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Yoga, Ego & Läuterung


Ein Interview mit Yogi Amrit Desai
von Andrew Cohen

Einleitung

Ich hatte mich immer gefragt, ob die Praxis des Yoga irgendetwas mit dem Tod des Ego zu tun hat. In den letzten vierzehn Jahren habe ich ja den Weg zur Befreiung gelehrt und hatte davor selbst etliche Lehrer. Mein erster Guru war ein wahrer Meister des Yoga. Sein Leben war buchstäblich die Verkörperung der Bhagavad Gita, der Bibel für jeden, der es anstrebt, Yogi zu werden. Dieser Mensch konnte tief in die mystische, ekstatische Trance des Nirvikalpa Samadhi eintauchen, die als die höchste Stufe gilt, die sich auf dem Weg des Yoga erreichen lässt, indem er einfach einmal einatmete.

Er war tatsächlich ein wahrer Meister, konnte willentlich das Körperbewusstsein transzendieren - eine Kunst, die schon immer nur ganz wenige beherrscht haben. Und dennoch hat mich das Ausmaß an Chaos, das er in dieser Welt bei sich und den Menschen auslöste, die sich um ihn scharten, immer in Erstaunen versetzt. Auch der berühmte Meister Swami Muktananda, der zu seiner Zeit als einer der größten Yogis überhaupt galt und dessen kraftvolle Shaktipat -Übertragungen in Hunderttausenden von Körpern westlicher Menschen die schlummernde Kundalini-Energie wachriefen, desillusionierte unzählige Sucher und Sucherinnen auf der ganzen Welt, als seine „tantrischen” Eskapaden mit den jungen Töchtern seiner Anhänger ans Licht kamen. Zu jener Zeit (Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger) hörte ich auch die faszinierenden Berichte von den unglaublichen Erfahrungen, die viele Menschen in Gegenwart von Yogi Amrit Desai machten.
Yogi Desai kam ursprünglich 1960 nach Amerika, um in Philadelphia die schönen Künste und Design zu studieren. Danach arbeitete er bei etlichen Firmen im Bereich Design und Textilgestaltung und machte gleichzeitig als talentierter Künstler Karriere. Seit seiner Jugend war er ein enger Schüler von Swami Shri Kripalvanandji, einem Meister des Kundalini-Yoga. Kurz nach seiner Ankunft in den USA begann Yogi Desai, in seiner neuen Heimat Philadelphia die damals noch größtenteils unbekannte Kunst des Hatha Yoga zu lehren. Die Yogaschule, die er begründete, wurde ein so großer Erfolg, dass er schließlich seine Karriere als Künstler aufgab, um sich voll dieser Lehrtätigkeit zu widmen. Erst 1969 bekam Yogi Desai von seinem Guru die formelle Shaktipat-Initiation und machte dann in den frühen Siebzigern den Schritt vom erfolgreichen Yogalehrer zu einem wahren unabhängigen Guru, einem Meister des Kundalini-Yoga, der die Fähigkeit hatte, in anderen Menschen Kundalini Shakti wachzurufen. Viele hatten durch den Aufenthalt in seiner Gegenwart starke Erweckungserlebnisse. Ein Mann beschrieb seine Erfahrung wie folgt:

Mein Körper füllte sich mit einem strahlend weißen Licht, und ich ließ es geschehen, dass ich darin aufgesogen wurde. Ich hatte das Gefühl, dass mein Leben, wie ich es vorher gekannt hatte, buchstäblich zu einem Ende kam. Meine Ich-Identität wurde bedeutungslos, es gab keine Zeit mehr, Vergangenheit und Zukunft existierten nicht. Nur noch reines Licht und reine Glückseligkeit waren da. Ich war zufrieden damit, für immer in diesem Zustand zu bleiben. Als ich meine Augen wieder öffnete, bemerkte ich, dass mein Körper sich nach vorne geneigt hatte; meine Stirn berührte den Boden. Ich erinnerte mich nicht daran, diese Position eingenommen zu haben, aber ich verbeugte mich tatsächlich vor Yogi Desai. In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie vor jemandem verbeugt, aber jetzt hatte mich irgendeine unbekannte, innere Kraft dazu veranlasst. Ich wusste auch, dass ich mich eigentlich gar nicht vor Amrit Desai verbeugte, sondern vielmehr vor meinem eigenen höheren Selbst, das zu sehen er mir geholfen hatte.*

Yogi Desai gründete in Sumneytown, Pennsylvania, einen Ashram , und als sich die Nachricht von seiner außergewöhnlichen Wirkung auf Menschen überallhin verbreitete, dauerte es nicht lange, bis er eingeladen wurde, überall in den USA und Kanada Unterweisungen zu geben. Nach etlichen Jahren begann Yogi Desai, sich bei seiner Lehrtätigkeit nicht mehr so sehr auf Shakti-Erfahrungen zu konzentrieren. Stattdessen legte er wieder mehr Wert auf Hatha Yoga und die Grundsätze einer ganzheitlichen Lebensweise. „Irgendwann hörte ich ganz damit auf, die Shakti-Energie so intensiv nach außen fließen zu lassen, denn es gab viele Menschen, die gar nicht bereit waren, die Intensität der damit verbundenen physischen, geistigen und emotionalen Reinigung zu bewältigen”, meinte er. „Ich erkannte, dass meine Schüler mehr Erdung, mehr Klarheit in ihren Gedanken und Gefühlen und mehr Reinigung für ihre Körper brauchten, bevor sie sich auf diese tiefere Ebene begeben konnten.” Amrit Desai konzentrierte sich bei seinen Unterweisungen jetzt auf einen neuen Stil des Yoga, den er selbst begründet hatte und den er „Kripalu Yoga” nannte. Grundlage des Kripalu-Yoga sind sanfte Übungen, bei denen Yogahaltungen eingenommen werden, was durch ununterbrochenes, fließendes Atmen unterstützt wird. Bei dieser neuen Art der Praxis ist die Kultivierung eines distanzierten und objektiven, bewussten Gewahrseins des dabei ablaufenden Prozesses an sich das Ziel, weniger die Vervollkommnung von Körperhaltungen oder Atemtechniken. 1979 eröffnete er dann das Kripalu Center for Holistic Health in Lenox im US-Bundesstaat Massachusetts. Seiner Biografie zufolge war Yogi Desai der Ansicht, dass „ganzheitliche Gesundheit der wirksamste Weg ist, um Menschen mit Yoga bekannt zu machen, die Yoga brauchen, aber noch nicht offen für seine traditionelleren Formen sind. Die Dienste dieses Gesundheitszentrums umfassten Unterweisungen in Hatha Yoga und Raja Yoga, die an den modernen westlichen Ansatz für ein gesundes Leben angepasst wurden.” Auch dieses Zentrum wurde bald ein ungeheurer Erfolg, und in seinen Einrichtungen hieß ein Personal von fast dreihundert vor Ort wohnenden und ganztägig dort arbeitenden Yogis schließlich monatlich mehr als eintausend Besucher willkommen. Der Rest ist Geschichte.

