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Yoga, Ego & Läuterung


Ein Interview mit Yogi Amrit Desai
von Andrew Cohen
 

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Einleitung



Yogi Amrit
Desai
Ich hatte mich immer gefragt, ob die Praxis des Yoga irgendetwas mit dem Tod des Ego zu tun hat. In den letzten vierzehn Jahren habe ich ja den Weg zur Befreiung gelehrt und hatte davor selbst etliche Lehrer. Mein erster Guru war ein wahrer Meister des Yoga. Sein Leben war buchstäblich die Verkörperung der Bhagavad Gita, der Bibel für jeden, der es anstrebt, Yogi zu werden. Dieser Mensch konnte tief in die mystische, ekstatische Trance des Nirvikalpa Samadhi eintauchen, die als die höchste Stufe gilt, die sich auf dem Weg des Yoga erreichen lässt, indem er einfach einmal einatmete.

Er war tatsächlich ein wahrer Meister, konnte willentlich das Körperbewusstsein transzendieren - eine Kunst, die schon immer nur ganz wenige beherrscht haben. Und dennoch hat mich das Ausmaß an Chaos, das er in dieser Welt bei sich und den Menschen auslöste, die sich um ihn scharten, immer in Erstaunen versetzt. Auch der berühmte Meister Swami Muktananda, der zu seiner Zeit als einer der größten Yogis überhaupt galt und dessen kraftvolle Shaktipat -Übertragungen in Hunderttausenden von Körpern westlicher Menschen die schlummernde Kundalini-Energie wachriefen, desillusionierte unzählige Sucher und Sucherinnen auf der ganzen Welt, als seine „tantrischen” Eskapaden mit den jungen Töchtern seiner Anhänger ans Licht kamen. Zu jener Zeit (Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger) hörte ich auch die faszinierenden Berichte von den unglaublichen Erfahrungen, die viele Menschen in Gegenwart von Yogi Amrit Desai machten.
Yogi Desai kam ursprünglich 1960 nach Amerika, um in Philadelphia die schönen Künste und Design zu studieren. Danach arbeitete er bei etlichen Firmen im Bereich Design und Textilgestaltung und machte gleichzeitig als talentierter Künstler Karriere. Seit seiner Jugend war er ein enger Schüler von Swami Shri Kripalvanandji, einem Meister des Kundalini-Yoga. Kurz nach seiner Ankunft in den USA begann Yogi Desai, in seiner neuen Heimat Philadelphia die damals noch größtenteils unbekannte Kunst des Hatha Yoga zu lehren. Die Yogaschule, die er begründete, wurde ein so großer Erfolg, dass er schließlich seine Karriere als Künstler aufgab, um sich voll dieser Lehrtätigkeit zu widmen. Erst 1969 bekam Yogi Desai von seinem Guru die formelle Shaktipat-Initiation und machte dann in den frühen Siebzigern den Schritt vom erfolgreichen Yogalehrer zu einem wahren unabhängigen Guru, einem Meister des Kundalini-Yoga, der die Fähigkeit hatte, in anderen Menschen Kundalini Shakti wachzurufen. Viele hatten durch den Aufenthalt in seiner Gegenwart starke Erweckungserlebnisse. Ein Mann beschrieb seine Erfahrung wie folgt:

Mein Körper füllte sich mit einem strahlend weißen Licht, und ich ließ es geschehen, dass ich darin aufgesogen wurde. Ich hatte das Gefühl, dass mein Leben, wie ich es vorher gekannt hatte, buchstäblich zu einem Ende kam. Meine Ich-Identität wurde bedeutungslos, es gab keine Zeit mehr, Vergangenheit und Zukunft existierten nicht. Nur noch reines Licht und reine Glückseligkeit waren da. Ich war zufrieden damit, für immer in diesem Zustand zu bleiben. Als ich meine Augen wieder öffnete, bemerkte ich, dass mein Körper sich nach vorne geneigt hatte; meine Stirn berührte den Boden. Ich erinnerte mich nicht daran, diese Position eingenommen zu haben, aber ich verbeugte mich tatsächlich vor Yogi Desai. In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie vor jemandem verbeugt, aber jetzt hatte mich irgendeine unbekannte, innere Kraft dazu veranlasst. Ich wusste auch, dass ich mich eigentlich gar nicht vor Amrit Desai verbeugte, sondern vielmehr vor meinem eigenen höheren Selbst, das zu sehen er mir geholfen hatte.*

