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Yoga, Ego & Läuterung


Ein Interview mit Yogi Amrit Desai
von Andrew Cohen
 

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Interview

ANDREW COHEN: Man sagt, jede spirituelle Praxis, die nach Befreiung strebt, dient einzig und allein dazu, das Ego zu töten. Könnten Sie bitte aus Ihrer Perspektive als Yoga-Meister definieren, was das Ego ist?

AMRIT DESAI: Das Ego ist eigentlich das angeborene Empfinden des „Ich bin,” und dem kann keiner entgehen. Das Gefühl von „Ich bin” ist eine Identifizierung, die beim Durchgang durch die verschiedenen Entwicklungsstufen unterschiedliche Ausdrucksformen hat. Das erste Erleben des „Ich bin” erfolgt, wenn wir uns direkt mit dem Körper identifizieren, und ist mit dem Überleben des Körpers verknüpft. Damit fängt es an. Danach gelange ich zu der Erkenntnis, dass ich einen Körper habe, aber nicht mein Körper bin. Und dann erkenne ich, dass ich einen Geist, einen Intellekt habe, aber nicht mein Geist und mein Intellekt bin. Ich habe meine Gefühle, bin diese Gefühle aber nicht. Ich habe meine Konzepte über mich, bin aber nicht mit diesen Konzepten, Vorstellungen und Gedanken über mich identisch. Ich habe Meinungen, bin aber meine Meinungen nicht. Das Ganze ist ein Entwicklungsprozess, ein Weg, auf dem sich das Ego entwickelt. Das Ego ist die Wahrnehmung des „Ich bin” als individuelles Wesen, und die kann niemand bei sich leugnen. Das Ego ist nicht etwas Nutzloses oder etwas, das wir loswerden sollten. Es muss geläutert oder gereinigt werden, indem wir klar erkennen, wer wir wirklich sind.

AC: Können Sie bitte beschreiben, wie diese Läuterung auf dem Weg des Yoga stattfindet?

AD: Im Ashtanga Yoga, dem achtgliedrigen Yoga, gib es die Praxis, bestimmte moralische und ethische Verhaltensregeln zu befolgen (die Yamas und Niyamas), ferner die Körperhaltungen (Asanas), Atemkontrolle (Pranayama) und einen geeigneten, ausgeglichenen, einfachen, dieser Praxis förderlichen Lebensstil. Das schafft dann die geeigneten Bedingungen dafür, dass die innere Umgebung geläutert werden kann und die eigenen Schwingungen so auf ganz natürliche Weise immer feiner werden. Das bewirkt dann auch, dass ganz bestimmte Schichten des Lebens für uns erreichbar werdenSchichten, die sich auf einer viel subtileren, für uns weder mit dem Intellekt noch von der Biologie her erfassbaren Ebene befinden. Es ist die Läuterung von Körper, Geist und Herz.

AC: Yogi Desai, ich möchte Ihnen eine spannende Frage stellen: Was bedeutet es, keinen Schatten zu haben? Soviel ich weiß, war Ihr Guru Bapuji ein wirklich außergewöhnliches Wesen. Ich wüsste gerne, ob Sie glauben, dass es für irgendjemanden möglich ist, das Ego letztendlich zu zerstören und dadurch das Vehikel von den Neigungen und Motivationen des Ego in einem solchen Maße zu läutern, dass man wirklich leer wird und schließlich von narzisstischer Selbstbezogenheit und egoistischen Handlungen frei ist? Halten Sie es für möglich, auf diese Weise keinen Schatten mehr zu haben?

AD: Ja, das ist möglich, was durch viele große Meister bewiesen wurde, die diesen Zustand erreicht haben. Das ist nicht die Vernichtung des „Ich bin,” sondern die Vernichtung der falschen Identifikation, die auf das „Ich bin” folgt – der falschen Identifikation mit dem Selbstbild, mit Vorstellungen, die man von sich hat, mit Glaubenssystemen, persönlichen Vorurteilen, Ängsten und Anhaftungen. Es ist ein Loslassen dessen, was ich nicht bin. Es ist ein Entdeckungsprozess, ein Prozess des Loslassens, kein Prozess, durch den wir uns irgendetwas aneignen.