Yogi Desai war selbst verheiratet, forderte aber seine Schüler zur strikten Einhaltung des Zölibats auf. 1994 kam es dann plötzlich zu einem Skandal, der seine Gemeinschaft auseinander brechen ließ. Es wurde entdeckt, dass der Meister in seinem eigenen Leben seine Lehren nicht befolgt und heimlich mit etlichen seiner Schülerinnen geschlafen hatte. Mit Schimpf und Schande warf man ihn aus seinem eigenen Ashram, und bei vielen blieben eine ungeheure Wut und tiefe Desillusionierung zurück.

Ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit, als die Schockwellen dieser Vorkommnisse die amerikanische Yogagemeinschaft erschütterten, selbst sehr enttäuscht war, denn ich hatte Yogi Desai für den letzten der wenigen modernen Pioniere unter den Yogameistern im Westen gehalten, der zumindest bis zu jenem Zeitpunkt keinerlei Skandale verursacht hatte. Was ist da eigentlich los? fragte ich mich immer wieder. Diese großen Männer waren doch immerhin wahre Meister und hatten wunderbare Höhen der Glückseligkeit und Ekstase erlebt, von denen die meisten nur träumen können. Yogi Desai besaß darüber hinaus auch noch die Kraft, diese Erfahrung anderen zu vermitteln. Diese Männer hatten auch durch die Kultivierung einer ungewöhnlichen Selbstdisziplin die Kunst der Konzentration gemeistert, welche die Grundlage für alle Errungenschaften eines Yogi ist. Man könnte doch annehmen, dass diese mächtige Kombination einer Meisterschaft in Selbstdisziplin, Konzentration und spiritueller Ekstase ein sehr hohes Ausmaß an Selbstkontrolle, innerer Freiheit, Bewusstheit und einem tiefen spirituellen Gewissen zur Folge haben sollte. Und trotzdem war die Norm für Selbstkontrolle, innere Freiheit und Bewusstheit bei diesen Meistern so häufig auf schockierende Weise sogar viel niedriger als üblich. Was ist da los? fragte ich mich in Gedanken immer wieder. Darüber hinaus frustrierte mich auch die Tatsache, dass Yogi Desai jetzt allen Zweiflern noch einen weiteren Grund gegeben hatte, wenig Vertrauen in unsere Kraft zu haben, unsere niederen Instinkte und Triebe zu transzendieren und lebendige Verkörperungen strahlender spiritueller Reinheit in dieser dunklen und zynischen Welt zu werden. In meiner eigenen Lehrarbeit habe ich über viele Jahre hinweg eine Menge scharfer Kritik geerntet, weil ich zu sagen wage, dass es möglich ist, zu einem Ausdruck absoluter Einfachheit in dieser so schmerzhaft uneinigen Welt des Menschen zu werden. Durch Ereignisse wie dieses fühlte ich mich immer mehr allein. Schließlich hatte ich entdeckt, dass die Zynikervon denen viele das Gewand eines spirituellen Menschen tragen, spirituelle Bücher schreiben und entsprechende Seminare durchführenes durchaus gerne sehen, wenn ein Meister auf die Nase fällt. Warum? Weil sie damit selbst aus dem Schneider sind.

Als sich die Gelegenheit bot, mit Yogi Desai für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? über das Thema „Was ist das Ego?” zu sprechen, ergriff ich die Chance. Was würde der Meister wohl zu dieser so überaus wichtigen Frage und ihrer Beziehung zum höchsten Ziel einer spirituellen Praxis zu sagen haben, wenn man bedenkt, was er selbst alles durchgemacht hat? Bestätigten seine Erfahrungen meinen Verdacht, dass die Meisterschaft im Yoga nicht notwendigerweise mit dem Tod des Ego, der Vernichtung des ewigen Feindes der Erleuchtung, gleichgesetzt werden kann? Und wenn das zutraf, was bedeutet das dann für Yoga als Weg zur Erleuchtung? Was hieß das für die letztendliche Bedeutsamkeit der Meisterschaft und deren Beziehung zum Ich-Tod?

Nachdem sich Yogi Desai eine Weile zurückgezogen hatte, nahm er seine Karriere als spiritueller Lehrer wieder auf, und zurzeit gewinnt er erneut als Yogameister immer mehr an Popularität, Anerkennung und Erfolg. Er reist um die ganze Welt und lehrt wieder wie früher. Vor kurzem wurde er von Deepak Chopra dazu eingeladen, bei dessen Feier zur Jahrtausendwende eine Einführung zu geben. Yogi Desai wurde auch gebeten, an dem neuen Ashram, den Chopra gründen möchte, als führender spiritueller Lehrer tätig zu werden.

* John White (Hrsg.): Kundalini, Evolution and Enlightenment, Anchor Press, 1979, S. 184-188





Interview

ANDREW COHEN: Man sagt, jede spirituelle Praxis, die nach Befreiung strebt, dient einzig und allein dazu, das Ego zu töten. Könnten Sie bitte aus Ihrer Perspektive als Yoga-Meister definieren, was das Ego ist?

AMRIT DESAI: Das Ego ist eigentlich das angeborene Empfinden des „Ich bin,” und dem kann keiner entgehen. Das Gefühl von „Ich bin” ist eine Identifizierung, die beim Durchgang durch die verschiedenen Entwicklungsstufen unterschiedliche Ausdrucksformen hat. Das erste Erleben des „Ich bin” erfolgt, wenn wir uns direkt mit dem Körper identifizieren, und ist mit dem Überleben des Körpers verknüpft. Damit fängt es an. Danach gelange ich zu der Erkenntnis, dass ich einen Körper habe, aber nicht mein Körper bin. Und dann erkenne ich, dass ich einen Geist, einen Intellekt habe, aber nicht mein Geist und mein Intellekt bin. Ich habe meine Gefühle, bin diese Gefühle aber nicht. Ich habe meine Konzepte über mich, bin aber nicht mit diesen Konzepten, Vorstellungen und Gedanken über mich identisch. Ich habe Meinungen, bin aber meine Meinungen nicht. Das Ganze ist ein Entwicklungsprozess, ein Weg, auf dem sich das Ego entwickelt. Das Ego ist die Wahrnehmung des „Ich bin” als individuelles Wesen, und die kann niemand bei sich leugnen. Das Ego ist nicht etwas Nutzloses oder etwas, das wir loswerden sollten. Es muss geläutert oder gereinigt werden, indem wir klar erkennen, wer wir wirklich sind.

AC: Können Sie bitte beschreiben, wie diese Läuterung auf dem Weg des Yoga stattfindet?

AD: Im Ashtanga Yoga, dem achtgliedrigen Yoga, gib es die Praxis, bestimmte moralische und ethische Verhaltensregeln zu befolgen (die Yamas und Niyamas), ferner die Körperhaltungen (Asanas), Atemkontrolle (Pranayama) und einen geeigneten, ausgeglichenen, einfachen, dieser Praxis förderlichen Lebensstil. Das schafft dann die geeigneten Bedingungen dafür, dass die innere Umgebung geläutert werden kann und die eigenen Schwingungen so auf ganz natürliche Weise immer feiner werden. Das bewirkt dann auch, dass ganz bestimmte Schichten des Lebens für uns erreichbar werdenSchichten, die sich auf einer viel subtileren, für uns weder mit dem Intellekt noch von der Biologie her erfassbaren Ebene befinden. Es ist die Läuterung von Körper, Geist und Herz.