Yogi Desai gründete in Sumneytown, Pennsylvania, einen Ashram , und als sich die Nachricht von seiner außergewöhnlichen Wirkung auf Menschen überallhin verbreitete, dauerte es nicht lange, bis er eingeladen wurde, überall in den USA und Kanada Unterweisungen zu geben. Nach etlichen Jahren begann Yogi Desai, sich bei seiner Lehrtätigkeit nicht mehr so sehr auf Shakti-Erfahrungen zu konzentrieren. Stattdessen legte er wieder mehr Wert auf Hatha Yoga und die Grundsätze einer ganzheitlichen Lebensweise. „Irgendwann hörte ich ganz damit auf, die Shakti-Energie so intensiv nach außen fließen zu lassen, denn es gab viele Menschen, die gar nicht bereit waren, die Intensität der damit verbundenen physischen, geistigen und emotionalen Reinigung zu bewältigen”, meinte er. „Ich erkannte, dass meine Schüler mehr Erdung, mehr Klarheit in ihren Gedanken und Gefühlen und mehr Reinigung für ihre Körper brauchten, bevor sie sich auf diese tiefere Ebene begeben konnten.” Amrit Desai konzentrierte sich bei seinen Unterweisungen jetzt auf einen neuen Stil des Yoga, den er selbst begründet hatte und den er „Kripalu Yoga” nannte. Grundlage des Kripalu-Yoga sind sanfte Übungen, bei denen Yogahaltungen eingenommen werden, was durch ununterbrochenes, fließendes Atmen unterstützt wird. Bei dieser neuen Art der Praxis ist die Kultivierung eines distanzierten und objektiven, bewussten Gewahrseins des dabei ablaufenden Prozesses an sich das Ziel, weniger die Vervollkommnung von Körperhaltungen oder Atemtechniken. 1979 eröffnete er dann das Kripalu Center for Holistic Health in Lenox im US-Bundesstaat Massachusetts. Seiner Biografie zufolge war Yogi Desai der Ansicht, dass „ganzheitliche Gesundheit der wirksamste Weg ist, um Menschen mit Yoga bekannt zu machen, die Yoga brauchen, aber noch nicht offen für seine traditionelleren Formen sind. Die Dienste dieses Gesundheitszentrums umfassten Unterweisungen in Hatha Yoga und Raja Yoga, die an den modernen westlichen Ansatz für ein gesundes Leben angepasst wurden.” Auch dieses Zentrum wurde bald ein ungeheurer Erfolg, und in seinen Einrichtungen hieß ein Personal von fast dreihundert vor Ort wohnenden und ganztägig dort arbeitenden Yogis schließlich monatlich mehr als eintausend Besucher willkommen. Der Rest ist Geschichte.

Yogi Desai war selbst verheiratet, forderte aber seine Schüler zur strikten Einhaltung des Zölibats auf. 1994 kam es dann plötzlich zu einem Skandal, der seine Gemeinschaft auseinander brechen ließ. Es wurde entdeckt, dass der Meister in seinem eigenen Leben seine Lehren nicht befolgt und heimlich mit etlichen seiner Schülerinnen geschlafen hatte. Mit Schimpf und Schande warf man ihn aus seinem eigenen Ashram, und bei vielen blieben eine ungeheure Wut und tiefe Desillusionierung zurück.

Ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit, als die Schockwellen dieser Vorkommnisse die amerikanische Yogagemeinschaft erschütterten, selbst sehr enttäuscht war, denn ich hatte Yogi Desai für den letzten der wenigen modernen Pioniere unter den Yogameistern im Westen gehalten, der zumindest bis zu jenem Zeitpunkt keinerlei Skandale verursacht hatte. Was ist da eigentlich los? fragte ich mich immer wieder. Diese großen Männer waren doch immerhin wahre Meister und hatten wunderbare Höhen der Glückseligkeit und Ekstase erlebt, von denen die meisten nur träumen können. Yogi Desai besaß darüber hinaus auch noch die Kraft, diese Erfahrung anderen zu vermitteln. Diese Männer hatten auch durch die Kultivierung einer ungewöhnlichen Selbstdisziplin die Kunst der Konzentration gemeistert, welche die Grundlage für alle Errungenschaften eines Yogi ist. Man könnte doch annehmen, dass diese mächtige Kombination einer Meisterschaft in Selbstdisziplin, Konzentration und spiritueller Ekstase ein sehr hohes Ausmaß an Selbstkontrolle, innerer Freiheit, Bewusstheit und einem tiefen spirituellen Gewissen zur Folge haben sollte. Und trotzdem war die Norm für Selbstkontrolle, innere Freiheit und Bewusstheit bei diesen Meistern so häufig auf schockierende Weise sogar viel niedriger als üblich. Was ist da los? fragte ich mich in Gedanken immer wieder. Darüber hinaus frustrierte mich auch die Tatsache, dass Yogi Desai jetzt allen Zweiflern noch einen weiteren Grund gegeben hatte, wenig Vertrauen in unsere Kraft zu haben, unsere niederen Instinkte und Triebe zu transzendieren und lebendige Verkörperungen strahlender spiritueller Reinheit in dieser dunklen und zynischen Welt zu werden. In meiner eigenen Lehrarbeit habe ich über viele Jahre hinweg eine Menge scharfer Kritik geerntet, weil ich zu sagen wage, dass es möglich ist, zu einem Ausdruck absoluter Einfachheit in dieser so schmerzhaft uneinigen Welt des Menschen zu werden. Durch Ereignisse wie dieses fühlte ich mich immer mehr allein. Schließlich hatte ich entdeckt, dass die Zynikervon denen viele das Gewand eines spirituellen Menschen tragen, spirituelle Bücher schreiben und entsprechende Seminare durchführenes durchaus gerne sehen, wenn ein Meister auf die Nase fällt. Warum? Weil sie damit selbst aus dem Schneider sind.

Als sich die Gelegenheit bot, mit Yogi Desai für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? über das Thema „Was ist das Ego?” zu sprechen, ergriff ich die Chance. Was würde der Meister wohl zu dieser so überaus wichtigen Frage und ihrer Beziehung zum höchsten Ziel einer spirituellen Praxis zu sagen haben, wenn man bedenkt, was er selbst alles durchgemacht hat? Bestätigten seine Erfahrungen meinen Verdacht, dass die Meisterschaft im Yoga nicht notwendigerweise mit dem Tod des Ego, der Vernichtung des ewigen Feindes der Erleuchtung, gleichgesetzt werden kann? Und wenn das zutraf, was bedeutet das dann für Yoga als Weg zur Erleuchtung? Was hieß das für die letztendliche Bedeutsamkeit der Meisterschaft und deren Beziehung zum Ich-Tod?

Nachdem sich Yogi Desai eine Weile zurückgezogen hatte, nahm er seine Karriere als spiritueller Lehrer wieder auf, und zurzeit gewinnt er erneut als Yogameister immer mehr an Popularität, Anerkennung und Erfolg. Er reist um die ganze Welt und lehrt wieder wie früher. Vor kurzem wurde er von Deepak Chopra dazu eingeladen, bei dessen Feier zur Jahrtausendwende eine Einführung zu geben. Yogi Desai wurde auch gebeten, an dem neuen Ashram, den Chopra gründen möchte, als führender spiritueller Lehrer tätig zu werden.

* John White (Hrsg.): Kundalini, Evolution and Enlightenment, Anchor Press, 1979, S. 184-188

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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