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Yoga, Ego & Läuterung


Ein Interview mit Yogi Amrit Desai
von Andrew Cohen
 

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AC: Und welche waren das?

AD: Ich musste die Rolle loslassen, die meine Ängste bei dieser Erfahrung spielten. Die wichtigste Erkenntnis war, dass ich alle Ängste loslassen musste, die mich zurückhielten. Und das ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich in dieses Leben hineingeboren wurde: Ich sollte ganz genau dies erkennen und die Verhaltensweisen loslassen, die sich um meine Ängste herum ausgebildet haben.

AC: Gibt es noch etwas, das Sie zusätzlich zum Thema Ego und das spirituelle Leben sagen wollen?

AD: Ich würde den Schüler gerne in einer weniger bewertenden Rolle sehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wertungen entstehen, ist nämlich sehr groß

AC: Sie meinen Wertungen über den spirituellen Lehrer?

AD: Ja. Ein solcher Lehrer wird nämlich alle Knöpfe drücken.

AC:
Das ist seine Aufgabe.

AD: Das ist seine Aufgabe. Wenn er also auf diese Weise die Knöpfe drückt, wird er zur Zielscheibe von Angriffen, erntet Ablehnung oder wird beiseite geschoben.

AC: Ja. Das passiert mir dauernd.

AD: Als mir das passierte, war das für mich keine Überraschung. Wenn Sie sich einige meiner Vorträge anhören, die ich kurz vorher gehalten habe, sagte ich darin sogar, dass die Schüler jetzt eine Blumengirlande in die Hände dieses Guru legen, aber eines Tages mit Schuhen nach ihm werfen würden.

AC: Es ist der absolute Charakter dieser Beziehung. Die Bindung ist so intensiv, dass die Gefühle zu Extremen neigen, besonders, wenn man sich wirklich auf diese Beziehung eingelassen hat.

AD:
Dann ist es sogar noch schlimmer. Im Kripalu Center hatten wir mehr als fünfzehn Jahre lang 350 ständige Bewohner, die unter einem Dach lebten, sich die gemeinschaftlichen Ressourcen teilten und einfach mit den Einschränkungen lebten, die eine ausgeglichene, schlichte Lebensführung mit sich bringt.

AC: Wenn Menschen auf diese Weise zusammenkommen, wird alles viel stärker aufgeladen.

AD: Und die Menschen schaffen sich ihr Bild vom Guru und projizieren es auf ihn, auch wenn der Guru das gar nicht fordert.

AC: Was projizieren die Menschen auf den Guru?

AD: Sie projizieren die Vorstellung auf ihn, dass der Guru in seiner Entwicklung sehr weit gekommen ist und sich selbst verwirklicht hat. Sie projizieren diese Bilder auf ihn, weil sie sich bei ihrem Guru Vollkommenheit wünschen, um von ihm abhängig sein zu können. Um Abhängigkeit zu schaffen, belegen sie ihn mit etwas, das gar nicht da ist. Wissen Sie, ich habe immer für mich beansprucht, nicht perfekt zu sein. Ich bin zuerst Schüler, dann Guru. Letzteres ist einfach die Rolle, die ich spiele, um die Übertragung von Energie zu begünstigen. Ich fordere nichts ein. Das sage ich immer.

AC: Nun, irgendetwas müssen Sie schon einfordern, sonst wären Sie ja nicht in der Lage, Guru zu sein. Ist das nicht zutreffend?

AD: Ich erhebe keinen Anspruch auf Erleuchtung.

AC: Das habe ich auch nicht behauptet. Aber Sie sagten gerade: „Ich fordere nichts ein.” Das kann ja nicht ganz stimmen, denn um Meister des Yoga zu sein und die Arbeit zu tun, die Sie tun, müssen Sie ganz offensichtlich irgendetwas einfordern.

AD: Manchmal täuschen Gurus die Menschen, indem sie sagen: „Ich bin an diesem Ort und werde euch auch dahin führen.” Das habe ich nicht getan.

AC: Aber auf dem Weg des Kundalini-Yoga meditiert man doch nach der Shaktipat-Übertragung auf die Form des Guru. Sie sagten: „Meditiert auf mich. Nehmt Zuflucht bei mir.” Und das ist doch definitiv etwas anderes als nichts einzufordern. Damit fordern Sie eine ganze Menge ein, damit sagen Sie: „Ich bin ein Vehikel für euch, das ihr nutzen könnt.”

