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Die Zeit ist der Feind


Eine Rezension von Eckhart Tolles "Jetzt! Die Kraft der Gegenwart"
von Carter Phipps
 


Buchbesprechung

Im vergangenen März reiste ich mit einem Redaktionskollegen nach La Jolla in Kalifornien, bekannt für seine sonnigen Strände, um an der jährlichen spirituellen Konferenz des Verlages Inner Directions teilzunehmen. La Jolla, spanisch für „das Juwel”, wird seinem Namen voll und ganz gerecht. Es ist ein überwältigend schöner Erholungsort, wo die kalifornische Hochzeit des Spirituellen mit dem Materiellen ihr vielleicht glücklichstes Zuhause gefunden hat - davon zeugen die BMWs, die nur wenige Straßen oberhalb des von Palmen gesäumten Strandes vor Deepak Chopras weltbekanntem Gesundheitszentrum parken. An diesem dreitägigen Wochenende, an dem Nebelschwaden wie die Wellen am südkalifornischen Strand kamen und gingen, hörten wir gemeinsam mit 500 anderen einer Reihe von spirituellen Lehrern zu, die nacheinander ihr Verständnis der Nondualität darstellten - das, was viele für die essenzielle Wahrheit halten, die nicht nur allen religiösen Traditionen zugrunde liegt, sondern das Herz jedes authentischen spirituellen Weges ist. Doch die Ereignisse an diesem Wochenende zeigten immer deutlicher, dass es zwei völlig verschiedene Dinge sind, über Nondualität zu sprechen bzw. wirklich auch die Kraft, die Tiefe und die Bedeutung dieses Mysteriums, das jenseits aller Gegensätze liegt, zu vermitteln. Als am letzten Morgen der Konferenz Eckhart Tolle die Bühne betrat, wirkten seine Worte wie die zeitlose Berichterstattung von jemandem, der sehr tief in die spirituelle Dimension des Lebens hineingefallen ist. In seinem anderthalbstündigen Vortrag ließ er die subtile und tiefgründige Natur der Erleuchtung lebendig werden, was ihm den Respekt, die Sympathie und die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums sowie die ersten und einzigen stehenden Ovationen an diesem Wochenende einbrachte.

Gleich nach diesem Vortrag kaufte ich mir Tolles neues Buch Jetzt! Die Kraft der Gegenwart: Ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen, einstmals ein Geheimtipp, dessen Erfolg in letzter Zeit seinem Autor in den USA mit über 100 000 verkauften Exemplaren und einem Platz auf Oprah Winfreys Favoritenliste eine schnell anwachsende Präsenz in den zeitgenössischen spirituellen Kreisen bescherte. Mit seinem treffenden Titel ist das Buch eine akribische und detaillierte Demontage von allem, was unsere Fähigkeit hemmt, über die Grenzen unseres eigenen Geistes hinauszublicken in die Kraft und Schönheit eines Lebens, wie Tolle sagt, „im Jetzt”, „im Sein” oder in der „Gegenwart”.



Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Buch sei einfach ein weiteres der Sparte von Büchern, die angefüllt sind mit Ratschlägen, wie man im täglichen Leben achtsamer und wacher wird, doch Tolles klare Sprache und die offensichtliche Tiefe seiner Erfahrung und seines Verständnisses lassen es aus dem Rahmen fallen. Erleuchtung ist laut Tolle ganz einfach ein „natürlicher Zustand der empfundenen Einheit mit dem Sein”. Und Sein wird in Tolles Lehren definiert als „das ewige, allgegenwärtige EINE LEBEN jenseits der Myriaden von Lebensformen, die Geburt und Tod unterworfen sind”. Und wie er weiter erklärt, ist es auch „tief drinnen in jeder Form als ihre innerste unsichtbare und unzerstörbare Essenz. ... Wenn man in der Gegenwart ist, wenn die Aufmerksamkeit voll und ganz und intensiv im Jetzt verweilt, kann man das Sein fühlen, doch niemals kann es vom Verstand erfasst werden. Erleuchtung heißt, das Bewusstsein vom Sein wieder zu erlangen und in diesem Zustand der ‚fühlenden Verwirklichung’ zu verbleiben.”

