Your email address is kept confidential, and will never be published, sold or given away without your explicit consent.

Thank you for joining our mailing list!

Close
















Was ist "das Ich"?


Ein Interview mit James Hollis über Carl Jung
von Amy Edelstein
 

1 | 2

Interview

James Hollis ist Verwaltungsdirektor des Jung Educational Center of Houston, Texas. Hollis erhielt seine Ausbildung als Analytiker nach Jung in Zürich. Er ist Autor von acht Büchern und verfasste über vierzig Artikel über die Arbeit Jungs. Er hat eine eigene Praxis für Psychotherapie und hält im ganzen Land Vorträge für Studenten und Kollegen über Jungs Theorien der menschlichen Entwicklung und das, was er „den Berührungspunkt von Psyche und Seele” nennt.


WIE:
Was ist für Jung das Ego?

JAMES HOLLIS: Jung definiert das Ego als den zentralen Komplex des Bewusstseins. Wenn wir „Komplex” hören, denken wir tendenziell an etwas Pathologisches; ein Komplex ist aber nichts anderes als ein affektiv geladenes Bündel von Energie. Der Ego-Komplex fängt an sich zu entwickeln, sobald wir uns erstmals vom Ur-Anderen trennen, typischerweise von unserer Mutter; wenn wir von der Brust entwöhnt werden. Diese Trennung ist zwar für die Entwicklung des Individuums notwendig, sie ist aber auch sehr schmerzhaft, denn sie ist der Verlust dieser frühen Erfahrung von Einheit und Urzugehörigkeit.

Jung betrachtete die Entwicklung des Ego als unerlässlich für das Bewusstsein. Bewusstsein basiert auf der Trennung zwischen Subjekt und Objektum Bewusstsein zu erlangen, muss ich wissen, was ich nicht bin. Ich muss ein Gefühl dafür haben, dass etwas „dort drüben” ist, was nicht dasselbe ist wie „das hier”. Er sah das Ego auch als notwendigen Faktor für willentliches Handeln, Konzentration und Sinngebung. Wie kam es dazu, dass Sie und ich übereinkamen, uns zum selben Zeitpunkt zu treffen, um über dasselbe Thema zu sprechen? Es war eine Funktion der „Ego-Konzentration,” die bedeutsam dafür ist, dass dieses Gespräch stattfinden kann.

Das Ego als Komplex ist in hohem Maße formbar und „penetrierbar”. Wenn Inhalte aus dem Unbewussten in das Ego eindringen, wenn es sich in den Klauen anderer Komplexe befindet, dann wird es entweder unsicher oder von Macht getrieben, je nachdem wie der Fall gelagert ist. Sehen Sie, das, was wir häufig „Ego” nennen, ist in der Tat das Ego, wenn es von einem oder mehreren Komplexen in Besitz genommen wurde, wie zum Beispiel von einem Geldkomplex, Machtkomplex, Sexualkomplex oder Aggressionskomplex. Diese Komplexe sind nicht das Kernwesen eines Menschen, aber sie haben sehr wohl die Macht, das Ego zu übernehmen oder zu besitzen.

WIE: Ist das Ego nach Jungs Ansicht eine positive, negative oder neutrale Kraft der Persönlichkeit?

JH: Wie ich bereits sagte, das Ego ist eine notwendige Struktur, um Identität, Bewusstsein, willentliches Handeln und Sinn auszubildenund all das ist ein Plus. Das Ego ist an und für sich kein Problem. Wenn unsere Unsicherheiten jedoch davon Besitz ergreifen, wenn es sich in den Klauen unserer persönlichen Geschichte befindet, dann wird es neurotisches stellt sich sozusagen in den Weg. Das Problem ist also nicht das Ego; das Problem ist das, was mit dem Ego geschieht. Das vollkommene Gleichgewichtwenn wir es jemals erreichen könntenwäre ein offener Zustand im Dialog mit den anderen Teilen der äußeren und der inneren Welt, wo wir Botschaften aus der Kultur aufnehmen könnten, aber nicht notwendigerweise von ihnen aufgesogen werden, und wo wir auch mit dem Unbewussten in Dialog treten könnten.

WIE: Haben diese Komplexe einen eigenen Willen oder entscheiden letzten Endes wir selbst, welcher Komplex dominiert?

JH: Nehmen wir ein Beispiel. Jemand könnte sagen: „Wenn ich meine Vergangenheit ansehe, erkenne ich bestimmte Muster. Der Einzige, der in der Geschichte meines Lebens in jeder Szene dabei gewesen ist, bin ich. Ich gestalte also in gewisser Weise diese Muster. Ich kann die westliche Zivilisation oder meine Eltern dafür verantwortlich machen, wenn ich das möchte, aber ich muss auch zur Kenntnis nehmen, dass ich irgendwie handele.” Wir würden sagen, dass das die gute Arbeit des Ego ist, denn es eröffnet den Dialog mit anderen Teilen der Psyche.

WIE: Ist nach Jung das Ego gleichzusetzen mit dem, was wir meinen, wenn wir „Ich” sagen?

JH: Allgemein gesagt ist „der, der ich zu sein glaube” der Ego-Zustand. Das Problem ist aber, dass das, was man zu sein glaubt, auch ein Komplex sein kann. Ich könnte als Sklave geboren worden sein und die Identität eines Sklaven haben. Der einzige Moment, in dem wir uns in einem reinen Zustand des Ego befinden, ist meiner Meinung nach dann gegeben, wenn wir ganz aus den Reflexen heraus auf einen bestimmten Augenblick hin reagieren. In einer sportlichen Aktivität ist man normalerweise nicht in einem Komplex. Man kann beim Baseball am Platz des Schlagmanns stehen und so aufgeregt sein, dass man den Schläger nicht schwingen kann, aber normalerweise ist man in dem Moment, in dem der Ball fliegt, ganz davon absorbiert und man ist präsent. Das ist ein reiner Zustand des Ego.

