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Yoga, Ego & Läuterung


Ein Interview mit Yogi Amrit Desai
von Andrew Cohen
 

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ANDREW COHEN: Meine nächste Frage betrifft die Funktion des Guru oder Meisters als Rollenmodell und Beispiel. Vor über dreizehn Jahren, als ich gerade erst zu lehren begonnen hatte, öffnete ich eines Abends die Augen, nachdem ich zusammen mit einer großen Zahl von Leuten meditiert hatte, die den Raum bis zum letzten Platz füllten. Sie waren alle gekommen, um meine Unterweisungen zu hören. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich mir des absoluten Vertrauens bewusst wurde, das mir von allen Seiten aus den Augen der erwartungsvoll blickenden Gesichter entgegengebracht wurde. Ich war von der unglaublich heiklen Position, die ich als spiritueller Lehrer oder Guru einnahm, überwältigt. Das absolute Vertrauen, das in mich als Rollenmodell gesetzt wurde, als Beispiel für das, was möglich ist, zwang mich dazu, noch einmal über die enorme Last nachzudenken, die automatisch jeder auf sich nimmt, der anderen den Weg zu zeigen wagt. Noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass ein wahrer Guru der Welt verkündet: Es ist möglich, in diesem Leben frei zu sein und damit aufzuhören, Karma zu schaffen, indem wir aus Unwissenheit und Selbstsucht heraus handeln. Es ist möglich, sich von der destruktiven Kraft des Ego zu befreien, die Schmerz und Leid verursacht, und eine lebendige Verkörperung von Triumph in diesem Leben zu sein. Ich war immer davon überzeugt, dass es ohne lebendige Beispiele und Vorbilder für den Suchenden sehr schwer ist, die eigene Bereitschaft zu finden, diesem außergewöhnlichen Sprung ins Unbekannte zu vertrauen, auf dem eine wirkliche Transformation beruht. Immerhin müssen wir davon überzeugt sein, dass es möglich ist, damit Erfolg zu haben, sonst würden wir diesen Sprung, der uns aus den Klauen des Ego befreit, ja gar nicht wagen. In Ihrem Fall hatten Sie in Ihrem Guru ein tiefgründiges Vorbild und ein Beispiel für das, was möglich ist. Zweifellos haben seine Gnade und seine Segnungen Ihnen so viel Vertrauen in sich selbst eingeflößt, dass Sie zu der Überzeugung kamen, diese Last ebenfalls tragen zu können. Yogi Desai, zum gegenwärtigen Zeitpunkt herrscht in der modernen spirituellen Welt ein tiefer Zynismus gegenüber dem, was durch spirituelle Praxis und Erfahrung tatsächlich erreicht werden kann. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist die Desillusionierung, die durch die Schwächen von so vielen der größten Meister und Gurus unserer Zeit in vielen Menschen hervorgerufen wird. Und als Konsequenz daraus scheinen sich heutzutage viele Psychologen den Mantel spiritueller Autorität angezogen zu haben, den vor noch gar nicht so langer Zeit die Gurus und die spirituellen Meister für sich beanspruchen konnten. Diese Therapeuten stellen keine kühnen Behauptungen auf und fordern auch das Ego nicht auf eine Weise heraus, zu der nur ein erleuchteter Meister befugt ist. Wie soll es aber ohne diese Autorität und ohne das Beispiel eines Lebens, das frei von grundsätzlichen Widersprüchen ist, für irgendjemanden möglich sein, zu glauben, dass wir tatsächlich in diesem Leben frei werden können? Wie soll jemand unter diesen Umständen dazu bereit sein, das Risiko auf sich zu nehmen, das eigene Ego aufzugeben?

AMRIT DESAI: Der erleuchtete Meister lebt immer noch als Mensch. Wenn wir den Meister als jemanden begreifen, der vollständig und vollkommen ist und sein ganzes Karma abgeschlossen hat, der einhundertprozentig rein ist und alles gelöst hat, dann funktioniert dieses System nicht. Über erleuchtete Meister und das, was sie sind oder nicht sind, herrscht eine ganz falsche Auffassung. Solange diese Meister noch im menschlichen Körper sind und auf ihrem Weg noch nicht vollständig bis zum Ende gelangt sind und Nirvikalpa Samadhi oder die höchste Stufe erreicht haben, werden sie deutlich das ganze menschliche Ego und menschliche Manifestationen der Versuchungen wie Neigungen und Abneigungen zeigenallerdings auf einer viel subtileren und bewussteren Ebene. Das alles wird immer noch vorhanden sein. Der Gedanke, man sollte einen völlig makellosen Meister finden, ist daher sehr problematisch, denn irgendeinen Fehler werden wir dann immer ausmachen können.

