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Einleitung
Stephen Batchelor machte diese Erfahrung vor etwa zwanzig Jahren während seiner Zeit als tibetisch-buddhistischer Mönch in Dharamsala, Indien, und brachte sie später in seinem Buch The Faith to Doubt zu Papier. Wie er sagt, handelte es sich dabei nicht um eine Erleuchtungserfahrung, in der eine endgültige, mystische Wahrheit für einen Moment sehr klar wurde. Das Erlebnis gab mir nämlich keine Antworten. Es enthüllte nur das ungeheure Ausmaß der Frage. Als Folge dieses Erlebnisses wurde Batchelor so etwas wie ein Renaissance-Mönch, der sich umfassend in westliche Philosophie, Psychologie und Theologie einlas und mit besonderem Interesse der Art und Weise nachging, wie existenzialistische Konzepte angewendet werden, um religiöse Erfahrung zu verstehen. Die faszinierend sparsame Deutung seiner eigenen Erfahrung sollte letztlich das langfristige Modell für einen agnostischen Zugang zum spirituellen Leben liefern, der vielleicht am besten in Batchelors Glaubenssatz Ausdruck findet: Alles in Frage zu stellen ist der Weg, auf dem sich die in sich gesammelte Person bewegt. Diesen Ansatz hat er seitdem auf sehr aktive Weise verfolgt, und er ist ihm auch bis heute unerschütterlich treu nicht mehr als Mönch, sondern als einflussreicher Autor, Gelehrter, Meditationslehrer und Leiter des Sharpham College for Buddhist Studies in Devon, England. Batchelors Betrachtungsweise ist im Prinzip die Ansicht, dass es keine wirklich authentische Antwort auf das menschliche Leben gibt, wenn sie nicht die diesem Leben innewohnende und zugrunde liegende existenzielle Ungewissheit anerkennt. Praktizierende Buddhisten im Westen können nicht hoffen, wirklich frei zu werden, behauptet er, solange sie den buddhistischen Pfad gehen und dabei Sklaven einer Menge ungeprüfter Dogmen sind Dogmen, die ein Verständnis von Buddhas Botschaft verschleiern und verzerren und die sie daran hindern, ihrer eigenen, deutlich ausgeprägten, existenziellen Verwunderung einen kulturell frischen und authentischen Ausdruck zu geben. Ziel der von Batchelor vertretenen, radikalen Sicht der Lehre des Buddha ist es daher, diese von allen überflüssigen Schnörkeln der Religion und der Spiritualität zu befreien, die alles ersticken, was Batchelor in dieser Lehre als die einfache Offenbarung des existenziellen Dilemmas des menschlichen Lebens ansieht. Wie in dem wunderschönen Gleichnis vom Floß, schreibt er, ist das Dharma (die Lehre) bloß ein zeitweiliges Hilfsmittel, das uns von einer Seite des Flusses zur anderen bringt. Seine Bedeutung wird völlig verzerrt, wenn es zum Status eines Endzieles erhoben wird. Das Ziel, wozu der buddhistische Pfad für mich nur ein Mittel ist, kann nur das Lösen des Rätsels sein, was es bedeutet, in diese Geburt hineingeworfen zu werden und dann beim Tod wieder hinausgeworfen zu werden. Mit der Veröffentlichung seines Buches Buddhismus für Ungläubige (Buddhism without Beliefs) hofft Batchelor, die sich immer weiter entfaltende Lehre von Gautama, dem Buddha, in eine weitere und wieder einzigartige historische Inkarnation zu treiben und zwar in die bis jetzt leichteste und am wenigsten durch Orthodoxie eingeschränkte. Obwohl wir vielleicht bestimmte stilistische Aspekte seiner Lehre merkwürdig finden mögen, ... hat sich das Rad des Dharma, das durch den Buddha in Bewegung gesetzt wurde, auch nach seinem Tod weitergedreht und immer neue und erstaunliche Kulturen des Erwachens hervorgebracht, schreibt er. Gegenwärtig besteht die Herausforderung darin, sich eine Kultur des Erwachens vorzustellen und zu kreieren, die die individuelle Praxis des Dharma unterstützt und sich des