AC: Yogi Desai, ich möchte Ihnen eine spannende Frage stellen: Was bedeutet es, keinen Schatten zu haben? Soviel ich weiß, war Ihr Guru Bapuji ein wirklich außergewöhnliches Wesen. Ich wüsste gerne, ob Sie glauben, dass es für irgendjemanden möglich ist, das Ego letztendlich zu zerstören und dadurch das Vehikel von den Neigungen und Motivationen des Ego in einem solchen Maße zu läutern, dass man wirklich leer wird und schließlich von narzisstischer Selbstbezogenheit und egoistischen Handlungen frei ist? Halten Sie es für möglich, auf diese Weise keinen Schatten mehr zu haben?

AD: Ja, das ist möglich, was durch viele große Meister bewiesen wurde, die diesen Zustand erreicht haben. Das ist nicht die Vernichtung des „Ich bin,” sondern die Vernichtung der falschen Identifikation, die auf das „Ich bin” folgt – der falschen Identifikation mit dem Selbstbild, mit Vorstellungen, die man von sich hat, mit Glaubenssystemen, persönlichen Vorurteilen, Ängsten und Anhaftungen. Es ist ein Loslassen dessen, was ich nicht bin. Es ist ein Entdeckungsprozess, ein Prozess des Loslassens, kein Prozess, durch den wir uns irgendetwas aneignen.

AC: Es gibt viele bekannte Therapeuten, die sagen würden, es sei unmöglich, keinen Schatten zu haben. Aber ich war immer schon davon überzeugt, dass Erleuchtung eigentlich bedeutungslos wäre, wenn es wirklich unmöglich ist, keinen Schatten zu haben. Was immer es auch letztlich bedeuten mag, vollständig erleuchtet zu sein, ich habe immer implizit angenommen, dass ein erleuchteter Mensch keinen Schatten mehr wirft, ganz einfach wegen der völligen Reinheit seiner Motivation.

AD: Ich verstehe unter dem Schatten das Selbstbild und die Konzepte über uns selbst, die in unserem Unbewussten eingebaut sind und die wir deshalb „Schatten” nennen. Er stellt eine gefühlsmäßige Reaktion dar und ist uns nicht bewusst, weil unser Überlebensmechanismus auf diese Weise funktionieren muss. Wird ein Tier angegriffen, wird Adrenalin freigesetzt, was zu einer sofortigen Reaktion führt. Warum gibt es beim Menschen diese gefühlsmäßige Reaktion? Weil Menschen genau wie Tiere über einen Selbsterhaltungstrieb verfügen. Allerdings identifizieren sich Menschen nicht nur mit dem physischen Körper als „Ich bin”; sie identifizieren sich auch mit ihrem Selbstbild als „Ich bin”. Wenn also jemand das angreift, was ich zu sein glaubemeine Überzeugungen, meine Art oder meinen Ansatz, Dinge zu tun, löst das in mir die gleichen, dem Überleben dienenden Reaktionen aus, die mich normalerweise gegen Gefahren für den Körper schützen. Mit der gleichen Intensität beschützen Menschen auch ihr Selbstbild.

AC: Würden Sie also sagen, dass das Ziel einer spirituellen Praxis das völlige Ausrotten jener unbewussten Neigungen ist, um so nicht länger einen Schatten zu werfen?

AD: Ganz genau. Das ist die Aufgabe des Yoga.

AC: Könnten wir in Ermangelung eines besseren Wortes sagen, das wäre ein vollendeter Zustand?

AD: Ja, das wäre ein vollendeter Zustand.

AC: Die Jungianerin Marianne Woodman, die regelmäßig im Kripalu Center lehrt, ist der Ansicht, dass die Vorstellung oder das Ziel der Vollkommenheit „die Seele vergewaltigt”. Wie viele andere meint auch sie, das Ideal der Vollkommenheit fügt dem Menschen, der nach spirituellem Wachstum sucht, mehr Schaden als Nutzen zu und ist tatsächlich unmöglich zu erreichen.

AD: Das liegt daran, dass die Psychologie als „Heilkunst” entwickelt wurde. Sie ist ein pathologisches System; Freud beschäftigte sich mit pathologischen Zuständen, das war der Fokus seiner Arbeit. Im Gegensatz dazu geht es im Yoga nicht um die Entwicklung des Ego, sondern um dessen Transzendenz. Gleichzeitig kann eine Psychotherapie für Menschen, die emotional krank sind, durchaus erforderlich sein; diese Menschen brauchen eine Psychotherapie, um ein gesundes Ego zu entwickeln, denn das ist auch die Grundlage für eine Transzendenz des Ego. Deshalb habe ich auch immer gelehrt, dass wir von Genesung zur Selbstentdeckung gelangen. „Genesung” bedeutet hier, dass ich zunächst einen normalen Zustand anstrebe. Die meisten „normalen” Leute sind jedoch in Wirklichkeit krank, die meisten Menschen sind schizophren oder leben mit inneren Konflikten, die meisten Menschen haben Ängste oder Paranoia.

AC: Richtig. So genannte Normalität ist vom Standpunkt der Erleuchtung aus eine Täuschung.

AD: Ja, und darum sage ich auch, dass Yoga nicht für pathologische Zustände entwickelt wurde. Yoga wurde entwickelt, um Erleuchtung zu erlangen. Mein Guru hatte diesen Zustand erreicht, und mein Ausgangspunkt ist, dass ich durch meinen Guru unmittelbar erfahren habe, dass dieser Zustand möglich ist.

AC: Würden Sie sagen, es ist möglich, dass jemand auf sehr starke Weise erleuchtet oder erweckt wird und dennoch ein großes Ego hat? Bei etlichen meiner eigenen Schüler habe ich erlebt, wie sie durch tiefe Einsichten und intensive Glückseligkeitsgefühle zu einer beachtlichen Erkenntnis ihrer wahren Natur kamen und in der Lage waren, mit anderen auf überzeugende und wirkungsvolle Weise darüber zu sprechen. Gleichzeitig aber schienen ihre Egos und ihre Wichtigtuerei als direkte Konsequenz solcher Erfahrungen entschieden noch an Größe zu gewinnen. Doch als von ihnen verlangt wurde, auf den egogetriebenen narzisstischen Nervenkitzel zu verzichten, der durch gesteigertes Charisma und persönliche Macht entstand, die ihnen durch die Erfahrung zuteil wurden, war es ihnen unmöglich, ihrem Stolz ins Auge zu sehen, ohne dabei ihr neu erlangtes ungeheures Selbstvertrauen zu opfern. Es scheint, dass in den letzten zwanzig Jahren viele außerordentlich erwachte Meisterbeeindruckende Menschen, die anderen spirituelle Erfahrungen vermitteln konnten und mit dieser Ebene auch ganz verbunden warenrückblickend doch auch sehr große Egos besaßen; auf narzisstische Weise lag ihnen nämlich sehr viel daran, der beste, größte, wahrhaftigste und erleuchtetste unter den lebenden Meistern zu sein. Ist die Versuchung der Selbstgefälligkeit nicht oft das Nebenprodukt einer starken spirituellen Transformation? Obwohl das traditionelle Ziel spiritueller Praxis und spiritueller Erfahrungen der Ego-Tod ist, führen diese nicht fast immervon einigen seltenen Ausnahmen einmal abgesehenzu einem Wachstum des Ego? Stimmt es nicht, dass die Versuchung des Narzissmus für die meisten Menschen im Grunde der „Haken” an Erleuchtung ist?