AC: Aber meinen Sie nicht, dass es für einen wirklichen Meister möglich sein sollte, ein Leben zu führen, das frei von grundsätzlichen Widersprüchen ist? Ohne dieses Beispiel ist es doch für den Sucher sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, das nötige Vertrauen zu haben, um diesen Sprung über das Ego hinaus zu machen. Ist es nicht ganz wesentlich, dass es lebendige Beispiele von Meistern gibt, die ihr Leben frei von Widersprüchen führen können? In Ihrem Fall hatten Sie ja Ihren eigenen Guru, in den Sie absolutes Vertrauen setzten. Wenn Sie herausgefunden hätten, dass seine Taten mit seinen Worten unvereinbar sind, hätte das doch bestimmt einige Zweifel an Ihrem Vertrauen und an Ihrer eigenen Fähigkeit hervorgerufen, die Arbeit zu tun, die Sie die ganzen Jahre über getan haben. Stimmt das?

AD: In einer bestimmten Phase ist das zutreffend, aber es gibt noch andere Phasen des Wachstums, wo mehr als die Vollkommenheit des Meisters, nämlich das Vertrauen des Schülers das Wichtigste zu sein scheint. Und dieses Vertrauen kann auf einer tieferen Ebene wirken als sogar das, was der Meister bieten kann, denn was der Schüler von einem Meister bekommt, ist manchmal mehr mit seinem eigenen Vertrauen verknüpft als mit dem, was der Meister erreicht hat.

AC: Ja, in manchen Fällen kann es so funktionieren. Mir selbst hat mein Guru wirklich durch seine Gnade geholfen, mich zu befreien, und es ist unmöglich, ihm den Dank, den ich ihm dafür schuldig bin, je zu erweisen. Gleichzeitig gab es jedoch eine irritierende Diskrepanz zwischen seinen Worten und seiner Lebensweise, was schließlich dazu führte, dass sich unsere Wege trennten. Aber wie Sie sehen, geschah das, nachdem dieser Sprung gemacht worden war, und weil mein eigenes Vertrauen in meine Erkenntnisse stark war, hat mich diese Erfahrung nicht geschwächt. Letztlich hat sie mich stärker und unabhängiger gemacht. Der springende Punkt ist jedoch: Damit der Sucher an jenen Platz gelangt, an dem er gewillt ist, diesen unglaublichen Sprung über das Ego und über das Bekannte hinaus zu tun, muss er glauben, dass dieser Meister das bereits getan hat. Die meisten Menschen brauchen lebendige Vorbilder. Es ist das Vertrauen in ein lebendiges Vorbild, das dem Sucher erlaubt, Zuversicht zu entwickelndas Ganze gleicht dem Sprung von einer Klippe oder dem Sprung aus einem Flugzeug ohne Fallschirm. Denn ohne dieses Vertrauen, bei irgendeinem grundlegenden Zweifel am Meister, wird sich das Herz verschließen.

AD: Die Funktion des Guru besteht darin, dem Schüler zu helfen, seinen ganzen Ängsten und Unsicherheiten zu begegnen, und ohne das gibt es keinen Fortschritt. Wenn ein Guru das in Gang setzt, muss der Schüler Angst und Widerstände empfinden. Wenn Sie also als Grundlage der Beziehung zwischen Guru und Schüler einfach nur das Vertrauen bewahren oder die Vorstellung aufrechterhalten, der Guru müsse ein Beispiel der Vollkommenheit abgeben, dann wird das in grundlegenden Bereichen nicht funktionieren, denn irgendwo auf dem Weg wird der Schüler so viele durch den Guru an die Oberfläche gebrachte Ängste haben, dass er dazu verleitet wird, die Schwächen im Guru zu sehen.

AC: Sie sagten, dass jemand ein Meister werden kann, aber dann immer noch Mensch ist, und dass die Tatsache der Inkarnation in einen Körper immer auch inhärente Unvollkommenheit bedeutet. Dies ändert sich erst dann, wenn ein Meister den höchsten, perfektionierten Zustand erreicht, wie es zum Beispiel bei Bapuji der Fall war, was aber nur ganz wenigen Menschen gelingt. Ich will jedoch eigentlich nur sagen, dass es möglich ist, ein Leben zu führen, das von allen grundlegenden Widersprüchen frei ist.