Dilemmas einer agnostischen und pluralistischen Welt annimmt. Zweifellos ist Batchelors Entwurf einer Zukunft des säkularisierten westlichen Buddhismus auf gewagte Weise kühn und revolutionär. Und man muss seine mutige Bereitschaft bewundern, mit der er innerhalb der von ihm gewählten Tradition allein dasteht und sich gegen das unkritische Festhalten an buddhistischen Doktrinen und Praktiken wendet, die für die Praktizierenden der Gegenwart ihren Sinn verloren haben. Trotzdem verursachte Batchelor mit seiner Ansicht, dass seine Neuformulierung des Buddha Dharma eine Anpassung an das pluralistische Klima der westlichen Postmoderne darstelle, ein gewisses Maß an existenzieller Verwunderung. Das herausragendste Charakteristikum der westlichen Kultur ist doch allem Anschein nach eine zwanghafte Konzentration auf so noble Ideologien wie den Relativismus, die Subjektivität und die persönliche Autonomie. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass der Buddhismus auf seinem Weg durch die ganze Welt noch nie auf eine Kultur gestoßen ist, die so sehr im Widerspruch zur Enthaltsamkeit und Selbstlosigkeit steht – Haltungen, die für das Streben nach Erleuchtung traditionell als wesentlich gelten. Daher stellte sich uns die Frage, ob die Anpassungen, die der Buddhismus machen musste, um wirklich postmodern zu sein, jemals zu etwas anderem als dem Verlust seiner Seele führen kann. Lässt sich eine Lehre, die auf Erleuchtung abzielt, wirklich an den individualistischen Imperativ anpassen, der im heutigen Westen vorherrscht? Wir erkannten, dass die Antwort auf diese Frage davon abhängt, was diese "Seele" des Buddhismus eigentlich ausmacht, und damit letztendlich vom Verständnis des Wesens der Erleuchtung selbst. Im Licht dieser unglaublichen Vielfalt miteinander kontrastierenden Ansichten zu diesem Thema, die sogar anscheinend innerhalb einer einzigen Tradition wie dem Buddhismus nebeneinander existieren können, stellten wir die Frage: Was ist Erleuchung? Ist Erleuchtung, wie Andrew Cohen meint, die Entdeckung und Verwirklichung eines einmaligen und zeitlosen absoluten Kontextes für den gesamten Bereich der menschlichen Erfahrung, den man sich nur hingeben kann, wenn man ihn als solchen erkannt hat? Oder ist Erleuchtung vielmehr, wie Stephen Batchelors existenzialistische Deutung der Errungenschaften des Buddha anzudeuten scheint, eine eher relative Angelegenheit - die mutige Bereitschaft, sich immer wieder und in einer endlosen Vielfalt von Umständen mit der innewohnenden Leere und der essenziellen Unergründlichkeit der Existenz zu konfrontieren? Ist es die endgültige und unwiderrufliche Wiederausrichtung eines menschlichen Bewusstseins auf den letzten Sinn und das höchste Ziel des Lebens - oder ist es die ungehinderte Wahrnehmung einer zufallsbedingten, abhängigen Wirklichkeit, in der jede Sinnbildung eine menschliche Einbildung ist? Dies sind heikle Fragen, aber sie sind von entscheidender Bedeutung, weil die Fähigkeit, das Absolute vom Relativen zu unterscheiden, alles andere als eine Frage bloßer Semantik ist, sondern vielmehr als Grundlage für jedes klare Verstandnis darüber, was Erleuchtung ist und was sie nicht ist, angesehen werden kann. Diese wesentliche Unterscheidung zwischen dem Absoluten und dem Relativen ist Gegenstand des faszinierenden Dialogs, den Sie gleich lesen werden und der in die Feinheit seiner Unterscheidungen und in der drängenden Lebhaftigkeit seines Hin und Her sehr einer jener "Dharma-Debatten" ahnelt, die in den vergangenen Zeiten der reichen und vielgestaltigen Geschichte des buddhistischen Lebens eine wichtige Rolle gespielt haben.
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