AD: Ich habe festgestellt, dass sogar die Praxis des Yoga für diejenigen, die beginnen, höhere spirituelle Erfahrungen zu machen, gefährlich sein kann, denn es gibt für uns alle bei jedem unserer Schritte oder in jeder Entwicklungsphase Versuchungen. Eine der ersten Versuchungen haben Sie gerade beschrieben. Es ist der Messias-Komplex, der in jenem Augenblick entsteht, in dem wir irgendwelche spirituellen Erlebnisse haben. Wir beginnen, die Wirklichkeit zu erkennen, und bekommen damit eine erste Ahnung von dem, was eigentlich geschieht. Und ganz plötzlich will dann das Ego die Kontrolle übernehmen und dies in seinen Besitz bringen. Die entsprechende Neigung dazu ist bereits da, und wenn wir davon nicht ablassen, packt es uns genau an dieser Stelle, denn jetzt beginnt Wohlstand und alles andere, wonach wir verlangen, tatsächlich einzutreten. Das ist Macht: Unsere Fähigkeiten, unsere spirituelle Kraft beginnen, sich in weltlichem Wohlstand zu manifestieren. Und wenn wir an diesem Punkt in die Falle gehen, dann bleiben wir dort stehen. Bei jedem Schritt auf dem Weg zu einer höheren spirituellen Entwicklung gibt es daher eine Form des Verzichts, die die Grundlage für spirituelle Entfaltung darstellt. Ich würde die Frage daher bejahen: Es ist überhaupt nicht unüblich, dieser Versuchung zu erliegen, und die meisten Menschen kompromitieren sich auf einer ganz frühen Stufe des spirituellen Erwachens und können dann nicht mehr weitergehen.

AC: Die Versuchung von persönlicher Macht ist also eine der größten Fallen bei der spirituellen Erfahrung?

AD:
Es ist die allergrößte Falle. Und das soll auch so sein. Welchen letzten Alptraum hatten sowohl Christus als auch Buddha? Sie wurden mit der Versuchung konfrontiert, alles haben zu können, was sie nur wollten, und sie entschieden sich, nichts zu wollen. Sie wollten nur die Leere, für sich selbst wollten sie nichts. Und aus diesem Grunde konnten sie diesen Zustand transzendieren.

AC: Ich denke, viele Menschen begreifen gar nicht, dass spirituellen Erfahrungen schon von ihrer Natur her die Versuchung zum Narzissmus eigen ist, die Versuchung, der oder die Einzige zu sein, wissend zu sein oder etwas ganz Besonderes darzustellen.

AD: Genau. Und das ist nichts anderes als „Ich weiß etwas, und du weißt das nicht”. Wenn ich aber anderen überlegen bin, wenn ich zum Beispiel glaube, dass ich mehr weiß als Sie, dann schaffe ich bereits Distanz zu Ihnen, trenne mich von Ihnen. Und diese Trennung verursacht dann Konkurrenzverhalten und Eifersucht, Schuldzuweisungen, Scham, Schuldgefühle. Das alles sind Manifestationen dieser Trennung. Angst und die ganzen Triebe des Menschen kommen dann ebenfalls ins Spiel. Sobald die Überzeugung, dass ich besser bin als Sie, in den Vordergrund tritt, benutze ich die Kraft des Ursprungs, um Ressourcen aufzustockenmehr Menschen lieben mich, mehr Menschen verstehen mich, mehr Menschen bringen mir Respekt entgegen, mehr Reichtum, mehr Macht, mehr Wissen, mehr Fertigkeitenbesser sein als jeder andere. Auf diese Weise übernimmt eine Kraft der Trennung die Kontrolle. Und diese Trennung wird „Ego” genannt.

AC: Meinen Sie, dass viele Gurus dieser Versuchung erlegen sind?

AD: Ja, viele Gurus. Es gibt keinen einzigen Guru von Bestand, der da nicht hindurchgehen musste. Das ist der Grund, weshalb wir alle geboren werden und diese Erfahrungen durchleben. Jeder spirituelle Sucher, jede spirituelle Sucherin macht diese Erfahrungen ebenfalls durch.

AC:
Ich möchte Ihnen gerne zwei Fragen über Yoga und das Ego stellen. Ashtanga Yoga, der achtgliedrige Pfad, wird traditionell als Weg zur Befreiung oder zur Transzendenz des Ego gelehrt. Es scheint für einen begabten Yogi möglich zu sein, hohe Stufen der Yogapraxis zu erreichen, beispielsweise die letzten drei der acht GliederKonzentration (Dharana), Meditation (Dhyana) und völlige Versenkung in das Selbst (Samadhi), aber gleichzeitig in den unteren oder grundlegenderen Gliedern der Yamas und Niyamas, also im Bereich der moralischen und ethischen Regeln für die Lebensführung, Schwächen zu haben. Dennoch hat es für mich den Anschein, dass Befreiung oder eine Transzendierung des Ich völlig davon abhängig ist, im Bereich der ersten zwei Glieder des Yoga vollkommen standfest zu sein, auch wenn bereits Ebenen des Dhyana und sogar des Samadhi erreicht werden können. Ohne diese Stabilisierung in den Yamas und Niyamas gründet sich die Kraft dieser außergewöhnlichen Errungenschaft nämlich nicht auf ein starkes moralisches und ethisches Fundament. Ohne dieses Fundament wiederum könnte das Ego offensichtlich von der auf den höheren Stufen erlebten Macht und Verzückung in Versuchung gebracht werden. Yogi Desai, meinen Sie daher, dass möglicherweise am Ende die ersten beiden Glieder des Ashtanga Yoga, die Yamas und Niyamas, einen Yogi letztlich vor größere Herausforderungen stellen als die letzten drei? Sind sie vielleicht sogar herausfordernder als das Samadhi?

AD: Ja, das sind sie.

AC: Weil es den Anschein hat, dass viele der größten Meister und Yogis in den letzten zwanzig Jahren mehr Probleme mit den ersten zwei Gliedern hatten als mit einigen der höheren Stufen?

AD: Ja. Unsere Praxis der Yamas und Niyamas ist nicht hundertprozentig, solange wir nicht vollständig befreit sind. So ist es nun einmal.

AC: Also Sie meinen, dass nur bei der endgültigen Befreiung die Yamas und Niyamas perfektioniert werden können?

AD: Genau, und das weiß ich ganz sicher, weil mein Guru, der große Yogi Bapuji, das von seiner Praxis her selber wusste. Yogi Bapuji lebte in vollständiger Abgeschiedenheit und hat die ersten zwölf Jahre geschwiegen, um nicht äußeren Ablenkungen zum Opfer zu fallen. Wenn Sie Muktanandas Autobiografie oder die irgendeines anderen großen Yogis lesen, werden Sie feststellen, dass die sexuelle Energie dieser Menschen beim Durchleben der Erweckung der Kundalini stärker wurde als bei jedem anderen, denn die Kundalini beginnt dann, diese Kraft zu erzeugen, um sich mit ihr zu verbinden und die Chakras (psychoenergetische Zentren im Körper) zu durchdringen. Und wenn man sich nicht schützt, kann man abgelenkt werden.

AC:
Auf welche Weise kann man sich schützen?

AD: Indem man in Umständen lebt, die dazu geeignet sind, einem dabei zu helfen, sich unverwandt auf seine Sadhana zu konzentrieren und nicht davon abgelenkt zu werden.