AD: Richtig, das habe ich gesagt. Aber ich bin kein vollendetes Vehikel. Ich nahm lediglich für mich in Anspruch, dass von meiner Funktion Gebrauch gemacht werden kann, aber nicht als vollendetes Wesen. Diese Art der Vollkommenheit legten die Schüler in mich hinein. Die Funktion des Guru bietet immer Möglichkeiten, Abhängigkeit zu erzeugen.

AC: Aber ist es letztlich nicht das Ziel der Beziehung zwischen Guru und Schüler, dass nichts zwischen ihnen stehen sollte, weder Angst noch Zweifel, damit sie vollständig miteinander verschmelzen und eins werden können?

AD:
Frei von Angst und Zweifel zu sein, ist der höchste Zustand. Das bedeutet, dass die Schüler die letzte Stufe erreicht haben. In einer sich entwickelnden Seelenbeziehung kann man das nicht erwarten. Und die Beziehung zwischen Guru und Schüler ist genau das.

AC: Aber das ist das Ziel.

AD: Das ist das Ziel, ja. Das ist die Absicht, und wir bewegen uns darauf zu.

AC: Würde der Guru nicht gerne in der Lage sein, auch der aufstrebenden Seele dies als Potenzial zu bieten? Ist das nicht eigentlich das, was Menschen anbieten, die die Funktion eines Guru haben?

AD: Ja, sie bieten das als Potenzial an und geben den Schülern Anweisungen und jede nur mögliche Unterstützung sowie Methoden, mit denen sie weitergehen können. In dieser Hinsicht müssen die Schüler dem Guru vielleicht vertrauen. Es ist ein heikler Wegdem Guru zu vertrauen. In diesem Zusammenhang sage ich immer: „Vertraut zuerst dem Guru in euch, danach könnt ihr dem äußeren Guru vertrauen.”

AC: Funktioniert das in der Beziehung zwischen Guru und Schüler nicht genau anders herum? Beginnt ein Schüler nicht erst durch das Vertrauen in den äußeren Guru damit, auch in sich befreiende Fülle zu erleben? Und löst das Erlebnis dieser Fülle nicht dann im Schüler ein Gefühl der Zuversicht, des Selbstvertrauens und der Unabhängigkeit aus, das nur ganz wenige Menschen verwirklichen?

AD: Es kann auf die eine oder die andere Art geschehen. Das hängt davon ab, wer wo beginnen möchte und was bei der jeweiligen Person gerade funktioniert. Aber beides ergänzt sich gegenseitig. Wenn mein innerer Guru nicht wachgerufen wurde, werde ich von einem äußeren Guru gar nicht angezogen.

AC:
Das stimmt.

AD:
Auf diese Weise fängt alles an. Durch die Praxis spiritueller Unterweisungen erwecken wir immer mehr vom inneren Guru und die Verbindung auf einer tieferen Ebene wird stärker.

AC: Und gleichzeitig werden wir unabhängiger, weil sich unser Vertrauen in uns selbst immer mehr entwickelt, je wacher der innere Guru wird. Die Abhängigkeit nimmt dabei ab.

AD: Das wird vermutlich so sein. In den meisten Fällen muss das aber nicht auf diese Weise ablaufen.

AC: Ja. Ich würde sagen, dass in meiner Gemeinschaft ungefähr die Hälfte der Leute an einer wirklichen Beziehung zu mir interessiert ist, die die Kraft hat, wirkliche Unabhängigkeit zu erzeugeneine Beziehung jenseits von Angst und Zweifeln, in der befreiende Vertrautheit und außergewöhnliches Vertrauen seinen Platz hat. Die andere Hälfte hat Interesse daran, von mir abhängig zu werden. Für diese Menschen bin ich nur ein Objekt, das ihr Ego stützt. Sie haben eigentlich kein Interesse an dem, was ich lehre.

AD: Das verstehe ich. Das passiert zu allen Zeiten. Allmählich entdecken wir, dass trotz tiefer Hingabe das Ego oder die Natur des Menschen immer aktiv ist. Mit der richtigen Absicht klappt jedoch alles. Wenn Gutes geschieht, funktioniert das. Wenn Schlechtes geschieht, funktioniert das auch. Weil wir lernen und auch aus schlechten Erfahrungen einen Nutzen ziehen. Dann ist das Schlechte nicht mehr schlecht; in dieser Hinsicht ist es eine gute Erfahrung. So gehe ich damit um. Ich betrachte nie etwas als gut oder schlecht, verstehen Sie. Es ist einfach eine Erfahrung.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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