Your email address is kept confidential, and will never be
published, sold or given away without your explicit consent.
Thank you for joining our mailing list! Close |

|
||||||||||||||
|
Einleitung
Aber Advaita Vedanta ist tatsächlich eine 1300 Jahre alte Tradition, deren Spuren sogar noch weiter zurückzuverfolgen sind, bis hin zu den Upanishaden, einer Sammlung von mehr als 2500 Jahre alten göttlich inspirierten Schriften. Advaita ist Ausdruck der hinduistischen Philosophie des Nondualen und proklamiert, dass einzig und allein das eine Absolute, das ungeteilte Selbst, letztlich die Realität ist. Es verfügt über mehrere Mönchsorden, eine reichhaltige Literatur und eine lange Geschichte formalen philosophischen Diskurses. Der Umstand, dass wir durch unsere Untersuchungen über Advaita für diese Ausgabe von WiE mit einer solchen Vielfalt von Lehrern und Lehren unserer Zeit in Kontakt kamen, machte uns zunehmend neugierig darauf herauszufinden, was jemand mit einer klassischen Ausbildung in traditioneller Methodik und Doktrin auf unsere Fragen zu sagen haben würde. Unsere Suche nach einem solchen Traditionalisten führte uns schließlich bis in den Dschungel des südindischen Staates Tamil Nadu, in den Ashram von Swami Dayananda Saraswati. Swami Dayananda beschreibt sich selbst als traditionellen Advaita-Vedanta-Lehrer. Er war ein enger Schüler des allgemein hoch angesehenen verstorbenen Vedanta-Lehrers Swami Chinmayananda und begann seine Lehrtätigkeit vor mehr als dreißig Jahren, nach einer disziplinierten spirituellen Suche, die sowohl ein intensives Studium der klassischen Schriften umfasste als auch einige Jahre der Zurückgezogenheit in den Vorgebirgen des Himalaya. In dieser Zeit hat er sich sowohl in Indien als auch im Ausland einen glänzenden Ruf als heftiger Verteidiger der Tradition erworben. Er hat einundzwanzig Bücher veröffentlicht, darunter mehrere Übersetzungen von traditionellen Texten und von Kommentaren dazu, und er hat drei Ashrams gegründet (zwei in Indien und einen in den Vereinigten Staaten), wo das ganze Jahr hindurch seine Vedanta-Intensivkurse gelehrt werden. Der jüngste Ashram von Swami Dayananda, Arsha Vidya Gurukulam, liegt mitten im tropischen Regenwald, dreißig Meilen von Coimbatore entfernt, und ist ein weit reichender Komplex von Hallen und Schlafsälen, in denen etwa dreihundert Menschen untergebracht werden können. Zur Zeit unseres Besuchs wohnten dort etwa hundert Schüler, die an einem drei Jahre dauernden Kurs teilnahmen; darunter waren auch etwa dreißig Schüler aus dem Westen, von denen viele, wie wir erfuhren, erfolgreiche Karrieren aufgegeben hatten, um daran teilnehmen zu können. Zusätzlich zu diesen Langzeitkursen, während derer die Schüler dort leben, empfängt der Ashram auch viele berühmte Kurzzeitbesucher, darunter, so wurde uns gesagt, einige der größten Filmstars Indiens und wichtige Politiker, unter anderem auch den früheren Präsidenten Indiens. An unserem ersten Tag im Ashram hatten wir Gelegenheit, einige von Swami Dayanandas Seminaren zu besuchen, und stellten dabei fest, dass Swami Dayananda in seinem Bestreben, die Tradition aufrecht zu erhalten, nicht das kontemplative Ambiente eines Retreat eingeführt hatte, das man vielleicht im Ashram eines indischen Gurus zu finden erwartet hätte, sondern vielmehr eine Art spiritueller Akademie, deren erstes und vorrangiges Ziel die Aneignung von Wissen über Vedanta ist. Die Schüler verbringen den Tag im Klassenzimmer, sitzen auf dem Boden hinter niedrigen Schreibtischen und hören Swami Dayananda zu, der aus den alten Sanskrittexten liest, nach jedem Vers eine Pause macht, um ihn dann, oftmals sehr ausführlich, zu kommentieren. Wenn die Schüler keinen Unterricht haben und auch nicht mit ihren Ashrampflichten beschäftigt sind, widmen sie sich entweder dem individuellen Studium oder treffen Swami Dayananda, der zusätzlich zum Unterricht von drei langen Seminarphasen pro Tag in den Pausen zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden für weniger formelle Gespräche zur Verfügung steht. Das, was wir an Swami Dayanandas stark scholastischer Methode am erstaunlichsten fanden, war, dass ungewöhnlicherweise jegliche Betonung einer spirituellen Praxis fehlte. Die einzige formelle Übungszeit im Ashram sind dreißig Minuten Morgenmeditation. Wir sollten bald erfahren, dass spirituelle Praktiken keinen wichtigen Platz im Programm einnehmen, aus einem sehr einfachen Grund: Für Swami Dayananda sind sie für den Weg völlig bedeutungslos. Das Einzige, was von Bedeutung ist, meint er, ist das Studium – das ernsthafte Studieren der heiligen Vedanta-Texte. Nach Ansicht von Swami Dayananda beschreiten die meisten der zeitgenössischen Verfechter von Advaita Vedanta mit ihrem Ansatz einen Irrweg. Er hat das Gefühl, dass sie durch die Überbetonung des Bemühens um transzendente Erfahrung am eigentlichen Hauptpunkt der alten Lehren vorbeigehen. Nach seiner Aussage gilt in der traditionellen Advaita Vedanta die Heilige Schrift als einziges sicheres Mittel, um Unwissenheit zu beseitigen und die direkte Erkenntnis des Absoluten zu offenbaren. Er schreibt: „So wie die Augen das direkte Mittel sind, um Farbe und Form wahrzunehmen, so ist Vedanta das direkte Mittel … um das eigene wahre Wesen zu erkennen und Verwirrung hinsichtlich des Atman (Selbst) aufzulösen.