AC: Meinen Sie damit zum Beispiel, Versuchungen fernzubleiben?

AD: Ja, Versuchungen fernzubleiben. Aus diesem Grund lebte mein Guru im Schweigen. Er wahrte fast die ganze Zeit das Schweigen und befolgte auch das Zölibat.

AC: Sie meinen also, dass auf den höheren Stufen der Praxis die Herausforderungen größer werden und dass die Yamas und Niyamas noch schwieriger zu praktizieren sind?

AD: Ja, richtig. Eigentlich geht es dabei um eine Art energetisches Management. Als wir alle noch jung waren, verfügten wir über einen ungeheuren Vorrat an Energie, an dem sich jedoch das Ego und unbewusste Kräfte bedienten. Wir wurden von Ängsten, Unsicherheiten, Forderungen, Konkurrenz, Eifersucht, Wut, Furcht, Vorwürfen, Scham und Schuld getrieben. All diese Kräfte haben sich unserer Vitalität und Gesundheit bedient, und Sie sehen ja selbst, wohin das geführt hat. Auf dem Weg des Yoga steuert Bewusstsein unseren Umgang mit Energie, und bei der Lenkung der Sexualenergie geht es daher darum, Bewusstsein zu entwickeln. Auch Geld ist eine Energie, Reichtum oder Wohlstand auch, Wissen ebenfalls. In ihren Wachstums- und Lernphasen werden die meisten Menschen durch alle möglichen Dinge abgelenkt, und darüber sprechen Sie ja gerade. Die Yamas und Niyamas sind die Grundlage, und wir müssen sie meistern, um auch mit dieser Energie richtig umgehen zu können. Und um diese Energie in unserem Sinne lenken zu können, müssen wir Bewusstsein und nicht das Ego entwickeln.

AC: Ich habe noch eine andere, ganz ähnliche Frage über Yoga. Sie sind ein Meister des Kundalini-Yoga. Wie man hört, leitet das Erwachen des Prana (Lebensenergie) bei Menschen, die diese Praxis befolgen, einen Reinigungsprozess ein, der im Laufe der Zeit auf ganz natürliche Weise den gesamten Organismus, den Körper, den Geist, den Verstand und die Seele von allen Blockaden physischer, emotionaler, psychologischer und spiritueller Art befreit. In Ihrem Buch Working Miracles of Love schreiben Sie: „Auf seiner Rückreise zum Höchsten muss der Mensch nacheinander durch jeden Bewusstseinszustand hindurchgehen, den er auf seiner Reise von Gott weg durchlaufen hat. Auf dem Weg des Kundalini-Yoga wird diese Reise durch die göttliche Kundalini-Energie bewerkstelligt, die im Muladhara Chakra, dem untersten Chakra, aus ihrem Schlummer geweckt wird und dann bis ins Sahasrara Chakra hochsteigt, dem höchsten Chakra und Sitz des kosmischen Bewusstseins. Beim Emporsteigen der Energie geht der Mensch durch alle möglichen Erfahrungen und transzendiert schließlich die dem jeweiligen Chakra eigentümliche Bewusstseinsstufe. Dieser Vorgang vollzieht sich ganz langsam und ist ein Entwicklungsprozess. Der Aspirant muss mit großer Geduld, großem Verständnis und einem großen Maß an Selbstakzeptanz auf diesem Weg weitergehen, um bei jedem Chakra die jeweiligen Fallstricke des Ego zu meiden und den Weg zum nächsten Chakra oder auf die nächste Bewusstseinsstufe zurücklegen zu können. Obwohl sich solche Entwicklungsprozesse nur langsam vollziehen, können sie durch das Erwecken der Energie der Kundalini-Shakti (eine mächtige spirituelle Energie) im Kundalini-Yoga beschleunigt werden. Sobald die Shakti aktiviert wurde, treibt sie diese Prozesse voran und hilft den Menschen dadurch, sein Bewusstsein in sehr kurzer Zeit auf immer höhere Ebenen aufsteigen zu lassen. Was sonst mehrere Leben in Anspruch nehmen würde, lässt sich so durch die starke Kraft der Kundalini-Shakti innerhalb sehr kurzer Zeit vollbringen.”

Meine Frage an Sie lautet daher: Halten Sie es für möglich, die evolutionäre Urenergie wachzurufen, als Resultat davon viele intensive spirituelle Erfahrungen und starke Erweckungserlebnisse zu haben und dennoch das Ego unangetastet zu lassen? Im Laufe meiner Zeit als spiritueller Lehrer habe ich zahlreiche Schüler getroffen, deren Shakti erweckt worden war, die daraufhin viele
Kriyas erlebt (spontane, reinigende yogische Bewegungen) und die durch ihr Zusammensein mit Lehrern des Kundalini Yoga viele starke Erfahrungen gemacht hatten. Häufig sah es aber so aus, als ob sie durch diese Erfahrungen überhaupt nicht erleuchtet wurden. Ich meine, bei ihnen war zwar eine Menge passiert, aber sie kämpften immer noch mehr oder weniger auf die gleiche Weise mit dem Ego wie vor diesen Erfahrungen. Sobald Shakti erst einmal erwacht ist, vollzieht sich im Kundalini-Yoga eine Reinigung angeblich auf ganz natürliche Weise und von ganz allein. Bei den meisten dieser Menschen sah es aber überhaupt nicht danach aus, dass das Erwecken von Prana oder Shakti wirklich eine größere reinigende Wirkung hatte.

AD: Ich muss ein wenig lachen, weil ich die gleiche Erfahrung gemacht habe. Ich kenne meine Guru-Brüder, die diese Sadhana ebenfalls praktizierten, und sie haben die erstaunlichsten Kundalini-Erfahrungen gemachtaber als ich ihr Ego sah, dachte ich: irgendwie funktioniert das überhaupt nicht so, wie ich erwartet hätte. Und darum stellt sich auch mir die Frage: Verschwindet das Ego infolge von überaus fantastischen und außergewöhnlichen spirituellen Erfahrungen, durch all diese Visionen? Das sind ja die Visionen der Shakti, Bewegungen auf das höchste Zentrum des Bewusstseins zu, es sind Blockaden, die gelöst werden, aber es geht dabei nicht um die letzte Vereinigung. Das Ego können wir aber erst wirklich und vollständig transzendieren, wenn diese letzte Vereinigung stattfindet.

Wie dem auch sei, ich glaube, die evolutionäre Reise sollte nicht immer danach beurteilt werden, ob dabei das Ego vollständig vernichtet wurde, und nur vor dem Hintergrund dieser Frage als authentisch angesehen werden. Trotz des Vorhandenseins eines Ego kann es nämlich eine solche Reise geben, trotzdem kann es zu einem Fortschritt kommen, dessen Wirkung andauert. Das ist zumindest der Schluss, zu dem ich gekommen bin. Wenn ich jemanden sehe, der Kundalini-Yoga praktiziert und dabei noch ein Ego hat, denke ich nicht, das würde bedeuten, er oder sie habe überhaupt nichts getan. Ich urteile nicht so. Ich glaube, jemand kann sich wirklich entwickeln, über viele Kräfte oder auch über Siddhis (übernatürliche Kräfte) verfügen und einiges verwirklicht haben, und trotzdem könnte das Ego noch vorhanden sein. Das stellt das Wachstum dieser Person nicht in Abrede.

