem postmodernen spirituellen Markt ein ungewöhnliches Phänomen, das es niemals zuvor in der Geschichte gegeben hat. Das, was früher als höchste esoterische Lehre galt, die nur denjenigen offenbart wurde, die sich vorbereitet und der unvorstellbaren Tiefe und Differenziertheit als würdig erwiesen hatten, steht jetzt für jedermann zur Verfügung, der durch einen esoterischen Buchladen schlendert. Eine wichtige Frage scheint hier zu sein: Sind die meisten Suchenden wirklich auf den psychologischen Umbruch und die Welten zerschmetternde Veränderung der Wahrnehmung vorbereitet, die ein Vordringen in das Absolute entfesselt? Die Betonung der illusorischen Natur aller körperlichen Existenz bei Advaita könnte möglicherweise einen Freibrief für menschliche Schwäche und Genuss-Sucht bieten, wenn das Individuum noch nicht in einer fundamental gesunden Beziehung zum Leben verankert ist. Die ungesunden Tendenzen, die sich durch narzisstische, neurotische und heute weit verbreitete, zutiefst zynische Überzeugungen auszeichnen, schaffen ein gefährlich schwaches Fundament für eine nonduale Perspektive, die alle Gegensatzpaare transzendiert, „richtig“ und „falsch“ eingeschlossen. Während die große Stärke von Advaita darin liegt, dass sie einen einzigartigen unerschütterlichen Nachdruck auf die Absolute Dimension der Existenz legt, wird zugleich ihre Schwäche durch den begrenzten Rahmen ihrer Einzigartigkeit deutlich. Und obwohl natürlich jede absolute Sichtweise per definitionem jegliche Unterscheidung transzendieren muss, besitzt Advaita, oder der Nondualismus, ein enorm hohes Potenzial, zu einer Weltsicht anzuregen, die in gefährlicher Weise von jeglichen Werten entleert ist. In einer solch absoluten Lehre ist die Möglichkeit davonzulaufen, anstatt sich einer echten Transformation zu unterziehen, potenziell sehr groß. Es ist nämlich eine Sache, vom Absoluten angenommen, aufgesogen und völlig ausgelöscht zu werden - es ist aber eine völlig andere, vor der ursprünglichen Komplexität des Lebens zu fliehen, um dem überwältigenden Anspruch wahrer Hingabe auszuweichen.

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WIE Ausgabe 3:
Unsere Ausgabe zum Thema Advaita und Buddhismus


Eine Auseinandersetzung mit Buddhismus und Advaita Vedanta. Interviews mit: Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, Stephen Batchelor, Ramesh Balsekar, Helen Tworkov, Vijai Shankar, Frances Vaughan, Swami Dayananda, Peter Masefield



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