WIE: Wäre Jungs reiner Zustand des Ego gleichbedeutend mit einem Zustand, in dem wir mit der Wirklichkeit, so wie sie ist, direkt in Berührung sind?

JH: Ja, das ist richtig. In diesem Sinne wäre es nicht unähnlich dem Zen-Konzept von „No Mind”es ist einfach reines Sein. Und doch brauchen wir, um im sozialen Umfeld funktionieren zu können, ein Ego, das es uns gestattet, die Zeit zu strukturieren und unsere Energien hinsichtlich bestimmter Abstraktionen wie Wirtschaft, Dienstleistung oder etwas anderem zu organisieren.

Jungs Ego-Konzept hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. In den frühen Jahren wollte er meiner Ansicht nach den Botschaften aus dem Unbewussten den Vorzug geben und ausdrücken, dass es Aufgabe des Ego wäre, das bereitzustellen, was das Unbewusste will. Später in seinem Leben hat er das modifiziert und die Notwendigkeit ethischer Verantwortung betont. Wenn ich zum Beispiel träume, dass ich jemanden ermorde, dann wache ich nicht auf und bringe den Menschen um. Ich sage: „Was soll das bedeuten?” Das ist eine vernünftige Verwendung des Egozur bewussten Verarbeitung der Erfahrung des Lebens, wobei weder der äußeren noch der inneren Welt zu viel Geltung verschafft wird.

WIE: Wie sah Jung die Beziehung zwischen Gewissen und Ego?

JH: Lassen Sie mich bitte einen Schritt zurückgehen; dann werde ich wieder darauf zurückkommen. Sehen Sie, für Jung ist die übergeordnete Realität das, was er das „Selbst” nanntewas nicht mit dem Ego verwechselt werden darf. In der ersten Lebenshälfte ist es unsere Aufgabe, ein Ego zu entwickeln, ein bewusstes Empfinden dafür, wer wir sind, das stark genug ist, um unsere Eltern zu verlassen, in die Welt hinauszugehen und zu sagen: „Stellen Sie mich an, ich bin für den Job wie geschaffen”; „Geh eine Beziehung mit mir ein, du kannst mir vertrauen” usw. Wenn es uns nicht gelingt, unser Ego-Bewusstsein genügend zu entwickeln, bleiben wir Kinder. Der Dialog in der ersten Lebenshälfte ist der Dialog mit der Welt: Was verlangt die Welt von mir? Aber die zweite Hälfte des Lebens, so sagte Jung, ist dazu da, damit das Ego einen Dialog mit dem Selbst entwickelt. Dann lautet die Frage: Was verlangt das Selbst von mir?Das ist sehr viel mehr ein innerer Dialog, man könnte auch sagen, ein religiöser Dialog. Denn es ist gut möglich, dass das Selbst wünscht, dass man eine bestimmte Richtung einschlägt, in die das Ego lieber nicht gehen würdeeine Richtung, die möglicherweise nicht zu einem Weg der Selbsterhöhung führt, sondern zu einem Weg der Aufopferung. Wenn das Selbst zum Beispiel verlangt, dass man die Künstlerlaufbahn einschlägt, dann wird man in unserer Kultur wahrscheinlich Hunger erleiden. Und dennoch, wenn es das ist, was das Selbst verlangt, und das Ego sich weiterhin in die andere Richtung davonmacht, dann entsteht als Nebenprodukt ein ungeheures inneres Leiden. Letzten Endes wird das Ego respektieren müssen, was das Selbst verlangt hat. Es gibt eine ethische und religiöse Verantwortung, damit in Dialog zu treten und weiterhin in der realen Welt zu leben. Und es ist Teil der Aufgabe des Ego, mit dem Konflikt fertig zu werden, den das hervorrufen könnte.

WIE: Was ist das Selbst für Jung? Ist es das, was unser höchstes Potenzial als Menschen repräsentiert oder uns dazu aufruft, es zu verwirklichen?

JH: Das Selbst ist so viel wie die Weisheit des Organismus. Die Gesamtheit der Sinngebung dessen, was wir sind, die das Bewusstsein übersteigt.

WIE: Sie sagten, im „Dialog mit dem Selbst” könnte man möglicherweise feststellen, dass man vom Schicksal dazu berufen war, Künstler zu werden. Wenn Jung von dieser „Berufung durch das Selbst” spricht, scheint er sich auf das Unterfangen oder auf die Rolle im Leben zu beziehen, für die wir am besten geeignet sind, die unsere Talente voll zur Geltung bringt, ganz egal, was es istund das muss nicht unbedingt eine Berufung zum spirituellen Weg sein.

JH: Nun, es wäre unsere wahre Berufung im Sinn des lateinischen vocatusgerufen werden. Wozu ist jemand aufgerufen, als Wesen, als Mensch?Das hat ganz wenig mit dem Ego zu tun. Die Geschichte ist voll von Personen, deren Egos mit den Positionen, in denen sie sich befanden, gut bedient gewesen wären, die aber irgendeine andere Berufung verspürten und jene sichere Welt verlassen mussten, um einem Sinn, einer Erweiterung oder Tiefe zu dienen.

[ zur nächsten Seite ] 1 | 2




artikel drucken

email an die redaktion

artikel versenden

inserieren

nachdrucken
abonnieren abonnieren geschenk abo


home | aktuell | archiv | bestellen | über wie
herausgeber | kontakt | links | site map
WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



full table of contents

buy this issue

Neues bei WIE
Letzte Neuigkeiten und Aktuelles!

E-Mail-Adresse hier angeben.