ANDREW COHEN: Meine nächste Frage betrifft die Funktion des Guru oder Meisters als Rollenmodell und Beispiel. Vor über dreizehn Jahren, als ich gerade erst zu lehren begonnen hatte, öffnete ich eines Abends die Augen, nachdem ich zusammen mit einer großen Zahl von Leuten meditiert hatte, die den Raum bis zum letzten Platz füllten. Sie waren alle gekommen, um meine Unterweisungen zu hören. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich mir des absoluten Vertrauens bewusst wurde, das mir von allen Seiten aus den Augen der erwartungsvoll blickenden Gesichter entgegengebracht wurde. Ich war von der unglaublich heiklen Position, die ich als spiritueller Lehrer oder Guru einnahm, überwältigt. Das absolute Vertrauen, das in mich als Rollenmodell gesetzt wurde, als Beispiel für das, was möglich ist, zwang mich dazu, noch einmal über die enorme Last nachzudenken, die automatisch jeder auf sich nimmt, der anderen den Weg zu zeigen wagt. Noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass ein wahrer Guru der Welt verkündet: Es ist möglich, in diesem Leben frei zu sein und damit aufzuhören, Karma zu schaffen, indem wir aus Unwissenheit und Selbstsucht heraus handeln. Es ist möglich, sich von der destruktiven Kraft des Ego zu befreien, die Schmerz und Leid verursacht, und eine lebendige Verkörperung von Triumph in diesem Leben zu sein. Ich war immer davon überzeugt, dass es ohne lebendige Beispiele und Vorbilder für den Suchenden sehr schwer ist, die eigene Bereitschaft zu finden, diesem außergewöhnlichen Sprung ins Unbekannte zu vertrauen, auf dem eine wirkliche Transformation beruht. Immerhin müssen wir davon überzeugt sein, dass es möglich ist, damit Erfolg zu haben, sonst würden wir diesen Sprung, der uns aus den Klauen des Ego befreit, ja gar nicht wagen. In Ihrem Fall hatten Sie in Ihrem Guru ein tiefgründiges Vorbild und ein Beispiel für das, was möglich ist. Zweifellos haben seine Gnade und seine Segnungen Ihnen so viel Vertrauen in sich selbst eingeflößt, dass Sie zu der Überzeugung kamen, diese Last ebenfalls tragen zu können. Yogi Desai, zum gegenwärtigen Zeitpunkt herrscht in der modernen spirituellen Welt ein tiefer Zynismus gegenüber dem, was durch spirituelle Praxis und Erfahrung tatsächlich erreicht werden kann. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist die Desillusionierung, die durch die Schwächen von so vielen der größten Meister und Gurus unserer Zeit in vielen Menschen hervorgerufen wird. Und als Konsequenz daraus scheinen sich heutzutage viele Psychologen den Mantel spiritueller Autorität angezogen zu haben, den vor noch gar nicht so langer Zeit die Gurus und die spirituellen Meister für sich beanspruchen konnten. Diese Therapeuten stellen keine kühnen Behauptungen auf und fordern auch das Ego nicht auf eine Weise heraus, zu der nur ein erleuchteter Meister befugt ist. Wie soll es aber ohne diese Autorität und ohne das Beispiel eines Lebens, das frei von grundsätzlichen Widersprüchen ist, für irgendjemanden möglich sein, zu glauben, dass wir tatsächlich in diesem Leben frei werden können? Wie soll jemand unter diesen Umständen dazu bereit sein, das Risiko auf sich zu nehmen, das eigene Ego aufzugeben?

AMRIT DESAI: Der erleuchtete Meister lebt immer noch als Mensch. Wenn wir den Meister als jemanden begreifen, der vollständig und vollkommen ist und sein ganzes Karma abgeschlossen hat, der einhundertprozentig rein ist und alles gelöst hat, dann funktioniert dieses System nicht. Über erleuchtete Meister und das, was sie sind oder nicht sind, herrscht eine ganz falsche Auffassung. Solange diese Meister noch im menschlichen Körper sind und auf ihrem Weg noch nicht vollständig bis zum Ende gelangt sind und Nirvikalpa Samadhi oder die höchste Stufe erreicht haben, werden sie deutlich das ganze menschliche Ego und menschliche Manifestationen der Versuchungen wie Neigungen und Abneigungen zeigenallerdings auf einer viel subtileren und bewussteren Ebene. Das alles wird immer noch vorhanden sein. Der Gedanke, man sollte einen völlig makellosen Meister finden, ist daher sehr problematisch, denn irgendeinen Fehler werden wir dann immer ausmachen können.

AC: Aber meinen Sie nicht, dass es für einen wirklichen Meister möglich sein sollte, ein Leben zu führen, das frei von grundsätzlichen Widersprüchen ist? Ohne dieses Beispiel ist es doch für den Sucher sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, das nötige Vertrauen zu haben, um diesen Sprung über das Ego hinaus zu machen. Ist es nicht ganz wesentlich, dass es lebendige Beispiele von Meistern gibt, die ihr Leben frei von Widersprüchen führen können? In Ihrem Fall hatten Sie ja Ihren eigenen Guru, in den Sie absolutes Vertrauen setzten. Wenn Sie herausgefunden hätten, dass seine Taten mit seinen Worten unvereinbar sind, hätte das doch bestimmt einige Zweifel an Ihrem Vertrauen und an Ihrer eigenen Fähigkeit hervorgerufen, die Arbeit zu tun, die Sie die ganzen Jahre über getan haben. Stimmt das?

AD: In einer bestimmten Phase ist das zutreffend, aber es gibt noch andere Phasen des Wachstums, wo mehr als die Vollkommenheit des Meisters, nämlich das Vertrauen des Schülers das Wichtigste zu sein scheint. Und dieses Vertrauen kann auf einer tieferen Ebene wirken als sogar das, was der Meister bieten kann, denn was der Schüler von einem Meister bekommt, ist manchmal mehr mit seinem eigenen Vertrauen verknüpft als mit dem, was der Meister erreicht hat.

AC: Ja, in manchen Fällen kann es so funktionieren. Mir selbst hat mein Guru wirklich durch seine Gnade geholfen, mich zu befreien, und es ist unmöglich, ihm den Dank, den ich ihm dafür schuldig bin, je zu erweisen. Gleichzeitig gab es jedoch eine irritierende Diskrepanz zwischen seinen Worten und seiner Lebensweise, was schließlich dazu führte, dass sich unsere Wege trennten. Aber wie Sie sehen, geschah das, nachdem dieser Sprung gemacht worden war, und weil mein eigenes Vertrauen in meine Erkenntnisse stark war, hat mich diese Erfahrung nicht geschwächt. Letztlich hat sie mich stärker und unabhängiger gemacht. Der springende Punkt ist jedoch: Damit der Sucher an jenen Platz gelangt, an dem er gewillt ist, diesen unglaublichen Sprung über das Ego und über das Bekannte hinaus zu tun, muss er glauben, dass dieser Meister das bereits getan hat. Die meisten Menschen brauchen lebendige Vorbilder. Es ist das Vertrauen in ein lebendiges Vorbild, das dem Sucher erlaubt, Zuversicht zu entwickelndas Ganze gleicht dem Sprung von einer Klippe oder dem Sprung aus einem Flugzeug ohne Fallschirm. Denn ohne dieses Vertrauen, bei irgendeinem grundlegenden Zweifel am Meister, wird sich das Herz verschließen.

