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Wenige Fragen haben die kollektiven religiösen Vorstellungen der Menschheit so beschäftigt wie diese: Wie kann man in einer Welt, in der die meiste Zeit die Suche nach Vergnügen und nach materiellem Vorteil im Vordergrund steht, ein wirklich spirituelles führen? Wahrscheinlich war dies seit dem ersten religiösen Impuls, der sich in den Herzen der Menschen regte, ein wichtiges spirituelles Thema. Viele große Heilige der Geschichte betonten ihren Respekt gegenüber dem scheinbar endlosen Sperrfeuer der Versuchungen, das mit dem Streben nach Ruhm, Wohlstand, romantischer Liebe und Macht unvermeidlich einhergeht. Nach ihrer Ueberzeugung konnte man nur dann einen sicheren Weg durch dieses Leben finden, wenn man allen Besitz aufgab, alle Bindungen zu Familie und Karriere löste, und das Leben eines Asketen oder Mönchs annahm, mittellos und ohne feste Bleibe. Andere wiederum begegneten den Versuchungen der Welt zwar auch mit Vorsicht, ermutigten aber trotzdem dazu, sich in maßvoller Weise am weltlichen Leben zu beteiligen, sei es aus einem Pflichtgefühl gegenüber Gesellschaft und Familie oder um die eigene Fähigkeit zu prüfen, sich nicht in weltlichen Verhaftungen zu verstricken. Andere wiederum entwickelten ausgefeilte Verhaltensvorschriften und Rituale, um das Leben in der Welt zu heiligen, und selbst den scheinbar weltlichsten Handlungen den Charakter des Geheiligten zu verleihen. Trotz dieser oft radikal widersprüchlichen Methoden hatten alle diese großen Lehrer eines gemeinsam: Sie hatten einen gesunden Respekt vor der Kraft der weltlichen Dinge, den ernsthaft Suchenden vom spirituellen Leben abzulenken. Doch die Zeiten haben sich geändert. Und die Diskussion über die Herausforderungen des weltlichen Lebens an jene, die Erleuchtung suchen, scheint aus dem gegenwärtigen spirituellen Dialog, innerhalb wie auch außerhalb der religiösen Traditionen, schlicht verschwunden zu sein. Immer mehr Menschen sprechen und schreiben über das spirituelle Leben. Und so wie sie es beschreiben, beinhaltet es praktisch immer ein vollständiges Aufgehen in den Aktivitäten und Pflichten der Welt. Man könnte vielleicht argumentieren, dass wir uns heutzutage, durch das Aufkommen unseres modernen psychologischen Verständnisses des Menschen, in aufgeklärteren Zeiten befinden, die eine humanistischere Methode erfordern. Aber im Bemühen des Schmelztiegels der East-meets-West-Spiritualität, die Welttraditionen im Licht heutiger, weltlicher Werte auf den letzten Stand zu bringen, scheint eine überaus wichtige Frage auf der Strecke zu bleiben: Die wohl materialistischste Kultur der Weltgeschichte schickt sich gerade an die Spiritualität zu entdecken. Wie wird sie den Herausforderungen Rechnung tragen, die ein Engagement in der Welt für ernsthafte Suchende immer dargestellt haben? Wenn die schwindenden Zahlen an Mönchen und Nonnen in den meisten klösterlichen Institutionen (und der unbestreitbare Mangel an einsamen Höhlen und Berggipfeln) ein Fingerzeig sind, dann stehen die Chancen, dass jemand von uns in absehbarer Zeit der Welt entsagen wird, nicht besonders gut. Könnte man aber trotzdem etwas von den erprobten Traditionen früherer Zeiten lernen, das auch weiterhin in unseren modernen „aufgeklärten” westlichen Kontext passt? Diese Frage und die zahllosen Fragen, die sich daraus ergeben, inspirierten uns zu der Untersuchung für diese Ausgabe. Es gibt wohl keinen besseren Ausgangspunkt für die Erforschung von Spiritualität und „Welt” als die Geschichte des berühmtesten Entsagenden der Welt, des Buddha. Die Legende sagt, dass der ehemalige Prinz Frau und Königreich verließ, um nach Erleuchtung zu suchen, um schließlich mehr als 10.000 Männer und Frauen dazu zu inspirieren, so wie er, heimatlos im Wald zu leben. Mehrere Hundert von ihnen sollen Erleuchtung erlangt haben. Buddhas Lehre war uns seit langem bekannt und ebenso, wenigstens rudimentär, seine Lebensgeschichte. Aber erst als wir zu untersuchen begannen, was er über die Bedeutung von Entsagung gesagt hat, begannen wir die Kraft und die wertvolle Schlichtheit des einfachen Lebens zu erkennen, zu dem er seine Schüler aufrief. An einem Nachmittag, wir hatten gerade eine Beschreibung nach der anderen vom unvergleichlichen geistigen Frieden und von der Reinheit des Herzens gelesen, die man in einem Leben findet, das nicht durch Besitz und weltliche Verpflichtungen belastet ist, fanden sich einer meiner Mitredakteure und ich plötzlich in einem gemeinsamen Tagtraum der Entsagung. Mein Freund schaute vom Fenster unseres, auf einem Hügel gelegenen, Wintergartens auf den See und die umgebenden Hügel auf der anderen Seite des Tales und fragte: „Bruder, wo sollen wir uns heute abend zur Ruhe betten? An den Ufern des Sees dort