“ Daher, so ist er überzeugt, können wir nur durch ein diszipliniertes Studium der offenbarten Worte großer Weiser die Erkenntnis erlangen, die uns aus der Täuschung befreien wird. Angespornt durch seine Überzeugung von der allerhöchsten Effizienz des Studiums der Schriften kritisiert Swami Dayananda rückhaltslos „Mystiker“, die behaupten, der Weg zur Erleuchtung führe einzig und allein über die spirituelle Erfahrung. In der Tat ging er sowohl in seinen Schriften als auch in einem unserer Gespräche sogar so weit, seinem Zweifel an der Verwirklichung des allgemein anerkannten und hochverehrten, jedoch ungebildeten modernen Weisen Ramana Maharshi Ausdruck zu geben – und er fügte hinzu, dass es Millionen indischer Familienväter geben könnte, die ein ähnliches Niveau erlangt hätten! Anfangs waren wir über solche Statements sehr überrascht, aber in Gesprächen mit zahlreichen westlichen Advaita-Gelehrten sollten wir später feststellen, dass viele Advaita-Traditionalisten diese Ansichten teilen. Sogar einer der lebenden Shankaracharyas – das Oberhaupt einer der vier monastischen Institutionen, die angeblich vom Gründer der Advaita, Shankara, eingerichtet worden sind, leugnet ebenfalls die Gültigkeit dessen, was Ramana erreicht hat, wie es scheint aus dem einfachen Grund, dass jemand, der keine formelle Vedanta-Ausbildung genossen hat, unmöglich vollständig erleuchtet sein kann! Unser Besuch im Ashram von Swami Dayananda stellte sich als faszinierendes Lehrstück heraus. Im Laufe unseres dreitägigen Aufenthalts trafen wir Swami Dayananda viermal zu formellen Gesprächen, die sich als eine weit reichende Serie von Dialogen herausstellen sollten. Während dieser Zeit avancierte das Phänomen, das als Ashram-Kuriosität begonnen hatte – nämlich dass eine kleine Gruppe von Westlern mit einem spirituellen Lehrer aus Amerika gekommen war, um ein Interview mit dem Guru zu machen – rasch zu einem der meistkommentierten und bestbesuchten Ereignisse im Ashram. Von unserer zweiten Sitzung an war der Versammlungsraum bis auf den Flur hinaus überfüllt mit Schülern, die gekommen waren, um der Diskussion zu folgen. Zwischen den Treffen fanden wir uns regelmäßig im Gespräch mit den Schülern wieder, die eifrig mit uns Punkte besprechen wollten, die in der Diskussion aufgetaucht waren, und uns Fragen für die nächste Runde vorschlugen. Bei allen Begegnungen erwies sich Swami Dayananda in jeder Hinsicht als der Traditionalist, den wir erwartet hatten, wobei er uns in seinen Antworten auf unsere Fragen an seinem umfassenden Verständnis sowohl der eigentlichen Tradition als auch der Feinheiten der Advaita-Philosophie teilhaben ließ. Wir verließen seinen Ashram zwar in vielerlei Hinsicht sehr viel klarer in Bezug auf die Geschichte und Doktrin der Advaita-Tradition, aber unser Besuch hatte doch auch einige faszinierende Fragen aufgeworfen. War es nicht erstaunlich, fragten wir uns auf unserer Rückfahrt im Taxi zum Flughafen, dass es innerhalb einer Tradition, die sich der tiefen und radikalen Verwirklichung des Absoluten verschrieben hat, gelehrte und engagierte Autoritäten gibt, die sich veranlasst sehen, sich von den kraftvoll verwirklichten Mystikern zu distanzieren, bei denen viele der eigenen Anhänger selbst Inspiration suchen? Wenn sie dadurch die „Reinheit” der Tradition hochzuhalten versuchen, welche Bedeutung hat das dann hinsichtlich des Wesens von Erleuchtung, zu der der Advaita-Weg führen soll? Ramana Maharshi sagte: „Man braucht weder gelehrt noch in den Schriften versiert zu sein, um das Selbst zu erkennen, so wie kein Mensch einen Spiegel braucht, um sich selbst zu sehen.“ Swami Dayananda hatte uns andererseits gerade gesagt, dass „wir kein Mittel der Erkenntnis haben, um Selbstverwirklichung direkt zu verstehen, und dass daher Vedanta das Mittel der Erkenntnis ist, das zu diesem Zweck angewendet werden muss. Kein anderes Mittel der Erkenntnis wird funktionieren.“ Was ist Erleuchtung? Ist es einfach eine Verlagerung des Verständnisses, die, wie Swami Dayananda insistiert, vollständig durch das Studium der heiligen Texte herbeigeführt werden kann? Oder ist es, wie einige der strahlendsten Verkünder dieser kraftvollen Lehre behauptet haben, die Offenbarung eines Mysteriums, das für immer und ewig jenseits des Verstandes liegt und das die Welt zum Zusammenbruch bringt?
|
||||||||||||||