AD: Die Funktion des Guru besteht darin, dem Schüler zu helfen, seinen ganzen Ängsten und Unsicherheiten zu begegnen, und ohne das gibt es keinen Fortschritt. Wenn ein Guru das in Gang setzt, muss der Schüler Angst und Widerstände empfinden. Wenn Sie also als Grundlage der Beziehung zwischen Guru und Schüler einfach nur das Vertrauen bewahren oder die Vorstellung aufrechterhalten, der Guru müsse ein Beispiel der Vollkommenheit abgeben, dann wird das in grundlegenden Bereichen nicht funktionieren, denn irgendwo auf dem Weg wird der Schüler so viele durch den Guru an die Oberfläche gebrachte Ängste haben, dass er dazu verleitet wird, die Schwächen im Guru zu sehen.

AC: Sie sagten, dass jemand ein Meister werden kann, aber dann immer noch Mensch ist, und dass die Tatsache der Inkarnation in einen Körper immer auch inhärente Unvollkommenheit bedeutet. Dies ändert sich erst dann, wenn ein Meister den höchsten, perfektionierten Zustand erreicht, wie es zum Beispiel bei Bapuji der Fall war, was aber nur ganz wenigen Menschen gelingt. Ich will jedoch eigentlich nur sagen, dass es möglich ist, ein Leben zu führen, das von allen grundlegenden Widersprüchen frei ist.

AD: Vielleicht lässt sich das besser verstehen, wenn Sie sagen, welche Widersprüche Sie als grundlegend ansehen.

AC: Nun, damit ist gemeint, dass es beispielsweise keinen Widerspruch zwischen der Lehre eines spirituellen Lehrers und der Art und Weise seiner Lebensführung gibt.

AD: Das ist eine Frage der Interpretation.

AC: Wirklich?

AD: Ja. Wie Sie wissen, führen Therapeuten ihre Patienten auf eine bestimmte Ebene, auf der diese mit traumatischen Ereignissen in ihrer Vergangenheit in Verbindung gebracht werden. Dabei gibt es Bereiche, wo die Patienten sich nicht mit dem konfrontieren wollen, dem sie sich stellen müssen, um bei ihren Blockaden den Durchbruch zu schaffen. Und dann wird ein Patient zweifellos beginnen, am Therapeuten zu zweifeln. Das Gleiche passiert dem Schüler bei einem Guru, und darum stellen manche Gurus ihre Schüler wirklich auf die Probe. Es hat einmal einen Guru gegeben, der sich vergewisserte, dass seine Schüler beobachteten, wie er zu einer Prostituierten ging. Er schlief dort, kam am nächsten Tag wieder heraus und schaute, wer immer noch sein Schüler sein wollte. In Indien werden Schüler tatsächlich auf diese Weise auf die Probe gestellt. Einige der großen Gurus haben das getan. Der Schüler hat dann eigentlich die Aufgabe, „wie ein Schwan zu sein, der Milch und Wasser voneinander trennen kann,” wie man in Indien sagt.

AC: Sicher, ein Schüler muss genau unterscheiden können und handelt daher nicht blindlings aufgrund grober, moralischer Beurteilungen, die einfach durch die jeweilige Kultur bedingt werden und ihn geprägt haben. Statt dessen muss er ein tieferes Verständnis ausbilden. Meinen Sie das?

AD: Ja, die Schüler müssen ein tieferes Verständnis haben. In Amerika könnten die Menschen sagen: „Nun, wenn dieser Mann wie Nityananda aussieht, einen dicken Bauch und einen großen, schweren Körper hat, wie kann er da nur Guru sein?” Wenn das aber unser Konzept ist, wie werden wir jemals den richtigen Guru finden können? Denn es gibt ja noch andere Konzepte, die damit einhergehen

AC: Nun, ich denke, der Punkt ist folgender: Wenn Nityananda sagt: „Um es mit dem spirituellen Leben ernst zu nehmen, dürfen Sie nicht mehr als einen Apfel am Tag essen” und dann selber ein riesiger, fetter Kerl ist, der jeden Tag ungeheure Mengen an Nahrung zu sich nimmt, dann wäre genau das das Problem.

AD: Richtig, ich weiß, ich weiß.

AC: Das wäre ein Beispiel für einen grundlegenden Widerspruch, das meinte ich.

AD: Ein bestimmter Grad an Integrität muss immer vorhanden sein.

AC: Was ich aber sagen möchte: wenn wir über Erleuchtung und wirkliche spirituelle Transformation sprechen, muss der Sucher, um den Sprung zu machen, der ihn über den Verstand hinausführt, auf die grundsätzliche Integrität des Guru als Mensch vertrauen können.

AD:
Und ich meine, dass der Zweifel nicht vom Guru erzeugt wird, sondern vom Schüler.

AC: Sie sagten einmal, dass Sie zwei Wochen, bevor Sie im Kripalu Center in Ungnade fielen, darum beteten, dass Gott Ihnen Ihr Ego nehmen möge. Und damit ließen Sie durchblicken, dass alles, was im Center geschah, Gottes Antwort auf Ihr Gebet war. Ich wollte Sie fragen, wie Sie das jetzt, etliche Jahre später, sehen. War alles, was im Kripalu Center geschah, Gottes Weise, auf Ihr Gebet zu antworten und Ihnen zu helfen, Ihr Ego zu töten?

AD: Ich würde sagen, das ist ein Resultat meines Karmas. Wenn ich es im Hinblick darauf interpretiere, dass es mir geholfen hat, in die spirituelle Dimension zu gelangen, dann würde ich sagen, ja, es ist Gottes Gnade. Aber dabei erkenne ich durchaus, dass dies auch Lektionen für mich enthielt.

AC: Und welche waren das?

AD: Ich musste die Rolle loslassen, die meine Ängste bei dieser Erfahrung spielten. Die wichtigste Erkenntnis war, dass ich alle Ängste loslassen musste, die mich zurückhielten. Und das ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich in dieses Leben hineingeboren wurde: Ich sollte ganz genau dies erkennen und die Verhaltensweisen loslassen, die sich um meine Ängste herum ausgebildet haben.

AC: Gibt es noch etwas, das Sie zusätzlich zum Thema Ego und das spirituelle Leben sagen wollen?

AD: Ich würde den Schüler gerne in einer weniger bewertenden Rolle sehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wertungen entstehen, ist nämlich sehr groß

AC: Sie meinen Wertungen über den spirituellen Lehrer?

AD: Ja. Ein solcher Lehrer wird nämlich alle Knöpfe drücken.

AC:
Das ist seine Aufgabe.

AD: Das ist seine Aufgabe. Wenn er also auf diese Weise die Knöpfe drückt, wird er zur Zielscheibe von Angriffen, erntet Ablehnung oder wird beiseite geschoben.

AC: Ja. Das passiert mir dauernd.

AD: Als mir das passierte, war das für mich keine Überraschung. Wenn Sie sich einige meiner Vorträge anhören, die ich kurz vorher gehalten habe, sagte ich darin sogar, dass die Schüler jetzt eine Blumengirlande in die Hände dieses Guru legen, aber eines Tages mit Schuhen nach ihm werfen würden.