AC: Es gibt viele bekannte Therapeuten, die sagen würden, es sei unmöglich, keinen Schatten zu haben. Aber ich war immer schon davon überzeugt, dass Erleuchtung eigentlich bedeutungslos wäre, wenn es wirklich unmöglich ist, keinen Schatten zu haben. Was immer es auch letztlich bedeuten mag, vollständig erleuchtet zu sein, ich habe immer implizit angenommen, dass ein erleuchteter Mensch keinen Schatten mehr wirft, ganz einfach wegen der völligen Reinheit seiner Motivation.

AD: Ich verstehe unter dem Schatten das Selbstbild und die Konzepte über uns selbst, die in unserem Unbewussten eingebaut sind und die wir deshalb „Schatten” nennen. Er stellt eine gefühlsmäßige Reaktion dar und ist uns nicht bewusst, weil unser Überlebensmechanismus auf diese Weise funktionieren muss. Wird ein Tier angegriffen, wird Adrenalin freigesetzt, was zu einer sofortigen Reaktion führt. Warum gibt es beim Menschen diese gefühlsmäßige Reaktion? Weil Menschen genau wie Tiere über einen Selbsterhaltungstrieb verfügen. Allerdings identifizieren sich Menschen nicht nur mit dem physischen Körper als „Ich bin”; sie identifizieren sich auch mit ihrem Selbstbild als „Ich bin”. Wenn also jemand das angreift, was ich zu sein glaubemeine Überzeugungen, meine Art oder meinen Ansatz, Dinge zu tun, löst das in mir die gleichen, dem Überleben dienenden Reaktionen aus, die mich normalerweise gegen Gefahren für den Körper schützen. Mit der gleichen Intensität beschützen Menschen auch ihr Selbstbild.

AC: Würden Sie also sagen, dass das Ziel einer spirituellen Praxis das völlige Ausrotten jener unbewussten Neigungen ist, um so nicht länger einen Schatten zu werfen?

AD: Ganz genau. Das ist die Aufgabe des Yoga.

AC: Könnten wir in Ermangelung eines besseren Wortes sagen, das wäre ein vollendeter Zustand?

AD: Ja, das wäre ein vollendeter Zustand.

AC: Die Jungianerin Marianne Woodman, die regelmäßig im Kripalu Center lehrt, ist der Ansicht, dass die Vorstellung oder das Ziel der Vollkommenheit „die Seele vergewaltigt”. Wie viele andere meint auch sie, das Ideal der Vollkommenheit fügt dem Menschen, der nach spirituellem Wachstum sucht, mehr Schaden als Nutzen zu und ist tatsächlich unmöglich zu erreichen.

AD: Das liegt daran, dass die Psychologie als „Heilkunst” entwickelt wurde. Sie ist ein pathologisches System; Freud beschäftigte sich mit pathologischen Zuständen, das war der Fokus seiner Arbeit. Im Gegensatz dazu geht es im Yoga nicht um die Entwicklung des Ego, sondern um dessen Transzendenz. Gleichzeitig kann eine Psychotherapie für Menschen, die emotional krank sind, durchaus erforderlich sein; diese Menschen brauchen eine Psychotherapie, um ein gesundes Ego zu entwickeln, denn das ist auch die Grundlage für eine Transzendenz des Ego. Deshalb habe ich auch immer gelehrt, dass wir von Genesung zur Selbstentdeckung gelangen. „Genesung” bedeutet hier, dass ich zunächst einen normalen Zustand anstrebe. Die meisten „normalen” Leute sind jedoch in Wirklichkeit krank, die meisten Menschen sind schizophren oder leben mit inneren Konflikten, die meisten Menschen haben Ängste oder Paranoia.

AC: Richtig. So genannte Normalität ist vom Standpunkt der Erleuchtung aus eine Täuschung.

AD: Ja, und darum sage ich auch, dass Yoga nicht für pathologische Zustände entwickelt wurde. Yoga wurde entwickelt, um Erleuchtung zu erlangen. Mein Guru hatte diesen Zustand erreicht, und mein Ausgangspunkt ist, dass ich durch meinen Guru unmittelbar erfahren habe, dass dieser Zustand möglich ist.