AD: Vielleicht lässt sich das besser verstehen, wenn Sie sagen, welche Widersprüche Sie als grundlegend ansehen.

AC: Nun, damit ist gemeint, dass es beispielsweise keinen Widerspruch zwischen der Lehre eines spirituellen Lehrers und der Art und Weise seiner Lebensführung gibt.

AD: Das ist eine Frage der Interpretation.

AC: Wirklich?

AD: Ja. Wie Sie wissen, führen Therapeuten ihre Patienten auf eine bestimmte Ebene, auf der diese mit traumatischen Ereignissen in ihrer Vergangenheit in Verbindung gebracht werden. Dabei gibt es Bereiche, wo die Patienten sich nicht mit dem konfrontieren wollen, dem sie sich stellen müssen, um bei ihren Blockaden den Durchbruch zu schaffen. Und dann wird ein Patient zweifellos beginnen, am Therapeuten zu zweifeln. Das Gleiche passiert dem Schüler bei einem Guru, und darum stellen manche Gurus ihre Schüler wirklich auf die Probe. Es hat einmal einen Guru gegeben, der sich vergewisserte, dass seine Schüler beobachteten, wie er zu einer Prostituierten ging. Er schlief dort, kam am nächsten Tag wieder heraus und schaute, wer immer noch sein Schüler sein wollte. In Indien werden Schüler tatsächlich auf diese Weise auf die Probe gestellt. Einige der großen Gurus haben das getan. Der Schüler hat dann eigentlich die Aufgabe, „wie ein Schwan zu sein, der Milch und Wasser voneinander trennen kann,” wie man in Indien sagt.

AC: Sicher, ein Schüler muss genau unterscheiden können und handelt daher nicht blindlings aufgrund grober, moralischer Beurteilungen, die einfach durch die jeweilige Kultur bedingt werden und ihn geprägt haben. Statt dessen muss er ein tieferes Verständnis ausbilden. Meinen Sie das?

AD: Ja, die Schüler müssen ein tieferes Verständnis haben. In Amerika könnten die Menschen sagen: „Nun, wenn dieser Mann wie Nityananda aussieht, einen dicken Bauch und einen großen, schweren Körper hat, wie kann er da nur Guru sein?” Wenn das aber unser Konzept ist, wie werden wir jemals den richtigen Guru finden können? Denn es gibt ja noch andere Konzepte, die damit einhergehen

AC: Nun, ich denke, der Punkt ist folgender: Wenn Nityananda sagt: „Um es mit dem spirituellen Leben ernst zu nehmen, dürfen Sie nicht mehr als einen Apfel am Tag essen” und dann selber ein riesiger, fetter Kerl ist, der jeden Tag ungeheure Mengen an Nahrung zu sich nimmt, dann wäre genau das das Problem.

AD: Richtig, ich weiß, ich weiß.

AC: Das wäre ein Beispiel für einen grundlegenden Widerspruch, das meinte ich.

AD: Ein bestimmter Grad an Integrität muss immer vorhanden sein.

AC: Was ich aber sagen möchte: wenn wir über Erleuchtung und wirkliche spirituelle Transformation sprechen, muss der Sucher, um den Sprung zu machen, der ihn über den Verstand hinausführt, auf die grundsätzliche Integrität des Guru als Mensch vertrauen können.

AD:
Und ich meine, dass der Zweifel nicht vom Guru erzeugt wird, sondern vom Schüler.

AC: Sie sagten einmal, dass Sie zwei Wochen, bevor Sie im Kripalu Center in Ungnade fielen, darum beteten, dass Gott Ihnen Ihr Ego nehmen möge. Und damit ließen Sie durchblicken, dass alles, was im Center geschah, Gottes Antwort auf Ihr Gebet war. Ich wollte Sie fragen, wie Sie das jetzt, etliche Jahre später, sehen. War alles, was im Kripalu Center geschah, Gottes Weise, auf Ihr Gebet zu antworten und Ihnen zu helfen, Ihr Ego zu töten?

AD: Ich würde sagen, das ist ein Resultat meines Karmas. Wenn ich es im Hinblick darauf interpretiere, dass es mir geholfen hat, in die spirituelle Dimension zu gelangen, dann würde ich sagen, ja, es ist Gottes Gnade. Aber dabei erkenne ich durchaus, dass dies auch Lektionen für mich enthielt.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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