AC: Es ist der absolute Charakter dieser Beziehung. Die Bindung ist so intensiv, dass die Gefühle zu Extremen neigen, besonders, wenn man sich wirklich auf diese Beziehung eingelassen hat.

AD:
Dann ist es sogar noch schlimmer. Im Kripalu Center hatten wir mehr als fünfzehn Jahre lang 350 ständige Bewohner, die unter einem Dach lebten, sich die gemeinschaftlichen Ressourcen teilten und einfach mit den Einschränkungen lebten, die eine ausgeglichene, schlichte Lebensführung mit sich bringt.

AC: Wenn Menschen auf diese Weise zusammenkommen, wird alles viel stärker aufgeladen.

AD: Und die Menschen schaffen sich ihr Bild vom Guru und projizieren es auf ihn, auch wenn der Guru das gar nicht fordert.

AC: Was projizieren die Menschen auf den Guru?

AD: Sie projizieren die Vorstellung auf ihn, dass der Guru in seiner Entwicklung sehr weit gekommen ist und sich selbst verwirklicht hat. Sie projizieren diese Bilder auf ihn, weil sie sich bei ihrem Guru Vollkommenheit wünschen, um von ihm abhängig sein zu können. Um Abhängigkeit zu schaffen, belegen sie ihn mit etwas, das gar nicht da ist. Wissen Sie, ich habe immer für mich beansprucht, nicht perfekt zu sein. Ich bin zuerst Schüler, dann Guru. Letzteres ist einfach die Rolle, die ich spiele, um die Übertragung von Energie zu begünstigen. Ich fordere nichts ein. Das sage ich immer.

AC: Nun, irgendetwas müssen Sie schon einfordern, sonst wären Sie ja nicht in der Lage, Guru zu sein. Ist das nicht zutreffend?

AD: Ich erhebe keinen Anspruch auf Erleuchtung.

AC: Das habe ich auch nicht behauptet. Aber Sie sagten gerade: „Ich fordere nichts ein.” Das kann ja nicht ganz stimmen, denn um Meister des Yoga zu sein und die Arbeit zu tun, die Sie tun, müssen Sie ganz offensichtlich irgendetwas einfordern.

AD: Manchmal täuschen Gurus die Menschen, indem sie sagen: „Ich bin an diesem Ort und werde euch auch dahin führen.” Das habe ich nicht getan.

AC: Aber auf dem Weg des Kundalini-Yoga meditiert man doch nach der Shaktipat-Übertragung auf die Form des Guru. Sie sagten: „Meditiert auf mich. Nehmt Zuflucht bei mir.” Und das ist doch definitiv etwas anderes als nichts einzufordern. Damit fordern Sie eine ganze Menge ein, damit sagen Sie: „Ich bin ein Vehikel für euch, das ihr nutzen könnt.”

AD: Richtig, das habe ich gesagt. Aber ich bin kein vollendetes Vehikel. Ich nahm lediglich für mich in Anspruch, dass von meiner Funktion Gebrauch gemacht werden kann, aber nicht als vollendetes Wesen. Diese Art der Vollkommenheit legten die Schüler in mich hinein. Die Funktion des Guru bietet immer Möglichkeiten, Abhängigkeit zu erzeugen.

AC: Aber ist es letztlich nicht das Ziel der Beziehung zwischen Guru und Schüler, dass nichts zwischen ihnen stehen sollte, weder Angst noch Zweifel, damit sie vollständig miteinander verschmelzen und eins werden können?

AD:
Frei von Angst und Zweifel zu sein, ist der höchste Zustand. Das bedeutet, dass die Schüler die letzte Stufe erreicht haben. In einer sich entwickelnden Seelenbeziehung kann man das nicht erwarten. Und die Beziehung zwischen Guru und Schüler ist genau das.

AC: Aber das ist das Ziel.

AD: Das ist das Ziel, ja. Das ist die Absicht, und wir bewegen uns darauf zu.

AC: Würde der Guru nicht gerne in der Lage sein, auch der aufstrebenden Seele dies als Potenzial zu bieten? Ist das nicht eigentlich das, was Menschen anbieten, die die Funktion eines Guru haben?

AD: Ja, sie bieten das als Potenzial an und geben den Schülern Anweisungen und jede nur mögliche Unterstützung sowie Methoden, mit denen sie weitergehen können. In dieser Hinsicht müssen die Schüler dem Guru vielleicht vertrauen. Es ist ein heikler Wegdem Guru zu vertrauen. In diesem Zusammenhang sage ich immer: „Vertraut zuerst dem Guru in euch, danach könnt ihr dem äußeren Guru vertrauen.”

AC: Funktioniert das in der Beziehung zwischen Guru und Schüler nicht genau anders herum? Beginnt ein Schüler nicht erst durch das Vertrauen in den äußeren Guru damit, auch in sich befreiende Fülle zu erleben? Und löst das Erlebnis dieser Fülle nicht dann im Schüler ein Gefühl der Zuversicht, des Selbstvertrauens und der Unabhängigkeit aus, das nur ganz wenige Menschen verwirklichen?

AD: Es kann auf die eine oder die andere Art geschehen. Das hängt davon ab, wer wo beginnen möchte und was bei der jeweiligen Person gerade funktioniert. Aber beides ergänzt sich gegenseitig. Wenn mein innerer Guru nicht wachgerufen wurde, werde ich von einem äußeren Guru gar nicht angezogen.

AC:
Das stimmt.

AD:
Auf diese Weise fängt alles an. Durch die Praxis spiritueller Unterweisungen erwecken wir immer mehr vom inneren Guru und die Verbindung auf einer tieferen Ebene wird stärker.

AC: Und gleichzeitig werden wir unabhängiger, weil sich unser Vertrauen in uns selbst immer mehr entwickelt, je wacher der innere Guru wird. Die Abhängigkeit nimmt dabei ab.

AD: Das wird vermutlich so sein. In den meisten Fällen muss das aber nicht auf diese Weise ablaufen.

AC: Ja. Ich würde sagen, dass in meiner Gemeinschaft ungefähr die Hälfte der Leute an einer wirklichen Beziehung zu mir interessiert ist, die die Kraft hat, wirkliche Unabhängigkeit zu erzeugeneine Beziehung jenseits von Angst und Zweifeln, in der befreiende Vertrautheit und außergewöhnliches Vertrauen seinen Platz hat. Die andere Hälfte hat Interesse daran, von mir abhängig zu werden. Für diese Menschen bin ich nur ein Objekt, das ihr Ego stützt. Sie haben eigentlich kein Interesse an dem, was ich lehre.

AD: Das verstehe ich. Das passiert zu allen Zeiten. Allmählich entdecken wir, dass trotz tiefer Hingabe das Ego oder die Natur des Menschen immer aktiv ist. Mit der richtigen Absicht klappt jedoch alles. Wenn Gutes geschieht, funktioniert das. Wenn Schlechtes geschieht, funktioniert das auch. Weil wir lernen und auch aus schlechten Erfahrungen einen Nutzen ziehen. Dann ist das Schlechte nicht mehr schlecht; in dieser Hinsicht ist es eine gute Erfahrung. So gehe ich damit um. Ich betrachte nie etwas als gut oder schlecht, verstehen Sie. Es ist einfach eine Erfahrung.