In seinem Buch, das durchgängig im Frage-und-Antwort-Stil aufgebaut ist, webt Tolle seine Worte zusammen wie ein sorgfältig geknüpftes Netz, das alle Einwände des Geistes und des Egos gegen die Freiheit, auf die er hinweist, abfangen und wegsperren soll. Seine Grundaussage ist simpel: Löse dich vom denkenden Geist und verlagere deine Aufmerksamkeit vom „Verstand zum Sein, von der Zeit in die Gegenwart”. In der Tat ist die Zeit der Feind in Tolles Lehren, und der Geist ist das Werkzeug des Feindes. Wir müssen beide in die Schranken weisen, müssen unsere psychisch bedingte Anhaftung an Vergangenheit und Zukunft aufgeben und einsehen, dass der Zustand, in dem wir uns mit dem Verstand identifizieren „eine Form der Geisteskrankheit” darstellt. „Sei so absolut, so vollkommen gegenwärtig”, sagt Tolle, „dass kein Problem, kein Leid, nichts, was du nicht vom Wesen her wirklich bist, in dir überleben kann. Im Jetzt, in der Abwesenheit von Zeit, lösen sich all deine Probleme auf. Das Leiden benötigt Zeit; im Jetzt kann es nicht überleben.” Ohne jemals von seiner Grundaussage abzuschweifen integriert er seine Botschaft in eine weitläufige Diskussion so verschiedener spiritueller Themen wie Freiheit von Gedanken und Gefühlen, die Schüler-Lehrer-Beziehung, Tod und Sterben, das menschliche Ego, unser physischer Körper, sexuelle Beziehungen und geschlechtsbezogene Themen, und sogar das Konzept der menschlichen Evolution. Und während all dessen dient die „Kraft der Gegenwart” als eine Art universales „Tor”, das uns jederzeit zum Zustand der Gegenwart hin- (bzw. zurück-) geleiten kann, indem es uns Zugang zu den „nicht manifestierten Dimensionen des Lebens” gibt und uns von allem und jedem Störenden befreit.

Je mehr ich Jetzt! Die Kraft der Gegenwart las, desto überzeugter war ich, bei Eckhart Tolles Lehren auf einen echten und tiefen Ausdruck der nondualen Verwirklichung gestoßen zu sein, auf eine seltene Perle in den seichten Wassern der Spiritualität des neuen Jahrtausends. Und wirklich, in einer Zeit, in der die Advaita-Vedanta-Lehre - die uralte Hindu-Lehre der Nondualität, die im vergangenen Jahrhundert von Ramana Maharshi und anderen auf wundervolle Art ausgedrückt wurde - von westlichen Suchenden als eine einfache und billige Eintrittskarte zu einem zweifelhaften, wenn nicht gar durch und durch nihilistischen Erwachen missbraucht wird, strahlt Tolles Buch vor Authentizität ( eine willkommene Bereicherung in einer spirituellen Atmosphäre, in der Reduktionismus überhand nimmt. Dankenswerterweise denkt er nicht daran, mittels der subtilen und tiefen Lehren der Nondualität die dunkleren Seiten der menschlichen Natur reinzuwaschen oder zu behaupten, das menschliche Ego sei lediglich eine Illusion, um die wir uns nicht weiter zu kümmern bräuchten. Sein Weckruf des Erwachens enthält vielmehr die aufrichtige Würdigung der Realität der menschlichen Umstände. Indem er sich auf den „kollektiven Ego-Geist” als das „gefährlichste, wahnsinnigste und zerstörerischste Ding, das je diesen Planeten bewohnt hat” bezieht, spricht er sehr ausführlich über die negativen und unver-meidlichen Konsequenzen, die sowohl wir selbst als auch die anderen zutragen hätten, „sofern wir nicht bereit oder willens sind, uns der befreienden Kraft des ‚Jetzt’ zu unterwerfen.”

Doch so beeindruckend und erfrischend das Buch auch ist, so gibt es in Tolles Präsentation des spirituellen Lebens doch auch einige verwirrende Momente, und einige seiner Schlussfolgerungen sind einen zweiten Blick wert. Befinden wir uns tatsächlich inmitten einer „tiefen Transformation des kollektiven Bewusstseins auf diesem Planeten und jenseits davon”, gerade während unsere „sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen ... kurz vor dem Zusammenbruch stehen”? Sind Frauen wirklich „dem Erwachen näher” als Männer, und soll ihr monatlicher Menstruationszyklus als ein kraftvoller Katalysator für ihr weitreichendes Erwachen dienen? Führt größere Bewusstheit tatsächlich zu einer „deutlichen Verlangsamung des Alterungsprozesses des physischen Körpers”? Was auch immer die letztendliche Wahrheit hinter diesen und anderen ungewöhnlichen Behauptungen sein mag, ihre Aufnahme in das Buch dient jedenfalls eher dazu, weitere Fragen aufkommen zu lassen, anstatt das Territorium der Erleuchtung zu erhellen und zu klären.

