Erleuchtung ist gleich Tod des Ego. Diese Gleichung
galt jahrtausendelang als wahr. Während der lateinische Begriff „Ego” in der
Bedeutung von „Ich” offensichtlich ein relativ junger Eintrag im englischen
oder deutschen Wörterbuch ist, behauptet praktisch jede wichtige Erleuchtungstradition
der Welt seit langem, dass das höchste Ziel des spirituellen und in der Tat des
menschlichen Lebens in der Entsagung, der Zurückweisung und schließlich im Tod
des Bedürfnisses liegt, an einer getrennten, auf sich selbst zentrierten Existenz
festzuhalten. Von Shankaras Wettern gegen das Ego als „starke und tödliche Schlange”
über Mohammeds Erklärung vom „heiligen Krieg gegen die Nafs (Ego)” bis
zu der wilden Entschlossenheit der Zen-Meister, jedes notwendige Mittel einzusetzen,
um ihre Schüler aus dem Griff des Ego zu befreien, war diese Negativ-Interpretation
von Ego, wenn es um den spirituellen Weg ging, über Menschenalter hinweg fest
in den Erleuchtungslehren verankert, und zwar größtenteils unangefochten und nicht
in Frage gestellt.
Im Laufe unserer Recherchen für diese Ausgabe wurde es jedoch immer deutlicher, dass Sinn und Bedeutung des Ego-Todes in unserer westlichen spirituellen Kultur einer radikalen Wandlung unterliegen, in einer Kultur, die mit Werten wie Autonomie und Selbstbewusstsein durchdrungen und von einem psychologischen Verständnis der menschlichen Natur geprägt ist. In einigen zeitgenössischen spirituellen Schulen kommt diese Neuorientierung einer Verlagerung der Gewichtung gleich, manche würden auch von einer Übersetzung früherer Werte in einen modernen Kontext sprechen. In anderen Schulen aber ist die Ablehnung rigoroser: eine radikale Neuformulierung sowohl des Weges als auch des Ziels des spirituellen Lebens. In der Tat wird dem Ideal des Ego-Todes immer häufiger eher mit Misstrauen als mit Respekt begegnet, eher mit Skepsis als mit Ehrfurcht als einer Chimäre, einer Illusion, als einem Topf voll Katzengold am Ende eines fiktiven spirituellen Regenbogens.
Dass
in der spirituellen Welt eine grundlegende Verlagerung der Strukturen stattgefunden
hat, war wohl niemals zuvor für uns so offensichtlich gewesen wie im letzten September,
als einige Bücher auf unserem Schreibtisch lagen, die diese veränderte Landschaft
in einem scharf umrissenen Relief einzufangen schienen. Titel wie „Entspanne
dich, du bist schon vollkommen” oder „Du bist absolut ok: Die Überwindung
des Hasses auf sich selbst Eine liebevolle Anleitung, um sich selbst so annehmen
zu können, wie man ist” machten eine Schlussfolgerung, die schon seit langem
in der Luft lag, kristallklar: Lehren, die sagen, man müsse sich selbst akzeptieren
, haben als Methode, alternativ zum Pfad der Befreiung, weitgehende Anerkennung
erlangt. „Im spirituellen Leben dreht sich vieles darum, sich selbst zu akzeptieren,”
schreibt Jack Kornfield, der populäre Lehrer für buddhistische Meditation, in
seinem Bestseller Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens - „vielleicht
sogar alles.” Für Kornfield und viele andere Verkünder dieser freundlicheren,
sanfteren Spiritualität findet sich an der Wurzel unseres spirituellen Dilemmas
eine uns zu Krüppeln machende Selbstverurteilung oder Selbsthass (und nicht so
sehr ein narzisstisches Ego) eine bis ins Innerste reichende psychologische
Wunde, die wir mit Hilfe wahrer spiritueller Arbeit zu erkennen, zu enthüllen
und letztlich zu heilen fähig sind. „Wir müssen uns so akzeptieren, wie wir
sind” ist ein wohlbekannter Refrain dieser Lehren damit alle Teile von uns,
einschließlich des Ego, die in den dunklen Ecken der Psyche versteckt gewesen
sind, im Rahmen einer vereinheitlichenden Vision von uns selbst wieder ausgesöhnt
und integriert werden können. Für die Verfechter dieser Methode ist das traditionelle
Ideal des Ego-Todes schlicht ein Anachronismus in der eklektischen und demokratischen
spirituellen Kultur unserer Zeit, ein Relikt aus einem anderen Zeitalter, das
eine patriarchalische, hierarchische und dualistische Sichtweise des spirituellen
Lebens heraufbeschwört, wo der Mensch von Gott getrennt und zu einem Kampf gegen
sich selbst aufgerufen ist, um den „schlechten” Teil seiner Persönlichkeit zu
töten.
Das, was uns an diesem neuen Paradigma am meisten erstaunte, war nicht so sehr der Umstand, dass die Botschaft der Selbstakzeptanz eine wichtige Rolle in der neu entstehenden „Human Potentials‘-Bewegung spielt (letzten Endes ist das Buch Ich bin ok, du bist ok - damals bahnbrechend bereits in den 70er Jahren erschienen), sondern vielmehr die Tatsache, dass die Philosophie der Selbstakzeptanz jetzt ihren Weg in Schulen gefunden hat, deren Ziel Erleuchtung ist. Gehört sie denn dorthin? Welche Rolle sollte die Selbstakzeptanz im Leben von Menschen spielen, die nach tief gehender spiritueller Befreiung streben?
Wir sind von unserem üblichen Interview-Format abgewichen und sprachen vier spirituelle Lehrer an, die Selbstakzeptanz in ihrer Arbeit betonen, und baten sie um eine schriftliche Antwort auf eine einzige Frage zu diesem wichtigen Thema. Wir kontaktierten den allgegenwärtigen Pionier der New-Age-Philosophie Deepak Chopra; den einstmals als gesetzlichen Thronerben von Osho Rajneesh eingesetzten Einzelgänger in Sachen Therapie und jetzt unabhängigen Lehrer Paul Lowe; die Lehrerin für Zen-Meditation und Autorin einer Reihe viel gelesener Bücher über Zen und Psychologie Cheri Huber; und den langjährigen Schüler und früheren Sprecher von Da Free John, jetzt unabhängiger Lehrer der Methode „white-hot mutuality” (Gemeinsamkeit bis zur Weißglut), Saniel Bonder und sie alle waren liebenswürdigerweise bereit mitzumachen. Und obwohl diese vier unterschiedlichen Lehrer nicht immer unsere Bedenken hinsichtlich dieser neuen Seite der Ost-trifft-West-Spiritualität bestätigten, zwingen uns ihre beredten und erhellenden Antworten auf die Frage, was auf dem Weg der Befreiung wirklich wichtig ist, zu einer Auseinandersetzung mit vielen traditionellen Glaubenssätzen.
Carter Phipps



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