drüben oder in den Hügeln, die wir dort sehen?” „Vielleicht wäre der See am besten” antwortete ich, hypnotisiert von dem Gedanken, dass ich keine dringlicheren Entscheidungen mehr treffen müsste als die, wohin ich mein Haupt bette. „Die Häuser am jenseitigen Ufer werden uns wahrscheinlich auch für unseren morgendlichen Bittgang um Almosen dienlich sein.” „So sei es der See”, pflichtete mein Freund bei, und seine hellen senffarbenen Kakhi Hosen sahen einen Augenblick lang aus wie die Falten einer safrangelben Robe. „Aber lass uns zuerst einige Stunden lang vor Sonnenuntergang auf diesem offenen Feld zur Meditation Halt machen. Selten nur bietet sich eine solch un behinderte Sicht.” Ich weiß nicht, wer zuerst grinste, aber als wir begannen, herzlich über unser theatralisches Zwischenspiel zu lachen, war klar, dass für uns beide, abgesehen davon, dass der Ausflug uns ein wenig humoristische Entspannung gebracht hatte, auch eine echte Sehnsucht aufgewühlt worden war. In diesem Moment war es angesichts der radikalen Schlichtheit und Einzigartigkeit eines Lebens, das nicht durch weltliche Sorgen behindert ist, schwer, sich vorzustellen, wie das spirituelle Leben überhaupt anders funktionieren könnte. Alles schien plötzlich so einfach zu sein. Einige Tage später jedoch saßen wir im selben Wintergarten um einen Tisch und begannen, die Lehren des orthodoxen Judentums zu studieren. Durch die Worte von so hervorragenden jüdischen Theologen wie Abraham Heschel und Leo Baeck erfuhren wir von einer Beziehung zur Welt, in der jeder Aspekt des weltlichen Lebens Im Laufe der gesamten Recherche zu dieser Ausgabe stellten wir immer wieder fest, dass unsere Begeisterung zwischen den Standpunkten, die von uns verlangen, die Welt zu verlassen, denen, die uns auffordern, die Welt anzunehmen, und denen, die versuchen, einen Mittelweg zwischen den beiden einzuschlagen, hin und her sprang. Inmitten dieses Karussells von Perspektiven stellte sich für uns sehr bald die offensichtliche Frage: Und was ist mit uns? Wie sieht unsere Beziehung zur Welt aus? Wir sind spirituell Praktizierende, haben unser früheres Leben aufgegeben, um in einer Gemeinschaft zusammenzuleben, die sich ausschließlich dem Streben nach Befreiung und ihrem gelebten Ausdruck widmet, und neigen im Allgemeinen zu der Ansicht, dass wir Gemeinschaften von Entsagenden, wie denen des Buddha, am nächsten sind. Wir stehen frühmorgens auf, um einige Stunden spirituelle Praxis zu machen. Häufig nehmen wir an längeren Meditations-Retreats teil. Einige von uns haben für einige Zeit ein Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt, um unser Verhältnis zu der enorm starken Kraft des sexuellen Begehrens tiefer zu erforschen. Wir haben ganz sicher einen gesunden Respekt vor der täuschenden Kraft der Welt. Und die eigentliche Grundlage unseres Zusammenlebens ist eine spirituelle Lehre, die uns dazu auffordert, alles aufzugeben, was unserer Befreiung im Wege steht. Andererseits setzen wir uns so wie die orthodoxen Juden leidenschaftlich dafür ein, dass die spirituelle Vision in jedem Aspekt des menschlichen Lebens zum Tragen kommt. Viele von uns haben feste sexuelle Beziehungen. Wir haben fast alle eine Karriere in der Welt. Wir essen gut und betreiben Sport. Manchmal gehen wir ins Kino oder ins Konzert. Und all das ist Teil einer dynamischen und fortgesetzten Erforschung dessen, was es bedeutet, ein spirituelles Leben zu führen, in dem kein Aspekt unseres Menschseins vermieden oder ausgelassen wird. Haben wir der Welt entsagt? Nehmen wir die Welt an? Oder tun wir beides? Während sich der Versuch, uns in eine der traditionellen spirituellen Kategorien einzuordnen, letztlich als unmöglich herausstellte, half er uns doch dabei, einfach festzustellen, wie komplex dieses Thema sein kann Die Untersuchung, die diese Ausgabe beinhaltet, ist vielleicht einzigartig in unserer Zeit. Denn während sie einerseits tief in die Quelle traditionellen Wissens zu einem Thema eintaucht, das für moderne Ohren häufig verloren gegangen ist, versucht sie gleichzeitig immer und immer wieder, dieses Wissen auf die in der neuen spirituellen Ära entstehenden Fragen und Paradigmen anzuwenden. Durch den Dialog mit spirituellen Lehrern quer durch das ideologische Spektrum versuchten wir die volle Spannweite der Komplexität und Subtilität zu enthüllen, die im Versuch des Menschen beinhaltet ist, auf dem spirituellen Weg mit der Welt zurechtzukommen. Wie die außergewöhnliche Spannbreite von Standpunkten in den Interviews auf den folgenden Seiten zeigen wird, war die Arbeit an dieser Ausgabe ein wirklich bemerkenswertes Abenteuer, eines von dem wir hoffen, das es Klarheit darüber bringen wird, wie wir alle unseren Platz in der Welt sehen
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