AC: Würden Sie sagen, es ist möglich, dass jemand auf sehr starke Weise erleuchtet oder erweckt wird und dennoch ein großes Ego hat? Bei etlichen meiner eigenen Schüler habe ich erlebt, wie sie durch tiefe Einsichten und intensive Glückseligkeitsgefühle zu einer beachtlichen Erkenntnis ihrer wahren Natur kamen und in der Lage waren, mit anderen auf überzeugende und wirkungsvolle Weise darüber zu sprechen. Gleichzeitig aber schienen ihre Egos und ihre Wichtigtuerei als direkte Konsequenz solcher Erfahrungen entschieden noch an Größe zu gewinnen. Doch als von ihnen verlangt wurde, auf den egogetriebenen narzisstischen Nervenkitzel zu verzichten, der durch gesteigertes Charisma und persönliche Macht entstand, die ihnen durch die Erfahrung zuteil wurden, war es ihnen unmöglich, ihrem Stolz ins Auge zu sehen, ohne dabei ihr neu erlangtes ungeheures Selbstvertrauen zu opfern. Es scheint, dass in den letzten zwanzig Jahren viele außerordentlich erwachte Meisterbeeindruckende Menschen, die anderen spirituelle Erfahrungen vermitteln konnten und mit dieser Ebene auch ganz verbunden warenrückblickend doch auch sehr große Egos besaßen; auf narzisstische Weise lag ihnen nämlich sehr viel daran, der beste, größte, wahrhaftigste und erleuchtetste unter den lebenden Meistern zu sein. Ist die Versuchung der Selbstgefälligkeit nicht oft das Nebenprodukt einer starken spirituellen Transformation? Obwohl das traditionelle Ziel spiritueller Praxis und spiritueller Erfahrungen der Ego-Tod ist, führen diese nicht fast immervon einigen seltenen Ausnahmen einmal abgesehenzu einem Wachstum des Ego? Stimmt es nicht, dass die Versuchung des Narzissmus für die meisten Menschen im Grunde der „Haken” an Erleuchtung ist?

AD: Ich habe festgestellt, dass sogar die Praxis des Yoga für diejenigen, die beginnen, höhere spirituelle Erfahrungen zu machen, gefährlich sein kann, denn es gibt für uns alle bei jedem unserer Schritte oder in jeder Entwicklungsphase Versuchungen. Eine der ersten Versuchungen haben Sie gerade beschrieben. Es ist der Messias-Komplex, der in jenem Augenblick entsteht, in dem wir irgendwelche spirituellen Erlebnisse haben. Wir beginnen, die Wirklichkeit zu erkennen, und bekommen damit eine erste Ahnung von dem, was eigentlich geschieht. Und ganz plötzlich will dann das Ego die Kontrolle übernehmen und dies in seinen Besitz bringen. Die entsprechende Neigung dazu ist bereits da, und wenn wir davon nicht ablassen, packt es uns genau an dieser Stelle, denn jetzt beginnt Wohlstand und alles andere, wonach wir verlangen, tatsächlich einzutreten. Das ist Macht: Unsere Fähigkeiten, unsere spirituelle Kraft beginnen, sich in weltlichem Wohlstand zu manifestieren. Und wenn wir an diesem Punkt in die Falle gehen, dann bleiben wir dort stehen. Bei jedem Schritt auf dem Weg zu einer höheren spirituellen Entwicklung gibt es daher eine Form des Verzichts, die die Grundlage für spirituelle Entfaltung darstellt. Ich würde die Frage daher bejahen: Es ist überhaupt nicht unüblich, dieser Versuchung zu erliegen, und die meisten Menschen kompromitieren sich auf einer ganz frühen Stufe des spirituellen Erwachens und können dann nicht mehr weitergehen.

AC: Die Versuchung von persönlicher Macht ist also eine der größten Fallen bei der spirituellen Erfahrung?

AD:
Es ist die allergrößte Falle. Und das soll auch so sein. Welchen letzten Alptraum hatten sowohl Christus als auch Buddha? Sie wurden mit der Versuchung konfrontiert, alles haben zu können, was sie nur wollten, und sie entschieden sich, nichts zu wollen. Sie wollten nur die Leere, für sich selbst wollten sie nichts. Und aus diesem Grunde konnten sie diesen Zustand transzendieren.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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