Als wir vor acht Monaten begannen, für diese Ausgabe
von WIE zu recherchieren, und so viele verschiedene spirituelle und psychologische
Wege zum Verständnis des Ego erforschten, wie uns zugänglich waren, wurden wir
auf eine zeitgenössische psychoanalytische Philosophie der Ich-Entwicklung aufmerksam:
der Theorie der Objektbeziehungen. Uns faszinierte die Entdeckung, dass viele
führende Denker am Schnittpunkt von Psychologie und Spiritualität, darunter A.
H. Almaas, Ken Wilber, Jack Engler und Claudio Naranjo, sich mit ihren eigenen
Modellen psychischer und spiritueller Entwicklung auf die Objektbeziehungstheorie
stützen. Insbesondere haben eine Anzahl transpersonaler Psychologen bemerkenswerte
Parallelen zwischen der alten buddhistischen Lehre der illusionären Natur des
Selbst und dieser modernen westlichen Analyse der konstruierten Natur des Selbst
gefunden. In seiner Anthologie Transformations of Consciousness (Wandlungen
des Bewusstseins), mitherausgegeben von Ken Wilber und Daniel Brown, schreibt
Jack Engler: „Es mag überraschen, dass … sowohl die buddhistische Psychologie
wie auch die Objektbeziehungstheorie die Essenz des Ego auf die gleiche Weise
interpretieren.” Da nun das Erforschen der Essenz des Ego genau das ist, was
wir versuchen, wollten wir natürlich mit jemandem sprechen, der in der Objektbeziehungstheorie
bewandert ist, einer subtilen und komplexen Interpretation der Struktur des Ego,
die heute eine der einflussreichsten Schulen zeitgenössischen psychologischen
Denkens ist.
Es war uns eine Freude, dass Otto Kernberg einer der Pioniere der Entwicklung dieser Theorie eine Stunde seiner kostbaren Zeit erübrigte, um mit uns zu sprechen.
Kernberg, der mit zweiundsiebzig Jahren noch immer ein Arbeitspensum von mehr als siebzig Wochenstunden bewältigt, ist ein berühmter Psychoanalytiker, klinischer Forscher, Entwicklungstheoretiker und Erneuerer auf dem Gebiet der psychiatrischen Behandlung und eine Legende in den Annalen der Psychologie. Er wurde in Wien geboren und emigrierte im Zweiten Weltkrieg mit seinen Eltern nach Chile. Er studierte Medizin und Psychoanalyse in Santiago und begann dort nach seiner Promotion in den 50er Jahren seine berufliche und akademische Laufbahn. Dr. Kernberg ist nicht nur einer der Schöpfer der Objektbeziehungstheorie, er wird auch weltweit als der führende Experte für Borderline-Persönlichkeitsstörungen und pathologischen Narzissmus betrachtet. Zur Zeit ist er Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft, die 1908 von Sigmund Freud gegründet wurde, gleichzeitig ist er Direktor des Personality Disorders Institute (Institut für Persönlichkeitsstörungen) der Cornell-Universität sowie Direktor des Psychotherapieprogramms am New York Hospital des Cornell Medical Center und Professor für Psychiatrie am Medical College der Cornell-Universität. Er ist Autor und Co-Autor von dreizehn Büchern sowie Dutzenden von Forschungsberichten.
In den mehr als vierzig Jahren seiner Forschungstätigkeit einschließlich klinischer Arbeit mit schwer gestörten Patienten untersuchte Dr. Kernberg mit laserartiger Präzision die subatomaren Komponenten der Psyche, die er als die fundamentalsten Bausteine der Konstruktion der Selbstidentität bezeichnet. In unserem Gespräch, in dem er mir die Grundlagen der Objektbeziehungstheorie auseinander setzte, lenkte er durch die messerscharfe Klarheit des Mikroskops der Objektbeziehungen meinen Blick auf die menschlichen Erfahrungen. Ich begann intellektuell, intuitiv und sogar erfahrungsmäßig seine komplizierte Vision zu begreifen, wie das Gefühl eines getrennten Selbst von Geburt an allmählich Gestalt annimmt wie undifferenzierte Fragmente nackter Erfahrung sich schließlich in emotional aufgeladene Bilder vom eigenen Selbst und anderen verbinden und zunehmend in ein integriertes, verinnerlichtes Selbstgefühl und eine integrierte innere „repräsentative Welt” der anderen verschmelzen. Und in der Tat, nach einem Lehrgang über Objektbeziehungen von Kernberg persönlich oder nach dem Lesen der Bücher, in welchen er seine Theorie darlegt, kann man sich der Einsicht nicht verschließen, dass Individualität nicht etwa von Geburt an der menschlichen Erfahrung innewohnt, sondern ein durchaus mechanisch konstruiertes Phänomen ist.
Für mich war das Nachdenken über die Natur des Selbst, wie sie von der Objektbeziehungstheorie beschrieben wird, eine atemberaubende Erfahrung. Zugleich aber hatte ich das unbehagliche Gefühl, dass, wenn das Gefühl eines getrennten Selbst etwas Konstruiertes ist, das Gleiche auch für die geheimnisvolle Quelle unseres Menschseins gelten müsse so wie ein gestrickter Pullover, aus dem man einen Faden zieht, sich langsam in einen Haufen Wollfäden auflöst. Als materialistischer Wissenschaftler glaubt Dr. Kernberg, dass die Entdeckung einer integrierten Theorie des Bewusstseins der Heilige Gral der modernen Psychologie die Aufgabe der Neurobiologie in Zusammenarbeit mit der modernen Forschung in der Psychoanalyse sei.
Mit Dr. Kernberg über das Wesen des Ego zu sprechen, war die Begegnung mit einem Visionär, einem Geist mit der seltenen Gabe der Aufmerksamkeit, des Weitblicks und eines feinen Unterscheidungsvermögens. Er verfügt über eine ungewöhnliche Flexibilität und Originalität des Denkens, das mit einer Leichtigkeit Themen behandelt, die meist über den Bereich des traditionellen psychoanalytischen Denkens hinausgehen. Das macht ihn zu einem Verteidiger von Freuds Genius, zugleich aber zu einem revisionistischen Freudianer mit einer Mission für die Psychoanalyse in der Gesellschaft und Kultur des 21. Jahrhunderts. Ich fühlte mich geehrt, dass ich die Gelegenheit hatte, das Geheimnis des Ursprungs des Selbst mit einem der bedeutendsten Pioniere der modernen Psychologie zu untersuchen.



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