Doch der vielleicht wichtigste Punkt, den man genauer unter die Lupe nehmen sollte, ist die eigentliche Natur der nichtdualen Lehre selbst, denn in letzter Analyse ist Tolle durch und durch Nondualist. Der essenzielle Punkt, den er in seinem Buch sehr schön immer wieder aufs Neue betont, besteht darin, unter allen Umständen immer wieder zum Jetzt zurückzukehren, zum Sein zurückzukehren, zurückzukehren zu jenem Mysterium, wo es nie irgendein Problem gegeben hat noch jemals eines geben wird. Und obwohl Tolle in aller Ausführlichkeit bestätigend auf die mentalen, emotionalen und psychologischen Dinge eingeht, mit denen wir uns dabei auseinandersetzen müssen, sind alle Methoden und Praktiken, die er vorschlägt, im Grunde Abwandlungen dieser einen fundamentalen Bewegung, dieser einen absoluten inneren Verlagerung vom Tun zum Sein, von der Zeit zum Jetzt, von der Dualität zur Nichtdualität. „Richte deine Aufmerksamkeit nach innen”, sagt er, „wenn du im Inneren alles in Ordnung bringst, dann findet sich alles Äußere von selbst. Die erste Realität ist die innere, die zweite die äußere.” Ob nun in der nichtdualen Tradition des Advaita, den Dzog-chen-Lehren des tibetischen Buddhismus, verschiedenen Schulen des Zen oder sogar in einigen der Lehren Jesu (welche Tolle in seinem Buch häufig zitiert) - diese nichtduale Annäherung macht seit Jahrtausenden einen wesentlichen Teil der spirituellen Landkarte aus. Es ist jedoch auch eine Herangehensweise, die über die Jahre hinweg wegen ihres spürbaren Unver-mögens, einen wirklich kompletten und vollkommenen Weg zum Erwachen aufzuzeigen, einer Menge Kritik ausgesetzt war. Einer der schärfsten und klarsten Kritiker dieser Sichtweise in der Geschichte war der chinesische Meister des Ch’an-Buddhismus, Tsung-mi (780-841), der sich zu seiner Zeit gegen das aussprach, was er als Gefahr in jeder Lehre betrachtete, die der Notwendigkeit der „allmählichen Kultivierung” keine Bedeutung beimaß. Er glaubte fest, dass spirituelle Lehren wie „Die Kraft der Gegenwart”, die eine grundlegende innere Bewusstseinsverlagerung betonen mit einer Kultivierung der Dynamik und der aktiven Aspekte unserer Natur ins Gleichgewicht kommen müssten - mit anderen Worten: durch die positive Transformation unserer Motive, unserer Handlungen sowie unserer Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem, was in Raum und Zeit förderlich und dem, was nicht förderlich ist. Tsung-mi wäre zweifellos mit Tolle einer Meinung darüber gewesen, dass die nichtduale Sichtweise, das, was er „plötzliches Erwachen” nannte, die Grundlage eines jeden reinen Weges sein muss. Doch man erinnert sich an zeitgenössische Kritiker der nichtdualen Sichtweise, wenn er fordert (wie hier von dem buddhistischen Gelehrten Robert Buswell zusammengefasst), dass „die symbiotische Beziehung zwischen plötzlichem Erwachen und allmählicher Kultivierung erkannt werden muss, damit die vollständige Verwirklichung geschehen kann” und dass „diese Aspekte einander in ihrer gegenseitigen Entwicklung unterstützen. Das plötzliche Erwachen zu Beginn der Übungspraxis des Schülers bürgt für die angemessene Einstellung zur Kultivierung”, während „die allmähliche Kultivierung sicherstellt, dass das Erwachen seine Dynamik behält. Durch die Kultivierung wird das Erwachen im täglichen Leben angewandt, und dies schützt den Schüler davor, dem Leiden anderer gegenüber gleichgültig zu werden und vor der zwanghaften Suche nach einen Ort der Stille und Abgeschiedenheit, was ein häufiges Charakteristikum für asketische Einsiedler ist.”

Interessanterweise war die Anwendung des Erwachens im „täglichen Leben” eines der am häufigsten wiederholten Themen auf der Konferenz von Inner Directions im vergangenen Frühjahr. Sowohl die Vortragenden als auch die Teilnehmer schienen gleichermaßen mit der Frage zu kämpfen, wie wir unsere tiefsten Verwirklichungen der Erleuchtung im Leben umsetzen können. Das ist genau der Punkt, der Tsung-mi bewog, vor 1200 Jahren die Schulen des chinesischen Buddhismus, deren Lehre das „plötzlichen Erwachen” war, so unerschrocken zu kritisieren. Jetzt! Die Kraft der Gegenwart bereichert diese immerwährende Diskussion mit einer praktischen und zugänglichen nichtdualen Lehre der Erleuchtung, deren sich überall verbreitende Popularität hoffentlich nicht nur Wertschätzung für die seltene Weisheit darin erweckt, sondern auch zu einem tieferen Nachdenken über diese so wichtigen Dinge führt. In jedem Fall wird es, durch Eckhart Tolles wachsende Präsenz auf den Bestseller-Regalen, die gewöhnlich für wesentlich leichtere Kost reserviert sind, interessant sein zu verfolgen, was die Zukunft für diesen ungewöhnlichen modernen Mystiker bereithält.

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